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12. Österreichischer Infektionskongress

Das Antibiotika-Paradoxon

<p class="article-intro">In den letzten Jahrzehnten haben Antibiotika viele Leben gerettet und viele Krankheiten geheilt, die zuvor unheilbar waren. Diese Medaille hat jedoch eine Kehrseite. Es gibt mehr und mehr Beweise dafür, dass wir durch unseren modernen Lebensstil die Vielfalt unseres Mikrobioms einbüßen. Und nicht nur das: Dieser Verlust wird an die nächsten Generationen weitergegeben. Das bedeutet, dass es dramatische Veränderungen in der Medizin geben wird müssen, wie Prof. Martin J. Blaser am 12. Österreichischen Infektionskongress erklärte.</p> <hr /> <p class="article-content"><p>Die steigende Inzidenz bestimmter Erkrankungen scheint mit unserem modernen Lebensstil einherzugehen&ldquo;, sagte Prof. Dr. Martin J. Blaser, Mikrobiologe und Leiter des Human Microbiome Program, Langone Medical Center, New York University, USA. &bdquo;Nehmen wir das Beispiel der Adipositas. Im Jahr 1989 gab es keinen US-Bundesstaat mit einer Adipositasrate &uuml;ber 14 % . 2010 gab es keinen Bundesstaat mit weniger als 20 % (Abb. 1). Diese Ver&auml;nderung geschah in nur 21 Jahren. Hier geht etwas Gewaltiges vor sich&ldquo;, kommentierte Blaser.<br /> Adipositas beginnt fr&uuml;h im Leben und ihre Zunahme ist ein weltweiter Trend. In Entwicklungsl&auml;ndern steigt die Adipositas bei Kindern steil an. Im Jahr 2015 lebten 80 % der weltweit 50 Millionen adip&ouml;sen Kinder zwischen zwei und f&uuml;nf Jahren in Entwicklungsl&auml;ndern. In wenigen Jahren wird die globale Anzahl adip&ouml;ser Kinder auf 100 Millionen angestiegen sein. &bdquo;Das ist eine wirkliche Pandemie&ldquo;, f&uuml;gte Blaser hinzu. Und es gibt auch andere Krankheiten, wie z.B. entz&uuml;ndliche Darmerkrankungen, deren Zahl mit dem modernen Lebensstil ebenfalls stetig ansteigt.</p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2018_Jatros_Infekt_1802_Weblinks_jatros_infekt_1802_s6_abb1.jpg" alt="" width="1416" height="919" /></p> <h2>Ver&auml;nderungen im modernen Leben</h2> <p>&bdquo;Es gibt drei grundlegende Vorstellungen &uuml;ber die menschliche Mikrobiota und ihre Interaktion mit ihrem Wirt &ndash; also uns&ldquo;, erl&auml;uterte Blaser.<br /> Erstens gibt es starke Beweise f&uuml;r die Koevolution der Mikrobiota mit ihren Wirten und f&uuml;r die vertikale Transmission der Mikrobiota &uuml;ber zahllose Jahrmillionen. Zweitens wurde durch die Evolution ein Gleichgewicht erreicht. Es gibt Interaktionen zwischen kolonisierenden Mikroorganismen und dem Wirt; Signale gehen in beide Richtungen. Dieses Gleichgewicht ist robust und widerstandsf&auml;hig.<br /> Drittens gibt es ein Altersfenster. Das menschliche Mikrobiom sieht am Anfang des Lebens v&ouml;llig anders aus als beim Erwachsenen. Im Alter von drei Jahren sieht es jedoch dem Mikrobiom des Erwachsenen schon sehr &auml;hnlich. W&auml;hrend der ersten drei Jahre entwickelt sich das Mikrobiom parallel zum Wirt, das ist die Phase mit der meisten Dynamik.<br /> Was bei Menschen ebenso wie bei S&auml;ugetieren &uuml;ber viele Jahrmillionen geschah, war Folgendes: Wir wachsen in einer weitgehend sterilen Geb&auml;rmutter auf. Der erste substanzielle Kontakt mit Bakterien ereignet sich nach dem Blasensprung. Das Kind wird dann mit den Mikroben der Mutter bedeckt und verschluckt sie. Das sind die &bdquo;Gr&uuml;nder&ldquo; des Mikrobioms der n&auml;chsten Generation.<br /> S&auml;ugetierm&uuml;tter, auch Menschen, k&uuml;ssen und stillen ihre Kinder, kauen ihnen Nahrung vor u. &Auml;. Das geschieht bei S&auml;ugetieren seit ca. 100 Millionen Jahren.