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«Einen grossen Schritt weiter zu besserer Prävention und Diagnostik»
<p class="article-intro">Die gesamte Familie wollten die Organisatoren des Jahreskongresses von SGPP und SGKJPP ins Zentrum rücken. Wir sprachen mit Dr. Kaspar Aebi, Co-Präsident des Kongresses und Psychiater in Burgdorf, wie man die neuesten Erkenntnisse zur transgenerationellen Vererbung für die Praxis nutzen kann und was er sonst noch wichtig auf dem Kongress fand.</p>
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<p class="article-content"><p><strong>Leading Opinions: Herr Aebi, was sind die grössten ungelösten Fragen in der Psychiatrie und gab es darauf auf dem Kongress Antworten?</strong> <br /><strong>Kaspar Aebi:</strong> Unsere grösste Herausforderung ist, die Menschen in unserer Gesellschaft besser zu erreichen. Nur so kann es uns gelingen, dass weniger Menschen eine psychische Krankheit bekommen und dass die bereits Erkrankten besser therapiert werden. Der Weg dahin ist der offene Dialog mit der Bevölkerung: Wir müssen verständliche Informationen bereitstellen und dafür sorgen, dass psychische Krankheiten ihr Stigma verlieren. Am diesjährigen Kongress wurde der Schwerpunkt darauf gelegt, wie sich psychische Erkrankungen auf Kinder und Enkel der Erkrankten auswirken. Das wichtigste Fazit für mich: Binden wir Angehörige und enge Freunde mehr in die Behandlung ein, können wir sie damit entlasten und es erkranken weniger von ihnen ebenfalls an psychischen Krankheiten. Das Problem müssen wir unbedingt angehen.</p> <p> </p> <p><strong>Welche Konsequenzen ergeben <br />sich für die Praxis?</strong> <br /><strong>K. Aebi:</strong> Die psychische Erkrankung einer Person kann andere Menschen – zum Beispiel Familienmitglieder, Freunde, Kollegen oder Kinder vor oder nach der Geburt – so stressen, dass diese ebenfalls eine psychische Krankheit erleiden. Stressfaktoren oder Traumata während der Schwangerschaft, die werdende Mütter überfordern, erhöhen das Risiko um das bis zu 13-Fache, dass die daraus hervorgehenden Kinder später im Leben eine psychische Krankheit entwickeln.1 Wir sollten deshalb viel mehr darauf achten, wie wir das durch eine wirksame Prävention und entsprechende Interventionen verhindern können.</p> <p><strong>Wie sähe das aus?</strong> <br /><strong>K. Aebi:</strong> Das Wissen allein, dass bei der Erkrankung von Familienangehörigen genetisch ein erhöhtes Risiko besteht, dass weitere Familienmitglieder und Nachkommen erkranken, stellt bereits ein präventives diagnostisches und therapeutisches Potenzial dar. Wir sehen jetzt immer klarer, dass sich Traumata nachteilig und nachhaltig auf die psychische Gesundheit auswirken. Das muss uns – nicht nur in unserem Fach, sondern in der gesamten Bevölkerung – dazu veranlassen, sorgsamer mit der Psyche anderer Menschen umzugehen. Die Gesunderhaltung der Psyche und ihrer Funktionen bedarf unserer täglichen Aufmerksamkeit und Pflege.</p> <p><strong>Erich Seifritz stellte die neue Leitlinie zur Therapie von therapieresistenten Depressionen vor. Ist das ein grosses Problem in der Praxis? </strong> <br /><strong>K. Aebi:</strong> Ja, leider, damit haben wir fast täglich zu tun. Die Therapieresistenz beruht vermutlich auf zwei Faktoren. Zum einen haben wir immer mehr Behandlungsstrategien zur Verfügung, also Psychotherapie, Medikamente und sozialpsychiatrische Ansätze, und setzen diese in unterschiedlichen Kombinationen ein. Sie können sich leicht vorstellen, wie gross die Zahl der möglichen Kombinationen dadurch wird und dass sich daraus das Risiko ergibt, im Einzelfall nicht die richtige Kombination zu finden. Zum anderen liegt es daran, dass wir einfach noch nicht genau wissen, bei wem welche Strategie am besten wirkt. Deshalb müssen wir unbedingt bessere psychopathologische und biologisch-diagnostische Kriterien erarbeiten, die uns eine Voraussage erlauben, welche Methoden und welche ihrer Kombinationen beim individuellen Patienten am besten wirken.