Welche Rolle spielt die Gynäkologie?
Autorin:
Med. prakt. Silvia Fernández Biesa
FMH Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, tätig an der Schnittstelle von Psychiatrie, Menopause und Berufsleben Graubünden
E-Mail: silvia@fernandez-biesa.ch
Die Wechseljahre können die Arbeitsfähigkeit und berufliche Teilhabe von Frauen erheblich beeinträchtigen, wobei psychisch relevante Symptome häufig eine wichtige Rolle spielen. Da Gynäkologinnen und Gynäkologen in dieser Lebensphase oft eine primärversorgende Funktion übernehmen, kommt ihnen bei der Früherkennung und differenzierten Einordnung dieser Symptome eine Schlüsselrolle zu.
Keypoints
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Die Perimenopause stellt ein Zeitfenster erhöhter psychiatrischer Vulnerabilität dar.
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Vier der fünf in der MenoSupport-Suisse-Befragung am häufigsten als arbeitsbeeinträchtigend berichteten Beschwerden weisen eine ausgeprägte psychische Dimension auf.
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Einzelne Symptome wie Schlafstörungen, «brain fog» oder Stimmungsschwankungen erfüllen nicht automatisch die Kriterien einer psychiatrischen Erkrankung. Sie können jedoch den Alltag, die subjektive Arbeitsfähigkeit und die berufliche Teilhabe erheblich beeinträchtigen.
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Für die gynäkologische Versorgung ergeben sich drei zentrale Aufgaben: psychisch relevante Veränderungen erkennen, Symptome differenzialdiagnostisch einordnen sowie erste Behandlungsschritte einleiten und bei Bedarf eine psychiatrische oder psychotherapeutische Mitbeurteilung veranlassen.
Psychische Risiken in der Perimenopause
Die Perimenopause ist ein Zeitfenster erhöhter psychiatrischer Vulnerabilität. Einerseits sind psychische Symptome in der menopausalen Transition ausgesprochen häufig – in britischen Erhebungen berichteten 86% der menopausalen Frauen über psychische Beschwerden, überwiegend affektiv, daneben kognitiv («brain fog»).1 Andererseits nehmen auch erstmalige psychiatrische Erkrankungsmanifestationen zu. In einer 2024 in Nature Mental Health publizierten Studie wurden 128294 Teilnehmerinnen der UK Biobank untersucht. Die Inzidenz erstmaliger psychiatrischer Erkrankungen war während der Perimenopause erhöht (IRR: 1,52; 95% CI: 1,39–1,67), während sie sich nach der Menopause wieder dem Referenzniveau annäherte (IRR: 1,09; 95% CI: 0,98–1,21). Der Effekt wurde vor allem durch erstmalige Episoden einer «major depression» getragen (IRR: 1,30; 95% CI: 1,16–1,45). Der grösste relative Effekt zeigte sich bei der Manie (IRR: 2,12; 95% CI: 1,30–3,52). Die Studie untersuchte nicht die Reaktivierung oder Verschlechterung bereits bestehender psychiatrischer Erkrankungen.2
Menopause und Arbeitsfähigkeit
Die beruflichen Folgen klimakterischer Beschwerden reichen von verminderter Konzentrations- und Belastungsfähigkeit über Leistungsschwankungen, Fehlzeiten und Konflikte bis zu Rückzug aus verantwortungsvollen Positionen, Pensenreduktion oder vorzeitigem Erwerbsausstieg.
Welche Symptome der Wechseljahre beeinträchtigen Frauen im Arbeitskontext?
Eine erste schweizweite Online-Befragung zu den Wechseljahren am Arbeitsplatz, MenoSupport Suisse 2025, untersuchte 2259 Frauen im Alter von 30 bis 67 Jahren, die in der Schweiz beschäftigt waren oder innerhalb der vergangenen fünf Jahre in einem Arbeitsverhältnis gestanden hatten. Die Erhebung erfolgte zwischen April und Juli 2025.3
Am häufigsten wurden körperliche und geistige Erschöpfung (71,2%), Schlafstörungen (62,6%), Reizbarkeit (47,6%), Hitzewallungen bzw. Schwitzen (43,3%) und depressive Verstimmung (42,7%) als Beschwerden genannt, die am Arbeitsplatz beeinträchtigten. Unter den berichteten Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit standen Konzentrationsprobleme (66,8%), ein erhöhtes Stresserleben (55,4%), grössere Ungeduld bzw. erhöhte Reizbarkeit (43,2%) sowie ein vermindertes Selbstvertrauen hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten (41,2%) im Vordergrund. Die Ergebnisse beziehen sich auf subjektiv berichtete Beeinträchtigungen und erlauben keine direkte Aussage über objektiv gemessene Arbeitsleistung.
