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Akute lymphoblastische Leukämie

Neuartiger Antikörper verlängert Überleben

<p class="article-intro">Bei Erwachsenen mit akuter lymphoblastischer Leukämie (ALL) lässt sich die Krankheit in 90 % der Fälle mit einer intensiven Chemotherapie kontrollieren, aber nur jeder Zweite wird geheilt. Trotz intensiver Chemotherapie und/oder einer allogenen Knochenmarktransplantation ist die Prognose nach einem Rückfall schlecht.<sup>1</sup> Bei diesen Patienten stellt die Immuntherapie eine neue Behandlungsoption dar, mit der man die körpereigenen T-Zellen aktiviert, gegen die ALL-Zellen zu kämpfen. Wir sprachen mit Prof. Dr. med. Markus Manz, Zürich, über den neuen Antikörper Blinatumomab, der kürzlich am EHA-Kongress in Kopenhagen vorgestellt wurde.</p> <hr /> <p class="article-content"><p>Blinatumomab, ein neuartiger Antik&ouml;rper, hat das &Uuml;berleben bei ALL verl&auml;ngert, wie k&uuml;rzlich die TOWER-Studie zeigte<sup>2</sup>. 405 Patienten hatten entweder Blinatumomab erhalten oder die Standard-Chemotherapie. Die Studie wurde vorzeitig gestoppt, weil die Patienten in der Blinatumomab-Gruppe fast doppelt so lange lebten wie diejenigen in der Chemotherapie-Gruppe: mit Blinatumomab im Median 7,8 Monate (95 % CI: 5,7&ndash;10,0) und mit Chemotherapie 4,0 Monate (95 % CI: 2,9&ndash;5,4). Dieser Effekt war in allen Subgruppen von Patienten zu sehen, auch bei denjenigen, die einen R&uuml;ckfall nach allogener Knochenmarktransplantation erlitten oder die verschiedene Chemotherapie-Regime erhalten hatten. Es kam nicht h&auml;ufiger zu Nebenwirkungen.<br /> <br /><strong> Herr Professor Manz, was halten Sie von dem neuen Ansatz?</strong><br /> <br /> <strong>M. Manz:</strong> Diese Art der Immuntherapie ist ein grosser, v&ouml;llig neuer Schritt in der Tumortherapie. Fr&uuml;her wurden &laquo;nur&raquo; Antik&ouml;rper eingesetzt, die als Ziel bestimmte Oberfl&auml;chenmarker auf den Tumorzellen hatten, und die Bindung des Antik&ouml;rpers hat dann den Zelltod verursacht. Blinatumomab wirkt doppelt: Mit der einen Bindestelle bindet es an CD19 auf den Tumorzellen, mit der anderen an CD3 auf zytotoxischen T-Zellen (Abb. 1). So wird die T-Zelle zur Tumorzelle gebracht und aktiviert und zerst&ouml;rt sie.</p> <p><img src="/custom/img/files/files_data_Zeitungen_2016_Leading Opinions_Onko_1604_Weblinks_Seite99.jpg" alt="" width="562" height="787" /></p> <p><strong>Die Studie wurde vorzeitig gestoppt. Halten Sie das f&uuml;r gerechtfertigt?</strong><br /> <br /> <strong>M. Manz:</strong> Ja, absolut. Das angenommene Studienziel, d.h. die Demonstration eines &Uuml;berlebensvorteils der Antik&ouml;rpertherapie gegen&uuml;ber der konventionellen Chemotherapie, wurde vorzeitig erreicht. Das unabh&auml;ngige Studien&uuml;berwachungskomitee war verpflichtet, die Studie zu beenden: Es w&auml;re ethisch nicht korrekt, den Patienten im konventionellen Chemotherapie-Arm diese Therapie weiter zu geben. Nach dem Stopp der Studie konnten Patienten der Chemotherapie-Gruppe auch Blinatumomab erhalten.<br /> <br /><strong> Was kritisieren Sie an der Studie von Max Topp?