© Getty Images

Best Abstracts Session: drei ausgezeichnete Arbeiten

Hat die Thrombophilieabklärung bei thromboembolischen Ereignissen einen klinischen Nutzen? Wie wirkt sich die CAR-T-Zell-Therapie mit Brexucabtagen-Autoleucel bei Mantelzelllymphomen im klinischen Alltag aus? Was ist bei Seminomen im Stadium IIA/B eine attraktive Behandlungsoption? Die «best abstracts» des SOHC konnten diese Fragen beantworten.

Der klinische Nutzen einer Thrombophilietestung ist bislang, wie K. Vrotniakaite-Bajerciene, Universitätsspital Bern, ausführte, ein umstrittenes Thema mit beschränkter Datenlage. Dies bat Anlass zur Durchführung einer retrospektiven Kohortenstudie mit 3686 Patienten, die ab Januar 2010 an das Thrombophiliezentrum des Universitätsspitals Bern überwiesen worden waren.1 Die Arbeit wurde mit dem Preis der Schweizerischen Gesellschaft für Hämatologie für einen Beitrag zur Hämostase ausgezeichnet.

Venöse Thromboembolie häufigster Testgrund

Die Studie evaluierte den Einfluss der Testergebnisse auf die weitere Therapieentscheidung. Darüber hinaus wurden alle nach der initialen Testung bis März 2021 neu aufgetretenen thromboembolischen Ereignisse und Schwangerschaftskomplikationen protokolliert.

Eine Testung auf Thrombophilie wurde bei 3550 Patienten (94%) durchgeführt, wovon 1258 Patienten (28,9%) positiv waren. Grund der Testung war in der Mehrzahl der Fälle eine venöse Thromboembolie (2407 Patienten, 65%). 591 Patienten (16%) hatten eine arterielle Thromboembolie erlitten und 121 Patientinnen (3,3%) erhielten die Testung infolge einer thromboembolischen Schwangerschaftskomplikation. In die Studie wurden ausserdem 341 asymptomatische Probanden (30%) eingeschlossen. Die Nachbeobachtungszeit lag im Median bei 48 Monaten.

Geringer Nutzen

Die Konsequenzen der Thrombophilietestung lassen sich in fünf Kategorien einteilen:

  1. Kein Einfluss auf die Therapie (85,9%)

  2. Überbehandlung (0,3%)

  3. Unterbehandlung bzw. Behandlung nicht in Übereinstimmung mit den Leitlinien (5,1%)

  4. Das Ergebnis wurde nicht zur Therapieentscheidung herangezogen, obwohl es hätte berücksichtigt werden müssen (2,2%).

  5. Nur bei 5,7% der Patienten gab die Thrombophilietestung Anlass zur Verlängerung oder Einleitung einer Antikoagulation (5,7%).

Es konnte jedoch gezeigt werden, dass es bei Patienten mit Hochrisiko-Thrombophilie zu signifikant mehr neuen venösen thromboembolischen Ereignissen kam als bei Patienten mit Niedrigrisiko bzw. ohne Thrombophilie.

Fazit

Sowohl der geringe klinische Nutzen der Thrombophilietestung als auch ein potenziell schädigender Effekt konnten durch diese Studie aufgezeigt werden. Die Autoren schlagen vor, dass die Auswahlkriterien zur Identifizierung von Patienten mit Hochrisiko-Thrombophilie verbessert werden müssten, um einen klinischen Benefit durch die Testung erzielen zu können.

Brexucabtagen-Autoleucel – auch in der realen Welt erfolgreich?

Über die Praxiserfahrungen mit der CAR-T-Zell-Therapie mit Brexucabtagen-Autoleucel bei fortgeschrittenem, rezidiviertem Mantelzelllymphom (MCL) berichtete Alex Heini, Inselspital, Bern.2

Bei MCL-Rezidiven nach Behandlung mit einem Bruton-Tyrosinkinase(BTK)-Inhibitor sind die Ansprechraten unzureichend. Auch Rückfälle nach Stammzelltransplantation haben eine schlechte Prognose. Die CD19-gerichtete CAR-T-Zell-Therapie mit Brexucabtagen-Autoleucel führte im Gegensatz dazu in Studien zu ausgezeichneten Ansprechraten von bis zu 93% und es konnten dauerhafte Remissionen bei 60% der ansprechenden MCL-Patienten gezeigt werden.

Bisher sind jedoch Daten aus der klinischen Praxis mit dieser CAR-T-Zell-Therapie bei rezidiverten bzw. refraktären MCL-Patient nur begrenzt vorhanden. Daher untersuchte das Forschungsteam um Heini die Ansprechrate, Toxizitäten und das Überleben von rezidivierten bzw. refraktären MCL-Patienten, die im Rahmen eines Compassionate-Use-Programms mit Brexucabtagen-Autoleucel behandelt wurden.

Auch im klinischen Alltag erfolgreich

Zwischen Februar und August 2021 wurden neun Patienten am Inselspital mit Brexucabtagen-Autoleucel behandelt. Die Patienten waren im Durchschnitt 71 Jahre alt und vier von ihnen waren weiblich. Alle Patienten hatten bereits einen BTK-Inhibitor erhalten und bei drei Patienten wurde zuvor eine autologe Stammzelltransplantation durchgeführt. Obwohl das Patientenkollektiv stark vorbehandelt war (2–7 Therapielinien) und überwiegend ein fortgeschrittenes Erkrankungsstadium aufwies, wurde die Therapie mit Brexucabtagen-Autoleucel gut vertragen.

