State of the Art: Diagnose und Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Autor:
PD Dr. med. Sebastian Euler
Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik Universitätsspital Zürich
E-Mail: Sebastian.Euler@usz.ch
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Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) gehört zu den häufigsten und zugleich am stärksten stigmatisierten psychischen Erkrankungen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Verständnis der Störung jedoch grundlegend verändert: Statt als eine «unbehandelbare» Störung gilt die BPS heute als diagnostisch valide und psychotherapeutisch behandelbare Erkrankung. Aktuelle diagnostische Konzepte und evidenzbasierte Therapieansätze haben wesentlich zu dieser Entwicklung beigetragen.
Keypoints
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Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine valide und behandelbare psychische Erkrankung.
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Die ICD-11 beschreibt Persönlichkeitsstörungen dimensional nach ihrem Schweregrad und ergänzt optional ein «Borderline-Muster».
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Psychotherapie ist die Behandlung erster Wahl; die beste Evidenz besteht für DBT und MBT.
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Psychopharmaka sollten streng limitiert rein symptomorientiert eingesetzt werden.
Prävalenz und Verlauf
Die Prävalenz der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) liegt in der Allgemeinbevölkerung bei etwa 0,7–2,7%. In psychiatrischen Ambulanzen erfüllen etwa 10%, im stationären Bereich rund 20% der Patient:innen die Kriterien einer BPS.1–4
Klinisch stehen emotionale Instabilität, Impulsivität und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen im Vordergrund. Der Verlauf ist dabei weniger stabil, als lange angenommen wurde. Vor allem impulsive Symptome wie selbstverletzendes Verhalten nehmen im Lauf der Jahre häufig ab, während affektive Beschwerden und psychosoziale Einschränkungen oft bestehen bleiben.5,6 Einschränkungen in Beruf, Beziehungen und Alltagsfunktion bleiben häufig bestehen.7,8 Insofern ist es zentral, in der Behandlung den Fokus auf konkrete Veränderungen ausserhalb der Psychotherapie zu legen.
Klinisches Bild und Diagnostik
Die klassischen diagnostischen Kriterien nach DSM-5 umfassen emotionale Instabilität, starke Angst vor dem Verlassenwerden, instabile Beziehungen, Impulsivität, Identitätsstörungen sowie chronische Gefühle innerer Leere. Häufig treten selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität auf. Sogenanntes nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) dient dabei meist der Spannungsregulation und folgt nicht einer suizidalen Intention.9
Die ICD-11 verfolgt bei der Diagnose von Persönlichkeitsstörungen einen dimensionalen Ansatz. Im Vordergrund stehen hier nicht einzelne Symptome, sondern der Schweregrad der Beeinträchtigung von Selbsterleben und Beziehungsgestaltung. Ergänzend kann neben verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen ein «Borderline-Muster» diagnostiziert werden, das sich weiterhin an den etablierten DSM-Kriterien orientiert.10
Abb. 1: Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen in der ICD-11: Borderline-Muster
Empfohlen wird mindestens eine halbstrukturierte Diagnostik, d.h., die einzelnen diagnostischen Kriterien sollten für jede Patientin und jeden Patienten explizit überprüft werden. Wichtig ist zudem, die Diagnose offen anzusprechen, psychoedukativ zu begleiten und auf dieser Grundlage frühzeitig gemeinsam mit den Betroffenen einen Krisenplan zu erstellen.11,12 In DSM-5 und ICD-11 ist die Diagnosestellung bereits im Jugendalter möglich und wird explizit empfohlen.11
Die Abgrenzung zur komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) kann seit der Einführung der ICD-11 schwierig sein. Für die Differenzialdiagnostik ist es wichtig zu realisieren, dass auch die BPS im weiteren Sinne als posttraumatische Erkrankung angesehen werden kann (s.u.). Die Diagnose kPTBS wiederum darf nur gestellt werden, wenn tatsächlich alle drei ereignisbezogenen Traumafolgesymptome (Wiedererleben, Vermeidung, anhaltendes Bedrohungsgefühl) vorhanden sind oder waren.10
