Patientenorientierte Alkoholtherapie-forschung: Mixed-Methods-Analyse zur Therapielatenz
Autor:innen:
Dr. hum. biol. Susanne Rösner
PD Dr. med. Thomas Maier
Forel Klinik
Ellikon an der Thur
E-Mail: susanne.roesner@forel-klinik.ch
Die Forel Klinik hat mit dem Projekt PAT-F eine Studie zur stationären Alkoholentwöhnung initiiert, die sich durch Fokus und Methodik von klassischen Forschungsansätzen unterscheidet. Indem sie quantitative und qualitative Daten im Rahmen eines explorativ-sequenziellen Mixed-Methods-Designs zusammenführt, integriert sie Skalenwerte mit der phänomenologischen Ebene des Patientenerlebens, um abhängigkeits- und therapierelevante Prozesse in ihrer Ganzheit abzubilden. Die Vorteile dieses innovativen Ansatzes werden in der vorliegenden Publikation am konkreten Beispiel der Therapielatenz erläutert.
Patientenerleben als Wissensquelle
Obwohl Mixed-Methods-Ansätze und die damit verbundene Kombination qualitativer und quantitativer Daten kontinuierlich weiterentwickelt werden, hat sich deren Anwendung in der medizinisch-psychiatrischen Forschung bislang kaum etabliert.1–3
Dabei bietet die Zusammenführung beider Datentypen entscheidende Vorteile: Quantitative Daten erfassen die Ausprägung, Verteilung und Veränderung von Merkmalen in der Gesamtstichprobe, während qualitative Daten die zugrunde liegenden Prozesse und Einflussfaktoren explorieren.1
Patienten sind nicht nur Experten ihrer eigenen Krankheitsgeschichte. Sie verfügen auch über ein einzigartiges Erfahrungswissen darüber, welche innerpsychischen Prozesse durch therapeutische Interventionen angestossen und wie Behandlungseffekte auf subjektiver Ebene vermittelt werden. Schliesslich manifestiert sich die Wirksamkeit von Therapien in der prozessualen Dynamik des Erlebens, die nur aus der subjektiven Innenperspektive rekonstruiert werden kann.4 Daher bedürfen Zahlenwerte auf klinischen Skalen einer phänomenologischen Kontextualisierung, während qualitative Daten umgekehrt durch numerische Werte kontextuell eingeordnet werden können.5
Dies gilt in besonderem Masse für Abhängigkeitserkrankungen und Störungen durch Substanzkonsum. Während sich die Effekte einer therapeutischen Behandlung auf objektiver Ebene – etwa durch Laborkontrollen – nachweisen lassen, bleiben die vermittelnden Prozesse auf der individuellen Erlebensebene oft unklar.
Ein analoges Muster zeigt sich beim Entscheidungsprozess der Patienten hinsichtlich der Inanspruchnahme institutioneller Behandlungen. Zwar ist aus der epidemiologischen Forschung bekannt, dass Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen – insbesondere einer Alkoholabhängigkeit – eine professionelle Behandlung erst sehr spät oder gar nicht in Anspruch nehmen.6–8 Das Patientenerleben während des Entscheidungsprozesses wurde bislang jedoch kaum exploriert.
PAT-F: Patientenorientierte Alkoholtherapieforschung
Mit der «Patientenorientierten Alkoholtherapieforschung» (PAT-F) hat die Forel Klinik eine Studie initiiert, die das subjektive Erleben von Patienten in der stationären Alkoholentwöhnung in den Mittelpunkt der Forschung stellt. Ziel der Studie ist es, die subjektive Erlebensperspektive der Patienten zu erfassen und für eine verbesserte Planung und Umsetzung therapeutischer Massnahmen nutzbar zu machen.
Die Datenerhebung im PAT-F-Projekt erfolgt mittels Online-Fragebögen (Plattform: REDCap), die von Patienten der stationären Alkoholentwöhnung bei Ein- und Austritt bearbeitet werden. Ergänzend zu den geschlossenen Fragen mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten sind in den Fragebögen offene Fragen enthalten, die den Patienten die Möglichkeit geben, ihr Erleben und ihre Wahrnehmungen in eigenen Worten zu äussern.