</p> <p><strong>Herr Seifritz stellte die neue Leitlinie zur Therapie von Depressionen vor, die in Kürze erscheinen soll. Er möchte, dass der ABCB1-Test in die Routine aufgenommen wird. Finden Sie das gut?</strong> <br /><strong>K. Aebi:</strong> Ich finde neue diagnostische Verfahren gut, mit denen wir gezielter behandeln können. Der ABCB1-Test ist so ein Verfahren. Mit dem Test kann man die Medikamente gezielt auswählen, mit denen es dem individuellen Patienten schneller besser geht und mit denen man einen nächsten Schub hinauszögern kann. Das ist insbesondere bei der Depression mit ihrem hohen Leidensdruck höchst willkommen.</p> <p><strong>In einigen Vorträgen ging es um die frontotemporale Demenz – quasi ein «Stiefkind», weil sie häufig nicht richtig diagnostiziert oder behandelt wird. Fanden Sie es gut, dass dieser Demenzform so viel Platz eingeräumt wurde?</strong><br /> <strong>K. Aebi:</strong> Ja, auf jeden Fall. Die frontotemporale Demenz zeichnet sich durch eine Persönlichkeits- und Verhaltensveränderung der Betroffenen aus und ist daher eine besondere Herausforderung und Belastung für die Betroffenen und ihr Umfeld. Da das Frontalhirn eine zentrale Rolle für die psychischen Funktionen spielt, ist leicht nachvollziehbar, dass diese Verhaltensstörungen Symptome anderer psychischer Krankheiten wie Depression oder Schizophrenie beinhalten und damit schwer von diesen abgrenzbar sind. Das ist eine diagnostische Herausforderung! Ist die Diagnose einmal gestellt, behandeln wir diese Symptome mit Medikamenten, die wir auch bei Depressionen, schizophrenen Psychosen oder Zwängen einsetzen. Ob und wie gut die Medikamente wirken, kann man aber wegen der degenerativen Grundlage der frontotemporalen Demenz schwerer einschätzen. Abgesehen davon konfrontiert uns diese Krankheit damit, dass wir zu wenige Beratungseinrichtungen für die Betroffenen haben. Denn diese Demenzform beeinträchtigt oft früh die Autonomie des Patienten. Wir brauchen aber Institutionen, die sich auf den Umgang mit dieser Demenzform spezialisiert haben. Nur so können wir den Patienten und ihren Angehörigen gut helfen.</p> <p><strong>Ihr Fazit: Was hat der Kongress gebracht?</strong> <br /><strong>K. Aebi:</strong> Es war sehr inspirierend, zu spüren, dass wir alle – auch wenn wir aus unterschiedlichen Fachgebieten kommen – dieselben Ziele vor Augen haben und daran arbeiten, diese zu erreichen: die Prävention, Diagnostik und Therapie psychischer Krankheiten zu verbessern. Das gelingt uns nur durch den Dialog mit allen Beteiligten, nicht nur unter Berufsleuten, sondern auch mit Betroffenen, ihren Angehörigen und Freunden.</p> <p><strong>Vielen Dank für das interessante Gespräch!</strong></p></p>
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<p><strong>1</strong> van Santvoort F et al: The impact of various parental mental disorders on children’s diagnoses: a systematic review. Clin Child Fam Psychol Rev 2015; 18: 281-299</p>
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