Update: Klassifikation, Therapie, Kontroversen
Autorin:
OÄ Dr. Leyla Ay
Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie
Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie
Klinik Floridsdorf
E-Mail: leyla.ay@gesundheitsverbund.at
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Diagnostik und Therapie der selten vorkommenden Thymome sind eine klinische Herausforderung. Der nachfolgende Artikel bietet einen Überblick über die aktuelle Evidenzlage.
Keypoints
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Die Therapie von thymischen epithelialen Tumoren (TET) erfolgt stadiengerecht und orientiert sich primär an der Erreichbarkeit einer kompletten (R0-)Resektion als entscheidendem prognostischem Faktor.
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Nach kompletter Resektion ist die postoperative Radiotherapie (PORT) neben einer lokoregionären Rezidivkontrolle mit einem verlängerten Gesamtüberleben assoziiert, insbesondere im Stadium III.
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Bei lokal fortgeschrittenen TET erhöht die Induktionschemotherapie die Wahrscheinlichkeit einer R0-Resektion und stellt einen zentralen Baustein multimodaler Therapiekonzepte dar.
Thymome stellen eine seltene Tumorentität dar, deren Diagnostik und Therapie aufgrund limitierter Evidenz besondere Herausforderungen bergen.
Thymome und thymische Karzinome entstehen aus dem Thymusepithel und werden zusammen mit thymischen neuroendokrinen Neoplasien als thymische epitheliale Tumoren (TET) zusammengefasst.
Thymome sind organotypische Tumoren (WHO A, AB, B1–B3), die die thymische Architektur teilweise bewahren, die T-Zell-Reifung unterstützen und meist mit einer günstigen Prognose assoziiert sind.
Demgegenüber sind thymische Karzinome nichtorganotypisch, biologisch aggressiver, fördern keine T-Zell-Reifung und werden häufig in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert, was mit einer ungünstigeren Prognose einhergeht. Thymische neuroendokrine Neoplasien stellen eine sehr seltene, prognostisch ungünstige Subgruppe dar.
Insgesamt verdeutlicht diese Klassifikation die ausgeprägte biologische und klinische Heterogenität der TET, weshalb die exakte histologische Zuordnung Grundlage prognostischer Einschätzung und entitätsadaptierter Therapieentscheidungen ist (Tab.1).
Tab. 1:Besonderheiten in der klinischen Differenzierung zwischen Thymomen und Thymuskarzinomen (WCLC 2025)
Kontroversen der Staging-Systeme
Das Masaoka-Koga-Staging stellt nach wie vor das am weitesten etablierte System zur Therapieplanung und Prognoseabschätzung insbesondere für Thymome dar und bildet die Grundlage der meisten verfügbaren klinischen Evidenz.
Parallel dazu wurde durch eine gemeinsame Initiative von ITMIG und IASLC ein anatomiebasiertes Staging-System entwickelt, das die Basis für die Einführung des TNM-Systems der AJCC (8. Auflage) für alle TET bildete.
Ein Update der TNM-Klassifikation wurde im vergangenen Jahr überarbeitet und als 9. TNM-Edition publiziert. Diese unterscheidet sich von der TNM-8-Version insbesondere durch eine Weiterentwicklung der T-Kategorie, mit dem Ziel, die lokale Tumorausdehnung präziser abzubilden und deren prognostische Relevanz besser zu differenzieren. Grundlage hierfür waren große internationale Registerdatenmengen mit mehreren tausend Patient:innen, die die Bedeutung der lokalen Invasionstiefe für Rezidivrisiko und Überleben eindeutig belegen.
Trotz der Weiterentwicklung des Staging-Systems basieren die aktuellen Therapieempfehlungen weiterhin überwiegend auf dem Masaoka-Koga-Staging, da der Großteil der verfügbaren therapeutischen Evidenz auf diesem System beruht. Die Masaoka-Koga-Stadien lassen sich weitgehend konsistent auf das TNM-9-System übertragen (Abb.1). Unterschiede ergeben sich vor allem bei der Bewertung der Kapselinvasion sowie der mediastinalen Pleurainvasion, denen im TNM-9-System eine geringere prognostische Gewichtung zukommt. Insgesamt unterstreicht die hohe Übereinstimmung beider Systeme die klinische Kontinuität und Anwendbarkeit des neuen Stagings.