Die Studie folgt einem iterativen, explorativ-sequenziellen Mixed-Methods-Design.5 Der vorliegende Beitrag berichtet exemplarisch über die Ergebnisse der ers-ten Phase zur Therapielatenz und beschreibt die methodische Planung für die zweite Phase. In der ersten Iterationsphase wurde die Therapielatenz in der Stichprobe zunächst quantitativ durch die Anzahl der Jahre bis zum Behandlungsbeginn erfasst.
Parallel dazu wurden die Gründe für die Therapielatenz qualitativ über offene Freitextfragen exploriert. Die Analyse dieser Fliesstexte folgte den Prinzipien der Grounded Theory von Charmaz9 als iterativ-zirkulärem Verfahren. Hierbei wurde das Kategoriensystem durch das Datenmaterial kontinuierlich modifiziert und hierarchisch integriert, um die zugrunde liegenden Barrieren sowie theoretischen Konzepte zu identifizieren. Die technische Umsetzung und visuelle Strukturierung der qualitativen Datenanalyse erfolgten über die Software MAXQDA (MAXQDA Version 2026).13
In der folgenden zweiten Iterationsphase werden die Häufigkeiten der identifizierten qualitativen Kategorien über standardisierte Zustimmungsskalen operationalisiert, um eine quantitative Validierung zu erzielen. Gleichzeitig werden die aus der ersten Phase abgeleiteten Hypothesen explorativ weiter vertieft. Das Design realisiert somit einen zirkulären Prozess, bei dem die hier präsentierten Ergebnisse der ersten Phase direkt das Fundament für die inhaltliche und methodische Weiterentwicklung bilden.
Stichprobe
In die Studie einbezogen wurden alle in die stationäre Behandlung der Forel Klinik eintretenden Patienten, die sich nach erfolgter Aufklärung und schriftlicher Einwilligung («informed consent») für eine Teilnahme an dem PAT-F-Projekt entschieden hatten. Von den 202 Patienten, die zum Aufklärungsgespräch eingeladen wurden, nahmen 140 Personen an der Studie teil (Teilnahmequote: 69,3%).
Ein Gruppenvergleich zwischen Teilnehmenden und Nichtteilnehmenden zeigt, dass Personen in der Teilnahmegruppe im Durchschnitt ein höheres Alter aufwiesen (p=0,018) und häufiger männlichen Geschlechts waren (p=0,036). Hinsichtlich des Abstinenzkriteriums unterschieden sich die beiden Gruppen hingegen nicht signifikant voneinander.
Anwendungsbeispiel: Therapielatenz
Als konkretes Beispiel für unseren iterativen Ansatz dient die Entwicklung von Items zur Therapielatenz bei Personen mit Alkoholproblemen. Ausgangspunkt sind die oben beschriebenen Befunde aus der epidemiologischen Forschung zur verzögerten Inanspruchnahme alkoholbezogener Therapien.6–8 Über die subjektive Erlebensperspektive zur Therapielatenz ist bislang wenig bekannt.
Patienten in der PAT-F-Stichprobe wiesen nach der Manifestation alkoholbezogener Probleme eine durchschnittliche Therapielatenz von fünf Jahren (SD = 2,0) auf, bis sie erstmals therapeutische Unterstützung in Anspruch nahmen. Von insgesamt 130 Patienten lagen in eigenen Worten formulierte Rückmeldungen vor. Von diesen gaben 33 Personen an, dass die Entscheidung für eine stationäre Behandlung spontan und ohne bewusstes Zögern erfolgte, sodass die qualitativen Freitexte von 97 Patienten für die vertiefende Analyse der Therapielatenz genutzt werden konnten.