</strong><br /> <br /><strong> M. Manz:</strong> Die Studie ist gut geplant und durchgef&uuml;hrt worden. Ein hochinnovativer Ansatz, das muss man loben. Nat&uuml;rlich w&uuml;rde man gerne mehr Patienten in genauer definierten Krankheitssituationen in den Studienarmen haben. Ebenso w&auml;re es sch&ouml;n, wenn die Ergebnisse mit mehr und detaillierten Nachsorgedaten versehen w&uuml;rden. Darauf ist noch zu hoffen.<br /> <br /><strong> In der Studie hatten Patienten mit Blinatumomab nicht mehr Nebenwirkungen als diejenigen mit Chemotherapie. Halten Sie den Antik&ouml;rper f&uuml;r unproblematisch?</strong> <br /> <br /> <strong>M. Manz:</strong> Ich glaube, die Patienten mit Blinatumomab wiesen in der Studie sogar eher weniger von den f&uuml;r die Chemotherapie typischen Nebenwirkungen auf. Nat&uuml;rlich verursacht der Antik&ouml;rper auch spezifische Nebenwirkungen. In Vorstudien zeigten Patienten zum Teil starke neurologische Nebenwirkungen, etwa Bewusstseinstr&uuml;bungen. Das erwarteten wir in der TOWER-Studie eigentlich auch. Erstaunlicherweise traten diese Nebenwirkungen aber nicht &ouml;fter auf als in der Chemotherapie-Gruppe. Allerdings kam es h&auml;ufiger zu einem &laquo;cytokine-release syndrome&raquo;, was aber kontrollierbar war.<br /> <br /> <strong>Hagop Kantarjian von der Universit&auml;t Texas und sein Team fokussierten ein anderes Ziel: die CD22-Zellen. In ihrer Phase-III-Studie<sup>3</sup> mit 326 Patienten mit rezidivierter oder therapierefrakt&auml;rer ALL lebten diejenigen mit dem CD22-Antik&ouml;rper Inotuzumab Ozogamicin l&auml;nger ohne R&uuml;ckfall und auch insgesamt l&auml;nger als Patienten mit der Standard-Chemotherapie. Ist dieser Antik&ouml;rper besser als Blinatumomab?</strong><br /> <br /> <strong>M. Manz:</strong> Die Studie ist ebenso gut gemacht und vielversprechend wie die TOWER-Studie. Hier haben die Forscher an den Antik&ouml;rper, der das Antigen CD22 auf den Leuk&auml;miezellen erkennt, ein Zellgift angeh&auml;ngt, Calicheamicin. Bindet Inotuzumab Ozogamicin an CD22, wird es in die Zelle internalisiert, wo Calicheamicin freigesetzt wird und die Zelle zerst&ouml;rt. Man kann die Studien aber nicht eins zu eins vergleichen, weil eine etwas andere Patientengruppe mit ALL behandelt wurde. Max Topp schloss in die TOWER-Studie Patienten mit B-Zell-Vorl&auml;ufer-ALL ein (BCP-ALL), Hagop Kantarjian ebenso, aber in einem etwas anderen Krankheitsstadium. Der prim&auml;re Endpunkt, also ein &Uuml;berlebensvorteil beziehungsweise die komplette Remission, wurde nicht wie geplant erreicht. Inotuzumab Ozogamicin l&auml;sst sich allerdings bequemer verabreichen: Es kann als Kurzinfusion gegeben werden und muss nicht wie Blinatumomab als Dauerinfusion appliziert werden.<br /> <br /><strong> Patienten unter Inotuzumab Ozagamicin hatten h&auml;ufiger eine venookklusive Leberkrankheit, zwei starben sogar daran. Wie gef&auml;hrlich ist der Antik&ouml;rper?