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Spannende Studienergebnisse zur akuten myeloischen Leukämie

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Der Jahreskongress der European Society of Hematology (EHA) hieltauch in diesem Jahr wieder spannende Studien zur akuten myeloischen Leukämie (AML) bereit. Dr. Elisabeth Koller, Oberärztin am Wiener Hanusch-Krankenhaus, sprach mit uns im Interview über einige Highlights.

Am EHA-Kongress wurde eine weitere Analyse der QUAZAR-AML-001-Studie präsentiert. Wie bewerten Sie die Ergebnisse?

E. Koller: Die QUAZAR-Studie wurde bereits mehrfach diskutiert und publiziert. Aktuell wurden bestimmte Subgruppen genauer analysiert: zum einen der Subtyp der AML (de novo oder sekundär), zum anderen Patienten mit bestimmten genetischen Veränderungen. Es zeigte sich, dass die orale Therapie mit Azacytidin für alle Subgruppen von Vorteil war. Ein größerer Vorteil zeigte sich in der Gruppe der De-novo-AML, besonders auffallend war dieser Vorteil jedoch bei der Subgruppe der NPM1-mutierten Patienten. Hinsichtlich des Gesamtüberlebens war diese Subgruppe der Placebo-guppe um 2,5 Jahre überlegen (Abb. 1). Das sind einschneidende Ergebnisse. Somit muss man sagen, dass Patienten in dieser Studie durchwegs von einer Erhaltungstherapie mit oralem Azacytidin profitiert haben. Das waren in diesem Fall Patienten, die sich primär nicht für eine Transplantation geeignet haben. Diese Situation gibt es aus verschiedenen Gründen, aufgrund des Alters bzw. wegen Komorbiditäten,weil es keinen verfügbaren Spender gibt oder weil es der Patientenwunsch ist. Dafür ist orales Azacytidin sicher eine hervorragende Alternative.1

Abb. 1: Gesamtüberleben in der QUAZAR-Studie (nach Döhner et al.)1

Auch zur VIALE-A-Studie wurden neue Daten am Kongress präsentiert. Wie schätzen Sie diese ein?

E. Koller: Die VIALE-A-Studie konnte bereits zeigen, dass die Zugabe von Venetoclax zur Standardtherapie mit Azacytidin zu einem Vorteil für Patienten führt, die nicht intensiv behandelt werden können. Nun wurden die Daten hinsichtlich des Vorliegens einer minimalen Resterkrankung (MRD) detailliert ausgewertet. MRD ist ein eher seltenes Ereignis bei Patienten, die nur mit Azacytidin behandelt werden. Aber in der VIALE-A-Studie kam es unter der Kombinationstherapie mit Venetoclax in 23% zu einem Ansprechen auf MRD-Level, also zu einer kompletten Remission mit Nachweis einer MRD. In einer genauen Analyse wurden die Patienten mit einer MRD <10–3 und >10–3 gegenübergestellt. Diejenigen Patienten, die eine CRc („composite complete remission“) mit einem äußerst tiefen molekularen Ansprechen erreichten, profitierten besonders von der Therapie. Die MRD ist ein guter „Composite“-Parameter für das Ergebnis und die Wirksamkeit einer Therapie. Das Erreichen einer MRD war wesentlich mit einem längeren Gesamtüberleben (OS) vergesellschaftet (Abb.2).2

Abb. 2: Gesamtüberleben nach MRD-Status in der VIALE-A-Studie (nach Pratz et al.)2

Die Ergebnisse einer Phase-II-Studie mit dem IDH1-Inhibitor Olutasidenib wurden vorgestellt. Was ist von dieser Substanz zu erwarten?

