CLL: Die zeitlich begrenzte Therapie wirdzur ersten Wahl
Autor:
Prof. Dr. Rainer Claus
Sprecher Zentrum für Personalisierte Medizin (ZPM) Augsburg
Comprehensive Cancer Center Augsburg (CCCA)
Universitätsklinikum Augsburg
E-Mail: rainer.claus@uk-augsburg.de
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Die Erstlinientherapie der chronischen lymphatischen Leukämie (CLL) ist heute chemotherapiefrei. Nicht das kalendarische Alter, sondern Fitness, Komorbidität, genetisches Risikoprofil und Patient:innenpräferenz steuern die Substanzwahl.
Keypoints
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Die Therapieentscheidung richtet sich nach genetischem Risiko (TP53-/del[17p]-Status, IGHV-Mutationsstatus, ggf. auch komplexer Karyotyp) und Komorbidität – nicht primär nach dem Alter.
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Bei fehlendem TP53-Defekt ist die zeitlich begrenzte, chemotherapiefreie Therapie die bevorzugte Erstlinienstrategie; der erste randomisierte Head-to-Head-Vergleich (CLL17) untermauert dies. Etabliert sind Venetoclax/Obinutuzumab (CLL13, CLL14) sowie die rein oralen Doubletten Ibrutinib/Venetoclax (GLOW, CAPTIVATE) und Acalabrutinib/Venetoclax±Obinutuzumab (AMPLIFY).
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Bei del(17p)/TP53-Mutation behält die kontinuierliche Inhibition mit den Zweitgenerations-BTK-Inhibitoren Acalabrutinib und Zanubrutinib einen hohen Stellenwert; ergänzend kommen Venetoclax-basierte Kombinationen (z.B. Tripletts) infrage.
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Zweitgenerations-BTK-Inhibitoren (Acalabrutinib, Zanubrutinib) bieten gegenüber Ibrutinib v.a. im Nebenwirkungsprofil (u.a. kardiovaskulär) Vorteile.
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Bei doppelt exponierter und insbesondere doppelt refraktärer Erkrankung steht Pirtobrutinib zur Verfügung; weitere Ansätze (CD19-CAR-T, bispezifische Antikörper, BTK-Degrader) sind teils bei anderen Entitäten zugelassen, für die CLL aber noch in klinischer Entwicklung.
Schon bisher war für einen Großteil der Patient:innen eine zeitlich begrenzte („fixed-duration“) Therapie die Strategie der Wahl; die randomisierte CLL17-Studie lieferte nun erstmals einen direkten Vergleich solcher zeitlich begrenzter Venetoclax-Kombinationen mit kontinuierlichem Ibrutinib und zeigte deren Nichtunterlegenheit. Als zugelassenes zeitlich begrenztes Regime stehen aktuell Venetoclax/Obinutuzumab sowie die rein oralen Doubletten Ibrutinib/Venetoclax und Acalabrutinib/Venetoclax±Obinutuzumab zur Verfügung – ambulant durchführbare Optionen mit definiertem Therapieende. Auch die zielgerichteten Substanzen erfordern jedoch ein vorausschauendes Nebenwirkungsmanagement, das maßgeblich über den langfristigen Therapieerfolg entscheidet.
Wann ist eine Therapie indiziert?
