Persönlichkeitsfunktionsniveau in der Adoleszenz: biopsychosoziale Mechanismen und erste Ergebnisse aus der PsyNeuroEndo-Studie
Autor:innen:
Dr. Karin de Punder1
Johanna Dose, MSc, MSc, BSc2,3
Ass. Prof. PD Manuela Gander1,3
Univ.-Prof. Mag. Dr. Christian Humpel4
Prof. Dr. Kathrin Sevecke3
Univ.-Prof. Dr. Katharina Hüfner2
Univ.-Prof. Dr. Anna Buchheim1
OA Dr. Josef Hinterhölzl2
1 Institut für Psychologie, Klinische Psychologie II, Universität Innsbruck, Innsbruck
2 Universitätsklinik für Psychiatrie II, Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie, Medizinische Universität Innsbruck
3 Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter, Medizinische Universität Innsbruck, Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Hall in Tirol
4 Labor für experimentelle Alzheimerforschung, Universitätsklinik für Psychiatrie I, Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie, Medizinische Universität Innsbruck
Korrespondierende Autorin:
Dr. Karin de Punder
E-Mail: Karin.De-Punder@uibk.ac.at
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Die Adoleszenz stellt ein sensibles Entwicklungsfenster mit hoher Plastizität psychologischer und neurobiologischer Systeme dar. Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsfunktionen können bereits in dieser Lebensphase zuverlässig diagnostiziert und wirksam therapeutisch behandelt werden. Die PsyNeuroEndo-Studie verbindet eine psychodynamisch orientierte tagesklinische Behandlung mit standardisierten Erhebungen zu Persönlichkeit und Bindung sowie multimodalen biologischen Markern, um Zusammenhänge zwischen psychischen und biologischen Veränderungen im Therapieverlauf zu untersuchen. Vorläufige Befunde weisen darauf hin, dass Verbesserungen der Psychopathologie mit Veränderungen biologischer Systeme einhergehen.
Keypoints
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Persönlichkeitsfunktionen sind ein zentraler transdiagnostischer Ansatz zur Früherkennung und Behandlung psychischer Erkrankungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter.
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Frühe Belastungserfahrungen beeinflussen langfristig Stress-, Bindungs- und Immunsysteme und erhöhen die Vulnerabilität für psychische Erkrankungen.
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Vorläufige Ergebnisse der PsyNeuroEndo-Studie zeigen, dass psychodynamische Psychotherapie mit klinischen Verbesserungen sowie Veränderungen biologischer Stress- und Immunsysteme einhergeht.
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Die Integration psychologischer und biologischer Marker eröffnet neue Möglichkeiten für eine personalisierte sowie biopsychosoziale Psychotherapie.
Persönlichkeitsstörungen (PD) gehen mit erheblichen Beeinträchtigungen des Selbst- und zwischenmenschlichen Funktionierens sowie langfristigen psychosozialen Konsequenzen einher und stellen dadurch eine erhebliche sozioökonomische Belastung dar. Die Prävalenz von Persönlichkeitsstörungen wird in Ländern mit hohem Einkommen auf 9,4% geschätzt, wobei Psychotherapie als erste Wahl der Behandlung empfohlen wird.1 Aversive Kindheitserfahrungen wie Vernachlässigung, Misshandlung oder sexualisierte Gewalt sowie unsichere Bindungsbeziehungen zählen zu den wichtigsten Risikofaktoren für die Entwicklung von Persönlichkeitsdysfunktionen.2 Darüber hinaus wurden diese Störungen aus biologischer Perspektive mit Veränderungen der neuroendokrinen Stressantwort, des Immunsystems und des oxytozinergen Systems in Verbindung gebracht.3–6
Da verschiedene Manifestationen von Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen häufig bereits zwischen Pubertät und frühem Erwachsenenalter auftreten, ist eine frühzeitige Diagnostik und Behandlung indiziert.7 Parallel dazu vollzieht sich ein Paradigmenwechsel hin zu einem dimensionalen Verständnis: Sowohl das DSM-5-TR (AMPD) der American Psychiatric Association als auch die ICD-11 der WHO betrachten Beeinträchtigungen der Selbst- und interpersonellen Funktion (Criterion A) als Kern der Persönlichkeitspsychopathologie.8–11 Bereits in der Adoleszenz sind diese Beeinträchtigungen valide und reliabel messbar, was die Relevanz früher Identifikation und Intervention unterstreicht.12–14
Über diese psychologischen Entwicklungsprozesse hinaus ist die Adoleszenz eine sensible Phase für die Reifung neurobiologischer Stressreaktionssysteme und der Immunfunktion.3,5 Damit stellt sie ein kritisches Zeitfenster dar, um zu verstehen, wie sich die langfristigen Folgen früher Lebenserfahrungen im psychologischen und biologischen Funktionieren manifestieren.