Ein Zytokin-Freisetzungssyndrom (CRS) trat bei sieben Patienten auf (alle Grad 1–2). Bei vier von ihnen kam es zusätzlich zu einem Immuneffektorzell-assoziierten Neurotoxizitätssyndrom (ICANS; je einmal Grad 1–4), das mit einer Steroidtherapie erfolgreich behandelt werden konnte.

Mit einer Nachbeobachtungszeit von drei Monaten konnte bei sieben Patienten bereits eine PET durchgeführt werden, die bei allen ein metabolisch komplettes Ansprechen (CR) zeigte. Bei den zwei Patienten, bei denen das PET-Staging noch ausständig ist, fand sich in der CT einen Monat nach CAR-T-Zell-Therapie bereits ein partielles Ansprechen (PR).

Bisher erlitt ein Patient nach fünf Monaten ein Rezidiv mit neu aufgetretenen ZNS-Läsionen.

Positives Ergebnis auch bei schlechtem Performance Status

Besonders hervorzuheben ist der Fall eines 74-jährigen Patienten mit einem ECOG PS 3–4. Trotz grosser medizinischer Bedenken setzte die Familie eine Behandlung mit Erfolg durch: Nach 37 Tagen konnte der Patient mit ECOG 1–2 zur Rehabilitation entlassen werden.

Fazit

Die Therapie mit Brexucabtagen-Autoleucel zeigte somit laut Heini in diesem Kollektiv stark vorbehandelter Patienten eine hervorragende Ansprechrate und ein günstiges Sicherheitsprofil.

Die Arbeit wurde mit dem Preis der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie und der Schweizerischen Gesellschaft für Hämatologie für den Beitrag zur klinischen Onkologie ausgezeichnet.

Attraktive Behandlungsoption für das Seminom im Stadium IIA/B

Alexandros Papachristofilou vom Universitätsspital Basel stellte die dritte von der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie prämierte Studie als Beitrag zu den soliden Tumoren vor.3

Der Behandlungsstandard beim Seminom im klinischen Stadium IIA/B ist die Anwendung von einer paraaortalen/pelvinen Strahlentherapie. Alternativ können 3–4 Zyklen einer Kombinationschemotherapie mit Cisplatin verabreicht werden. Die Kombinationschemotherapie weist dabei nach drei Jahren eine Rate des progressionsfreien Überlebens (PFS) von über 90% auf, birgt aber die Gefahr von Toxizitäten.

In der multizentrischen Phase-II-Studie SAKK01/10 wurde die Behandlung mittels 1 Zyklus Carboplatin AUC7 gefolgt von einer Bestrahlung der involvierten Lymphknoten untersucht, mit dem Ziel, bei erhaltener Wirksamkeit eine Reduktion der Toxizität zu erreichen.

Als primärer Endpunkt war die PFS-Rate nach drei Jahren definiert; die sekundären Endpunkte umfassten u.a. frühe und späte unerwünschte Wirkungen, einschließlich des Auftretens von sekundären Malignomen.

Grösste abgeschlossene Studie zum Seminom CSIIA/B generiert attraktive Therapieoption

116 Patienten waren für die Studienteilnahme geeignet, von ihnen waren 46 Patienten im Stadium IIA und 70 im Stadium IIB. Sie waren im Median 40 Jahre alt (22–68).

Nach einem medianen Follow-up von 4,5 Jahren lag die 3-Jahres-PFS-Rate bei 93,7%(90% CI: 88,5–96,6). Rezidive traten lediglich ausserhalb des Bestrahlungsfeldes auf und konnten mit konventioneller Chemotherapie erfolgreich behandelt werden.

Zu frühen unerwünschten Wirkungen von Grad 3–4 kam es bei 8,4%, wobei keine späten unerwünschten Wirkungen auftraten. Zwar entwickelten vier Patienten einen neuen Primärtumor, dies war jedoch nicht auf die experimentelle Behandlung zurückzuführen.

Fazit

Mit der Studienbehandlung aus einer Dosis Carboplatin und Strahlentherapie konnte nach drei Jahren eine vorteilhafte PFS-Rate bei niedrigen Nebenwirkungsraten erzielt werden. «Basierend auf unseren Daten kann dieses deeskalierte Radiochemotherapie-Regime als attraktive Option bei IIA/B-Seminomen angesehen werden», so Papachristofilou abschliessend.

Swiss Oncology & Hematology Congress (SOHC), 18.–20. November 2021, Zürich

1 Vrotniakaite-Bajerciene K et al.: Impact of thrombophilia testing on treatment decision and out-come of thromboembolism and pregnancy morbidity: a single center retrospective cohort study. Swiss Med Wkly 2021; 151: w30107 2 Heini A et al.: Real-world experience with CAR-T therapy with Brexucabtagene Autoleucel for advanced relapsed mantle cell lymphoma. Swiss Med Wkly 2021; 151: w30107 3 Papachristofilou A et al.: Single-dose carboplatin followed by involved-node radiotherapy in seminoma stage IIA/B: efficacy results from the international, phase II trial SAKK01/10. Swiss Med Wkly 2021; 151: w30107

Back to top