Leistungsdruck im Jugendleistungssport: ein Gastbeitrag einer Nachwuchsathletin
Autor:innen:
Leonie Seeholzer
Swiss Ski Alpin Team
E-Mail: leonie.seeholzer@gmx.ch
Dr. med. Achudhan Karunaharamoorthy
Kommunikationsbeauftragter SGSPP
Der Jugendleistungssport ist ein Umfeld, das psychische Belastungen begünstigen kann – und dies in einer besonders vulnerablen Entwicklungsphase. Körperliche und hormonelle Veränderungen, die Identitätsbildung und ein Umfeld permanenter Bewertung fallen zusammen. Nicht umsonst manifestieren sich viele psychiatrische Erkrankungen erstmals in der Adoleszenz.1 Wenn wir über Leistungsdruck im Jugendleistungssport sprechen, geht es um eine klinisch relevante Risikogruppe, die in der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhält.
Leistungssport ist hochgradig auf Performance und Ergebnisse ausgerichtet, die sportmedizinische Versorgung konzentriert sich auf Leistungsdiagnostiken und Behandlungen von Verletzungen – über die psychische Gesundheit sprechen wir dagegen selten. Als Nachwuchsathletin weiss ich aus eigener Erfahrung, wie sich permanenter Leistungsdruck anfühlt: ob im Training, an Wettkämpfen oder im Selektionsprozess. Im Rahmen meiner Maturaarbeit habe ich untersucht, wie junge Athlet:innen Leistungsdruck erleben, welche körperlichen und psychischen Symptome er verursacht und wie sie damit umgehen.
Leistungsdruck im Sport
Leistungsdruck ist definiert als das Gefühl, performen zu müssen, weil etwas auf dem Spiel steht. Er ist der Motor zur Aktivierung unseres Körpers und Geistes, zur Leistungssteigerung, Fokussierung und für den Abruf unserer Bestleistung im entscheidenden Moment. Zu wenig Druck würde uns langweilen und demotivieren; bei zu viel Leistungsdruck kippt der positive Effekt allerdings und führt zu Überforderung und Erschöpfung. Langfristig stellt ein erhöhter Stresslevel einen Risikofaktor für Burnout, körperliche und psychische Erkrankungen dar.2 Den optimalen Leistungsdruck für sich persönlich zu finden ist also eine wichtige Frage für uns Nachwuchsathlet:innen – sowohl für unsere Gesundheit als auch für einen nachhaltigen sportlichen Erfolg.
Umfrage unter jungen Athlet:innen
Zur Untersuchung der Fragestellung führte ich eine anonymisierte Umfragestudie durch. 284 junge Leistungssportler:innen im Alter von 12 bis 21 Jahren aus 39 Sportarten nahmen teil. Für die Umfrage wurde ein Onlinefragebogen verwendet, der u. a. per Mail an Sportschulen erging und über Social Media verteilt wurde. Circa 90% aller Befragten über alle Altersgruppen, Geschlechter und Sportarten hinweg gaben an, Leistungsdruck zu erleben. Athlet:innen aus Einzelsportarten, des weiblichen Geschlechts sowie ältere Jugendliche bzw. junge Erwachsene waren tendenziell häufiger betroffen. Als Hauptursache für den erlebten Druck wurden mit Abstand am häufigsten die Athlet:innen selbst genannt – weitaus häufiger als ihre Trainer:innen, Eltern oder die Mannschaft. Bei den psychischen Symptomen wurden unter anderem Schlafstörungen, Ängste und Konzentrationsstörungen genannt, die jeweils bis zu ein Drittel der Befragten betrafen. Hinzu kamen Belastungen rund um die Performance: Während Nervosität von einer deutlichen Mehrheit geäussert wurde, litt rund die Hälfte unter Leistungsversagen und jeder Fünfte unter Motivationsverlust. Darüber hinaus berichtete ein Grossteil über psychosomatische Symptome: Herzklopfen, Zittern, Schweissausbrüche, Magen-Darm-Probleme und Erschöpfungszustände wurden häufig genannt; rund jeder Siebte gab an unter einer Essstörung zu leiden.