Vor diesem Hintergrund untersucht die PsyNeuroEndo-Studie psychologische und biologische Veränderungen während einer psychodynamisch orientierten tagesklinischen Behandlung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsfunktionen. Hierzu werden standardisierte Erhebungen zu Persönlichkeit, Bindung und Psychopathologie mit einem breiten Biomarkerprogramm kombiniert. Erste Ergebnisse weisen auf klinische Verbesserungen hin, die mit Veränderungen biologischer Systeme einhergehen.
Biologische Veränderungen nach frühen Stresserfahrungen
Frühe Belastungen und chronischer Stress in der Kindheit können die Entwicklung biologischer Stress- und Sozialsysteme nachhaltig beeinflussen („biological embedding“). Auf Ebene des Stresssystems führt wiederholte Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA) und des sympathischen Nervensystems häufig zu einer veränderten Cortisolregulation (z.B. flacher Tagesrhythmus, über- oder unterreaktive Stressantwort) und zu epigenetischen Modifikationen stressrelevanter Gene wie NR3C1, was die Sensitivität von Glukokortikoidrezeptoren und damit die Regulation der Stressantwort verändert.15–17
Neben dem Stresssystem ist auch das oxytozinerge System von frühen Beziehungserfahrungen geprägt. Unsichere Bindung und frühe Adversität werden mit Veränderungen der endogenen Oxytocinfreisetzung, der Expression des Oxytocinrezeptors (OXTR) sowie dessen epigenetischer Regulation in Verbindung gebracht. Diese Veränderungen können die soziale Pufferung von Stress sowie Prozesse der Bindung, Affektregulation und interpersonellen Vertrauensbildung beeinträchtigen.2,4,18
Parallel zeigen sich am Immunsystem Zeichen erhöhter „allostatischer Last“: eine leichte, chronische Entzündungsaktivierung (z.B. erhöhte proinflammatorische Zytokine wie Interleukin 6 und C-reaktives Peptid sowie erhöhte Leukozytenzahl), veränderte Immunzellverteilung und eine relative Glukokortikoidresistenz, die die entzündungshemmende Wirkung von Cortisol mindert.19–21 Zusammengenommen begünstigen diese Anpassungen eine stärkere Reaktivität auf spätere Belastungen, beeinträchtigen die Emotions- und Beziehungsregulation und erhöhen das Risiko für psychische (z.B. affektive, Angst- und Persönlichkeitsstörungen) sowie somatische Erkrankungen im späteren Leben.3,5
Die PsyNeuroEndo-Studie
Unsere Studie begleitet Jugendliche und junge Erwachsene (16–25 Jahre) mit Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsfunktionen während einer 12-wöchigen psychodynamisch orientierten Behandlung an der Tagesklinik für Adoleszenz in Innsbruck, um Veränderungen der Psychopathologie, der Persönlichkeitsfunktionen, der Bindung sowie biologischer Systeme im Therapieverlauf longitudinal zu untersuchen. Die multimodale Behandlung umfasst Einzel- und Gruppentherapie, psychiatrische Behandlung sowie verschiedene psychosoziale Interventionen und kreativ-, körper- und bewegungstherapeutische Angebote. Die Datenerhebung erfolgte zu vier Messzeitpunkten: vor der Wartezeit (T0), zu Behandlungsbeginn (T1), am Therapieende (T2) sowie zwölf Wochen nach Therapieabschluss (T3). Um natürliche Verläufe von Behandlungseffekten zu unterscheiden, nutzen wir eine Wartelisten-Phase und beziehen zusätzlich eine alters- und geschlechtsangepasste Gruppe gesunder Kontrollen ein. Die psychologische Diagnostik umfasst standardisierte Fragebögen und klinische Interviews zu Psychopathologie, Persönlichkeitsfunktionen und Bindung. Parallel werden biologische Proben erhoben: Speichel (z.B. für Stresshormone), Haar (für längerfristige Stressmarker), Wangenschleimhaut (für epigenetische Veränderungen, als stabile „biologische Fußabdrücke“ der Genregulation) und Blut (u.a. für Entzündungs-, Hormon- und Vitaminwerte). So verknüpfen wir klinische Veränderungen mit biologischen Entwicklungen im Stress-, Bindungs- und Immunsystem. Ziel der Studie ist es, biologische und psychologische Prädiktoren des Therapieansprechens zu identifizieren und zu einem besseren Verständnis der Wirkmechanismen psychodynamischer Psychotherapie im Jugend- und jungen Erwachsenenalter beizutragen.
