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Lebensstilmodifikation: Was hat welchen Erfolg?

Der tägliche Lebensstil hängt eng mit der kardiovaskulären Gesundheit zusammen. Besonders mangelnde Bewegung, Inaktivität, fehlerhafte Ernährung, Rauchen, Alkohol sowie Übergewicht beeinflussen die Herz-Kreislauf-Gesundheit negativ. Leitlinienbasierte ESC-Empfehlungen zur Lebensstilmodifikation verraten, von welchen Maßnahmen was erwartet werden kann.

Keypoints

  • Erhöhung körperlicher Aktivität und Reduktion der Inaktivität sind gemeinsam die wichtigsten Faktoren zur Verminderung von Gesamt- und kardiovaskulärer Mortalität und Herz-Kreislauf-Morbidität.

  • Mediterrane Küche mit pflanzlich basierten Nahrungsmitteln und weniger Salz beeinflusst Lipidzusammensetzung, Körpergewicht, Diabetesentwicklung und Blutdruck positiv.

  • Mehr als 100g Alkohol pro Woche erhöhen das Risiko für Schlaganfälle, Herzinsuffizienz und kardiovaskuläre Todesfälle und sollten daher vermieden werden. Kaffee wirkt eher günstig.

  • Rauchen muss vermieden oder beendet werden, trotz des Risikos für Gewichtszunahme. Nutzen und Risiken der E-Zigaretten sind noch nicht endgültig geklärt.

Mehr als 41% aller verlorenen gesunden Lebensjahre („disability-adjusted life years“[DALY]) und 57% aller Todesfälle weltweit können durch Verhaltens-, Umwelt- oder berufliche Risikofaktoren erklärt werden.1 Die häufigsten sind ungesunde Ernährung, Bluthochdruck, mütterliche und kindliche Fehlernährung, Rauchen, Luftverschmutzung und ein hoher Body-Mass-Index (BMI). Gemeinsam ist allen, dass sie veränderbar wären.1

Obwohl Inzidenz und Mortalität atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankungen v.a. in den reicheren Ländern Europas zuletzt gesunken sind, sindihre Morbidität und Mortalität nach wie vor hoch.2 Einen gesunden Lebensstil zu fördern, lebenslang, ist eine der wichtigsten Präventionsmaßnahmen.3 In den von der European Society of Cardiology (ESC) in Abständen publizierten Präventionsrichtlinien4,5 wird die vorhandene Evidenz zum Thema zusammengefasst, um bei der Behandlung einzelner Patient*innen als Entscheidungshilfe zu dienen; am rezentesten die „2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice“.6 Einige wichtige Lifestylethemen daraus werden im Folgenden diskutiert.

Tab. 1: Bewegungsempfehlungen für Erwachsene aller Altersgruppen (adaptiert nach Visseren FLJ et al.6 und World Health Organization7)

Körperliche Aktivität

Bewegungsempfehlungen

Allen Erwachsenen wird empfohlen, regelmäßig Ausdauer und Kraft zu trainieren und die Zeit, die sitzend oder inaktiv verbracht wird, zu minimieren (Tab.1).Erhöhung der Aktivität und eine Reduktion der Inaktivität bringen in Summe den größten gesundheitlichen Nutzen – also Reduktion der Gesamtmortalität und der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität (Tab.2).7 Relativ gesehen ist die Wirkung am ausgeprägtesten bei den Personen, die bisher völlig inaktiv waren. Absolut gesehen profitiert mehr, wer aktiver ist.8

Dass regelmäßige körperliche Aktivität erhebliche positive Wirkungen auf die Gesundheit aller Menschen hat und dasskörperliche Fitness einer der wichtigsten Prognoseparameter für Mortalität und Morbidität ist, ist sehr gut belegt, ebensowie der Umstand, dass davon zu wenig Gebrauch gemacht wird.9

