Highlights vom EAN 2026
Bericht: Dipl.-Ing. Dr. Manuel Spalt-Zoidl
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Am 12. Kongress der European Academy of Neurology (EAN) Ende Juni in Genf konnten wieder einige Fortschritte präsentiert werden, die potenzielle Paradigmenwechsel einleiten, und positive Bilanzen über beharrliche Forschungsanstrengungen gezogen werden – mit Highlights aus der Neuroonkologie, der Neurogenetik von Muskelerkrankungen und der Neuromodulation.
Keypoints
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Aggressive Tumoren und Hirnmetastasen bilden neuritenähnliche Fortsätze aus und nutzen rhythmische Ca2+-Signale zur Zellkommunikation. Diese Vernetzung fördert das Wachstum und ist die Hauptursache für Therapieresistenzen gegen Radio- und Chemotherapie.
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Da etwa 80% der seltenen Erkrankungen genetisch bedingt sind und größtenteils Kinder betreffen, ist die Identifizierung von Genmutationen essenziell. Beispielsweise führte die Identifikation von KMT2B-assoziierter pädiatrischer Dystonie zu deren effektiver Behandlung durch tiefe Hirnstimulation.
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Die mittels transkraniellen Ultraschalls nachweisbare Hyperechogenität der Substantia nigra ist ein etablierter prädiktiver Marker für die Parkinsonkrankheit (PD) und war maßgeblich an der biologischen Definition der PD beteiligt.
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Nichtinvasive Verfahren zur Hirnstimulation wirken netzwerkübergreifend, indem sie entweder direkt Aktionspotenziale auslösen (z.B. TMS) oder die synaptische Plastizität modulieren (z.B. tDCS), und stellen etablierte therapeutische Verfahren, beispielsweise für die Behandlung der Depression, dar.
Paradigmenwechsel in der Neuroonkologie
Durch neue Erkenntnisse über Interaktionen zwischen dem Nervensystem und Krebserkrankungen durchlebte die Neuroonkologie einen Paradigmenwechsel, eröffnete Prof. Dr. Franz Winkler, Universitätsklinikum Heidelberg, die Brain Prize Lecture des Kongresses. Neue Daten belegen, dass aggressive Hirntumoren, Hirnmetastasen, aber auch extrakraniale Malignitäten Fortsätze bilden, die nicht von Neuriten während der Gehirnentwicklung zu unterscheiden sind (Abb.1).1 Dieses Netzwerk verleiht dem Tumorgewebe eine stabile zelluläre Homöostase und stellt den Hauptmechanismus der primären und adaptiven Resistenz dar.2 Unter konventioneller Radio- oder Chemotherapie reagieren überlebende Tumorzellen mit einer dramatischen Erhöhung ihrer Konnektivität. Die gezielte Herabregulierung des neuronalen Wachstumsproteins GAP-43 unterbricht diese Netzwerkintegrität und senkt die Strahlenresistenz im Tiermodell signifikant.3
Abb. 1: Mausmodell einer Netzwerkentwicklung von Glioblastomen nach 20, 40 und 60 Tagen (modifiziert nach Osswald M et al.)2
Autonome Schrittmacheraktivität in Glioblastomen
Besonders interessant ist, so der Vortragende, die Kommunikation zwischen Glioblastomzellen. Diese bedienen sich eines Mechanismus der Neuroentwicklung. Hier emittieren bestimmte Zellen an strategisch verteilten Knotenpunkten ein rhythmisches Ca2+-Signal von etwa 10 bis 20 Millihertz. Dieses aktiviert wiederum frequenzspezifisch MAP-Kinase- und NF-κB-Signalwege und trägt so zur Entwicklung und Proliferation der Zellen bei. Während eine Bestrahlung die Anzahl dieser „Schrittmacher“ erhöht und so die adaptive Resistenz verstärkt, kann eine spezifische Inhibition des KCA3.1-Kanals diese Kommunikation unterbinden. Ob dies zu einer wirksamen Behandlung unheilbarer Glioblastome führt, wird derzeit in einer Phase-I/IIa-Studie bei 160 Patient:innen evaluiert.4
Die sozioökonomische Relevanz pädiatrischer Neurogenetik
Anita Harding, die erste Professorin für klinische Neurologie im Vereinigten Königreich, zählt für Prof.in Dr.in Manju Kurian vom University College London zu den inspirierendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Zu ihren grundlegenden wissenschaftlichen Beiträgen zählt der erstmalige Nachweis des Zusammenhangs zwischen Deletionen in der mitochondrialen DNA und Myopathien.5 Sie legte so den Grundstein für die moderne Neurogenetik und die Behandlung seltener Erkrankungen. Diese sind in 80% der Fälle auf genetische Ursachen zurückzuführen und durch eine massive sozioökonomische Belastung gekennzeichnet, fuhr die Neurogenetikerin fort. Etwa 75% der bis zu 8000 bekannten Erkrankungen betreffen Kinder und nur zwei Drittel erleben ihren fünften Geburtstag.6 Der Weg von der Genentdeckung bis hin zur Patient:innenbehandlung nimmt für Kurian daher einen hohen Stellenwert ein.
