„Let’s talk science!“
Unsere Gesprächspartnerin:
Univ.-Prof. Dr. Antonia S. Müller
Professorin für Zelltherapie und Transfusionsmedizin
Leiterin der Universitätsklinik für Transfusionsmedizin und Zelltherapie
Medizinische Universität Wien
E-Mail: antonia.mueller@meduniwien.ac.at
Das Interview führte Mag. Thomas Schindl
Forschende miteinander zu vernetzen, Wissen und Ideen in der Arbeit an CAR-T-Zellen zu teilen, um mittelfristig Forschungsprojekte bis zur Produktreife zu entwickeln – das sind einige der wesentlichen Ziele des Vienna CAR-T Cell Club. Univ.-Prof. Dr. Antonia S. Müller hat mit uns über den Club und das im Bau befindliche Center for Translational Medicine gesprochen.
Seit wann gibt es den Vienna CAR-TCell Club, was war Ihr Beweggrund, ihn zu etablieren, und welches Ziel verfolgen Sie damit?
A. Müller: Eine Vorstufe des Vienna CAR-T Cell Club gab es schon vor der Pandemie, organisiert von meiner Kollegin Prof. Dr. Nina Worel. Damals fand er eher sporadisch an einzelnen Nachmittagen statt. Ich bin nach der Pandemie im Jahr 2022 dazugestoßen. Als sich eines Tages die Frage stellte, wie wir den Club weiterführen wollen, war ich dafür, den „Club“ für alle Interessierten, vor allem jüngere Forschende zu öffnen. Meines Erachtens ist es maßgeblich, die jungen Personen, die tatsächlich im Labor arbeiten und forschen, zu inkludieren und sie zum Austausch zu ermutigen. Deswegen haben wir den Club inzwischen für alle Interessierten geöffnet. Das hatsich ohne viel Werbung rasch herumgesprochen. Heute nehmen auch regelmäßig Forschende aus anderen Institutionen teil, z.B. vom Roten Kreuz, aus Start-ups oder von der Universität für Bodenkultur (BOKU).
Inzwischen gibt es jährlich drei Treffen im Hybridformat. Vor jedem Treffen wird ein Vortragender, der über sein Forschungsprojekt berichtet, bekanntgegeben. Auf expliziten Wunsch der Grundlagenforscher:innen wählen wir auch jeweils ein klinisches Thema aus.
Welche Lücke im wissenschaftlichen oder klinischen Diskurs möchten Sie mit dem Club schließen?
A. Müller: Ich möchte vor allem Leute zusammenbringen, die sich für ähnliche Themen, Fragen und Methoden interessieren. Forschende sind über zahlreiche Kliniken und Institutionen verstreut. Ich wünsche mir, dass sie sich persönlich kennenlernen und über ihre Forschung anfreunden, einander aushelfen und sich inspirieren. Und das passiert auch bereits: Die Mitglieder des Vienna CAR-T Cell Club helfen sich gegenseitig mit ihren Grants und kollaborieren dabei auch. Wir wünschen uns, dass zumindest ein Teil dieser Laborprojekte in den kommenden Jahren in eine klinische Phase-I-Studie übersetzt werden kann, eine Übung, die eine Person alleine so nicht hinbekommen würde. Das persönliche Kennenlernen im Club schafft die nötige Vertrauensbasis.
Wir dürfen auch nicht vergessen, dass der CAR-T Cell Club keine Bühne für Einzelpersonen ist, sondern ein Ort, um die Errungenschaften im Team vorzustellen.
CAR-T-Zell-Therapien befinden sich in rasantem Fortschritt – wie gelingt es Ihnen, aktuelle Trends aus Forschung und Praxis effektiv zu integrieren?
A. Müller: Das setzen wir auf verschiedenen Ebenen um. Noch in diesem Jahr würden wir gerne eine Studie einreichen, in der wir „In-house“-CAR-T-Zellen für Patient:innen mit rheumatologischen und neurologischen Autoimmunerkrankungen herstellen. Gerade verfassen wir das Studienprotokoll gemeinsam mit den beiden beteiligten Kliniken. Produktherstellung geht nur in einer geschlossenen Partnerschaft. Der für die Herstellung nötige Vektor, der CAR, soll in diesem Fall von der Industrie zur Verfügung gestellt werden.
Generell beschäftigt uns natürlich die Frage der Optimierung von CAR-T-Zellen. Auch dafür gibt es z.B. eine Arbeitsgruppe an der BOKU, die den Fokus auf das „Ein- und Ausschalten“ der CAR-T-Zellen und damit auf ihre Sicherheit legt.
Eine weitere wichtige Frage ist z.B., wie CAR-T-Zellen für die Behandlung solider Tumoren modifiziert werden können – was sich bislang als große Herausforderung herausgestellt hat.