Vorläufige Studienergebnisse
Zu Baseline zeigen die Patient:innen erwartungsgemäß eine höhere psychiatrische Symptombelastung, mehr belastende Kindheitserfahrungen und eine vermehrt unsichere Bindungsrepräsentation im Vergleich zu gesunden Kontrollen. Unsere vorläufigen Daten zeigen ferner, dass Patient:innen während eines Bindungsinterviews (Adult Attachment Projective, AAP) im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe eine erhöhte Aktivierung der HPA-Achse aufweisen, erfasst über die Cortisol-Werte im Speichel. Darüber hinaus belegen unsere vorläufigen Interventionsdaten, dass die psychodynamische Psychotherapie eine signifikante Symptomreduktion von etwa 20–30% erzielt, das subjektiv erlebte Stressniveau senkt und die Bindungsqualität verbessert. Parallel beobachten wir eine signifikante Abnahme von Immunmarkern, was auf eine Reduktion inflammatorischer Aktivität hindeutet. Ergänzend zeigen unsere vorläufigen Daten, dass eine höhere psychiatrische Symptomschwere mit stärkeren Entzündungsmarkern, niedrigeren Vitamin-D-Spiegeln und erhöhten Werten des Thyreoidea-stimulierenden Hormons (TSH) assoziiert ist.
Zusammengefasst sprechen diese Befunde dafür, dass psychodynamische Psychotherapie nicht nur klinisch wirksam ist, sondern auch dysregulierte Stress-, Immun- und Bindungssysteme positiv moduliert. Zugleich unterstreichen die biomarkerbasierten Assoziationen die Relevanz eines integrativen, biopsychosozialen Behandlungsansatzes und legen nahe, in künftigen Studien prädiktive Marker und Mechanismen gezielt zu prüfen, um personalisierte Interventionen weiter zu verbessern.
Ausblick
Die weiteren Analysen werden prüfen, inwieweit Profile der Stress- und Bindungsregulation (z.B. HPA-Aktivität, oxytozinerge Parameter), Entzündungsmarker sowie Vitamin-D- und Hormonspiegel und epigenetische Signaturen mit Veränderungen der Psychopathologie, des subjektiven Stresserlebens, der Bindungsqualität und der Domänen des Persönlichkeitsfunktionsniveaus (Identität, Selbststeuerung, Empathie, Beziehungsfähigkeit) assoziiert sind. Langfristig kann die Kopplung klinischer und biologischer Veränderungsmuster dazu beitragen, frühzeitig Prädiktoren eines günstigen Therapieansprechens zu identifizieren, Rückfälle zu verhindern und Stigmatisierung zu reduzieren, indem weniger die Etikettierung einer „Störung“ im Vordergrund steht als der konkrete Grad an Funktionsbeeinträchtigung und seine Entwicklung über die Zeit. So lässt sich die besondere Plastizität der Adoleszenz gezielt therapeutisch nutzen: für stabilere Identität, verlässlichere Beziehungen, größere Selbstwirksamkeit und einen günstigeren Übergang ins Erwachsenenalter.