Entdeckung der KMT2B-assoziierten Dystonie und therapeutische Intervention
Am Beispiel der komplexen pädiatrischen Dystonie wurde dieser Ansatz verdeutlicht. Die Erkrankung ist durch erhebliche Pleiotropie geprägt und umfasst Erscheinungsformen, die klinisch mit Dystonie Typ 1 oder 6, einer Neurodegeneration mit Eisenakkumulation im Gehirn (NBIA), einer Myoklonus-Dystonie oder einer funktionellen Bewegungsstörung überlappen. Eine Genanalyse zahlreicher Betroffener offenbarte eine überlappende Deletion von lediglich zwei Genen auf Chromosom 19, von denen schließlich KMT2B als krankheitsverursachendes Gen identifiziert wurde.7 Therapeutisch zeigte die KMT2B-assoziierte Dystonie ein exzellentes Ansprechen auf die tiefe Hirnstimulation (THS), welche selbst bei bettlägerigen Patient:innen im lebensbedrohlichen Status dystonicus zu einer signifikanten Motorikverbesserung bis hin zur Gehfähigkeit führte.8
Transkranieller Ultraschall als Biomarker für das Parkinson-Syndrom
Im Rahmen der Presidential Lecture eröffnete Prof.in Dr.in Daniela Berg aus Kiel vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein ihren Vortrag mit einer interessanten Erkenntnis aus ihrer frühen Forschungskarriere: Sie fand, dass Patient:innen mit Parkinsonkrankheit (PD) im transkraniellen Ultraschall eine Hyperechogenität der Substantia nigra aufwiesen.9 Tatsächlich konnte dieses Phänomen durch zahlreiche Studien bei mehr als 90% der Betroffenen bestätigt werden.10 Tierexperimentelle Studien und Autopsiebefunde zeigten, dass dieses Signal direkt mit erhöhten parenchymalen Eisenkonzentrationen korrelierte.11 Inzwischen sind die Rolle des Eisenstoffwechsels bei neurodegenerativen Erkrankungen und die transkranielle Sonografie für die Differenzialdiagnostik der PD in internationalen Leitlinien etabliert.12,13
Hyperechogenität der Substantia nigra als prädiktiver Biomarker
Interessanterweise fanden Berg und Kolleg:innen auch in einer Studie mit 330 gesunden Proband:innen eine Hyperechogenität der Substantia nigra bei 8,6%.11 Diese war in dieser Population mit Hyposmie und Störungen des REM-Schlafs, wichtigen Symptomen einer frühen PD, assoziiert.14,15 Um den Stellenwert der Hyperechogenität als prädiktiven Biomarker im präsymptomatischen Stadium zu beurteilen, führte die Vortragende eine groß angelegte Dreizentrenstudie mit über 1800 gesunden Proband:innen durch. Die Ergebnisse lieferten Signale, dass eine Hyperechogenität der Substantia nigra mit einem relativen Risiko von 20,6 (95% CI: 6,0–71,1) einhergeht, über fünf Jahre hinweg eine PD zu entwickeln.16 Diese Erkenntnis war maßgeblich an der Beschreibung des prodromalen Parkinsonsyndroms beteiligt und trug auch zur neuen biologischen SynNeurGe-Klassifikation der PD bei, schloss die Expertin.17
Nichtinvasive Neuromodulation in der Neurologie
Invasive Formen der Neuromodulation, wie die THS oder Cochlea-Implantate, basieren auf einer kontinuierlichen oder phasischen Direktstimulation, eröffnete Prof. Dr. John Rothwell vom Londoner UCL Queen Square Institute of Neurology seinen Vortrag. Die nichtinvasive Neuromodulation bedient sich dagegen eines grundlegend anderen Konzepts. Hierbei werden Behandlungen über kurze Zeiträume verabreicht, in der Hoffnung, eine anhaltende Wirkung über mehrere Monate oder Jahre hinweg zu induzieren.
Etwa neun von zehn dieser nichtinvasiven Methoden versuchen, elektrischen Strom durch die Schädeldecke direkt in das Gehirn zu leiten, um die neuronale Aktivität gezielt zu modifizieren. Grundsätzlich lassen sich diese Verfahren in zwei Kategorien unterteilen. Dies sind einerseits Verfahren, welche direkt an den Axonen Aktivitätspotenziale auslösen. Beispiele umfassen die transkranielle Magnetstimulation (TMS) und die Vagusnervstimulation (VNS). Im Gegensatz dazu modulieren Verfahren wie die transkranielle Gleich- oder Wechselstromstimulation (tDCS/tACS) und die temporale Interferenzstimulation (TIS) andererseits die synaptische Empfindlichkeit an Soma und Dendriten, ohne direkte Aktionspotenziale auszulösen. Wichtig ist, so der Vortragende, dass die Effekte nichtinvasiver Neuromodulationsverfahren nicht auf den Anwendungsort beschränkt sind, sondern sich über neuronale Netzwerke über mehrere Gehirnregionen ausbreiten.
