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Kongress der European Academy of Allergy and Clinical Immunology (EAACI) 2022

Ökologie und Prävention im Fokus

Ökologie und Umwelt waren zentrale Themen des diesjährigen Kongresses der EAACI (European Academy of Allergy and Clinical Immunology), der von 1. bis 3. Juli 2022 in Prag stattfand. Dabei wurde unter anderem ein neues Leitlinien-Projekt vorgestellt, das Empfehlungen zum Umgang mit Umweltnoxen enthalten wird.

Allergie, Asthma und Umwelt

Das Projekt einer neuen Leitlinie zum Thema Asthma und Umwelt wurde von Prof. Dr. Ioana Agache von der Transilvania Universität in Brasov, Rumänien, im Rahmen einer Plenary Lecture präsentiert. Die EAACI-Guidelines „Environmental Science for Allergic Diseases and Asthma“ werden von fünf Arbeitsgruppen erstellt. Von allen Arbeitsgruppen werden in den kommenden Monaten Publikationen erwartet:

  • Arbeitsgruppe 1 ist für die Atmosphärenforschung mit speziellem Fokus auf Umweltverschmutzung, Luftqualität und Klimawandel zuständig.

  • Arbeitsgruppe 2 beschäftigt sich mit Ökologie und im Speziellen mit Biodiversität und dem Exposom.

  • Arbeitsgruppe 3 behandelt die Wechselwirkungen zwischen dem Menschen und der Umwelt, auch aus der Sicht der Sozialwissenschaften.

  • Arbeitsgruppe 4 bearbeitet regulatorische Fragen und erstellt Empfehlungen für die politische Umsetzung und die Überwachung.

  • Arbeitsgruppe 5 erstellt mithilfe von künstlicher Intelligenz und Machine Learning Modelle zur Klärung kausaler Zusammenhänge.

In jeder der fünf Arbeitsgruppen werden PICO-Fragen (Patient/Population, Intervention, Comparison, Outcome) bearbeitet. Diese lauten zum Beispiel: „Gibt es einen Zusammenhang zwischen Temperaturextremen und Asthmaexazerbationen?“ oder „Können Pollenvorhersagen Asthma-Outcomes beeinflussen?“ bzw. „Erhöht Rauchen die Inzidenz von Asthma?“ Zum Teil berühren die Fragen aber auch gesellschaftlich bzw. politisch relevante Themen wie zum Beispiel die Begrünung urbaner Wohngebiete.

Fertiggestellt wurden mittlerweile die Empfehlungen betreffend Exposition gegenüber Pollen. Diese zeigen leider, dass die Evidenz, auf der die Empfehlungen basieren,bestenfalls moderat, in vielen Fällen jedoch schwach ist. Evidenz kam allerdings von unerwarteter Seite: Es habe sich gezeigt, dass das Tragen von FFP2-Masken die Inzidenz schwerer Asthmaexazerbationen reduziere. Auf Basis dieses Befundes könne man nun die Reduktion der Exposition gegenüber Pollen als Maßnahme zur Reduktion von Asthmaexazerbationen empfehlen. Was den Zusammenhang zwischen Pollenexposition und Lungenfunktion angeht, habe man allerdings lediglich geringe bis sehr geringe Evidenz, was vor allem den Bedarf an besseren Studien zeige, so Agache. Eine erste Publikation mit Empfehlungen zu polleninduziertem Asthma und allergischer Rhinitis wird noch diesen Sommer erwartet.

Asthmaexazerbationen: Schimmelpilz als Killer

Wie wichtig die Prävention schwerer Asthmaexazerbationen ist, erläuterte Dr. Ibon Eguiluz-Gracia vom Krankenhaus der Universität Malaga anhand klinischer Daten. Als schwer gilt eine Exazerbation, wenn sie den Einsatz systemischer Kortikosteroide erforderlich macht und/oder zu einem Besuch in der Notaufnahme bzw. einer Hospitalisierung führt. Folgen sind neben der akuten Morbidität und einem erhöhten Risiko zu sterben auch eine Verschlechterung der Lebensqualität sowie massiv erhöhte Behandlungs- und Gesundheitskosten.1 Des Weiteren kommt es bei häufigen Exazerbationen zu einem beschleunigten Verlust von Lungenfunktion, so Eguiluz-Gracia.