Dosis-Wirkungvon Aktivität und Inaktivität

In Ergänzung bisheriger epidemiologischer Forschungsergebnisse, bei denen Aktivitätsdaten mittels Befragung erhoben wurden, zeigen neuere Studien mit Aktivitätstrackern einen fast doppelt so starken Effekt. Körperliche Aktivität jeder Intensität, auch geringer, ist mit einem substanziell verringertenvorzeitigen Sterberisiko assoziiert. Hingegen besteht ein signifikant erhöhtes Sterberisiko für Inaktivitätszeiten von 9,5 Stunden und mehr pro Tag.10 Um den negativen Effekt langen Sitzens – dieser ist für viele Menschen im Berufsalltag nicht zu vermeiden – zu kompensieren, sind Aktivitätsumfänge mit moderater Intensität von 60–75min pro Tag geeignet.11

Auch für Krafttraining ist der mortalitätssenkende Effekt mit Endpunktdaten belegt, und zwar für die Gesamtsterblichkeit und Sterblichkeit wegen kardiovaskulärer, onkologischer und metabolischer (Diabetes) Erkrankungen.12

Dies gilt für Freizeitaktivitäten. Überraschenderweise zeigt eine große dänische Studie, dass körperliche Aktivität im beruflichen Setting eher zu einer Erhöhung des Sterberisikos führt,13 u.a. möglicherweise, weil berufliche Aktivitäten anders strukturiert sind und körperliche Bedürfnisse den beruflichen Erfordernissen untergeordnet werden müssen.14

Empfehlungen für trainingsbasierte kardiale Rehabilitation

Für Patient*innen mit manifester atherosklerotischer Herzerkrankung und Herzinsuffizienz gilt eine Klasse-I-Empfehlung für eine strukturierte, medizinisch supervidierte, trainingsbasierte, multidisziplinäre kardiale Rehabilitation, die mit Evidenzlevel A belegt ist.6 Der Therapieumfang muss mindestens 36 Einheiten betragen, das Trainingsvolumen (Anzahl der Trainingswochen x durchschnittliche Häufigkeit der Trainingseinheiten pro Woche x durchschnittliche Dauer einer Trainingseinheit in Minuten)muss 1000 überschreiten.15

Tab. 2:Kritische und wichtige Gesundheitseffekte körperlicher Aktivität und Inaktivität (adaptiert nach WHO-Guidelines)7

Ernährung

Eine gesunde Ernährung, angelehnt an die mediterrane Küche, gilt weiterhin als Eckpfeiler der kardiovaskulären Prävention (Tab.3). Mehr Nahrungsmittel pflanzlichen Ursprungs, weniger gesättigte, mehr ungesättigte Fettsäuren, weniger Salzbeeinflussen Lipidzusammensetzung, Körpergewicht, Diabetesentwicklung und Blutdruck positiv.6

Alkohol, Kaffee

Tab. 3: Ernährungsempfehlungen (adaptiert nach Visseren FLJ et al.)6

Der Alkoholkonsum sollte maximal 100gpro Woche betragen (entspricht 2,5Liter Vollbier oder 7/8Liter Wein). Höhere Mengen sind mit linear ansteigendem Risiko für Schlaganfälle, Herzinsuffizienz und Todesfällen aufgrund anderer kardiovaskulärer Erkrankungen (z.B. Rhythmusstörungen) assoziiert.16 Bis zu drei Tassen Kaffee pro Tag sind mit reduziertem Auftreten von Endpunkten (Gesamt- und kardiovaskuläreMortalität und Insult) in einer UK-Biobankauswertung assoziiert und hatten eine günstige Wirkung auf Herzstruktur und -funktion sowie Gefäßsteifigkeit.17

Ernährungsformen

Ein besonderes Problem stellen industriell vielfach verarbeitete Nahrungsmittel dar, deren Anteil an der Gesamtkalorienaufnahme besonders in angloamerikanischen Ländern sehr hoch ist. In der Primärprävention sind sie mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht, Diabetes, Hyperlipidämie und eingeschränkter Nierenfunktion assoziiert, in der Sekundärprävention mit ungünstigen Krankheitsverläufen und erhöhter Mortalität.18

Nahrungsmittel mit hohem glykämischem Index19 und gesüßte Getränke (Limonaden mit und ohne Kohlensäure, Fruchtsäfte, Energydrinks – alle mit einem Zuckeranteil von mehr als 5–6g pro 100ml) werden international in größeren Mengen konsumiert als empfohlen, obwohl prospektive Kohortenstudien deutliche Evidenz für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen ihrem Konsum, Gewichtszunahme und Risiko für chronische Erkrankungen zeigen.20

