© Werner Rolli

Suchtprävention

Nikotinprävention und Nichtraucherschutz zwischen klinischer Realität und WHO-Auszeichnung

Das Schweizer Engagement der institutionellen Nikotinprävention im Gesundheitswesen wurde kürzlich mit einer «WHO World No Tobacco Day Award» gewürdigt. Dabei ist die Schweiz ausserhalb der Spitäler noch immer internationales Schlusslicht. Hierbei geht es nicht mehr nur um die Zigarette, mit der sich internationale Stars wieder schmücken.

Die Schweiz gehört bei den gesetzlichen Massnahmen zur Tabakprävention nach wie vor zu den Schlusslichtern Europas. Gleichzeitig zählt sie im Gesundheitswesen zu den Ländern, die international als Vorbilder für die Umsetzung strukturierter Präventions- und Entwöhnungsangebote gelten. Zahlreiche Schweizer Spitäler und Gesundheitseinrichtungen arbeiten seit Jahren nach internationalen Qualitätsstandards und wurden für ihr Engagement als tabak- beziehungsweise nikotinfreie Gesundheitseinrichtungen ausgezeichnet.

Diese Entwicklung zeigt, dass Gesundheitsinstitutionen auch dann Verantwortung übernehmen können, wenn politische Rahmenbedingungen hinter den wissenschaftlichen Erkenntnissen zurückbleiben. Die Herausforderung heisst heute Nikotin in diversen Produkten und Technologien – nicht nur Tabak. Gemäss der HBSC-Studie 2022 gaben rund 15–20% der 15-jährigen Jugendlichen an, in den letzten 30 Tagen eine E-Zigarette konsumiert zu haben, während der regelmässige Zigarettenkonsum weiter rückläufig ist. Während früher vor allem die Zigarette im Mittelpunkt der Prävention stand, verändert sich die Situation heute grundlegend. E-Zigaretten, Snus, Nikotinbeutel und weitere neue Nikotinprodukte sprechen insbesondere Kinder und Jugendliche an. Attraktive Aromen, modernes Design und die gezielte Vermarktung über soziale Medien führen dazu, dass viele junge Menschen erstmals über diese Produkte mit Nikotin in Kontakt kommen.

Immer häufiger begegnen Fachpersonen Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit einer ausgeprägten Nikotinabhängigkeit, obwohl diese nie regelmässig Zigaretten geraucht haben.

Diese Entwicklung stellt Prävention und Behandlung vor neue Herausforderungen.

Psychiatrie nimmt eine Schlüsselrolle ein

Menschen mit psychischen Erkrankungen konsumieren Nikotin deutlich häufiger als die Allgemeinbevölkerung. Gleichzeitig gehört die Behandlung der Nikotinabhängigkeit noch immer nicht selbstverständlich zur psychiatrischen Versorgung.

Dabei wissen wir heute, dass ein Rauchstopp beziehungsweise eine erfolgreiche Behandlung der Nikotinabhängigkeit keineswegs zu einer Verschlechterung psychischer Erkrankungen führt. Im Gegenteil: Zahlreiche Studien zeigen Verbesserungen der psychischen Gesundheit, der Lebensqualität und des allgemeinen Gesundheitszustandes. Gerade psychiatrische Kliniken verfügen über die Kompetenz und die Möglichkeiten, Patientinnen und Patienten während einer Behandlung nachhaltig bei der Nikotinentwöhnung zu begleiten.

Strategien von Gesundheitsinstitutionen können mehr bewirken als Verbote

Erfolgreiche Nikotinprävention bedeutet heute weit mehr als Rauchverbote. Sie umfasst systematische Früherkennung, professionelle Beratung, evidenzbasierte Entwöhnungsangebote, die Schulung von Mitarbeitenden, klare institutionelle Strategien und eine Umgebung, die gesundheitsförderndes Verhalten unterstützt.

Internationale Netzwerke wie das Global Network for Tobacco Free Healthcare Services (GNTH) unterstützen Gesundheitseinrichtungen dabei, diese Qualitätsstandards umzusetzen und kontinuierlich weiterzuentwickeln. In der Schweiz begleitet das Forum für Nikotinprävention und Beratung Schweiz (FNBS) Spitäler, psychiatrische Einrichtungen sowie weitere Organisationen auf diesem Weg und fördert den Wissenstransfer zwischen internationaler Forschung und klinischer Praxis.