Aus den Berichten wurden insgesamt 147 Codes identifiziert, die in einem iterativ-zirkulären Verfahren nach den Prinzipien der Grounded Theory9 sieben Kategorien zugeordnet wurden. Als primäre Barrieren gegenüber einer Inanspruchnahme therapeutischer Unterstützung wurden Aspekte der Selbst- und Fremdstigmatisierung (20,4%), familiäre Verantwortungskonflikte (19,7%) und die Hoffnung auf eine eigenständige Symptombewältigung (17,0%) identifiziert. Darüber hinaus trugen alltagsbezogene (12,9%), motivationale (7,5 %), störungsspezifische (6,1%) sowie autonomiebezogene Faktoren (3,4%) zu einer Verzögerung der Inanspruchnahme bei, während die restlichen 12,9% der Nennungen auf diverse Faktoren entfielen.
Aus der hierarchischen Integration der Kategorien wurden zwei übergeordnete Dimensionen abgeleitet, die abhängigkeitsspezifische Aspekte der Therapielatenz und die besondere Dynamik der Entscheidungssituation hypothetisch erklären können.
Volitionales Krankheitsmodell
Aus den freien Rückmeldungen wird deutlich, dass Patienten selbst ihre Abhängigkeitserkrankung oftmals als Ausdruck von «Willensschwäche» interpretieren. Eine interne, kontrollierbare Ursachenattribuierung10 nach dem Prinzip «ich habe das Problem selbst verursacht, also muss ich es selbst lösen» generiert einen Teufelskreis aus Selbstkontrollversuchen, Kontrollverlusten und Schuldzuweisungen. Dieser Kreislauf verstärkt das Selbststigma und trägt über wiederholte erfolglose Selbstbewältigungsversuche zur Chronifizierung bei.
Systemische Barrieren
Die im Vergleich zu anderen psychiatrischen Interventionen tendenziell längere Dauer von Entwöhnungsbehandlungen kann zusätzlich zur Verschärfung des Entscheidungsdilemmas und zur Wiederholung von Selbstkontrollversuchen beitragen. Zwar hat die Dauer einer stationären Alkoholentwöhnung einen stabilisierenden Einfluss auf die Kontrollkompetenz und Abstinenzfähigkeit von Patienten11 – im Vorfeld kann die antizipierte Dauer der Abwesenheit jedoch die Verantwortungskonflikte und das wahrgenommene Stigmatisierungsrisiko verstärken. Zudem erhöht der zeitliche Rahmen die subjektiv-persönlichen «Kosten» im Falle eines Therapiescheiterns.
Um eine quantitative Einordnung der identifizierten Kategorien zu ermöglichen, werden kategoriale Bewertungen in der Gesamtstichprobe erfasst. Gleichzeitig werden die abgeleiteten Hypothesen zum volitionalen Krankheitsmodell und zur Bedeutung der systemischen Barrieren im Zuge des fortlaufenden Forschungsprozesses weiter konzeptionell vertieft.
Schlussfolgerungen
Die exemplarische Anwendung eines sequenziellen Mixed-Methods-Designs am Beispiel der Therapielatenz bei Abhängigkeitserkrankungen verdeutlicht, wie qualitative Berichte von Patienten zu einem vertieften Verständnis quantitativer Kennwerte beitragen können. Erst durch diese phänomenologische Kontextualisierung gelingt es, die psychosozialen Barrieren hinter den rein statistischen Kennzahlen sichtbar und damit für die klinische Praxis zugänglich zu machen.
Die Therapielatenz liegt im PAT-F-Sample mit einer Dauer von durchschnittlich fünf Jahren deutlich unter den publizierten internationalen Vergleichswerten.6–8 Neben spezifischen Merkmalen der Stichprobe (z.B. Komorbidität; soziale und berufliche Integration) sind hierfür auch länderspezifische Unterschiede in den Finanzierungsstrukturen der Gesundheitsversorgung und den sozialen Sicherungssystemen zu berücksichtigen. Aus der empirischen Abweichung ergeben sich potenzielle Einschränkungen in der Generalisierbarkeit der Ergebnisse, die neben der Repräsentativität quantitativer Kennwerte auch die Übertragbarkeit der qualitativen Erkenntnisse betreffen können.