Hingegen waren in einer großen Auswertung der US-Biobank vegetarische Ernährung mit einem geringeren Risiko für die Inzidenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fisch statt Fleisch oder Geflügelkonsum mit einem geringeren Risiko für das Auftreten einer Reihe von kardiovaskulären Ereignissen assoziiert.21

Übergewicht, Adipositas

Übergewichtige und adipöse Personen sollten versuchen, ihr Gewicht zu reduzieren, um den Blutdruck und das Diabetesrisiko zu senken und den Lipidstoffwechsel zu verbessern. Verschiedene Diäten sind geeignet, dies zu erreichen, allerdings sollte darauf geachtet werden, dass sie den Kriterien einer herzgesunden Ernährung entsprechen, die über lange Zeit aufrechterhalten werden kann (IA-Empfehlung).6

Geeignet sind pflanzenbasierte, hypokalorische mediterrane Kostformen, bei denen der Kohlehydrat-/Fett-Anteil verschiedenartig modifiziert werden kann. Auf ausreichenden Eiweißanteil und abwechslungsreiche Nahrungsmittelauswahl mit möglichst geringem Zuckeranteil sollte geachtet werden.

Eine andere Möglichkeit ist die Zeitrestriktion der Nahrungsaufnahme, wofür es verschiedene Regime gibt (Essen an alternierenden Tagen, Fasttage, Essens-Fastenzeiten während des Tages). Für jedes dieser Regime konnten Sicherheitsbedenken inzwischen ausgeschlossen werden.22

Allen Diäten gemeinsam sind gute und vergleichbare Kurzzeiterfolge, die im Laufe von 12 Monaten abnehmen. Die Zusammensetzung der Nahrungsbestandteile determiniert den Gesundheitseffekt. Studien mit Beobachtungszeiten über 24 Monate sind nicht vorhanden.6

Regelmäßiger und ausreichender Schlaf könnte in Adipositasprävention und -therapie ebenfalls eine Rolle spielen,23 allerdings fehlen hierzu Langzeitdaten.

Medikamente (Orlistat, Naltrexon/Bupropion, Liraglutid) können die Lebensstilmaßnahmen vielleicht unterstützen, haben aber potenziell Nebenwirkungen. Bei adipösen Hochrisikopatient*innen kann ein bariatrischer Eingriff überlegt werden, wenn eine nachhaltige Gewichtsreduktion durch Lebensstilmaßnahmen nicht zu erreichen ist (IIa-Empfehlung, Evidenzlevel B).6

Rauchen

Tabakrauchen ist ein unabhängiger Risikofaktor für die Entstehung von atherosklerotischen Gefäßerkrankungen und sollte daher vermieden oder beendet werden (IA-Empfehlung),6trotz des Risikos für eine Gewichtszunahme (IB-Empfehlung).Aus Risikotabellen in den ESC-Guidelines kann die errechnete Zunahme an Jahren ohne Herzkrankheit nach Rauchstopp zur Verwendung in Rauchentwöhnungskursen abgelesen werden.

Unterstützung mit Nikotinersatzpräparaten und eventuell Medikamenten wird empfohlen. Die seit einigen Jahren auf dem Markt befindlichen E-Zigaretten sind vielleicht effektiver bei der Rauchentwöhnung,24Langzeiteffekte können derzeit nicht abgeschätzt werden, ebenso das Suchtpotenzial, v.a. bei Kindern, was möglicherweise eine Regulierung erforderlich macht.

Zusammenfassung

Lebensstilmaßnahmen haben ein großes Potenzial, die Gesundheit zu erhalten oder zu verbessern. Einer konsequenten Umsetzung stehen oft wirtschaftliche Interessen, Gesellschafts- und Umweltfaktoren und Bequemlichkeit im Weg.