Internationale Zusammenarbeit gewinnt an Bedeutung

Nikotinprävention kennt keine Landesgrenzen. Neue Produkte verbreiten sich innerhalb weniger Monate weltweit. Marketingstrategien der Industrie überschreiten nationale Grenzen ebenso wie wissenschaftliche Erkenntnisse und erfolgreiche Präventionskonzepte. Deshalb gewinnen internationale Netzwerke, der Austausch zwischen Fachpersonen und gemeinsame Qualitätsstandards zunehmend an Bedeutung. Die Zusammenarbeit der Mitgliedsländer des GNTH, welche sich nach der «WHO Framework Convention on Tobacco Control» ausrichten, und nationaler Organisationen ermöglicht es, erfolgreiche Konzepte im Gesundheitswesen rasch in die Praxis zu übertragen.

Das FNBS wurde 2013 als Forum Tabakprävention in Gesundheitsinstitutionen Schweiz (FTGS) gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Fachpersonen der Psychiatrie und Suchtmedizin wie Dr.med. Bilke-Hentsch sowie die Suchtklinik Forel. Ziel war es, von Beginn an Gesundheitsinstitutionen bei der Entwicklung einer evidenzbasierten Tabakprävention zu unterstützen und die internationale Initiative der tabakfreien Gesundheitseinrichtungen in der Schweiz zu etablieren. Mit der Weiterentwicklung der Produkte und Konsumformen (Vape, Snus etc.) wurde aus dem FTGS das Forum für Nikotinprävention und Beratung Schweiz (FNBS) – ein Zeichen dafür, dass Prävention heute alle Nikotinprodukte umfassen muss.

WHO-Auszeichnung für Schweizer Engagement in der Nikotinprävention

Für ihr langjähriges nationales und internationales Engagement wurde Susann Koalick im Rahmen des WHO-Workshops zum Welttag ohne Tabak 2026 in Madrid mit dem «WHO World No Tobacco Day Award 2026» ausgezeichnet. Mit dieser Auszeichnung würdigt die Weltgesundheitsorganisation Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise für die Tabak- und Nikotinprävention einsetzen. Gewürdigt wurde insbesondere ihr Einsatz für die Integration evidenzbasierter Unterstützung bei Nikotinabhängigkeit im Gesundheitswesen. Seit 28 Jahren leitet sie die Nikotinberatung der Klinik Barmelweid. Sie initiierte und koordinierte die Einführung der internationalen GNTH-Zertifizierungen (Bronze, Silber und Gold) in der Schweiz und entwickelte nationale Weiterbildungsangebote für Fachpersonen. Als Mitglied des Vorstands des GNTH – der weltweit führenden Organisation für rauchfreie Gesundheitseinrichtungen – setzt sich Koalick seit vielen Jahren für die Weiterentwicklung der Nikotinprävention im Gesundheitswesen ein. Als Präsidentin des Forums für Nikotinprävention und Beratung Schweiz (FNBS) vertritt sie dieses internationale Netzwerk in der Schweiz. Die Auszeichnung fällt in eine Zeit, in der sich die Nikotinprävention weltweit in einem tiefgreifenden Wandel befindet.

Ein Auftrag für die Zukunft

Der «WHO World No Tobacco Day Award» ist eine grosse Ehre und eine Anerkennung für die vielen engagierten Fachpersonen, die sich täglich in Spitälern, Arztpraxen, Schulen und Präventionsorganisationen für Menschen mit einer Nikotinabhängigkeit und den Schutz von Nichtrauchern einsetzen.

Die Herausforderungen verändern sich – der gesundheitspolitische Auftrag bleibt derselbe: Menschen dabei zu unterstützen, ein nikotinfreies und gesünderes Leben zu führen. Gerade in der Psychiatrie besteht die Chance, Nikotinabhängigkeit konsequent als behandelbare Erkrankung zu verstehen und Prävention als festen Bestandteil einer modernen, ganzheitlichen Gesundheitsversorgung zu etablieren

beim Verfasser

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