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Palliativmedizin

Selbstfürsorge als professionelle Kompetenz in der Palliative Care

Die Begleitung schwer kranker und sterbender Menschen sowie Kostendruck und organisationale Herausforderungen stellen Fachpersonen der Palliative Care vor hohe persönliche Anforderungen. Belastungen wie Burnout, «compassion fatigue» und Coolout können zunehmen. Der Beitrag versteht Selbstfürsorge aus existenzanalytischer Perspektive weniger als Handlung denn als Haltung undbeleuchtet sie als wesentlichen Bestandteil professioneller Kompetenz.

Keypoints

  • Selbstfürsorge ist mehr Haltung als Handlung.

  • Sie beinhaltet die Freiheit zur Entscheidung und die Übernahme von Verantwortung für das eigene Verhalten.

  • Resonanzfähigkeit ist die Grundlage für professionelle Beziehungsgestaltung.

«Wie hältst du das bloss aus?»

Kaum eine Frage wird Fachpersonen in der Palliative Care häufiger gestellt als «Wie hältst du das bloss aus?». Die Antwort verweist meist auf die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit, die Begegnungen mit Patient:innen sowie die Erfahrung, Menschen in existenziellen Lebenssituationen begleiten zu dürfen. Diese Antworten decken sich dabei mit den Ergebnissen der schweizweiten Befragung zur Erfüllung bei der Arbeit.1 Gleichzeitig folgt auf diese Antwort vom Gegenüber oft ein wohlmeinender Hinweis: «Da musst du aber gut auf dich selbst achten.»

Diese scheinbar einfache Empfehlung verweist auf ein Spannungsfeld, das die professionelle Praxis seit jeher begleitet: die Balance zwischen Fürsorge für andere und Fürsorge für sich selbst. Obwohl die Bedeutung von Selbstfürsorge weithin bekannt ist, gelingt ihre Umsetzung im beruflichen Alltag oft nur unzureichend. Die Herausforderung besteht weniger im fehlenden Wissen als vielmehr darin, dieses Wissen in eine proaktive, ganzheitliche und personalisierte Praxis zu überführen.2

Zwei Seiten einer Medaille?

Fürsorge lässt sich als Haltung der Zugewandtheit verstehen, die den Menschen in seiner körperlichen, psychischen, sozialen und spirituellen Ganzheit in den Mittelpunkt stellt. Besonders in der Palliative Care bleibt diese Haltung auch dann bestehen, wenn Heilung im kurativen Sinn nicht mehr möglich ist. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Patientin, den Patienten oder die Angehörigen. Rollen, Verantwortlichkeiten und Handlungsspielräume sind weitgehend definiert.

Anders verhält es sich mit der Selbstfürsorge. Auch sie ist eine Haltung der Zugewandtheit – jedoch gegenüber der eigenen Person – und umfasst die gleichen Dimensionen. Dennoch erleben viele Fachpersonen die Selbstfürsorge als deutlich schwieriger. Während die professionelle Rolle Orientierung bietet, bleibt die Beziehung zu sich selbst häufig diffus und wenig eingeübt.3

Historische und kulturelle Wurzeln mangelnder Selbstfürsorge

Die Geschichte der Pflege und Fürsorgearbeit erklärt teilweise, warum Selbstfürsorge bis heute ambivalent bewertet wird. Pflege entwickelte sich in Europa massgeblich aus religiösen und karitativen Traditionen. Werte wie Hingabe, Geduld, Opferbereitschaft und Dienst am Nächsten prägten das professionelle Selbstverständnis über Generationen hinweg. Hinzu kommt die stark weibliche Prägung vieler Sorgeberufe.

Die gesellschaftliche Erwartung, dass eigene Bedürfnisse zugunsten anderer zurückgestellt werden, beeinflusst daher bis heute die Berufsidentität zahlreicher Fachpersonen.4 Viele haben früh gelernt, Verantwortung für andere zu übernehmen, jedoch wenig Anleitung darin erhalten, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen sowie angemessen (!) zu berücksichtigen und zu kommunizieren. Selbstfürsorge erscheint dadurch häufig als Luxus und Wellnessprogramm oder sogar als Ausdruck von Egoismus. Die Kehrseite dieser fehlenden Selbstbeachtung beschreiben Kranz und Schallenburger (2026) als «Kultur des Jammerns», die in Pflegefachkreisen immer wieder zu beobachten sei.