Ein Großteil der Patient:innen wird bei Erstdiagnose nicht behandelt: Asymptomatische Erkrankungen im frühen Stadium (Binet A/B, Rai 0–II) ohne Aktivitätszeichen werden beobachtet („watch & wait“, heute meist als „active surveillance“ bezeichnet), da ein vorgezogener Therapiebeginn – auch mit zielgerichteten Substanzen – das Gesamtüberleben nicht verlängert.1 Eine Behandlungsindikation besteht erst bei symptomatischer, aktiver Erkrankung nach den iwCLL-Kriterien – etwa progrediente Zytopenie, symptomatische Spleno-/Lymphadenopathie, rasche Lymphozytenverdopplung oder B-Symptomatik.2
Vor jeder Erstlinientherapie sollten TP53-Mutationen (Sequenzierung), del(17p) (FISH) und der IGHV-Mutationsstatus zwingend bestimmt werden; ein komplexer Karyotyp ist nach Möglichkeit zu ergänzen. Diese Marker – TP53/del(17p), IGHV-Mutationsstatus und komplexer Karyotyp – tragen die Risikostratifizierung und steuern die Substanzwahl unmittelbar (Abb.1, Tab.1).2,3
Abb. 1: Erstlinientherapie der CLL. Praxisorientierter Entscheidungsalgorithmus nach gesicherter Behandlungsindikation und molekularer Diagnostik, gegliedert nach den drei genetischen Risikogruppen der Onkopedia-Leitlinie (Stand 9/2025). Bei fehlendem TP53-Defekt ist die zeitlich begrenzte Therapie die bevorzugte Strategie (Venetoclax/Obinutuzumab sowie orale Doubletten I+V bzw. A+V±O); bei del(17p)/TP53-Mutation hat die kontinuierliche Zweitgenerations-BTK-Inhibition weiterhin einen Stellenwert, ergänzt um orale Doubletten bzw. die Triplett-Kombination GIVe (mod. nach 2,7–12,16)
Tab. 1: Therapiewahl. Orientierende Therapieentscheidung bei CLL nach Linie, genetischem Risiko und Komorbidität. ALPINE und ELEVATE-RR umfassen ausschließlich rezidivierte/refraktäre Patient:innen (modifiziert nach Hallek M, Al-Sawaf O & Wendtner C-M et al.)2,3
Erstlinie: zwei Strategien – eine zunehmend klare Präferenz
Die Erstlinientherapie ist chemotherapiefrei. Das kalendarische Alter ist als Stratifizierungsparameter weitgehend entfallen und tritt hinter die funktionelle Fitness zurück; maßgeblich sind Fitness und Komorbidität, das genetische Risiko und die Patient:innenpräferenz.2,3
Es konkurrieren zwei Strategien: die kontinuierliche BTKi-Dauertherapie und die zeitlich begrenzte („fixed-duration“) Venetoclax-basierte Kombination. Schon bisher war für einen Großteil der Patient:innen – insbesondere ohne Hochrisikomerkmale – die zeitlich begrenzte Therapie die Strategie der Wahl; entsprechend präferieren die aktuellen Leitlinien (Onkopedia Stand 9/2025, ESMO) bei langer Lebenserwartung und ohne Hochrisiko die Venetoclax-basierte „Fixed-duration“-Therapie, sofern Nierenfunktion, Infektanfälligkeit und Logistik dies erlauben.3
Die genetische Risikoeinteilung erfolgt dreistufig – getragen von IGHV-Mutationsstatus und TP53/del(17p) (Abb.1):
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günstig (IGHV-mutiert, kein TP53-Defekt, kein komplexer Karyotyp)
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intermediär (IGHV-unmutiert, kein TP53-Defekt)
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Hochrisiko (del[17p]/TP53-Mutation)
Venetoclax/Obinutuzumab – etabliert und bewährt
Venetoclax plus Obinutuzumab wird über rund zwölf Monate gegeben (Venetoclax über zwölf Zyklen, Obinutuzumab über sechs Zyklen).
In der CLL14-Studie (ältere, komorbide Patient:innen) erreichte dieses Therapieregime in der kürzlich vorgestellten finalen 9-Jahres-Auswertung (median 9,2 Jahre) ein medianes progressionsfreies Überleben (PFS) von rund 76 Monaten (6,4 Jahre) bei einem medianen therapiefreien Intervall (Zeit bis zur nächsten Therapie) von 7,6 Jahren; viele Behandelte benötigten somit über lange Zeit keine erneute Therapie.4–6
Bei jüngeren, fitten Erkrankten bestätigte die CLL13/GAIA-Studie den Nutzen: Nach median rund 50 Monaten lag die 4-Jahres-PFS-Rate unter Venetoclax/Obinutuzumab bei etwa 82% (vs. 62% unter Chemoimmuntherapie), unter der Triplett-Kombination Venetoclax/Obinutuzumab/Ibrutinib bei etwa 86%.7,8
Da die Kombinationstherapie Venetoclax plus Obinutuzumab mit weniger kardialen Komplikationen einhergeht als BTKi-basierte Therapien, sind sie für kardial vorerkrankte Patient:innen eine gute Option; in CLL17 profitierten besonders Erkrankte mit unmutiertem IGHV-Locus. Zu beachten sind das infektionsrelevante intravenöse Obinutuzumab (auch in CLL17 zu beobachten) und – bei deutlich eingeschränkter Nierenfunktion – das limitierende Tumorlyserisiko.