Abb. 1:Weitgehende Übereinstimmung der Masaoka-Koga- und TNM-9-Stadien mit wenigen Abweichungen (mod. nach Ruffini E et al. WCLC 2025)
Therapien der thymischen epithelialen Tumoren
Alle Patient:innen mit einem wahrscheinlichen thymischen Tumor sollten in einem multidisziplinären Expert:innenteam mit Erfahrung in der Behandlung von Thymomen und thymischen Karzinomen betreut werden. Dieses umfasst in der Regel Thoraxchirurg:innen, Radioonkolog:innen, internistische Onkolog:innen, Neurolog:innen, Patholog:innen sowie Spezialist:innen für diagnostische Bildgebung, um eine stadien- und entitätsgerechte Therapieplanung sicherzustellen.
Resektion
Ein Großteil der Patient:innen kann einer Operation mit kurativer Intention zugeführt werden. Bei lokal fortgeschrittener oder fortgeschrittener Erkrankung ist jedoch häufig ein multimodaler Therapieansatz erforderlich, der chirurgische Therapie, Strahlentherapie und/oder systemische Therapie in sequenzieller oder kombinierter Form integriert.
Die Therapie thymischer epithelialer Tumoren erfolgt stadiengerecht mit dem primären Ziel einer kompletten (R0-)Resektion, die den wichtigsten prognostischen Faktor darstellt. In frühen Stadien ist die primäre chirurgische Resektion Standard. In lokal fortgeschrittenen Stadien wird ein multimodales Vorgehen angestrebt, um die Resektabilität zu verbessern und eine R0-Resektion zu ermöglichen. In fortgeschrittenen Stadien bleibt eine operative Therapie sorgfältig selektionierten Patient:innen vorbehalten, da die Wahrscheinlichkeit einer R0-Resektion stadienabhängig deutlich abnimmt und eng mit dem Langzeitüberleben korreliert.
Postoperative Radiotherapie
Die postoperative Radiotherapie (PORT) ist neben einer exzellenten lokoregionären Kontrolle auch mit einem signifikanten Überlebensvorteil assoziiert. In Analysen der Stadien II–III zeigt sich ein signifikant verlängertes Gesamtüberleben für Patient:innen, die zusätzlich zur Operation eine PORT erhielten, im Vergleich zur alleinigen chirurgischen Therapie (p=0,002). Dieser Effekt ist insbesondere im Stadium III ausgeprägt, wo PORT mit einem deutlichen und hochsignifikanten Vorteil im Gesamtüberleben einhergeht (p=0,0005), was die Bedeutung einer adjuvanten lokalen Therapie in fortgeschrittenen Stadien unterstreicht.
Induktionschemotherapie
Die Induktionschemotherapie ist bei lokal fortgeschrittenen TET ein zentraler Bestandteil multimodaler Therapiekonzepte mit dem Ziel, durch Tumorreduktion die Resektabilität zu verbessern und eine R0-Resektion zu ermöglichen.
Überwiegend retrospektive Daten zeigen für platinhaltige Kombinationschemotherapien konsistent hohe objektive Ansprechraten von etwa 60–100%. Insbesondere Anthrazyklin- und Cisplatin-basierte Regime (z.B. ADOC, CAP/CAMP, CEE) erreichen relevante R0-Resektionsraten von über 60% und unterstreichen die Rolle der Induktionschemotherapie als effektive Downstaging-Strategie. Auch taxanbasierte Kombinationen stellen bei Kontraindikationen gegen Anthrazykline eine wirksame Alternative dar.
Patient:innen, die nach Induktionstherapie einer vollständigen Resektion zugeführt werden können, zeigen in selektionierten Kollektiven sehr günstige Langzeitüberlebensraten, was die prognostische Bedeutung dieses Ansatzes trotz limitierter Evidenzlage bestätigt.
Neoadjuvante Radiochemotherapie
Aufbauend auf den hohen Ansprechraten der Induktionschemotherapie stellt die neoadjuvante Radiochemotherapie einen erweiterten multimodalen Ansatz zur Optimierung der Resektabilität bei lokal fortgeschrittenen TET dar. Trotz moderater objektiver Ansprechraten (≈50%) werden in prospektiven Studien hohe R0-Resektionsraten von 75–83% erreicht; eine nachfolgende Resektion ist klar mit einem verlängerten progressionsfreien Überleben assoziiert. Die neoadjuvante Radiochemotherapie dient somit primär als Resektabilitätsstrategie und ist in spezialisierten Zentren gerechtfertigt.