</strong><br /> <br /> <strong>M. Manz:</strong> Im Verh&auml;ltnis zur Prognose einer ALL ist das Sicherheitsprofil sehr gut. Eine Nebenwirkung von Inotuzumab Ozogamicin ist, dass es die Leberblutgef&auml;sse &laquo;verstopft&raquo;. Das ist ein ernst zu nehmendes Problem, das aber durch sorgf&auml;ltige Patientenwahl und Betreuung in der Regel beherrschbar ist. Es kann insbesondere bei einer nachfolgenden Blutstammzelltransplantation zum Problem werden, weil in dieser Situation das Risiko f&uuml;r eine venookklusive Leberkrankheit h&ouml;her ist. M&ouml;glicherweise eignet sich der Antik&ouml;rper eher f&uuml;r Patienten, bei denen keine Blutstammzelltransplantation geplant ist. <br /> <br /><strong> Wem w&uuml;rden Sie nun welchen der neuen Antik&ouml;rper geben?</strong> <br /> <br /> <strong>M. Manz:</strong> Es ist zu fr&uuml;h, eine klare Empfehlung f&uuml;r den einen oder anderen Antik&ouml;rper in bestimmten Situationen abzugeben. Voraussetzung f&uuml;r die Anwendung ist auf jeden Fall, dass die entsprechenden Antigene auf den Tumorzellen exprimiert werden. Das kann von Patient zu Patient variieren. Eventuell wird Blinatumomab eher bei j&uuml;ngeren Patienten und Inotuzumab Ozogamicin eher bei &auml;lteren Patienten zur Anwendung kommen. &Auml;ltere werden eher nicht allogen transplantiert, und J&uuml;ngere haben wahrscheinlich weniger Probleme mit der Dauerinfusion. Aber das ist zurzeit noch spekulativ.<br /> <br /><strong> Wirken die Antik&ouml;rper auch bei Kindern mit ALL?</strong><br /> <br /> <strong>M. Manz:</strong> Gr&ouml;ssere Studien stehen noch aus, aber in kleineren Studien konnten f&uuml;r beide Antik&ouml;rper schon Erfolge gezeigt werden. Ob die Antik&ouml;rper dann besser sind als zum Beispiel die CAR-T-Immuntherapie, die ebenfalls spektakul&auml;re Erfolge brachte, wird sich zeigen. Wir beginnen nun, die Resultate jahrzehntelanger Forschung in der Klinik zu sehen. Das macht mir Freude und Mut und motiviert mich immer wieder aufs Neue.<br /> <br /><strong> Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch!</strong></p></p> <p class="article-footer"> <a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a> <div class="collapse" id="collapseLiteratur"> <p><strong>1</strong> <a href="http://www.ehaweb.org/news/eha-news/article/104/immunotherapy-delivered-by-blinatumomab-improves-survival-in-acute-lymphoblastic-leukaemia-patients" target="_blank">http://www.ehaweb.org/news/eha-news/article/104/immunotherapy-delivered-by-blinatumomab-improves-survival-in-acute-lymphoblastic-leukaemia-patients</a><br /><strong>2</strong> <a href="http://learningcenter.ehaweb.org/eha/2016/21st/135182/max.topp.blinatumomab.improved.overall.survival.in.patients.with.relapsed.or.html?f=m3" target="_blank">http://learningcenter.ehaweb.org/eha/2016/21st/135182/max.topp.blinatumomab.improved.overall.survival.in.patients.with.relapsed.or.html?f=m3</a><br /><strong>3</strong> <a href="http://learningcenter.ehaweb.org/eha/2016/21st/135344/hagop.p.kantarjian.overall.survival.in.relapsed.refractory.b-cell.acute.html?f=m3" target="_blank">http://learningcenter.ehaweb.org/eha/2016/21st/135344/hagop.p.kantarjian.overall.survival.in.relapsed.refractory.b-cell.acute.html?f=m3</a><br /><br /></p> </div> </p>
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