Rein orale Doubletten: Ibrutinib/Venetoclax und Acalabrutinib/Venetoclax
Daneben stehen rein orale, zeitlich begrenzte Doubletten zur Verfügung. Ibrutinib plus Venetoclax (I+V) verlängerte in der Phase-III-Studie GLOW bei älteren bzw. komorbiden Patient:innen das progressionsfreie und das Gesamtüberleben gegenüber Chlorambucil/Obinutuzumab und zeigte in der Phase-II-Studie CAPTIVATE auch bei fitteren Erkrankten und Hochrisikomerkmalen (insbesondere IGHV-unmutiert) anhaltende Remissionen (5,5-Jahres-PFS-Rate rund 80% bei IGHV-mutierter, etwa 55% bei IGHV-unmutierter Erkrankung).9,10
Eine dreimonatige Ibrutinib-Monotherapie („lead-in“) senkt das Tumorlyserisiko; anschließend folgen zwölf Zyklen der Kombination, sodass die komplett orale Therapie über rund 15 Monate meist ambulant erfolgt. Zu beachten ist die kardiale Toxizität des enthaltenen Ibrutinib (Vorhofflimmern ≈14% in GLOW).
Mit Acalabrutinib plus Venetoclax (AV) ±Obinutuzumab (AVO) steht eine weitere vollständig orale Kombination zur Verfügung – hier mit einem Zweitgenerations-BTK-Inhibitor. Sie wurde 2025 auf Basis der AMPLIFY-Studie als Erstlinienoption etabliert: In AMPLIFY verlängerte AV bzw. AVO das PFS gegenüber Chemoimmuntherapie v.a. bei den IGHV-unmutierten Patient:innen deutlich (3-Jahres-PFS-Rate 76,5% für AV bzw. 83,1% für AVO vs. 66,5%).11
Der Zusatz von Obinutuzumab verlängert das PFS vor allem bei IGHV-unmutierter Erkrankung, geht aber mit vermehrten – teils auch schweren – Infektionen einher, sodass für AVO (anders als für AV) kein Überlebensvorteil gezeigt wurde, auch mitbedingt durch Covid-19-Todesfälle. Patient:innen mit del(17p)/TP53-Mutation waren in AMPLIFY ausgeschlossen.
Praktisch sind I+V und AV/AVO v.a. Optionen für die günstige (IGHV-mutiert) und die intermediäre (IGHV-unmutiert) Risikogruppe; bei Hochrisiko hat zusätzlich die Triplett-Kombination GIVe (Obinutuzumab, Ibrutinib und Venetoclax) sehr gute Wirksamkeit; diese Kombination bleibt aber bisher off-label.7,11,12
Kontinuierliche BTKi-Dauertherapie: Langzeitdaten und Abbruchraten
Die kontinuierliche BTK-Inhibition verfügt über die längste Nachbeobachtung aller zielgerichteten CLL-Therapien.
In der Erstlinienstudie RESONATE-2 (Ibrutinib vs. Chlorambucil bei älteren Patient:innen ohne del[17p]) erreichte Ibrutinib in der finalen Auswertung nach median 9,6 Jahren ein bemerkenswert langes medianes progressionsfreies Überleben von 8,9 Jahren (vs. 1,3 Jahre unter Chlorambucil; HR: 0,16); der Vorteil blieb auch in den Hochrisikosubgruppen (IGHV-unmutiert, del[11q], TP53-Mutation) erhalten (medianes PFS: 8,4 Jahre). Das mediane Gesamtüberleben war nicht erreicht, die 9-Jahres-OS-Rate lag bei 68%.13 Diese Daten belegen eine über Jahre anhaltende Krankheitskontrolle unter fortgesetzter Therapie.
Der Nachteil einer kontinuierlichen Therapie liegt in der langfristigen Exposition gegenüber behandlungsassoziierten Nebenwirkungen. In RESONATE-2 führten Nebenwirkungen über den gesamten Verlauf bei rund einem Drittel der Behandelten (33%) zum Therapieabbruch – häufig wegen Vorhofflimmern und Infektionen – und bei einem weiteren Viertel (25%) zu Dosisreduktionen; eine Zunahme der Abbruchrate über die Zeit zeigte sich nicht, und nach zehn Jahren standen noch 27% unter Ibrutinib (mediane Therapiedauer: 6,2 Jahre).13 Diese langfristige Therapieexposition, die auch eine langfristige Adhärenz voraussetzt, ist ein wesentlicher Hintergrund für die Entwicklung zeitlich begrenzter Behandlungskonzepte.