Antiangiogene Therapien
Da die Dauer der Krankheitskontrolle unter klassischer Chemotherapie begrenzt ist, gewinnen zielgerichtete und immuntherapeutische Ansätze insbesondere im Rezidiv an Bedeutung. Die RELEVENT-Studie zeigte mit Ramucirumab plus Carboplatin/Paclitaxel beim metastasierten thymischen Karzinom eine sehr hohe Wirksamkeit (ORR: 80%; DCR: 100%; medianes PFS: 18,1 Monate) und dient als Proof-of-Concept für antiangiogene Therapien, erfordert jedoch eine strenge Patient:innenselektion.
Multikinase-Inhibitoren
Multikinase-Inhibitoren (v.a. Sunitinib, Lenvatinib) zeigen in Phase-II-Studien hohe Krankheitskontrollraten bei moderaten Remissionsraten und relevanter Toxizität; ihr klinischer Nutzen liegt primär in der Krankheitsstabilisierung.
Immuncheckpoint-Inhibitoren
Immuncheckpoint-Inhibitoren spielen in der Therapie thymischer Tumoren bislang nur eine untergeordnete Rolle. Während beim thymischen Karzinom objektive Ansprechraten von etwa 20–25% beschrieben sind, ist ihr Einsatz mit einem erhöhten Risiko für schwere immunvermittelte Nebenwirkungen assoziiert. Insbesondere bei Thymomen wurden seltene, jedoch potenziell fulminante immuntoxische Ereignisse wie Myokarditis, Myositis oder neuromuskuläre Komplikationen beobachtet.
Aufgrund dieses ungünstigen Nutzen-Risiko-Profils wird der routinemäßige Einsatz von Checkpoint-Inhibitoren bei Thymomen derzeit nicht empfohlen. Beim thymischen Karzinom sollte ihr Einsatz auf sorgfältig selektionierte Patient:innen in spezialisierten Zentren beschränkt bleiben.
Literatur:
● Riely GJ et al.: Thymomas and Thymic Carcinomas, Version 2.2025, NCCN Clinical Practice Guidelines in Oncology. J Natl Compr Canc Netw 2025; 23(6): 255-69 ● Detterbeck FC et al.: The IASLC/ITMIG Thymic Epithelial Tumors Staging Project: proposal for an evidence-based stage classification system for the forthcoming 8th edition of the TNM classification of malignant tumors. J Thorac Oncol 2014; 9(Suppl. 2): 65-72 ● Ruffini E et al.: The IASLC International Thymic Epithelial Tumors Staging Project: an overview of the database informing revision of the ninth edition of the TNM classification of malignant tumors. JThorac Oncol 2023; 18(12): 1655-671 ● Fang W et al.: The IASLC/ITMIG Thymic Epithelial Tumors Staging Project: proposals for the N and M components for the forthcoming (ninth) edition of the TNM classification of malignant tumors. J Thorac Oncol 2024 ● Detterbeck FC et al.; Staging and Prognostic Factors Committee; Members of the Advisory Boards; Participating Institutions of the Thymic Domain: The IASLC/ITMIG thymic malignancies staging project: development of a stage classification for thymic malignancies. J Thorac Oncol 2013; 8(12): 1467-73 ● Rimner A et al.: Postoperative radiation therapy is associated with longer overall survival in completely resected stage II and III thymoma – an analysis of the International Thymic Malignancies Interest Group Retrospective Database. J Thorac Oncol 2016; 11(10): 1785-92 ● Kim ES et al.: Phase II study of cisplatin, doxorubicin, and cyclophosphamide (CAP) followed by surgery and radiation therapy for locally advanced thymoma. Lung Cancer 2004; 44(3): 369-79 ● Merveilleux du Vignaux C et al.: Chemotherapy and targeted therapies in thymic epithelial tumors: a systematic review. J Thorac Oncol 2018; 13(6): 846-59 ● Xu Y et al.: Neoadjuvant docetaxel-cisplatin chemoradiotherapy for locally advanced thymic epithelial tumors. JTO Clinical and Research Reports 2025● Proto C et al.: Efficacy and safety of ramucirumab plus carboplatin and paclitaxel in untreated metastatic thymic carcinoma: the RELEVANT phase II trial (NCT03921671). Ann Oncol 2024 ● Agrafiotis AC et al.: Targeted therapies and immunotherapy in thymic epithelial tumors. Int J Mol Sci 2023 ● Klug M et al.: The Ninth Edition TNM Staging System for Thymic Epithelial Tumors: A Comprehensive Review. Radiol Cardiothorac Imaging 2025; 7(5): e250144 ● Zhao C et al.: Immune checkpoint inhibitors for treatment of thymic epithelial tumors: how to maximize benefit and optimize risk? Mediastinum 2019; 3: 35
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