Belastungsphänomene in der Palliative Care

Die Anforderungen in der Palliative Care gehen weit über die körperliche Versorgung hinaus. Neben Symptomkontrolle und pflegerischer Betreuung umfasst die Arbeit auch die Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen bei Patient:innen, aber auch bei Angehörigen sowie die Bewältigung eigener ethischer Konflikte.

Diese Belastungen können zu unterschiedlichen Formen von Erschöpfung führen, die mehr und mehr in den wissenschaftlichen Fokus rücken:

Beim Burnout (ICD-11-Code: QD85) wird emotionale, körperliche und geistige Erschöpfung infolge chronischer Überlastung fokussiert, die durch langfristige (Über-)Beanspruchung der eigenen Ressourcen entstanden ist und Krankheitswert hat. «Compassion fatigue» bezieht sich hingegen auf eine Mitgefühls- oder Empathieerschöpfung. Davon Betroffene funktionieren zwar weiterhin im Berufsalltag, verlieren jedoch zunehmend ihre Fähigkeit zur emotionalen Resonanz. Die professionelle Begegnung wird reduziert auf die Erfüllung von Aufgaben.3 Als drittes Belastungsphänomen beschreibt Kersting den Coolout. Hier steht weniger die Belastung durch Patient:innen als vielmehr die Frustration über organisatorische Rahmenbedingungen im Vordergrund. Wiederholte Erfahrungen von Ohnmacht und mangelnder Gestaltungsmöglichkeit führen zu Rückzug, Zynismus und innerer moralischer Distanzierung, sodass Normverletzungen immer mehr als Norm hingenommen werden. Emotionale Kälte wird so zum Überlebensmuster.5

Wenngleich auf unterschiedliche Weise verursacht, stellen die Phänomene auch durch ihre mögliche Kumulation eine grosse Belastung für die Betroffenen sowie die Patient:innen dar. Für die Organisation ergibt sich zudem eine wirtschaftliche Belastung durch mangelnde Arbeitsqualität und ggf. langfristige Ausfälle. Dabei wird lediglich dem Burnout in der ICD-11 ein Krankheitswert bescheinigt.

Gemeinsam haben die Auswirkungen den Verlust von Resonanzfähigkeit6 – sowohl gegenüber anderen als auch sich selbst gegenüber.

Selbstfürsorge in existenzieller Hinsicht

Wenn nach diesen Hintergrundausführungen die Selbstfürsorge wieder in den Fokus gerückt wird, geht es dabei um weit mehr als um Prävention der o.g. Dynamiken. Es geht auch nicht (nur) um die Auffüllung verbrauchter Ressourcen durch Sport, Erholung, Schlaf und ausreichende Ernährung oder das Erlernen von Techniken zur Stressreduktion. Diese unterstützenden Lebensstilfaktoren sind hinreichend bekannt. Achtsamkeitsbasierte Verfahren wie «mindful self-compassion» (MSC) oder «mindfulness-based stress reduction» (MBSR) wurden in zahlreichen Studien als präventive Kraft in Bezug auf Compassion Fatigue etc. untersucht.7

Vielmehr geht es um die Haltung, die die Pflegefachkraft sich selbst und anderen gegenüber einnimmt, aber auch gegenüber den Arbeitsbedingungen und Werten der Organisation, bei der sie beschäftigt ist. Um diese Haltung zu ergründen, bieten die Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor E. Frankl einen hilfreichen theoretischen Bezugsrahmen.

Die personale Dimension als Grundlage professionellen Handelns

Frankl beschreibt den Menschen als fähig, zu seinen inneren und äusseren Bedingungen in Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz Stellung zu beziehen.8 Selbst unter extremen Bedingungen bleibt ein innerer Freiheitsraum erhalten, der Distanz zum eigenen Erleben ebenso ermöglicht wie auch eine bewusste Hinwendung zu sich selbst. Gleichzeitig ermöglicht dieser personale Anteil eine Fokussierung, die weit über das Eigene hinausgeht und die Frankl als Ausrichtung auf Sinn bezeichnet. Dieser übergeordnete Bezugsrahmen ist existenziell und kann auch spirituell gedeutet werden.9

Im Kontext einer professionellen Selbstfürsorge eröffnet die personale Dimension die Möglichkeit,

  • auch sich selbst wahrzunehmen in den Anforderungen des beruflichen Alltags und des Lebens überhaupt,

  • die eigenen Bedürfnisse und Werte zu erkennen und dazu Stellung zu beziehen,

  • den Umgang damit und das eigene Verhalten zu entscheiden und

  • hierfür die Verantwortung zu übernehmen.

