Screening auf Typ-1-Diabetes in den Startlöchern
Bericht:
Reno Barth
Medizinjournalist
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Mit Teplizumab*, der ersten medikamentösen Therapie, die Typ-1-Diabetes hinauszögern kann, bekommt das Screening einen neuen Stellenwert. Man geht davon aus, dass bei Vorhandensein von mindestens zwei relevanten Antikörpern das langfristige Erkrankungsrisiko bei 100% liegt. Mittels Früherkennung kann auch die Entwicklung einer diabetischen Ketoazidose vor Diagnosestellung vermieden werden.
Ein Screening auf chronische Erkrankungen ist sinnvoll, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind, erklärte Prof. Michael Haller, University of Florida.1.) Es muss einen signifikanten Nutzen sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft geben. 2.) Der Krankheitsprozess muss früh genug erkennbar sein, um eine wirksame Intervention zu ermöglichen. 3.) Die Krankheit muss über einen leicht verfügbaren und genauen Screening-Test diagnostizierbar sein – der Screening-Test muss empfindlich genug sein, um nur sehr wenige echte positive Fälle zu übersehen, und spezifisch genug, um die Anzahl der falsch positiven Ergebnisse zu minimieren. 4.) Es muss eine wirksame Intervention verfügbar sein.
Diese Voraussetzungen sind für Typ-1-Diabetes (T1D) mittlerweile erfüllt, erläutert Haller. Wobei der Nutzen nicht nur im Hinauszögern der klinischen Manifestation von T1D, sondern vor allem in einem besseren Management der Erkrankung zum Zeitpunkt der Diagnose liegt. Denn nach wie vor wird T1D in vielen Fällen erst erkannt, wenn sich die Betroffenen im Zustand der diabetischen Ketoazidose befinden. In den USA liegt zum Zeitpunkt der Erstdiagnose bei 35–60% der T1D-Patienten eine diabetische Ketoazidose vor, erläutert Haller. In Europa geht man von 40% aus.1 In gescreenten Populationen sind es dagegen deutlich unter 5%. Damit lässt sich der Start einer unvermeidbaren Insulintherapie besser planen und umsetzen.
Zwei Autoantikörper: fast 100%iges Erkrankungsrisiko
Die Progression des T1D wird typischerweise durch folgende Sequenz charakterisiert: Ausgehend von einem genetischen Risiko kommt es zu einer Immunaktivierung und schliesslich zu einer Immunantwort (d.h., ein einzelner Autoantikörper wird nachgewiesen). Stadium 1 des T1D ist erreicht, wenn bei normalem Blutzucker mindestens zwei Antikörper nachweisbar sind. Betroffene haben ein annähernd 100%iges Risiko, irgendwann im Leben einen manifesten Diabetes zu entwickeln. Im Stadium 2 kommt eine Dysglykämie hinzu und Stadium 3 ist schliesslich durch eine Hyperglykämie und mindestens zwei Antikörper charakterisiert. Haller: «Daher ist der Nachweis von Autoantikörpern ein wesentliches diagnostisches Werkzeug, das spezifisch für T1D ist und die Autoimmunität bestätigt.»
Bis vor Kurzem war die grösste Hürde für die Einführung weitverbreiteter T1D-Screening-Programme das Fehlen einer wirksamen Intervention. Das hat sich mit mit dem Anti-CD3-Antikörpers Teplizumab*, der in den USA seit November 2022 und in der EU seit Januar 2026 zugelassen ist, geändert. Die Zulassung beruht auf der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie TN-10 mit 76 Patient:innen im Alter von 8 bis 49 Jahren mit T1D im Stadium 2. Die Teilnehmenden erhielten über 14 Tage entweder Teplizumab oder Placebo als Infusion. Die mediane Dauer bis zur Diagnose des T1D im Stadium 3 betrug 59,6 Monate unter Verum und 27,1 Monate unter Placebo.2 In der Langzeitbeobachtung hatten nach 2,5 Jahren 50% der Patient:innen aus der Gruppe mit Teplizumab und 22% aus der Gruppe unter Placebo noch keinen manifesten Diabetes entwickelt.3 Nach fünf Jahren hatten 36% der Verum-Patient:innen noch keinen Diabetes.4
Haller: «Teplizumab ist das erste Medikament, das gezeigt hat, dass es die Progression von Diabetes im Stadium 2 zu Stadium 3 bei über 50% der Patient:innen reduzieren kann. Weitere krankheitsmodifizierende Therapien für Stadium 2 sind derzeit in klinischer Entwicklung. Die American Diabetes Association empfiehlt das Screening auf Typ-1-Diabetes im Rahmen von Forschungsstudien sowie bei Verwandten von Patient:innen oder Personen mit hohem genetischem Risiko. Ein breites öffentliches Screening in der Allgemeinbevölkerung sollte durchgeführt werden, wenn sich die Kosten-Nutzen-Rechnung ändert und sich weitere Interventionen als sicher und wirksam bei der Verlangsamung der Progression von Typ-1-Diabetes erwiesen haben.»
