<p class="article-intro">An der diesjährigen European Lung Cancer Conference (ELCC) drehte sich eine der Sessions um die verschiedenen Behandlungsoptionen für Patienten mit einem nicht kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) im Stadium III. Einer der Redner dieser Session war Prof. Dr. Miklos Pless aus Winterthur. In einem Interview erklärt er, welchen Standpunkt er zu diesem Thema vertritt und welche Herausforderungen es bei Patienten im Stadium III zu meistern gilt.</p>
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<p class="article-content"><p><em><strong>Herr Professor Pless, was ist die besondere Herausforderung bei Patienten mit einem NSCLC im Stadium III? </strong></em></p> <p><em><strong>M. Pless:</strong></em> Bei diesen Patienten gibt es eine ganze Reihe von Herausforderungen. Das Stadium III ist das letzte Stadium, bei dem wir noch mit gutem Gewissen eine Heilung anstreben können. Eine saubere Diagnose ist daher enorm wichtig. Sie stellt die erste Herausforderung dar. Um abzuklären, ob Metastasen bestehen, wird am besten eine PET eingesetzt. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Gehirn, da dieses oft ein Ort für Metastasen ist. Zusätzlich muss die lokale Ausdehnung des Tumors möglichst genau erhoben werden. Dies geschieht meistens mit endobronchialem Ultraschall, was technisch recht aufwendig ist und eine gewisse Expertise voraussetzt. Und schließlich ist die Gewinnung von genügend Tumormaterial für weitere Untersuchungen nicht immer einfach. Die zweite Herausforderung ist, dass das Stadium III ein breites Spektrum umfasst. So können wir auf Patienten mit minimalem Befall eines Lymphknotens treffen, aber auch auf solche, die bereits bei der Diagnose einen ausgedehnten Befall aufweisen. Die dritte Herausforderung ist schließlich die Therapie. Unabhängig davon, was wir wählen, benötigen diese Patienten eine intensive Behandlung. Neben einer Chemotherapie, welche die Patienten stark belasten kann, stehen Radiotherapie oder Chirurgie zur Verfügung, die aber ebenfalls belastend sind. Die Behandlung von Patienten im Stadium III setzt daher eine gute multidisziplinäre Zusammenarbeit voraus und die Patienten müssen auch fit genug sein, um eine Therapie zu vertragen.</p> <p><em><strong>Welches Vorgehen bevorzugen Sie persönlich bei diesen Patienten und warum? </strong></em></p> <p><em><strong>M. Pless:</strong></em> Für mich ist klar, dass der Einschluss in eine Studie das bevorzugte Vorgehen darstellt. In der Schweiz führen wir seit über 20 Jahren Studien im neoadjuvanten Setting durch. Wir konnten bisher mehr als 300 Patienten im Rahmen solcher Studien behandeln, und dies mit sehr gutem Erfolg. Die aktuelle Literatur sagt eindeutig, dass außerhalb von Studien mit einer Chemoradiotherapie und anschließender Immuntherapie die besten Resultate erzielt werden können. Ich glaube, das ist der Standard, an dem wir uns messen müssen. Die Resultate haben sich seit der Einführung der Immuntherapie deutlich verbessert. Ich bin mir aber nicht sicher, ob der gute Effekt der Immuntherapie untrennbar mit einer vorhergehenden Chemoradiotherapie verbunden ist. Diese Fragestellung untersuchen wir deshalb aktuell innerhalb der SAKK in einer Studie.</p> <p><em><strong>In welchen Fällen ist primär eine chirurgische bzw. eine Chemoradiotherapie angezeigt? </strong></em></p> <p><em><strong>M. Pless:</strong></em> Es gibt einzelne Patienten, bei denen wir erst im Rahmen einer chirurgischen Behandlung feststellen, dass sie im Stadium III sind. Ansonsten wären sie wohl auch in einer Studie bzw. entsprechend dem Standard behandelt worden. Daneben gibt es einzelne Patienten, bei denen aufgrund einer ausgedehnten Nekrosehöhle oder einer poststenotischen Pneumonie eine Chemotherapie nicht möglich ist. Sie würde bei diesen Patienten zu schweren Problemen führen, so zum Beispiel zu schweren Infektionen, welche die kurative Therapie langfristig verzögern würden. In diesen Fällen ist eine primär chirurgische Behandlung sinnvoll. Außerhalb von Studien und an einem guten Zentrum ist auch eine neoadjuvante Chemotherapie gefolgt von einer Chirurgie eine valable Option, aber grundsätzlich ist die Chemoradiotherapie Standard. In jedem Fall ist individuell zu evaluieren, was ein Patient überhaupt tolerieren kann.</p> <p><em><strong>Wie gestaltet sich die Kommunikation mit einem betroffenen Patienten in einer Situation mit so unterschiedlichen Möglichkeiten? </strong></em></p> <p><em><strong>M. Pless:</strong></em> Ich denke, wir müssen dem Patienten einen konkreten Therapievorschlag machen. Da ihm das entsprechende medizinische Wissen fehlt, würde es ihn ansonsten überfordern, eine Entscheidung treffen zu müssen. Wir schlagen ihm also einen Plan A vor, auf den wir uns vorgängig am Tumorboard geeinigt haben, zum Beispiel die Teilnahme an einer Studie. Will der Patient das nicht, dann wäre Plan B z.B. die Chemoradiotherapie. Möchte er keine Chemotherapie, dann käme noch die Chirurgie als Plan C infrage. Man sollte also bereits mit einer klaren Meinung bezüglich der am besten geeigneten Therapie für den spezifischen Patienten ins Gespräch gehen, ihm diese gut erklären und gleichzeitig darüber aufklären, dass es noch andere Optionen gibt.</p> <p><em><strong>Viele Patienten fragen ja auch ihren Arzt, was er in ihrer Situation tun würde. Was antworten Sie in solchen Fällen? </strong></em></p> <p><em><strong>M. Pless:</strong></em> Eine Antwort auf diese Frage zu geben, ist immer schwierig. Wir sind nicht in der Lage des Patienten, wir haben keine Beschwerden und sind meistens gesund und fit. Daher würden wir vielleicht eine aggressivere Option wählen, als sie der Patient möchte oder tolerieren kann. Bei älteren Patienten ist es zudem immer gut zu fragen, ob sie sich die Therapie auch zutrauen.</p> <p><em><strong>Sie sind immer wieder als (Mit-)Autor von Postern oder als Redner an der ELCC anzutreffen. Was ist für Sie das Besondere an diesem Meeting? </strong></em></p> <p><em><strong>M. Pless:</strong></em> Die ELCC ist ein tolles Meeting. Es finden jeweils nicht allzu viele Sessions parallel statt und es kommen alle wichtigen Personen aus der internationalen Szene zu dieser Konferenz in die Schweiz. Trotz allem ist das Meeting recht familiär, sodass man einfacher mit den internationalen Experten in Kontakt kommt. Es wird an der ELCC viel Networking betrieben. Ich finde, die Teilnehmenden trauen sich auch eher, in den Sessions Fragen zu stellen. Da die ELCC zeitlich zwischen dem AACR- und dem ASCO-Kongress liegt, werden die ganz großen wissenschaftlichen Neuigkeiten meist aber eher an einem dieser beiden Meetings präsentiert.</p> <p><em><strong>Vielen Dank für das Gespräch!</strong></em></p></p>