E. Koller: In dieser Studie wurde Olutasidenib bei rezidivierter/refraktärer AML eingesetzt und zeigte unter diesen ungünstigen Voraussetzungen ein sehr gutes Ansprechen, auch im Vergleich zu Ivosidenib, einer ähnlichen Substanz. Weitere Daten zu dieser Substanz, wahrscheinlich auch zur Kombination mit hypomethylierenden Substanzen, werden die Wertigkeit und die Wichtigkeit von Olutasidenib noch unterstreichen. Das ist ein sehr interessanter Wirkstoff, von dem wir in Zukunft sicherlich noch mehr hören werden.3

In einer frühen Studie wurde die Kombination von Venetoclax mit Gilteritinib untersucht. Wie vielversprechend ist diese Kombination?

E. Koller: Die Kombination von Venetoclax und Gliteritinib ist eine sehr vielversprechende. Es zeigte sich, dass diese beiden Substanzen synergistisch wirken. Gilteritinib wurde im Rahmen des ADMIRAL-Trials untersucht und ist mittlerweile für die rezidivierte/refraktäre FLT3-mutierte AML zugelassen. Die aktuellen Daten zeigen, dass die Kombination von Gilteritinib und Venetoclax das Ansprechen noch weiter verbessern kann. Und das, obwohl in der Studie wesentlich mehr Patienten mit Tyrosinkinase-Inhibitoren vorbehandelt waren als in der ADMIRAL-Studie. Die Ergebnisse sind bisher sehr vielversprechend, müssen aber natürlich noch randomisiert überprüft werden.4

Gab es weitere AML-Studien am EHA-Kongress, die Sie besonders interessant fanden?

E. Koller: Eine Kohortenstudie untersuchte die Kombination von Ivosidenib plus Venetoclax mit bzw. ohne Azacytidin. Auch da kommt es durch die Kombinationstherapie zu einer Wirkungsverstärkung. Die Patienten hatten besonders unter Ivosidenib in Standarddosierung plus erhöhter Venetoclax-Dosierung bzw. unter der Dreifachtherapie ein hervorragendes Ansprechen im Vergleich zur Monotherapie.5

Hinsichtlich Venetoclax möchte ich noch eine weitere Studie erwähnen. Venetoclax wird mittlerweile auch in Kombination mit intensiver Therapie untersucht. Mir ist eine kleine, retrospektive Studie ins Auge gestochen, die das FLAVIDA-Protokoll untersuchte. FLA-IDA ist ein gängiges Protokoll in der Therapie der rezidivierten AML. Die Autoren dieser Studie konnten anhand der retrospektiven Analyse von 30 Patienten zeigen, dass die Kombination mit Venetoclax durchaus verträglich war. Die Patienten erhielten über einen kurzen Zeitraum von sieben Tagen 100mg Venetoclax zusätzlich zu FLA-IDA. Damit konnten sehr gute Ergebnisse mit wenig Toxizitäten erreicht werden. Ich denke, das sollte auf jeden Fall weiter untersucht und geprüft werden.6

Vielen Dank für das Gespräch!

1 Döhner H et al.: Survival outcomes from the QUAZAR AML-001 trial with oral azacitidine for patients with acute myeloid leukemia in remission by disease subtype, cytogenetic risk, and NMP1 mutation status at diagnosis. EHA 2021; Abstr. #S131 2 Pratz KW et al.: Measurable residual disease response in acute myeloid leukemia treated with venetoclax and azacitidine. EHA 2021; Abstr. #S137 3 de Botton S et al.: Effect of olutasidenib (FT-2102) on complete remissions in patients with relapsed/refractory mutant IDH1 acute myeloid leukemia. results from a planned interim analysis of a phase 2 clinical trial. EHA 2021; Abstr. #S138 4 Altman JK et al.: Efficacy and safety of venetoclax in combination with gilteritinib for relapsed/refractory FLT3-mutated acute myeloid leukemia: updated analyses of a phase 1b study. EHA 2021; Abstr. #S135 5 Lachowiez C et al.: A phase Ib/II study of ivosidenib with venetoclax +/- azacitidine in IDH1-mutated myeloid malignancies. EHA 2021; Abstr. #S136 6 Shaswar R et al.: Flavida chemotherapy induces MRD-negative remission in patients with relapsed/refractory acute myeloid leukemia. EHA 2021; Abstr. #S139

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