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Gesundheit und Politik

Bei der Versorgung mit Kassen-Kinderärzten knirscht es

Wien - Es ist eine Berufsgruppe, die immer wieder zum Reibebaum zwischen den Stakeholdern im Gesundheitssystem wird: die Kassen-Kinderärzte. Von der Honorierung bis hin zu einer effizienten Besetzung der Planstellen reichen die Streitpunkte zwischen Ärztekammer und Österreichischer Gesundheitskasse (ÖGK). Nun ist die Debatte um eine Facette reicher, nachdem Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein das Modell der Primärversorgungseinheiten (PVE) nach dem Vorbild bei den Allgemeinmedizinern auch für das Fach der Kinder- und Jugendheilkunde in den Raum gestellt hat.

Bei der Ärztekammer stößt die Ankündigung des Ministers, PVE mit Kassenvertrag auch für Fachärzte zu ermöglichen, auf Zustimmung. „Gerade etwa bei der Versorgung der Bevölkerung mit genügend Kassenärztinnen und -ärzten im Bereich der Kinder- und Jugendheilkunde haben wir seit Jahren Probleme“, sagt Johannes Steinhart, Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der Ärztekammer für Wien. Österreichweit seien in diesem Bereich 15 Prozent der Kassenstellen nicht besetzt. In der Bundeshauptstadt sei die Lage besonders angespannt: Hatte Wien im Jahr 2010 noch 91 Ärzte mit Kassenvertrag im Fach Kinder- und Jugendheilkunde, so seien es jetzt nur noch 71. Steinhart: „Ein Rückgang um 20 Kassenordinationen bei einer gestiegenen Bevölkerungszahl von 200 000 Menschen – das entspricht Linz – ist dramatisch.“

Kritik fasst in diesem Zusammenhang vor allem die ÖGK aus: So würden Kassenordinationen nach Pensionierungen oft nicht nachbesetzt werden können, was unter anderem am schlechteren Honorar dieser Fachgruppe im Vergleich zu anderen Fächern liege. Ein zusätzliches Ärgernis sieht die Ärztekammer in den stockenden Gesprächen mit der ÖGK über die Etablierung der PVE. Laut Steinhart habe man ein fertiges Konzept vorgelegt, das auch von der Stadt Wien für gut befunden wurde. „Die Umsetzung scheitert aber an der Blockadepolitik der ÖGK.“ Dabei würde sich durch dieses Modell gerade bei jungen Kinderärzten die Hemmschwelle verringern, eine Kassenordination zu gründen, weil die Last und das Risiko auf mehrere Personen verteilt werden, argumentiert die Kammer.

Honorarerhöhungen in Wien

Bei der ÖGK verweist man gerade für Wien auf die Vertragsverhandlungen in der jüngsten Vergangenheit: Demnach gab es in den vergangenen drei Jahren Honorarerhöhungen von jeweils plus zehn Prozent, also insgesamt 30 Prozent. Für erweiterte Öffnungszeiten, auch an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen, sei eine zusätzliche Honorierung vereinbart worden. Außerdem haben Sozialversicherung und Ärztekammer eine Ansiedelungsförderung in Höhe von 44 000 Euro bei Neuinvertragnahme von Kinderfachärzten in Wien vereinbart.

Bezüglich einer Anpassung des PVE-Gesetzes auch für Kinderärzte verweist die ÖGK auf laufende Gespräche auf Bundesebene. Langfristig würde kein Weg daran vorbeiführen, dass es mehr Nachwuchs in diesem Fach gibt, also mehr Kinderärzte ausgebildet werden. Ein Rezept dabei könnten verstärkte Lehrpraxen sein.

So oder so – das Thema dürfte nicht so bald von der Agenda verschwinden: Die FPÖ hat am Donnerstag eine schriftliche Anfrage an den Gesundheitsminister eingebracht. Titel: Dramatischer Kinderärzte-Mangel in Österreich.


Autor:
Evelyn Holley-Spieß

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