Die personale Dimension kann pointiert als Freiheit zur Entscheidung verstanden werden, sich dem «Wert»-Vollen zuzuwenden, wofür dann die persönliche Verantwortung übernommen wird.

Für in der Palliative Care Tätige ist diese Fähigkeit in mehrerlei Hinsicht von zentraler Bedeutung. Folgende Gedanken und Fragen können hilfreich sein:

  • Auch unter schwierigen institutionellen Bedingungen habe ich die Freiheit zur Entscheidung, wie ich damit umgehe.

  • Wie begegne ich Patient:innen, Angehörigen, Kolleg:innen, der Leitungskraft?

  • Wo ist eine direkte Kommunikation von Missständen bei Kolleg:innen oder Leitung nötig?

  • Wann muss ich mich zurückziehen, Unterstützung erbitten, meine eigenen Grenzen respektieren?

Empathie entsteht nicht allein durch fürsorgliche Nähe, sondern durch das Wechselspiel von Nähe und Distanz. Wer ausschliesslich auf die Bedürfnisse anderer ausgerichtet ist, verliert langfristig die Resonanzfähigkeit, die für eine authentische Begleitung notwendig ist.

Selbstfürsorge als professionelle Haltung – ein Praxisimpuls

So verstanden wird Selbstfürsorge eine grundlegende Haltung der Zugewandtheit gegenüber der eigenen Person und dem eigenen Erleben und sie fokussiert die Freiheit der Stellungnahme und Verantwortungsübernahme.

Anhand des Handmodells (siehe Abb. 1)können die einzelnen Schritte alltagstauglich verdeutlicht werden. Die fünf kurzen Fragen, die je einem Finger der Hand zugeordnet sind, können das Getriebensein im Alltag kurz stoppen und eine fokussierte und entschiedene Neuausrichtung ermöglichen. Davon profitieren Patient:innen, Kolleg:innen und die Person selbst gleichermassen.

Abb. 1: Das Handmodell (modifiziert nach Sandra Palfi-Springer)

Selbstfürsorge liegt in meiner Hand

Diese kurzen Momente der Selbstwahrnehmung im Arbeitsalltag beziehen sich einerseits auf basale Bedürfnisse, wie das bewusste Registrieren körperlicher Signale, das Benennen eigener Bedürfnisse sowie das Einfordern kleiner Unterbrechungen wie Trinken, Toilettengänge oder kurze Atempausen. Gleichzeitig fordern sie heraus, die eigene Haltung und Taktung im hektischen Pflegealltag kurz zu überdenken und neu auszurichten. Dies stärkt die Fähigkeit zur Selbstregulation und kann die professionelle Präsenz deutlich erhöhen.

Im aufgezeigten existenzanalytischen Verständnis von Selbstfürsorge spiegeln sich dabei auch die wichtigen medizinethischen Grundsätze wie Autonomie zu wahren, fürsorglich zu sein, nicht zu schaden und möglichst gerecht zu sein wider.

«Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut?» – diese Frage stellte bereits der mittelalterliche Kirchenlehrer Bernhard von Clairvaux. Das ist auch heute noch eine berechtigte Frage!

Die Rolle der Institution

Selbstfürsorge ist keine rein individuelle Aufgabe und darf nicht ausschliesslich auf die Pflegefachkraft ausgelagert werden. Immer wieder täuschen Seminare für Mitarbeitende zu Resilienz oder Stressmanagement darüber hinweg, dass das Management seine Fürsorgepflicht im Alltag nicht ernst nimmt und Pflegefachkräfte unter krank machenden Bedingungen wie zu hoher Taktung, dem Fehlen von Pausen, schlechten Teamdynamiken, Überforderung bei den Führungskräften und wirtschaftlichen Zwängen arbeiten müssen.