Berufliche Entscheidungen standen ebenfalls im Zusammenhang mit den Wechseljahresbeschwerden: 20,5% der Befragten berichteten über eine Reduktion ihres Arbeitspensums, 16,4% über einen Stellenwechsel, 13,3% über eine berufliche Auszeit und 5,7% über eine vorzeitige Pensionierung. Da Mehrfachnennungen möglich waren, sind diese Kategorien nicht als voneinander unabhängige Gruppen zu interpretieren. Die Befragung liefert Hinweise auf mögliche Auswirkungen der Beschwerden auf die Erwerbsbiografie; langfristige Folgen für Karriereverläufe oder finanzielle Sicherheit wurden jedoch nicht prospektiv untersucht.
Die besondere Rolle der Gynäkologie während der Wechseljahre
Gynäkologinnen und Gynäkologen übernehmen für viele Frauen in dieser Lebensphase faktisch eine wichtige primärversorgende Funktion. Sie werden nicht nur wegen körperlicher Beschwerden konsultiert, sondern auch aufgrund psychischer Symptome und psychosozialer Belastungen, die im Zusammenhang mit der Peri- und Menopause auftreten können. Zudem bevorzugen manche Patientinnen den Zugang über die gynäkologische Versorgung, anstatt sich unmittelbar an eine psychiatrische oder psychotherapeutische Fachperson zu wenden. Die Gründe hierfür sind vielfältig und werden im Rahmen dieses Artikels nicht näher untersucht.
Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, dass sich Gynäkologinnen und Gynäkologen mit psychiatrischen Fragestellungen und psychisch relevanten Themen vertraut machen, die in dieser Lebensphase auftreten können. Dadurch können sie nicht nur zur körperlichen und psychischen Gesundheit ihrer Patientinnen beitragen, sondern in der Folge auch deren soziale und berufliche Teilhabe unterstützen. Bei Bedarf können sie eine weiterführende psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung empfehlen beziehungsweise veranlassen. Daraus ergeben sich drei zentrale Aufgaben für die gynäkologische Versorgung:
1. Psychisch relevante Veränderungen erkennen
Hormonelle Veränderungen können Konzentration, emotionale Stabilität, Schlaf, Stressverarbeitung und Belastbarkeit beeinflussen – und damit auch die Arbeitsfähigkeit. Eine gezielte Anamnese sollte deshalb neben körperlichen Beschwerden auch psychische, kognitive und berufliche Veränderungen erfassen.
2. Symptome differenzialdiagnostisch einordnen
Schlafstörungen, «brain fog» oder Stimmungsschwankungen sind nicht automatisch Ausdruck einer psychiatrischen Erkrankung. Umgekehrt dürfen psychische Symptome der Wechseljahre nicht vorschnell als normale Menopausenfolgen interpretiert werden. Erforderlich ist eine Einordnung hormoneller, psychiatrischer, somatischer und psychosozialer Faktoren.
3. Behandlung einleiten und interdisziplinär handeln
Abhängig von Ursache, Schweregrad, Verlauf und funktioneller Beeinträchtigung kann die gynäkologische Sprechstunde erste Behandlungsschritte einleiten und bei Bedarf eine psychiatrische oder psychotherapeutische Mitbeurteilung veranlassen. Entscheidend sind klare Überweisungswege und eine abgestimmte Weiterbehandlung. Zugleich besteht erheblicher Forschungsbedarf zur Ätiologie psychiatrischer Erstmanifestationen in der Perimenopause, zum Verlauf vorbestehender psychiatrischer Erkrankungen sowie zur Entstehung und klinischen Einordnung psychischer Symptome während der Wechseljahre. Zudem braucht es diagnose- und symptomorientierte Algorithmen, die der Gynäkologie und Psychiatrie bei der Abklärung und Behandlung Orientierung geben.
Fazit
Psychische Veränderungen während der Menopause sollten weder bagatellisiert noch vorschnell psychiatrisiert werden. Die Gynäkologie kann eine zentrale Rolle übernehmen, indem sie psychisch relevante Veränderungen frühzeitig erkennt, differenzialdiagnostisch einordnet, erste Behandlungsschritte einleitet und bei Bedarf eine psychiatrische oder psychotherapeutische Mitbeurteilung veranlasst. Damit kann sie nicht nur zur psychischen Gesundheit, sondern auch zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit und beruflichen Teilhabe beitragen. Voraussetzung dafür sind verlässliche interdisziplinäre Strukturen. Gemeinsame Fallbesprechungen, Fallkonferenzen oder fachübergreifende Round Tables können dazu beitragen, diagnostische und therapeutische Vorgehensweisen abzustimmen.
Literatur:
1 Health & Her Survey; UK Parliament, Women and Equalities Committee: Call for evidence relating women’s experience of menopause in the workplace. 2021 2 Shitomi-Jones LM et al.: Exploration of first onsets of mania, schizophrenia spectrum disorders and major depressive disorder in perimenopause. Nat Ment Health 2024; 2(10): 1161-8 3 Rumler A, Stute P: MenoSupport Suisse – Ergebnisse der ersten schweizweiten Befragung zum Thema Wechseljahre am Arbeitsplatz. HWR Berlin, Inselspital Bern, The Women Circle AG, 2025
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