Wir haben viele Ideen, aber müssen auch immer abwägen, wozu wir Anträge schreiben können und was gefördert werden könnte. Da CAR-T-Zellen als „Gentherapie“ eingestuftsind und es viele konkurriende Anträge in der Onkologie gibt, z.B. für Präzisionsmedizin oder synthetische Medizin, ist es eine Herausforderung, ein Funding zugesprochen zu bekommen. Der Begriff „Gentherapie“ ist nach wie vor politisiert, was unseren Anliegen abträglich ist. Es kommt auch zu Fehleinschätzungen bei den Gutachter:innen, die teilweisez.B. CRISPR noch als Grundlagenforschung und klinikfern einstufen, was so nicht aktuellster Stand ist (es gibt bereits zugelassene CRISPR/Cas-modifizierte Gentherapien).
Gibt es auch konkrete Ideen zu einzelnen Produkten?
A. Müller: Das im Bau befindliche Center for Translational Medicine (CTM), an dem derartige Projekte umgesetzt werden sollen, wird 2026 eröffnet. Wir sprechen hier von Langzeitpartnerschaften und damit auch von einer nachhaltigen Entwicklung. Aber natürlich überlegen wir bereits, welche Produkte man wie in welcher Form für Patient:innen weiterentwickeln könnte.
Halten Sie auch Treffen ab, bei denen Sie ausschließlich aktuelle Kongressdaten besprechen?
A. Müller: Bisher arbeiten wir noch nicht zu aktuellen Kongressen. Der Club ist in dieser Form ja ganz jung und ein primäres Ziel ist, dass uns die eigenen Themen nicht ausgehen. Kongress-Updates gibt es zur Genüge und wir wollen uns auf unsere internen Aktivitäten konzentrieren. Aber natürlich integrieren wir Daten von Kongressen in unsere Präsentationen, um die Gruppe auf den aktuellen Stand der Forschung zu bringen. Ein reines Kongress-Update ist aber bisher nicht vorgesehen.
Für die fernere Zukunft sind wir in unserer Themenwahl zwar dynamisch, aber es wird auf jeden Fall niemals vorrangig um kommerzielle Produkte gehen, sondern immer darum, Innovatives aus Wien in die Klinik zu bringen und unseren Beitrag zur Weiterentwicklung des Felds zu leisten.
Wissenstransfer und wechselseitige Inspiration von Forschenden und Kliniker:innen sind Ihnen besonders wichtig, welche Zielgruppen möchten Sie ansprechen?
A. Müller: Praktisch gesehen vor allem die jungen Nachwuchsforscher:innen – das sind auch die, die sehr fleißig in den Club kommen – und auch die „primary investigators“. Manchmal würde ich mir wünschen, dass sich noch etwas mehr Kliniker:innen angesprochen fühlen.
Können Sie ein paar besonders inspirierende Projekte oder Präsentationen aus den zurückliegenden Veranstaltungen nennen?
A. Müller: Es gibt mehrere Gruppen mit tollen Fähigkeiten, Skills und Tools und viele Menschen, die ihre Arbeit bereits im CAR-T Cell Club vorgestellt haben.
Da ist zum Beispiel Dr. Charlotte Zajc, die jetzt seit einem Jahr bei mir arbeitet. Davor gab es Dr. Michael Traxlmayr von der BOKU und Dr. Manfred Lehner, die auch schon eine Präsentation im Club gebeben haben: Sie betreiben das „Christian-Doppler-Labor for next generation CAR T cells“ und arbeiten seit ein paar Jahren intensiv am Protein-Engineering – Feintuning, Optimierung, Aktivierung und Deaktivierung. Prof. Dr. Johannes Huppa, der leider nach Berlin gewechselt ist, hat hier zeitlich überlappend noch ein Labor und forscht an T-Zell-Rezeptor-basierten Therapien, auch seine Projekte sind spannend und wurden schon im Club präsentiert.
Was wünschen Sie sich langfristig vom Vienna CAR-T Cell Club?
A. Müller: Der Club ist nur ein Mittel für eine größere Vision – die bessere Vernetzung. Gerade geht es darum, unsere neuen Gebäude, die derzeit hier am Standort entstehen und nächstes Jahr eröffnet werden sollen, mit Leben zu füllen.
In den USA zum Beispiel gibt es große Labors, in denen es leichter ist, sich miteinander zu vernetzen – man kommt vorbei und fragt „Can I pick your brain?“ oder sagt „Let’s talk science!“ und unterstützt sich gegenseitig.
Ein zentrales Gebäude und regelmäßige Treffen im Rahmen eines Clubs, das ist Interaktionspflege.
Also Sie leisten jetzt schon Aufbauarbeit für das CTM?
A. Müller: Genau! Das Gute ist, dass so ein Netzwerk sich rasch verselbstständigt, wenn der Anfang gemacht ist. Die Kontakte, die man knüpft, werden weiter gepflegt, und das funktioniert bereits.
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