Klinische Validierung am Beispiel der Depressionsbehandlung
Die klinische Wirksamkeit der Methoden wurde bereits vor fast 20 Jahren durch O’Reardon und Kolleg:innen belegt, betonte Rothwell. Im Rahmen einer Sham-kontrollierten Studie erhielten Patient:innen mit therapierefraktärer schwerer Depressionsstörung aktive TMS (n=155) oder einen Sham (n=146). Die aktive Behandlung war nach vier Wochen gegenüber der Kontrollgruppe mit einer signifikanten Reduktion auf der Montgomery-Asberg Depression Rating Scale (MADRS) vergesellschaftet.18 Ursprünglich als tägliche Stimulation des linken dorsolateralen präfrontalen Kortex über sechs Wochen durchgeführt, wurde die Methodik durch die Theta-Burst-Stimulation sowie durch beschleunigte Protokolle optimiert. So kann eine sechswöchige Behandlung innerhalb einer Woche bei gleichbleibender Wirksamkeit verabreicht werden.19 Heute wird beispielsweise hochfrequente TMS bei neuropathischen Schmerzen, trigeminale VNS bei Migräne und Cluster-Kopfschmerz empfohlen.20,21
Quelle:
12th Congress of the European Academy of Neurology, 27.–30. Juni 2026, Genf, Schweiz
Literatur:
1 Pan C, Winkler F: Insights and opportunities at the crossroads of cancer and neuroscience. Nat Cell Biol 2022; 24(10): 1454-60 2 Osswald M et al.: Brain tumour cells interconnect to a functional and resistant network via tumour microtubes. Nature 2015; 528(7580): 93-8 3 Weil S et al.: Tumor microtubes as a novel therapeutic target in malignant glioma. Neuro Oncol 2017; 19(suppl_6): vi253-4 4 Hausmann D et al.: Autonomous rhythmic activity in glioma networks drives brain tumour growth. Nature 2023; 613(7942): 179-86 5 Holt IJ et al.: Deletions of muscle mitochondrial DNA in patients with mitochondrial myopathies. Nature 1988; 331(6158): 717-9 6 Ferreira CR: The burden of rare diseases. Am J Med Genet A 2019; 179(6): 885-92 7 Meyer E et al.: Mutations in the histone methyltransferase gene KMT2B cause complex early-onset dystonia. Nat Genet 2017; 49(2): 223-37 8 Rajan R et al.: GPi-DBS for KMT2B-associated dystonia: systematic review and meta-analysis. Mov Disord Clin Pract 2021; 9(1): 31-7 9 Berg D et al.: Vulnerability of the nigrostriatal system as detected by transcranial ultrasound. Ultrasound Med Biol 1999; 25(7): 1029-36 10 Berg D et al.: Substantia nigra hyperechogenicity in Parkinson‘s disease is stable over time: a 2-year follow-up of transcranial ultrasound. J Neurol 2001; 248(11): 984-9 11 Berg D et al.: Echogenicity of the substantia nigra: association with increased iron content and marker for susceptibility to nigrostriatal injury. Arch Neurol 2002; 59(6): 999-1005 12 Ayton S et al.: Iron on trial: recasting the role of iron in neurodegeneration. Brain 2025; 148(4): 1234-45 13 Berardelli A et al.: EFNS/MDS-ES recommendations for the diagnosis of Parkinson‘s disease. Eur J Neurol 2013; 20(1): 16-34 14 Sommer U et al.: Olfactory dysfunction, substantia nigra hyperechogenicity, and motor signs in relatives of Parkinson‘s disease patients. J Neurol 2004; 251(12): 1445-51 15 Unger MM et al.: Substantia nigra hyperechogenicity in idiopathic REM sleep behavior disorder is associated with motor asymmetry. Mov Disord 2008; 23(16): 2437-9 16 Berg D et al.: Prospective validation of risk factors for the development of Parkinson syndromes (PRIPS): study design and baseline data. J Neurol 2013; 260(5): 1404-11 17 Höglinger GU et al.: A biological classification of Parkinson‘s disease: the SynNeurGe research diagnostic criteria. Lancet Neurol 2024; 23(2): 191-204 18 O’Reardon JP et al.: Efficacy and safety of transcranial magnetic stimulation in the acute treatment of major depression: a multisite randomized controlled trial. Biol Psychiatry 2007; 62(11): 1208-16 19 Blumberger DM et al.: Effectiveness of theta burst versus high-frequency repetitive transcranial magnetic stimulation in patients with depression (THREE-D): a randomised non-inferiority trial. Lancet 2018; 391(10131): 1683-92 20 Lefaucheur JP et al.: Evidence-based guidelines on the therapeutic use of repetitive transcranial magnetic stimulation (rTMS): an update (2014-2018). Clin Neurophysiol 2020; 131(2): 474-528 21 Goadsby PJ et al.: Non-invasive vagus nerve stimulation in cluster headache: a clinical practice guideline. Pain Pract 2025; 25(8): e70084
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