Während virale Infekte die häufigsten Auslöser akuter Exazerbationen sind, darf die Rolle von Aeroallergenen nicht vergessen werden. Dabei seien als Auslöser nicht zuletzt auch Schimmelpilze zu nennen. Insbesondere die Sensibilisierung für Alternaria alternata ist mit einem massiv erhöhten Asthmarisiko, verstärktem Gebrauch von Bronchodilatatoren sowie Hyperreagibilität der Atemwege assoziiert. Die Häufigkeit tödlicher Asthmaexazerbationen wird dadurch um den Faktor 200 erhöht. Alternaria alternata kann auf Wild- und Kulturpflanzen wachsen oder Baustoffe und Wohnräume besiedeln.

Auf der anderen Seite haben sich Interventionen mit dem Ziel, die Exposition gegenüber Allergenen und anderen Noxen (z.B. Tabakrauch) in Wohnungen zu reduzieren, im Management des kindlichen Asthmas bewährt. Den größten Einfluss hatten dabei Kakerlakenallergene.2 Auch eine Immuntherapie gegen das Hausstaubmilbenallergen reduzierte das Risiko für schwere Asthmaexazerbationen.3

Es sei nun naheliegend, so Eguiluz-Gracia, dass Allergene bei allergischen Asthmatikern Exazerbationen verursachen können. Weniger klar ist, ob auch bei nicht atopischen Asthmapatienten Allergene als Trigger solcher Ereignisse eine Rolle spielen können. Studiendaten aus Malaga zeigen, dass dies sehr wohl der Fall sein kann, wenn zumindest eine lokale allergische Rhinitis vorhanden ist. Diese ist definiert durch allergische Symptome in der Anamnese, das Fehlen von Atopie und eine positive Reaktion auf eine nasale Allergen-Challenge. Rund ein Drittel der betroffenen Patienten zeige auch bronchiale Symptome, so Eguiluz-Gracia. Kommt eine positive Reaktion auf eine bronchiale Challenge hinzu, ist nach Ansicht der Gruppe in Malaga ein neuer Asthmaphänotyp definiert.4 Vor diesem Hintergrund wurde eine EAACI-Task-Force ins Leben gerufen, die die bronchiale Allergen-Challenge als diagnostisches Tool für die Klinik etablieren soll.5

Nahrungsmittelallergien: deutliche regionale Unterschiede

Ein weiteres wichtiges Thema des EAACI-Kongresses waren Nahrungsmittelallergien. Diese werden seit Kurzem mit dem validierten Food Allergy Severity Score (FASS) quantifiziert und beschrieben.6 Nach dem FASS wird eine allergische Reaktion als schwer eingestuft, wenn das Herz-Kreislauf-System, der Larynx, die Lunge oder das Gehirn betroffen sind und daher potenziell Lebensgefahr besteht.

Eine nun im Rahmen des EAACI-Kongresses präsentierte Studie ging der Frage nach, ob unterschiedliche tierische Allergene zu unterschiedlich schweren Reaktionen führen und ob es hinsichtlich dieser Reaktionen innerhalb Europas lokale Unterschiede gibt. Dazu wurde der FASS auf die Daten aus den 12 Referenzzentren der EUROPREVALL-Studie, der bislang größten Studie zu Nahrungsmittelallergien in Europa, angewandt. Dabei zeigte sich, dass Milch, Hühnerei, Fisch und Krustentiere die tierischen Nahrungsmittel waren, die am häufigsten zu allergischen Reaktionen führten. Krustentiere und Fisch lösten dabei schwerere Reaktionen aus. Seltener, dabei aber tendenziell schwer, waren allergische Reaktionen auf Fleisch oder Weichtiere. Hinsichtlich regionaler Unterschiede wurden in den Zentren in Reykjavík und Manchester besonders schwere Reaktionen beobachtet.7