Während der Mittelwert der Therapielatenz eine relative Einordnung zu anderen Stichproben und Settings erlaubt, gewähren die qualitativen Daten Einblicke in die dahinterliegende Erlebensperspektive der Patienten. Die Analyse zeigt, dass der Entschluss zur Inanspruchnahme einer Therapie als ambivalentes Spannungsfeld erlebt wird. In dieser Abwägung müssen die Betroffenen die Erfolgschancen und Risiken einer Behandlung gegenüber einer eigenständigen Symptombewältigung antizipieren und bewerten – eine komplexe kognitive und emotionale Anforderung, welche die Patienten in einer ohnehin hochgradig belastenden Situation12 bewältigen müssen.
Die exemplarische Veranschaulichung der Ergebnisse zur Therapielatenz verdeutlicht, wie quantitative und qualitative Daten in einem sequenziellen Mixed-Methods-Design synergetisch ineinandergreifen und eine sukzessive Annäherung an die Struktur und Dynamik komplexer Entscheidungsprozesse ermöglichen. Dieses vertiefte Verständnis bietet das Fundament für die Ableitung patientenorientierter, wirksamer Massnahmen zum Abbau von Behandlungsbarrieren, die letztlich zur Reduktion der individuellen, ökonomischen und gesellschaftlichen Folgekosten alkoholbezogener Störungen beitragen können.
Literatur:
1 Palinkas LA et al.: Mixed-methods designs in mental health services research: a review. Psychiatr Serv 2011; 62(3): 255-63 2 Sørensen CW et al.: Potential advantages of combining randomized controlled trials with qualitative research in mood and anxiety disorders - a systematic review. J Affect Disord 2023; 15; 325: 701-12 3 Demkowicz O et al.: Advancing mixed methods in mental health research. BMJ Mental Health 28(1): e301401 4 Soto JD: Micro-phenomenology applied to research in psychotherapy: a first-person approach to the study of the subjective experience of the psychotherapy process. In: Tomicic A & Soto JD (Hrsg): Qualitative research in clinical psychology and psychotherapy in Latin America. Cham: Springer Nature Switzerland, 219–239 5 Creswell JW, Plano Clark VL: Designing and conducting mixed methods research. 3. Auflage. New York: SAGE Publications, 2018. 1-492 6 Chapman C et al.: Delay to first treatment contact for alcohol use disorder. Drug and Alcohol Depend 2015; 147: 116-21 7 Venegas A et al.: Understanding low treatment seeking rates for alcohol use disorder: a narrative review of the literature and opportunities for improvement. Am J Drug Alcohol Abuse 2021; 47(6): 664-74 8 Birrell L et al.: Treatment rates and delays for mental and substance use disorders: results from the Australian National Survey of Mental Health and Wellbeing. Epidemiol Psychiatr Sci 2025; 34: e8 9 Charmaz K: Constructing grounded theory. A practical guide through qualitative analysis. London: Sage Publications, 2006. 1-208 10 Weiner B: An attributional theory of achievement motivation and emotion. Psychol Rev 1985; 92(4): 548-73 11 Senn S et al.: What is the relapse risk during treatment? Survivor analysis of single and multiple relapse events in inpatients with alcohol use disorder as part of an observational study. J Subst Abuse Treat 2022; 138: 108754 12 Rösner S et al.: Alkoholabhängigkeit: Abstinenz als Leistung. Leading Opinions Neurologie und Psychiatrie 2019; 1: 22-7 13 VERBI Software: MAXQDA. Software für qualitative Datenanalyse. Berlin, Deutschland: VERBI Software, 2026
Das könnte Sie auch interessieren:
State of the Art: Diagnose und Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) gehört zu den häufigsten und zugleich am stärksten stigmatisierten psychischen Erkrankungen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das ...
Nikotinprävention und Nichtraucherschutz zwischen klinischer Realität und WHO-Auszeichnung
Das Schweizer Engagement der institutionellen Nikotinprävention im Gesundheitswesen wurde kürzlich mit einer «WHO World No Tobacco Day Award» gewürdigt. Dabei ist die Schweiz ausserhalb ...
Schlafstörungen bei Transidentität: Risiken priorisieren, Mechanismen behandeln
Schlafbeschwerden bei trans und genderdiversen Menschen sind häufig multifaktoriell. Geschlechtsbezogene Dysphorie, Minderheitenstress, psychische und somatische Erkrankungen, ...