Die selektiveren Zweitgenerations-BTK-Inhibitoren Acalabrutinib und Zanubrutinib verbessern das Nutzen-Risiko-Verhältnis (weniger kardiovaskuläre Ereignisse, seltener therapiebedingte Abbrüche) und haben Ibrutinib in der Erstlinie weitgehend abgelöst.14,15
CLL17: der erste direkte Vergleich beiderParadigmen
In CLL17 waren zeitlich begrenztes Venetoclax/Obinutuzumab und Venetoclax/Ibrutinib der kontinuierlichen Ibrutinib-Monotherapie im progressionsfreien Überleben nicht unterlegen (3-Jahres-PFS-Rate: 81,1% für Venetoclax/Obinutuzumab bzw. 79,4% für Venetoclax/Ibrutinib vs. 81,0% für Ibrutinib).16
Bei gleicher Wirksamkeit erzielten die „Fixed-duration“-Arme tiefere Remissionen (uMRD im Blut ≈73% unter Venetoclax/Obinutuzumab vs. 0% unter Ibrutinib-Monotherapie), führten seltener zum vorzeitigen Therapieabbruch (≈15% bzw. 22% vs. 33%) und gingen mit weniger kardialen Ereignissen einher (≈14% bzw. 24% vs. 35%); die Autor:innen werten die zeitlich begrenzte Therapie daher als bevorzugte Option.
Einschränkend diente als kontinuierlich verabreichter Komparator Ibrutinib (BTK-Inhibitor der 1. Generation), sodass der Vorteil gegenüber den heute bevorzugten Zweitgenerations-BTK-Inhibitoren möglicherweise etwas geringer ausfällt; im kleinen Hochrisikokollektiv (del[17p]/TP53, ca. 8%) schnitt numerisch die kontinuierliche BTK-Inhibition am besten ab, wobei sich dieser Unterschied vor allem im PFS, kaum jedoch in der Zeit bis zur nächsten Therapie (TTNT) niederschlug. Triplett-Kombinationen (z.B. AVO, GIVe) erzielen sehr tiefe Remissionen, bleiben wegen erhöhter Toxizität aber fitten Hochrisikopatient:innen vorbehalten.7,12
Ihren höchsten Stellenwert behält die kontinuierliche Zweitgenerations-BTK-Inhibition (Acalabrutinib, Zanubrutinib) bei del(17p)/TP53-Mutation: Hier bleibt die zielgerichtete Hemmung wirksam, während eine Chemoimmuntherapie versagt. Bei günstigem und intermediärem Risiko ist sie dagegen weitgehend von den zeitlich begrenzten Therapien abgelöst worden.3,17,18
Unabhängig vom genetischen Risiko bleibt die BTKi-Dauertherapie sinnvoll bei deutlich eingeschränkter Nierenfunktion (GFR <30ml/min), bei logistisch problematischer Venetoclax-Eindosierung oder wenn eine rein orale Dauertherapie ausdrücklich gewünscht wird. Der Algorithmus in Abbildung 1 fasst die Erstlinienentscheidung zusammen.
Minimale Resterkrankung
Die Tiefe des Ansprechens lässt sich über die minimale Resterkrankung (MRD) quantifizieren. Eine nicht nachweisbare MRD (uMRD) korreliert eng mit längerem progressionsfreiem Überleben und hat damit eine klare prognostische Bedeutung; üblicherweise wird ein Schwellenwert von <10–4 verwendet, wobei tiefere Remissionen (<10–5, <10–6) prognostisch noch günstiger sind.
Gerade die zeitlich begrenzten Kombinationen erreichen die höchsten uMRD-Raten, was als grundlegende Voraussetzung für ein Absetzen der Therapie verstanden werden kann. Für die individuelle Therapiesteuerung ist die MRD außerhalb von Studien jedoch noch nicht etabliert: Ein klinisch verbindlicher Grenzwert fehlt, und MRD-gesteuerte Konzepte, die die Therapiedauer an das Ansprechen koppeln (z.B. FLAIR), sind zwar vielversprechend, wegen fehlender Standardisierung von Methoden, Grenzwerten, Kompartiment (Blut vs. Knochenmark) und Messzeitpunkten aber derzeit kein Routinestandard. Zudem ist die Bedeutung und Interpretation von MRD-Tiefe und -Dynamik vor den unterschiedlichen Therapieoptionen (z.B. BTKi vs. Venetoclax) und den unterschiedlichen (molekular-)genetischen Veränderungen (z.B. IGHV-mutiert vs. -unmutiert, TP53-defizient vs. TP53-Wildtyp) nicht vollständig geklärt.19
Substanzklassen und Nebenwirkungen
Da die Substanzen über längere Zeiträume und häufig bei älteren, vulnerablen Patient:innen eingesetzt werden, ist das Verträglichkeitsprofil ein zentrales Auswahlkriterium (Tab.2).