Abb. 1: Die grosse Mehrheit der jungen Leistungssportler:innen hat bereits selbst Leistungsdruck erlebt
Abb. 2: Viele junge Athlet:innen haben bereits Methoden entwickelt, um mit Leistungsdruck umzugehen, allerdings ist professionelle sportpsychiatrische Unterstützung noch eine Ausnahme
Umgang mit Leistungsdruck – Stigma der Psychiatrie
Positiv ist, dass ein Bewusstsein für verschiedene Handlungsmöglichkeiten besteht, wobei insbesondere selbstgesteuerte Methoden im Vordergrund standen: von Mentaltraining (häufigste Antwort) über Sportpsychologie bis hin zu Hypnose, autogenem Training und Achtsamkeitstraining. Mehrheitlich wurden die Angebote als hilfreich erlebt in der Reduktion der Symptome. Ärztlich-therapeutische Angebote wie die Sportpsychiatrie spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle bei den Befragten. Die naheliegende Erklärung liegt im tief verwurzelten Stigma: Der Gang in die Psychiatrie oder Psychotherapie wird im Leistungssport immer noch mit persönlicher Schwäche und Versagen assoziiert, Mentaltraining hingegen mit Stärke und dem Streben nach Erfolg.3
Fazit und Appell
Psychische und psychosomatische Beschwerden im Jugendleistungssport durch Leistungsdruck sind weit verbreitet. Die Nachwuchsathlet:innen zeigen ein grundlegendes Problembewusstsein und den Wunsch nach professioneller Unterstützung. Die Prävention, Diagnostik und Behandlung von psychischen Störungen im Leistungssport gehören zu den Aufgabenbereichen der Sportpsychiatrie, und zwar über die gesamte Lebensspanne. Sowohl auf Grundlage der Ergebnisse meiner Umfrage als auch aus persönlicher Erfahrung möchte ich an die Fachwelt appellieren, bei Kindern und Jugendlichen im Leistungssport frühzeitig anzusetzen: Prävention heisst, nicht erst dann einzugreifen, wenn die Überlastung eingetreten ist, sondern bereits davor. Zum nachhaltigen Schutz der psychischen Gesundheit im Nachwuchsleistungssport wünsche ich mir ein proaktives Handeln der Sportpsychiatrie und -psychotherapie sowie ein Umdenken in der Zusammenarbeit zwischen Medizin, Athlet:innen und Verbänden. Meine drei Vorschläge sind:
Präsenz zeigen
Die Sportpsychiatrie muss aktiv auf uns junge Athlet:innen zukommen, in den Vereinen, Verbänden, Leistungszentren und Sportschulen. Sie soll über ihre Angebote aufklären, wann man sie in Anspruch nimmt und wo sie uns unterstützen kann. Wenn wir diese Möglichkeiten nicht kennen, können wir sie nicht nutzen.
Entstigmatisierung durch strukturelle Integration
Sportpsychiatrische Angebote müssen Teil des Betreuerstabs in Leistungszentren werden. Wenn die psychiatrische Versorgung denselben selbstverständlichen Stellenwert einnimmt wie die Physiotherapie oder Ernährungsberatung, verliert der Gang zur Therapie seinen bedrohlichen Charakter.
Aufklärung und Kommunikation
Es braucht eine offene und unterstützende Kommunikation des Fachgebiets sowie eine systemische Zusammenarbeit zwischen der Sportpsychiatrie und den Verantwortungsträgern des Schweizer Nachwuchssports. Das Fachwissen ist vorhanden; was fehlt, ist die Brücke zur Sportwelt.
Hilfe zu suchen, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Ein starker Athlet ist nicht derjenige, der niemals Hilfe braucht – sondern derjenige, der weiss, wann er sie braucht.
Literatur:
1 Solmi M et al.: Age at onset of mental disorders worldwide: large-scale meta-analysis of 192 epidemiological studies. Mol Psychiatry 2022; 27(1): 281-95 2 Tossici G et al.: Stress and sport performance: a PNEI multidisciplinary approach. Front Psychol 2024; 15: 1358771 3 Gulliver A et al.: Barriers and facilitators to mental health help-seeking for young elite athletes: a qualitative study. BMC Psychiatry 2012; 12: 157
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