Ätiologie: Genetik und frühe Beziehungserfahrungen
Heute gilt die BPS als Folge eines komplexen Zusammenspiels biologischer Vulnerabilität und belastender frühkindlicher Beziehungserfahrungen. Viele Betroffene berichten über sogenannte «adverse childhood experiences» (ACE), insbesondere emotionale Vernachlässigung oder Missbrauch. Das Risiko für solche Erfahrungen ist bei Menschen mit BPS deutlich erhöht.13–15
Das biopsychosoziale Modell nach Linehan beschreibt angeborene emotionale Vulnerabilität und invalidierende Beziehungserfahrungen als zentrale Faktoren der Krankheitsentwicklung. Emotionale Instabilität wird dabei als Kernproblem verstanden. Auf der Basis dieses Modells hat sich die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) entwickelt.16
Ein weiterer wichtiger ätiologischer Erklärungsansatz ist das Mentalisierungsmodell nach Bateman und Fonagy. Dieses geht davon aus, dass frühe Bindungsstörungen die Fähigkeit beeinträchtigen, eigene und fremde Gefühle, Gedanken und Motive angemessen einzuordnen. Unter emotionalem Stress kommt es dann zu Mentalisierungseinbrüchen.17 Auf diesem Modell basiert die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT).
Behandlungsempfehlungen
Die aktuellen Behandlungsempfehlungen der SGPP sowie die deutschsprachige S3-Leitlinie betonen übereinstimmend die zentrale Bedeutung der Psychotherapie.11,12 Die Behandlung der ersten Wahl ist eine störungsspezifische ambulante Psychotherapie. Die beste Evidenz besteht derzeit für die DBT sowie die MBT, besonders wenn NSSV und Suizidalität im Fokus stehen. Darüber hinaus gelten auch die Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP) und die Schematherapie (ST) als wirksame Verfahren.
Die Behandlung erfolgt meist über einen längeren Zeitraum mit mindestens einer wöchentlichen Sitzung. Ergänzend werden gruppentherapeutische Angebote empfohlen, die bei DBT und MBT fester Bestandteil des Behandlungskonzepts sind. Wesentliche methodenübergreifende therapeutische Prinzipien von DBT und MBT sind Validierung, Transparenz, Affektfokussierung, eine aktive therapeutische Haltung und die Erstellung eines Behandlungs- und Krisenplans. Stationäre Aufenthalte sollten möglichst kurz gehalten werden und vor allem der Krisenintervention dienen. Längere stationäre Behandlungen werden nur in spezialisierten psychotherapeutischen Settings, die sich an einem der evidenzbasierten Verfahren orientieren, empfohlen.
Stellenwert der Pharmakotherapie
Psychopharmaka gelten bei der BPS nicht als primäre Behandlung. Leitlinien empfehlen einen symptomorientierten und zeitlich begrenzten Einsatz, beispielsweise bei schweren Spannungszuständen oder komorbiden Erkrankungen.11,12 Benzodiazepine sowie Polypharmazie sollten möglichst vermieden werden. Dennoch zeigen Studien weiterhin hohe Verschreibungsraten, insbesondere im stationären Bereich.18,19
Stigma und Versorgung
Die BPS zählt weiterhin zu den am stärksten stigmatisierten psychiatrischen Diagnosen. Betroffene erleben häufig Vorurteile wie, sie seien «manipulativ», «schwierig» oder «aufmerksamkeitssuchend» – sehr häufig auch innerhalb des Gesundheitssystems.20–22 In den letzten Jahren hat sich der professionelle Umgang jedoch etwas verbessert. Insbesondere durch die Entwicklung störungsspezifischer Therapieverfahren ist die Bereitschaft gestiegen, Menschen mit BPS differenzierter und empathischer zu begegnen.23
Fazit
Moderne diagnostische Konzepte und evidenzbasierte Psychotherapien haben wesentlich dazu beigetragen, Prognose und Behandlungsmöglichkeiten der BPS zu verbessern. Gleichzeitig bleibt die Versorgung vieler Betroffener durch Stigmatisierung und mangelnden Zugang zu spezialisierten Angeboten erschwert. Entscheidend sind daher eine frühe Diagnosestellung sowie der Zugang zu störungsspezifischen psychotherapeutischen Behandlungsangeboten.
