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Integrative Onkologie

Komplementärmedizin während der onkologischen Primärtherapie

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Die integrative Onkologie versucht, die Gesundheit und Lebensqualität sowie klinische Outcomes der Betroffenen über den Behandlungsverlauf hinweg zu optimieren und die Patienten zu befähigen, Krebs vorzubeugen sowie zu aktiven Teilnehmenden vor und während der Krebsbehandlung (und darüber hinaus) zu werden. Komplementärmedizinische Massnahmen können dabei nützlich sein. Stets steht dabei die individuelle Situation des Patienten im Vordergrund.

Europaweit nutzen rund 15–70% der Patienten mit einer Tumorerkrankung Angebote der Komplementär- oder Alternativmedizin.1 Gestützt auf die schulmedizinische/histologische Diagnostik und allenfalls laufende Therapie ist es das Ziel, in der Komplementärmedizin in der Onkologie den Patienten im Behandlungsprozess zu unterstützen.Es gilt, einerseits mögliche Nebenwirkungen der Chemotherapie oder Bestrahlung zu minimieren, andererseits den Patienten aktiv in die Therapie einzubinden, dies im Sinne der Aktivierung körpereigener Ressourcen der Krebsabwehr (Immunsystem, antioxidative Systeme etc.).

In Israel konnte eine Studie zur Implementierung komplementär integrativer Methoden in einer onkologischen Akutstation zeigen, dass es zu einer signifikanten Kosteneinsparung nach der Intervention durch weniger Einnahme von Medikamenten, insbesondere Anxiolytika und Antiemetika, kam.2

Basis komplementärmedizinischer Massnahmen ist die Ernährung. Hier gibt es vor allem bei aggressivem, metastasiertem Krebs interessante Daten in Bezug auf den Kohlenhydratanteil in den Nahrungsmitteln. Aufgrund neuerer Erkenntnisse muss insbesondere der zu hohe Konsum von Kohlenhydraten und Zucker als sehr problematisch angesehen werden. «Krebs ist eine Krankheit, die erst mit der Hochkultur aufkam», formuliert es der Forscher Dr. Johannes Coy.Die ersten Krebsfälle sind aus dem Zwischenstromland überliefert, dem Mutterland antiker Hochkulturen. Die dort lebenden Menschen verwendeten zunehmend zu Mehl vermahlenen Weizen, ein Trend, der sich in den vergangenen hundert Jahren weiter verstärkte. Auffallend ist, dass heute 19% der Weltbevölkerung in Wohlstandsländern leben, aber 46% aller bösartigen Neuerkrankungen auf diese Länder entfallen.

<< Vitamine und Spurenelemente können die natürliche Abwehr des Körpers stärken.>>
S. Feldhaus , Baar

Die Transketolase ist ein Schlüsselenzym im nichtoxidativen Abschnitt des Pentosephosphatstoffwechsels, einem multifunktionalen Stoffwechselweg, der unter anderem auchder Bereitstellung von Ribosen für die Synthese der DNA dient. Im Stoffwechsel existieren mehrere Transketolasen, aber nur für das Enzym «Transketolase-like1» (TKTL-1) wurde eine Überexprimierung in Tumorgewebe gefunden. Das TKTL-1-Enzym ist in jenen Geweben aktiv, in denen bereits Warburg die Vergärung von Glukose zu Milchsäure in Anwesenheit von Sauerstoff beobachten konnte, und führt zu einer vermehrten Resistenz der Krebszellen gegen Chemotherapie oder Radiotherapie.3

Im Folgenden seien exemplarisch wichtige therapeutische Massnahmen der Komplementärmedizin beschrieben.

Misteltherapie

Die Mistel wird hauptsächlich zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Verminderung systemtherapeutisch bedingter Nebenwirkungen eingesetzt. In einzelnen Studien zeigte sich auch ein Überlebensvorteil durch die Misteltherapie.

Der Gesamtextrakt der Mistel besteht aus einem reichhaltigen Gemisch mit mehr als 1000 Inhaltsstoffen, von denen die Mistellektine eine besondere Rolle spielen. Diese wirken immunmodulierend und können die Lebensqualität von Tumorpatienten während und nach der spezifischen Tumortherapie deutlich und messbar verbessern. Die Injektionen werden in der Regel durch diePatienten selbst subkutan in die Bauchhaut durchgeführt.

In einer kürzlich publizierten randomisierten Studie bei fortgeschrittenem Pankreaskarzinom zeigte sich ein Überlebensvorteil unter Misteltherapie (medianes Gesamtüberleben 4,8 vs. 2,7 Monate im Kontrollarm; HR:0,49; p<0,001).4

Orthomolekulare Medizin

Der defizitäre Ernährungsstatus und das damit in Zusammenhang stehende «cancer cachexia syndrome» sind von klinischer Bedeutung, da hierdurch nicht nur das Ansprechen auf antineoplastische Verfahren wie die Radio- und die Chemotherapie vermindert ist, sondern auch deren Nebenwirkungen verstärkt und die Lebensqualität sowie die Prognose der Patienten negativ beeinflusst werden.5