FASS hat sich in dieser Analyse bewährt, so Dr. Rosialzira Vera-Berrios vom Instituto de Investigación Sanitaria Hospital Clínico San Carlos in Madrid, Spanien, zumal der Score hilft, die Bandbreite der Schwere von Nahrungsmittelallergien zu verstehen, und damit ein vollständigeres Bild der Situation vermittelt. Dies sei wichtig, um die Implementation regulatorischer Maßnahmen zu verbessern, die für die Sicherheit und Lebensqualität der Betroffenen essenziell sind.

Am selben Zentrum wurden analoge Vergleiche für allergische Reaktionen auf Nüsse und Hülsenfrüchte durchgeführt. Die Auswertung ergab, dass Reaktionen auf Haselnüsse, Erdnüsse und Walnüsse häufiger waren als auf Hülsenfrüchte, wobei Erdnüsse schwerere Reaktionen auslösten. Allergien auf Hülsenfrüchte waren selten, allerdings zu einem hohen Prozentsatz schwer. Bei den registrierten Reaktionen auf Erbsen handelte es sich in mehr als der Hälfte der Fälle um Anaphylaxie mit respiratorischer oder kardiovaskulärer Beteiligung. Dies ist insofern bedeutsam, als Hülsenfrüchte bei der Kennzeichnung von Nahrungsmitteln nicht berücksichtigt werden müssen, so Studienautorin Dr. Montserrat Fernandez-Rivas. Auch hier gab es regionale Unterschiede, mit schwereren Reaktionen in Manchester und Prag sowie milderen Reaktionen in Mailand und Straßburg.8

Im Falle einer anaphylaktischen Reaktion ist rasche medizinische Hilfe dringend erforderlich. Voraussetzung dafür ist, dass die Situation richtig erkannt wird und die korrekten Maßnahmen gesetzt werden. Allerdings zeigte eine im Rahmen des EAACI 2022 vorgestellte Studie, dass es in der Ärzteschaft diesbezüglich durchaus Wissensdefizite gibt. Für die Studie wurden 840 Ärzte befragt. Die Auswertung ergab, dass 90% der Befragten Hautbeteiligung und 84% respiratorische Symptome als Zeichen von Anaphylaxie angaben. Kardiovaskuläre Symptome waren noch 78% als Zeichen von Anaphylaxie bekannt. Jedoch wussten nur weniger als fünf Prozent, dass auch der Magen-Darm-Trakt bei Anaphylaxie beteiligt sein kann. Dass Adrenalin in der Akutbehandlung einer anaphylaktischen Reaktion die erste Wahl darstellt, war 83% bekannt, nur 63% waren sich dabei über die korrekte Dosierung im Klaren. Ärzte in Facharztausbildung waren besser informiert als niedergelassene Fachärzte oder Allgemeinmediziner.9 Die Studie weise besonders auf den Bedarf an ärztlicher Fortbildung hin, zieht Studienautor Dr. Cihan Örçen vom Lehr- und Forschungskrankenhaus Kocaeli in der Türkei Bilanz.

1 Ivanova JI et al.: J Allergy Clin Immunol 2012; 129(5): 1229-35 2 Morgan WJ et al.: N Engl J Med 2004; 351(11): 1068-80 3 Virchow JC et al.: JAMA 2016; 315(16): 1715-25 4 Campo P et al.: Allergy 2019; 74(8): 1502-10 5 Agache I et al.: Allergy 2022; 77(6): 1667-84 6 Fernandez-Rivas M et al.: Allergy 2022; 77(5): 1545-58 7 Vera-Berrios RN et al.: EAACI 2022; oral presentation #001082 8 Fernandez-Rivas M et al.: EAACI 2022; oral presentation #001394 9 Örçen C et al.: EAACI 2022; poster #001131

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