1 GBD 2013 Risk Factors Collaborators: Global, regional, and national comparative risk assessment of 79 behavioural, environmental and occupational, and metabolic risks or clusters of risks in 188 countries, 1990–2013: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2013. Lancet 2015; 386(10010): 2287-323 2 Timmis A et al.: European Society of Cardiology: cardiovascular disease statistics 2021. Eur Heart J 2022; 43(8):716-99 3 Nyberg ST et al.: Association of healthy lifestyle with years lived without major chronic diseases. JAMA Intern Med 2020; 180(5): 760-8 4 Perk J et al.: European Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice (version 2012). The fifth joint task force of the European Society of Cardiology and other societies on cardiovascular disease prevention in clinical practice (constituted by representatives of nine societies and by invited experts). Eur Heart J 2012; 33(13): 1635-701 5 Piepoli MF et al.: 2016 European guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice: The sixth joint task force of the European Society of Cardiology and other societies on cardiovascular disease prevention in clinical practice (constituted by representatives of 10 societies and by invited experts): Developed with the special contribution of the European Association for Cardiovascular Prevention & Rehabilitation (EACPR). Eur Heart J 2016; 37(29):2315-81 6 Visseren FLJ et al.: 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Eur Heart J 2021; 42(34): 3227-337 7 World Health Organization: WHO Guidelines on physical activity and sedentary behaviour.Br J Sports Med 2020; 54(24): 1451-62 8 Eijsvogels TM et al.: Exercise at the extremes: The amount of exercise to reduce cardiovascular events. J Am Coll Cardiol 2016; 67(3):316-29 9 World Health Organization: Physical activity fact sheets for the 28 European Union member states of the WHO European region.https://www.who.int/europe/publications/i/item/EUR-RC71-R14; zuletzt aufgerufen am 29.6.2022 10 Ekelund U et al.: Dose-response associations between accelerometry measured physical activity and sedentary time and all cause mortality: systematic review and harmonised meta-analysis. BMJ 2019; 366: l4570 11 Ekelund U et al.: Does physical activity attenuate, or even eliminate, the detrimental association of sitting time with mortality? A harmonised meta-analysis of data from more than 1 million men and women. Lancet 2016; 388(10051): 1302-10 12 Momma H et al.: Muscle-strengthening activities are associated with lower risk and mortality in major non-communicable diseases: A systematic review and meta-analysis of cohort studies. Br J Sports Med 2022; 56(13): 755-6313 Holtermann A et al.: The physical activity paradox in cardiovascular disease and all-cause mortality: The contemporary Copenhagen General Population Study with 104046 adults. Eur Heart J 2021; 42(15): 1499-1511 14 Halle M, Heitkamp M: Prevention of cardiovascular disease: Does ‚every step counts‘ apply for occupational work? Eur Heart J 2021; 42(15): 1512-5 15 Anderson L et al.: Exercise-based cardiac rehabilitation for coronary heart disease. Cochrane Database Syst Rev 2016; 2016(1): CD001800 16 Wood AM et al.: Risk thresholds for alcohol consumption: combined analysis of individual-participant data for 599912 current drinkers in 83 prospective studies. Lancet 2018; 391(10129): 1513-23 17 Simon J et al.: Light to moderate coffee consumption is associated with lower risk of death: a UK Biobank study. Eur J Prev Cardiol 2022; 29(6):982-91 18 Bonaccio M et al.: Ultra-processed food intake and all-cause and cause-specific mortality in individuals with cardiovascular disease: the Moli-sani Study. Eur Heart J 2022; 43(3): 213-24 19 Jenkins DJA et al.: Glycemic Index, glycemic load, and cardiovascular disease and mortality. N Engl J Med 2021; 384(14): 1312-22 20 Malik VS, Hu FB: The role of sugar-sweetened beverages in the global epidemics of obesity and chronic diseases. Nat Rev Endocrinol 2022; 18(4): 205-18 21 Petermann-Rocha F et al.: Vegetarians, fish, poultry and meat-eaters: Who has higher risk of cardiovascular disease incidence and mortality? A prospective study from UK Biobank. Eur Heart J 2021; 42(12): 1136-43 22 Varady KA et al.: Clinical application of intermittent fasting for weight loss: Progress and future directions. Nat Rev Endocrinol 2022; 18(5):309-21 23 Tasali E et al.: Effect of sleep extension on objectively assessed energy intake among adults with overweight in real-life settings: A randomized clinical trial. JAMA Intern Med 2022; 182(4): 365-74 24 Hajek P et al.: A randomized trial of e-cigarettes versus nicotine-replacement therapy. N Engl J Med 2019; 380(7): 629-37

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