Personalmangel und das Fehlen von Führungskompetenz lassen sich nicht wegatmen! Und auch die beste Einstellungsmodulation kann nicht über lebensfeindliche Arbeitskontexte hinwegheben. Wer andere halten soll, muss sich auch selbst gehalten wissen.

Fürsorge für die Pflegefachkräfte und die Ausbildung von Selbstfürsorgekompetenz obliegen als Qualitätsmerkmal der Organisation. Sie beginnen in der Verortung der Thematik in Ausbildung und Praxisanleitung, aber auch in der Organisationsentwicklung. Eine Kultur des Zuhörens ist dabei grundlegend. Neben individuellen Unterstützungen und Weiterbildungsangeboten beinhaltet sie auch die kontinuierliche fachliche Begleitung der Teams durch Intervision, Supervision und Coaching, ggf. auch durch Seelsorge. Durch diese Begleitung werden Räume geschaffen, in denen Belastungen reflektiert, Veränderungen ermöglicht und Ressourcen gestärkt werden können.

Selbstfürsorge hat damit auch eine organisationale und berufspolitische Dimension. Während Einrichtungen die Verantwortung für gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen tragen, sind die Berufsgruppen aufgefordert, ihre Anliegen sichtbar zu machen und aktiv für notwendige Veränderungen einzutreten, damit es nicht bei der beschriebenen «Kultur des Jammerns» bleibt.

Die Förderung von Selbstfürsorgekompetenz muss deshalb als integraler Bestandteil professioneller Entwicklung verstanden werden – und als ebenso bedeutsam wie fachliches Wissen oder technisches Know-how.

Fazit

Selbstfürsorge und Fürsorge für andere sind somit nicht wie zwei Seiten einer Medaille. Vielmehr muss Selbstfürsorge als Voraussetzung für Fürsorge verstanden werden. Wer Menschen in existenziellen Krisen begleitet, benötigt die Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen, eigene Grenzen zu achten und persönliche Ressourcen zu pflegen und sich immer wieder der eigenen existenziellen Freiheit bewusst zu sein, entscheiden zu können, wie man sich in der Situation verhalten will.

Diese persönliche Entscheidung wird somit zur Grundlage für die Möglichkeit von Selbstfürsorge und Fürsorge gleichermassen.

Die Herausforderung besteht dabei immer wieder darin, Selbstfürsorge nicht als zusätzliche Aufgabe zu verstehen, sondern als Ausdruck professioneller Verantwortung. In diesem Sinne beginnt professionelle Fürsorge immer bei der Beziehung zu sich selbst. Mit den Worten Martin Bubers: «Wir müssen bei uns beginnen, aber nicht bei uns enden. Von uns ausgehen, aber nicht auf uns abzielen.»

Gerade in der Palliative Care kann eine solche Haltung dazu beitragen, Resonanzfähigkeit, Empathie und professionelle Präsenz langfristig zu erhalten – zum Wohl der Patient:innen ebenso wie zum Wohl der Pflegenden selbst.

1 Sotomo: Erfüllung bei der Arbeit. April 2026; online unter https://sotomo.ch/files/data/projectfile/2026/05/Sotomo_MKM_Erfuellung.pdf 2 Mills J et al.: Exploring the meaning and practice of self-care among palliative care nurses and doctors: a qualitative study. BMC Palliat Care 2018; 17(1): 63 3 Chen M et al.: Compassion fatigue and associated factors among palliative care nurses: a systematic review and meta-analysis. Appl Nurs Res 2026; 89: 152070 4 Kranz SJ et al.: Von der Selbstaufgabe zur Selbstverantwortung – eine Berufsgruppe im Wandel der Zeit. Z Palliativmed 2026; 27(02): 89-93 5 Kersting K: «Coolout» in der Pflege. Eine Studie zur moralischen Desensibilisierung. Frankfurt am Main: Mabuse, 2002 6 Rosa H: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp, 2021 7 Wasson RS et al.: Effects of mindfulness-based interventions on self-compassion in health care professionals: a meta-analysis. Mindfulness 2020; 11(8): 1914-34 8 Frankl V: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. München: dtv, 2007 9 Frankl V: Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: Kösel, 2009

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