Vitamine und Spurenelemente können die natürliche Abwehr des Körpers stärken. Antioxidanzien wie die Vitamine A, C und E sowie das Spurenelement Selen schützen die Körperzellen vor den schädigenden Einflüssen freier Radikale. Unter einer Chemo- und Strahlentherapie ist der Bedarf an einzelnen Vitaminen und Spurenelementen deutlich erhöht. Insbesondere führen sogenannte Interaktionen bestimmter Chemotherapeutika mit den Mikronährstoffen zu teilweise ausgeprägten Nebenwirkungen. Diese können durch begleitende Therapie mit jenen Mikronährstoffen teilweise ganz erheblich reduziert werden. Dazu sind eine fachgerechte Betreuung und die Messung bestimmter Parameter im Blut erforderlich, um eine individuelle Therapie zu ermöglichen.6

Die immer wieder zitierten Studien, die vermeintlich eine mögliche Abschwächung der onkologischen Therapie durch Antioxidanzien zeigen, wurden allesamt leider nicht fachgerecht durchgeführt und nicht individuell an die einzelnen Patienten angepasst. Richtig durchgeführte Studien zeigen hingegen alle eine sehr gute additive Wirkung der orthomolekularen Medizin in der Onkologie!

Insbesondere die Einnahme von Natriumselenit in ausreichender Dosierung kann vielebekannte Nebenwirkungen der Chemotherapie abmindern. Dabei konnte eine nephro- bzw. kardioprotektive Wirkung von Selen im Kontext einer Chemotherapie mit Cisplatin oder Cyclophosphamid (CHOP) beobachtet werden.7

Der Effekt von Selen auf die Anthrazyklin-induzierte kardiale Toxizität (gemessen u.a. an der proBNP-Konzentration) wurde in einer klinischen Studie mit Krebspatienten in der Pädiatrie analysiert. Bei zehn Patienten mit geringen Selen- und hohen pro-«brain natriuretic peptide»(BNP)Spiegeln erfolgte die tägliche Gabe von 100µg Selen über 4 bis 33 Monate (Median: 6 Monate). Bei acht von zehn verbesserten sich die proBNP-Konzentration sowie die Selenkonzentration im Vergleich zu vor der Therapie (p=0,018; p=0,028). 2 bis 6 Monate nach der Therapie stieg die proBNP-Konzentration an und die Selenkonzentration sank (p=0,109; p=0,068).8

Ingwer und Cannabinoide

Aus dem Bereich der Phytotherapie stehen mit Ingwer- und Cannabidiol(CBD)- basierten Extrakten zwei weitere sehr gute Optionen vor allem in Bezug auf Chemotherapie-bedingte Übelkeit und Erbrechen zur Verfügung.

In Studien konnte gezeigt werden, dass Cannabinoide (Dronabinol, 5mg/m2 alle 2–4h, 4–6x/Tag) effektiver als Metoclopramid, Domperidon, Haloperidol waren.9

Auch Ingwer kann hier mit guter Empirie eingesetzt werden, die auch mittlerweile durch Studien gestützt wird.10

Fazit

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Komplementärmedizinbegleitend zu onkologischen Primärtherapien das Ziel verfolgt,für den einzelnen Patienten das bestmögliche Ergebnis zu sichern. Die Sicherung der Lebensqualität steht hier im Vordergrund und der Patient wird zusätzlichaktiv in den Behandlungsprozess mit einbezogen, da er durch Ernährung, Lebensstilanpassungen und Aktivierung der körpereigenen Ressourcenam Erfolg der onkologischen Therapie mitarbeitet.

In sachkundiger Hand und Labor-gestützt ist die gleichzeitige Behandlung mit Misteltherapie, orthomolekularer Medizin und Phytotherapie problemlos und ohne Risiko für den Patienten. Die immer wieder geäusserten Bedenken, solche Massnahmen würden die Wirkung der Primärtherapie gefährden, entbehren wissenschaftlicher Grundlagen.

Keinesfalls sollten solche Massnahmen allerdings durch den Laien selbst durchgeführt werden.

1 Molassiotis A et al.: Use of complementary and alternative medicine in cancer patients: a European survey.Ann Oncol 2005; 16(4): 655-63 2 Kligler B et al.: Cost savings in inpatient oncology through an integrative medicine approach. Am J Manag Care 2011; 17(12): 779-84 3 Diaz-Moralli S et al.: A key role for transketolase-like 1 in tumor metabolic reprogramming. Oncotarget 2016; 7(32): 51875-97 4 Troger W et al.: Viscum album [L.] extract therapy in patients with locally advanced or metastatic pancreatic cancer: a randomised clinical trial on overall survival. Eur J Cancer 2013; 49: 3788-97 5 Laviano A et al.: Therapy insight: cancer anorexia-cachexia syndrome--when all you can eat is yourself. Nat Clin Pract Oncol 2005; 2(3): 158-65 6 Gröber U et al.: Micronutrients in oncological intervention. Nutrients 2016; 8(3): 163 7 Ghorbani A et al.: Protective effect of selenium on cisplatin induced nephrotoxicity: a double-blind controlled randomized clinical trial. J Nephropathol 2013; 2(2): 129-34 8 Tacyildiz N et al.: Selenium in the prevention of anthracycline-induced cardiac toxicity in children with cancer. J Oncol 2012; 2012: 651630 9 Smith LA et al.: Cannabinoids for nausea and vomiting in adults with cancer receiving chemotherapy. Cochrane Database Syst Rev 2015; 2015(11): CD009464 10 Ryan JL et al.: Ginger (Zingiber officinale) reduces acute chemotherapy-induced nausea: a URCC CCOP study of 576 patients. Support Care Cancer 2012; 20(7): 1479-89

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