<br /> Doch diese Dinge haben sich ge&auml;ndert. M&uuml;tter sind heute mit Antiseptika, Antibiotika und antibakteriellen Substanzen in der Nahrung konfrontiert. Kinder werden ausgiebig und oft gebadet, mit Fl&auml;schchen ern&auml;hrt, mit Antibiotika behandelt und mit Kaiserschnitt geboren. Ein Kaiserschnitt verhindert den initialen Kontakt des Neugeborenen mit dem vaginalen Mikrobiom. In den USA wird jedes dritte Kind per Kaiserschnitt geboren, in manchen L&auml;ndern wie Brasilien oder dem Iran sind es 50 % , in manchen St&auml;dten wie Rio de Janeiro oder Rom sogar bir zu 80 % .</p> <h2>Verschwinden der Mikrobiota</h2> <p>All das f&uuml;hrt zu einem Ph&auml;nomen, das Blaser &bdquo;die Theorie der verschwindenden Mikrobiota&ldquo; nennt. Diese Theorie hat zwei wesentliche Hypothesen:</p> <ol> <li>Die ver&auml;nderte menschliche &Ouml;kologie hat die &Uuml;bertragung und Aufrechterhaltung angestammter Mikroben ver&auml;ndert, was die Zusammensetzung der Mikrobiota beeinflusst.</li> <li>Besonders wichtig sind Mikroben, die zumeist fr&uuml;h im Leben akquiriert werden, weil sie ein kritisches Entwicklungsstadium beeinflussen.</li> </ol> <p>Der wahrscheinlich beunruhigendste Aspekt in diesem Zusammenhang ist jedoch: Wir beginnen unser Leben nicht mehr mit einem gesunden Mikrobiom, sondern der Verlust an Diversit&auml;t des Mikrobioms wird von Generation zu Generation weitergegeben. Verglichen mit eingeborenen V&ouml;lkern (wie in Afrika oder S&uuml;damerika) haben wir bereits 50 % der mikrobiellen Vielfalt verloren. Abbildung 2 zeigt die gegenw&auml;rtige Entwicklung: Die USA leben seit ca. sieben Generationen in der Modernisierung, andere L&auml;nder (wie z.B. China oder Indien) vielleicht seit vier Generationen, manche V&ouml;lker (die bisher z.B. im Amazonas-Dschungel lebten) erst seit einer Generation.</p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2018_Jatros_Infekt_1802_Weblinks_jatros_infekt_1802_s7_abb2.jpg" alt="" width="1416" height="922" /></p> <h2>Antibiotika als wichtigste Einzelursache</h2> <p>Es gibt viele Gr&uuml;nde f&uuml;r den Mikrobiotaverlust, aber Antibiotika sind wahrscheinlich der wichtigste Einzelfaktor. Gesch&auml;tzte 73 Milliarden Antibiotikadosen (zehn f&uuml;r jeden Menschen auf der Erde) werden pro Jahr direkt verschrieben. Es gibt zudem eine Antibiotikaexposition unbekannter Gr&ouml;&szlig;e durch die Viehzucht. Die Beweise mehren sich, dass Antibiotika dann dem Mikrobiom am meisten schaden, wenn sie sehr fr&uuml;h im Leben verabreicht werden. Es gibt Daten, die zeigen, dass diese Schadwirkungen (wie erh&ouml;hte Empfindlichkeit gegen&uuml;ber Infektionen, erh&ouml;hte Raten an entz&uuml;ndlichen Darmerkrankungen etc.) durch das Mikrobiom selbst entstehen und durch Mikrobiomtransplantation auf Tiere &uuml;bertragen werden k&ouml;nnen, die selbst nie Antibiotika erhalten haben. Und sie sind erblich und werden z.B. bei Nachkommen von M&auml;usen gesehen, die nie ein Antibiotikum verabreicht bekommen haben.</p> <p>&bdquo;Wir glauben, dass sich diese heredit&auml;ren Effekte eines ver&auml;nderten Mikrobioms auf verschiedene menschliche Gewebe auswirken, z.B. durch den Pfortaderkreislauf auf die Leber und das Fettgewebe, durch die intestinale Lamina propria auf lymphoide Organe und das Knochenmark und durch den Nervus vagus auf das Gehirn, wo die Aussch&uuml;ttung von Hormonen und Neurotransmittern beeinflusst wird&ldquo;, sagte Blaser.</p> <h2>Und in Zukunft?</h2> <p>&bdquo;In Zukunft werden wir &ndash; wenn wir nicht wollen, dass dieser Mikrobiotaverlust weitergeht &ndash; etwas tun m&uuml;ssen&ldquo;, fuhr Blaser fort. &bdquo;Wahrscheinlich m&uuml;ssen wir lernen, wie wir die Vielfalt unseres Mikrobioms wiederherstellen k&ouml;nnen. Kinder&auml;rzte werden in Zukunft vielleicht das Mikrobiom eines S&auml;uglings analysieren und imstande sein, jene Bakterien zu supplementieren, die dem Kind fehlen.&ldquo;</p></p> <p class="article-quelle">Quelle: „Antibiotic use in childhood and its consequences on health and the microbiome“, Eröffnungsvortrag des 12. ÖIK, 11. April 2018, Saalfelden </p>
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