Literatur:
1 Volkert J et al.: Prevalence of personality disorders in the general adult population in Western countries: systematic review and meta-analysis. Br J Psychiatry 2018; 213(6): 709-15 2 Winsper C et al.: The prevalence of personality disorders in the community: a global systematic review and meta-analysis. Br J Psychiatry 2020; 216(2): 69-78 3 Zimmerman M et al.: The prevalence of DSM-IV personality disorders in psychiatric outpatients. Am J Psychiatry 2005; 162(10): 1911-8 4 Zimmerman M et al.: The frequency of personality disorders in psychiatric patients. Psychiatr Clin North Am 2008; 31(3): 405-20 5 Arens EA et al.: Stability and change of symptom dimensions in borderline personality disorder over time. Psychopathology 2013; 46(6): 377-84 6 Gunderson JG et al.: Ten-year course of borderline personality disorder: psychopathology and function from the Collaborative Longitudinal Personality Disorders Study. Arch Gen Psychiatry 2011; 68(8): 827-37 7 Zanarini MC et al.: Time-to-attainment of recovery from borderline personality disorder and stability of recovery: a 10-year prospective follow-up study. Am J Psychiatry 2010; 167(6): 663-7 8 Zanarini MC et al.: Prediction of time-to-attainment of recovery for borderline patients followed prospectively for 16 years. Acta Psychiatr Scand 2014; 126(2): 112-9 9 Reichl C, Kaess M: Self-harm in the context of borderline personality disorder. Curr Opin Psychol 2021; 37: 139-44 10 Euler S: Mentalisieren bei Persönlichkeitsstörungen. Stuttgart: Klett-Cotta, 2021 11 Euler S et al.: Behandlungsempfehlungen zur Borderline-Persönlichkeitsstörung. Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP). 2018; doi: 10.4414/sanp.2018.00598 12 Lieb K et al.: S3-Leitlinie Borderline-Persönlichkeitsstörung. AWMF-Register-Nr. 038-015. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). 2022 13 Kaess M et al.: Borderline personality disorder in adolescence. Pediatrics 2014; 134(4): 782-93 14 Fonagy P et al.: What we have changed our minds about: Part 2. Borderline personality disorder, epistemic trust and the developmental significance of social communication. Borderline Personal Disord Emot Dysregul 2017; 4: 9 15 Bohus M et al.: Borderline personality disorder. Lancet 2021; 398(10310): 1528-40 16 Linehan MM: Cognitive-Behavioral Treatment of Borderline Personality Disorder. New York: Guilford Press, 1993 17 Bateman AW, Fonagy P: Mentalization-based Treatment for Borderline Personality Disorder: a practical guide. Oxford: Oxford University Press, 2006. 1-206 18 Bridler R et al.: Psychopharmacological treatment of 2195 in-patients with borderline personality disorder: A comparison with other psychiatric disorders. Eur Neuropsychopharmacol 2015; 25(6): 763-72 19 Riffer F et al.: Psychopharmacological treatment of patients with borderline personality disorder: comparing data from routine clinical care with recommended guidelines. Int J Psychiatry Clin Pract 2019; 23(3): 178-88 20 Klein P et al.: People with borderline personality disorder experiences of mental health services in an Australian context: associated anxiety and structural stigma. Aust N Z J Psychiatry 2026; doi: 10.1177/00 048674261452046, online ahead of print 21 Sulzer SH et al.: Improving patient-centered communication of the borderline personality disorder diagnosis. J Ment Health 2016; 25(1): 5-9 22 Lawn S et al.: Experiences of care by Australians with a diagnosis of borderline personality disorder. J Psychiatr Ment Health Nurs 2015; 22(7): 510-21 23 Day N et al.: Clinician attitudes towards borderline personality disorder: a 15-year comparison. Personal Ment Health 2018; 12(4): 309-20
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