Tab. 2: Nebenwirkungen. Klassenspezifische Toxizitäten der zielgerichteten CLL-Therapien und ihr Management
BTK-Inhibitoren
Bei BTK-Inhibitoren treten als Klasseneffekt kardiovaskuläre Nebenwirkungen auf – Vorhofflimmern, arterielle Hypertonie, selten ventrikuläre Arrhythmien – sowie eine erhöhte Blutungsneigung (BTK-Hemmung in Thrombozyten mit Funktionseinschränkung). Ibrutinib weist die höchste Toxizität auf (Vorhofflimmern ≈16% in Head-to-Head-Studien). Die Zweitgenerations-Inhibitoren Acalabrutinib (ELEVATE-RR) und Zanubrutinib (ALPINE) sind bei vergleichbarer Wirksamkeit in Abhängigkeit vom kardiovaskulären Komorbiditätsprofil etwas kardioverträglicher (Vorhofflimmern ≈7–9%, weniger Hypertonie und Blutungen) und bieten daher v.a. bei kardialer Vorerkrankung Vorteile gegenüber Ibrutinib.14,15
Bei kardiovaskulärer Vorbelastung orientiert sich das Monitoring an den ESC-Empfehlungen zur Kardioonkologie.9 Dies betrifft auch die orale Doublette I+V, die Ibrutinib enthält und deren kardiale Toxizität (Vorhofflimmern ≈14% in GLOW) gerade bei älteren Patient:innen abzuwägen ist. Eine begleitende Antikoagulation oder doppelte Plättchenhemmung erfordert wegen der erhöhten Blutungsneigung besondere Vorsicht. Substanzspezifisch sind unter Acalabrutinib initiale Kopfschmerzen (meist passager) zu beachten.
Venetoclax
Wichtigste Frühkomplikation bei Venetoclax ist das Tumorlysesyndrom (TLS). Es wird durch eine fünfwöchige, einschleichende Dosiseskalation (20 → 50 → 100 → 200 → 400mg) und eine an Tumorlast und Nierenfunktion orientierte Risikostratifizierung beherrscht: ausreichende Hydratation, Harnsäuresenkung (Allopurinol, ggf. Rasburicase), engmaschige Laborkontrollen und – bei hohem Risiko – stationäre Eindosierung.3 Bei den oralen Venetoclax-Doubletten in Kombination mit BTKi reduziert die dreimonatige BTKi-Einleitung das TLS-Risiko und erleichtert die ambulante Eindosierung. Häufig tritt zusätzlich eine Neutropenie auf.
Obinutuzumab
Relevant sind Infusionsreaktionen (v.a. bei Erstgabe) und ein erhöhtes Infektionsrisiko; eine Infektionsprophylaxe kann erwogen werden, ein Monitoring auf Hepatitis-B-Reaktivierung sollte erfolgen.3
Rezidiv und refraktäre Erkrankung
Auch im Rezidiv stehen chemotherapiefreie Konzepte im Vordergrund; die Auswahl folgt dem Prinzip des Wirkmechanismuswechsels und der bereits eingesetzten Substanzklassen (Tab.1). Nach Versagen oder Unverträglichkeit eines BTK-Inhibitors ist eine Venetoclax-basierte Therapie sinnvoll (z.B. Venetoclax/Rituximab; MURANO).20
Nach Venetoclax-Vortherapie kommt ein Zweitgenerations-BTK-Inhibitor in Betracht; da unter den zeitlich begrenzten Regimen vergleichsweise selten Resistenzmutationen auftreten, ist zudem eine erneute Venetoclax-Exposition möglich (ReVenG).21 Auch nach oraler Doublette (I+V) ist sowohl eine erneute BTKi- als auch eine Venetoclax-Behandlung in der Regel wirksam.