Europäischer Konsensus zur Implementation von Screening des Typ-1-Diabetes
Zur Situation und zur weiteren Vorgehensweise in Europa wurde kürzlich ein Konsensus der Internation Diabetes Federation (IDF) publiziert, den Dr. Sufyan Hussain vom King’s College, London, im Rahmen des ATTD 2026 vorstellte. Der Konsensus weist auf die Dringlichkeit des Problems hin, da die Inzidenz von T1D in Europa jährlich um 3,4% steigt und 85% der Betroffenen keine positive Familienanamnese haben, was die Treffsicherheit von Screening-Massnahmen reduziert.
Hussain weist besonders auf die Möglichkeit hin, durch die frühe Diagnose eine diabetische Ketoazidose zu vermeiden. Gelingt dies nicht, schafft die Situation zum Zeitpunkt der Erstdiagnose zusätzliche psychologische und klinische Probleme. Die diabetische Ketoazidose erfordert eine Hospitalisierung, was für die Betroffenen traumatisierend sein kann und die Einstellung auf eine Insulintherapie erschwert. Die diabetische Ketoazidose kann zu akuten Schädigungen der Nieren und des Gehirns führen und ist auch langfristig mit einer schlechteren glykämischen Kontrolle und einem erhöhtem Risiko für diabetische Ketoazidose assoziiert.
Im Rahmen des Konsensus wurde ein 9-Punkte-Programm zur Implementierung von T1D-Screening erarbeitet. Dieses sieht nicht nur Informationskampagnen und das eigentliche Screening vor, sondern auch die psychologische Unterstützung Betroffener sowie das Anlegen von Registern zur wissenschaftlichen Auswertung der Ergebnisse sowie das längerfristige Follow-up. Hinsichtlich der Screening-Methode zeigten befragte Personen eine eindeutige Präferenz für einen Trockenbluttest, der zu Hause mit Blut aus der Fingerbeere durchgeführt und an ein Labor geschickt wird. Entsprechende Aus- und Fortbildung des Gesundheitspersonals im Bereich Diabetes müssen gegeben sein.
Die Ergebnisse des Programms müssen regelmässig evaluiert und bei Bedarf verbessert werden. Auch gesundheitsökonomische Bewertungen von Screening-Programmen sind geplant. Nicht zuletzt wird auch der gerechte Zugang zum T1D-Sceening betont, der unabhängig vom jeweiligen Land, von der Ethnizität und vom soziökonomischen Status der Betroffenen geben sein muss.1
*Teplizumab ist in der Schweiz noch nicht zugelassen.
Quelle:
International Conference on Advanced Technologies & Treatments for Diabetes (ATTD), 11. bis 14. März 2026, Barcelona
Literatur:
1 Hussain S et al.: An international consensus on screening and monitoring early-stage type 1 diabetes: A roadmap to European implementation. Diabetes Obes Metab 2026; 28(5): 3535-56 2 Herold KC et al.: An anti-CD3 antibody, teplizumab, in relatives at risk for type 1 diabetes. N Engl J Med 2019; 381(7): 603-13 3 Sims EK et al.: Teplizumab improves and stabilizes beta cell function in antibody-positive high-risk individuals. Sci Transl Med 2021; 13(583): eabc8980 4 Lledó-Delgado A et al.: Teplizumab induces persistent changes in the antigen-specific repertoire in individuals at risk for type 1 diabetes. Randomized controlled trial J Clin Invest 2024; 134(18): e177492
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