Literatur:
1 Winsper C et al.: The prevalence of personality disorders in the community: a global systematic review and meta-analysis. Br J Psychiatry 2020; 216(2): 69-78 2 Buchheim, A, Diamond D: Attachment and borderline personality disorder. Psychiatr Clin North Am 2018; 41(4): 651-68 3 Dose J et al.: Übersichtsarbeiten / Review Articles. Funktionsniveau der Persönlichkeit in der Adoleszenz: Psychologische und biologische Aspekte im Kontext von Diagnostik und Therapie / Level of Personality Functioning in Adolescence: Psychological and Biological Aspects in the Context of Diagnosis and Therapy. Prax Kinderpsychol Kinderpsychiatr 2025; 74(3): 233-55 4 Jobst A et al.: Lower oxytocin plasma levels in borderline patients with unresolved attachment representations. Front Hum Neurosci 2016; 10: 125 5 de Punder K et al.: Neuroendokrine und immunologische Veränderungen bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung: Eine Kurzübersicht. PTT - Persönlichkeitsstörungen: Theorie und Therapie 2023; 27(4): 340-59 6 Thomas N et al.: Systematic review and meta-analysis of basal cortisol levels in Borderline Personality Disorder compared to non-psychiatric controls. Psychoneuroendocrinology 2019; 102: 149-57 7 Bürger A, Kaess M: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Jugendalter. Kindheit und Entwicklung: Zeitschrift für Klinische Kinderpsychologie 2023; 32(1): 4-19 8 American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. 5th ed., text rev. (DSM-5-TR). American Psychiatric Association Publishing, 2022 9 World Health Organization: International Classification of Diseases for Mortality and Morbidity Statistics (11th Revision). 2022 10 Bach B et al.: The ICD-11 classification of personality disorders: a European perspective on challenges and opportunities. Borderline Personal Disord Emot Dysregul 2022; 9(1): 12 11 Bach B, First MB: Application of the ICD-11 classification of personality disorders. BMC Psychiatry 2018; 18(1): 351 12 Chanen AM et al.: Diagnosis and treatment of borderline personality disorder in young people. Curr Psychiatry Rep 2020; 22(5): 25 13 Chanen AM, Kaess M: Developmental pathways to borderline personality disorder. Curr Psychiatry Rep 2012; 14(1): 45-53 14 Crawford TN et al.: The course and psychosocial correlates of personality disorder symptoms in adolescence: Erikson’s developmental theory revisited. Journal of Youth and Adolescence 2004; 33(5): 373-87 15 Danese A, McEwen BS: Adverse childhood experiences, allostasis, allostatic load, and age-related disease. Physiol Behav 2012; 106(1): 29-39 16 Heim C et al.: The link between childhood trauma and depression: insights from HPA axis studies in humans. Psychoneuroendocrinology 2008; 33(6): 693-710 17 Miller GE et al.: Psychological stress in childhood and susceptibility to the chronic diseases of aging: moving toward a model of behavioral and biological mechanisms. Psychol Bull 2011; 137(6): 959-97 18 Toepfer P et al.: Oxytocin pathways in the intergenerational transmission of maternal early life stress. Neurosci Biobehav Rev 2017; 73: 293-308 19 Danese A, Lewis SJ: Psychoneuroimmunology of early-life stress: the hidden wounds of childhood trauma? Neuropsychopharmacology 2017; 42(1): 99-114 20 Entringer S et al.: Immediate and longitudinal effects of maltreatment on systemic inflammation in young children. Dev Psychopathol 2020; 32(5): 1725-31 21 Slavich GM, Irwin MR: From stress to inflammation and major depressive disorder: a social signal transduction theory of depression. Psychol Bull 2014; 140(3); 774-815 Diese Arbeit wurde von der Köhler-Stiftung (Projektnummer A23 473) unterstützt.
Offenlegung:
Diese Arbeit wurde von der Köhler-Stiftung (Projektnummer A23 473) unterstützt.
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