Bei vorbehandelten Patient:innen richtet sich die Auswahl nach den bereits eingesetzten Substanzklassen. Als „doppelt exponiert“ gelten Erkrankte, die sowohl einen kovalenten BTK-Inhibitor als auch Venetoclax erhalten haben (unabhängig vom Grund des Absetzens); „doppelt refraktär“ bezeichnet ein Therapieversagen – Progress unter oder unmittelbar nach der Behandlung – gegenüber beiden Substanzklassen.
Für diese Konstellation steht mit Pirtobrutinib ein nichtkovalenter, reversibel bindender BTK-Inhibitor zur Verfügung (BRUIN), der auch bei den häufigsten Resistenzmutationen (z.B. BTK p.C481S) wirksam bleibt; bei der rezidivierten/refraktären CLL ist er nach mindestens einer Vortherapie mit einem kovalenten BTK-Inhibitor zugelassen.22
Weitere Optionen unterscheiden sich im Entwicklungsstand je nach Substanzklasse: Die CD19-CAR-T-Zell-Therapie Lisocabtagen Maraleucel ist in der EU bislang nur für andere B-Zell-Lymphome (diffus großzelliges B-Zell-Lymphom, follikuläres Lymphom, Mantelzelllymphom), nicht für die CLL zugelassen; für die CLL liegen positive Studiendaten vor (TRANSCEND CLL 004) und in den USA ist die Zulassung bereits erfolgt.23
BTK-Degrader (z.B. BGB-16673) und CD20×CD3-bispezifische Antikörper befinden sich bei der CLL noch in klinischer Entwicklung. Bei jüngeren, fitten Patient:innen mit ungünstiger Prognose bleibt die allogene Stammzelltransplantation eine Option. Die Richter-Transformation ist prognostisch ungünstig und sollte möglichst im Rahmen klinischer Studien behandelt werden.2
Fazit für die Praxis
Die Therapie der CLL ist heute zielgerichtet, chemotherapiefrei und in allen Linien an Risikoprofil und Komorbidität ausgerichtet. In der Erstlinie ist – bei fehlendem TP53-Defekt – die zeitlich begrenzte, Venetoclax-basierte Therapie die Strategie der Wahl; dies entsprach bereits der gängigen Praxis und der aktuellen Leitlinie und wird durch den ersten direkten, randomisierten Vergleich (CLL17) gestützt. Zur Wahl stehen Venetoclax+Obinutuzumab sowie die rein oralen Doubletten Ibrutinib+Venetoclax und Acalabrutinib+Venetoclax±Obinutuzumab.
Die kontinuierliche Zweitgenerations-BTK-Inhibition bleibt eine wichtige Therapieoption bei del(17p)/TP53-Mutation sowie bei praktischen Gründen gegen Venetoclax. Praktisch gilt: die Therapieindikation prüfen, dann TP53/del(17p)- und IGHV-Mutationsstatus bestimmen, anschließend die Strategie wählen – und die zu erwartenden Nebenwirkungen aktiv und vorausschauend managen. Gerade weil die modernen Substanzen so gut wirken, wird ihre Verträglichkeit zum entscheidenden Faktor für den langfristigen Therapieerfolg.
Abkürzungen:
AV/AVO Acalabrutinib + Venetoclax / + Obinutuzumab
BTK(i) Bruton-Tyrosinkinase(-Inhibitor)
cBTKi kovalenter BTKi
ncBTKi nichtkovalenter BTKi
CIT Chemoimmuntherapie
CR komplette Remission
FISH Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung
GFR glomeruläre Filtrationsrate
I+V Ibrutinib + Venetoclax
IGHV variable Region der schweren Immunglobulinkette
iwCLL International Workshop on CLL
(k)KT (komplexer) Karyotyp
MRD/uMRD (nicht nachweisbare) minimale Resterkrankung
OS Gesamtüberleben
PFS progressionsfreies Überleben
TLS Tumorlysesyndrom
TTNT Zeit bis zur nächsten Therapie
allo-SZT allogene Stammzelltransplantation
Literatur:
1 Langerbeins P et al.: Ibrutinib in early-stage chronic lymphocytic leukemia: the randomized, placebo-controlled, double-blind, phase III CLL12 trial. J Clin Oncol 2025; 43(4): 392-402 2 Hallek M, Al-Sawaf O: Chronic lymphocytic leukemia: 2022 update on diagnostic and therapeutic procedures. Am J Hematol 2021; 96(12): 1679-705 3 Wendtner C-M et al.: Onkopedia-Leitlinie Chronische Lymphatische Leukämie (CLL). Abgerufen im September 2025 4 Fischer K et al.: Venetoclax and obinutuzumab in patients with CLL and coexisting conditions. N Engl J Med 2019; 380(23): 2225-36 5 Al-Sawaf O et al.: Venetoclax-obinutuzumab for previously untreated chronic lymphocytic leukemia: 6-year results of the randomized phase 3 CLL14 study. Blood 2024; 144(18): 1924-35 6 Fischer K et al.: Venetoclax-obinutuzumab for previously untreated chronic lymphocytic leukemia: final results of the randomized CLL14 study. EHA 2026; Abstr. #S146 7 Eichhorst B et al.: First-line venetoclax combinations in chronic lymphocytic leukemia. N Engl J Med 2023; 388(19): 1739-54 8Furstenau M et al.: First-line venetoclax combinations versus chemoimmunotherapy in fit patients with chronic lymphocytic leukaemia (GAIA/CLL13): 4-year follow-up from a multicentre, open-label, randomised, phase 3 trial. Lancet Oncol 2024; 25(6): 744-59 9 Niemann CU et al.: Fixed-duration ibrutinib-venetoclax versus chlorambucil-obinutuzumab in previously untreated chronic lymphocytic leukaemia (GLOW): 4-year follow-up from a multicentre, open-label, randomised, phase 3 trial. Lancet Oncol 2023; 24(12): 1423-33 10 Tam CS et al.: Fixed-duration ibrutinib plus venetoclax for first-line treatment of CLL: primary analysis of the CAPTIVATE FD cohort. Blood 2022; 139(22): 3278-89 11 Brown JR et al.: Fixed-duration acalabrutinib combinations in untreated chronic lymphocytic leukemia. N Engl J Med 2025; 392(8): 748-62 12 Huber H et al.: Final analysis of the CLL2-GIVe trial: obinutuzumab, ibrutinib, and venetoclax for untreated CLL with del(17p)/TP53mut. Blood 2023; 142(11): 961-72 13 Burger JA et al.: Final analysis of the RESONATE-2 study: up to 10 years of follow-up of first-line ibrutinib treatment for CLL/SLL. Blood 2025; 146(18): 2168-76 14 Byrd JC et al.: Acalabrutinib versus ibrutinib in previously treated chronic lymphocytic leukemia: results of the first randomized phase III trial. J Clin Oncol 2021; 39(31): 3441-52 15 Brown JR et al.: Zanubrutinib or ibrutinib in relapsed or refractory chronic lymphocytic leukemia. N Engl J Med 2023; 388(4): 319-32 16 Al-Sawaf O et al.: Fixed-duration versus continuous treatment for chronic lymphocytic leukemia. N Engl J Med 2026; 394(11): 1084-96 17 Sharman JP et al.: Acalabrutinib with or without obinutuzumab versus chlorambucil and obinutuzmab for treatment-naive chronic lymphocytic leukaemia (ELEVATE TN): a randomised, controlled, phase 3 trial. Lancet 2020; 395(10232): 1278-91 18 Tam CS et al.: Zanubrutinib versus bendamustine and rituximab in untreated chronic lymphocytic leukaemia and small lymphocytic lymphoma (SEQUOIA): a randomised, controlled, phase 3 trial. Lancet Oncol 2022; 23(8): 1031-43 19 Munir T et al.: Chronic lymphocytic leukemia therapy guided by measurable residual disease. N Engl J Med 2024; 390(4): 326-37 20 Seymour JF et al.: Venetoclax-rituximab in relapsed or refractory chronic lymphocytic leukemia. N Engl J Med 2018; 378(12): 1107-20 21 Davids M et al.: Preliminary results of the ongoing multicenter, phase 2 study of retreatment with venetoclax plus obinutuzumab (ReVenG) in patients with recurrent chronic lymphocytic leukemia (CLL). EHA 2025; Abstr. # PF575 22 Mato AR et al.: Pirtobrutinib after a covalent BTK inhibitor in chronic lymphocytic leukemia. N Engl J Med 2023; 389(1): 33-44 23 Siddiqi T et al.: Lisocabtagene maraleucel in chronic lymphocytic leukaemia and small lymphocytic lymphoma (TRANSCEND CLL 004): a multicentre, open-label, single-arm, phase 1-2 study. Lancet 2023; 402(10402): 641-54
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