© Dr_Microbe - stock.adobe.com

Non-invasive Biomarker in der gynäkologischen Onkologie

Torque-Teno-Virus als Immun- und Prognosemarker

Das Torque-Teno-Virus (TTV) ist ein ubiquitäres, nicht pathogenes DNA-Virus, dessen Serumspiegel den funktionellen Immunstatus des Wirts widerspiegeln. Frühe klinische Daten weisen darauf hin, dass TTV-Messungen – zunächst etabliert in der Transplantationsmedizin und Rheumatologie – auch in der Onkologie prognostische und prädiktive Informationen liefern können. Insbesondere bei Patientinnen mit gynäkologischen Malignomen unter Immuncheckpoint-Inhibitor-Therapie könnten TTV-Serumspiegel vor Therapiebeginn als „host-related“ Biomarker helfen, das zu erwartende Therapie-ansprechen abzuschätzen.

Keypoints

  • TTV als Immunmarker: Serum-TTV-Spiegel reflektieren den funktionellen Immunstatus – erhöhte Viruslasten korrelieren mit Immunsuppression, niedrige Werte mit intakter Immunabwehr.

  • Onkologische Relevanz: Prätherapeutische TTV-Spiegel korrelieren mit Therapieansprechen und Progressionsrisiko bei soliden Tumoren, einschließlich gynäkologischer Malignome.

  • Checkpoint-Inhibitor-Therapie: Höhere TTV-Werte vor Therapiebeginn sind mit einem schlechteren Ansprechen auf Immuntherapie assoziiert.

  • Nichtinvasive Überwachung: TTV-Messungen aus dem Serum via Liquid Biopsy können als ergänzender, tumorunabhängiger Biomarker zur Therapiesteuerung und Patientenstratifizierung dienen.

Hintergrund

Das Torque-Teno-Virus (TTV) ist ein kleines, zirkuläres, einzelsträngiges DNA-Virus der Familie Anelloviridae, das beim Menschen nahezu ubiquitär vorkommt: Schätzungsweise 80–95% der erwachsenen Bevölkerung sind lebenslang mit TTV infiziert, wobei das Virus selbst als nicht pathogen gilt. Mittels PCR lässt sich TTV zuverlässig im Blut quantifizieren (Liquid Biopsy) und gerade diese Kombination aus breitflächiger Prävalenz, fehlender Pathogenität und einfacher Nachweisbarkeit macht TTV zu einem attraktiven klinischen Biomarker.

Biologisch repliziert TTV vorwiegend in lymphatischen und mononukleären Zellen – also in jenen Zellpopulationen, die zentrale Aufgaben in der angeborenen und adaptiven Immunantwort übernehmen. Daraus ergibt sich, dass ein aktives, funktionsfähiges Immunsystem die TTV-Replikation effektiv supprimiert, während Immunschwäche oder therapeutische Immunsuppression zu einem Anstieg der Viruslast führt.1–3

TTV als Marker der Immunkompetenz

Die klinische Bedeutung von TTV wurde zunächst in der Transplantationsmedizin etabliert. Unter immunsuppressiver Therapie nach Organtransplantation steigen TTV-Spiegel erwartungsgemäß an; prospektive Studien konnten zeigen, dass hohe Viruslasten mit einem erhöhten Infektionsrisiko und opportunistischen Erkrankungen korrelieren, während niedrige Spiegel eher mit einem erhöhten Abstoßungsrisiko („graft-versus-host“) assoziiert sind.2,4–6 Besonders wertvoll ist dabei die zeitliche Dynamik: TTV-Spiegel passen sich relativ rasch an Veränderungen des Immunstatus an – bei Intensivierung der Immunsuppression steigen sie, bei deren Reduktion sinken sie entsprechend. Auch in der Rheumatologie konnte gezeigt werden, dass TTV-Spiegel die Immunmodulation unter biologischer Therapie bei rheumatoider Arthritis sensitiv widerspiegeln.7 Diese Befunde unterstreichen den Wert von TTV als dynamischen, kontinuierlichen Marker der Immunkompetenz – unabhängig von der zugrunde liegenden Erkrankung.

TTV in der Onkologie: ein tumorunabhängiger „host“-bezogener Marker

Die Erkenntnisse aus der Transplantations- und Autoimmunmedizin haben die Basis für die onkologische Anwendung von TTV gelegt. In der Onkologie ist der Immunstatus der Patientin sowohl für die Tumorbiologie als auch für das Therapieansprechen – insbesondere unter Immuntherapie – von zentraler Bedeutung. Anders als die meisten etablierten Biomarker, die tumorassoziiert sind (etwa Mutationsprofile oder Expressionsmuster), können TTV-Spiegel Informationen über den Zustand des Wirtsimmunsystems („host related marker“) selbst liefern.

Erste Studien bei soliden Tumoren zeigten, dass TTV-Werte dynamisch auf therapeutische Interventionen reagieren. Starzer et al. untersuchten 71 therapienaive Patientinnen und Patienten mit metastasierten soliden Tumoren unter systemischer Therapie und beobachteten, dass bei nahezu der Hälfte signifikante Veränderungen der Viruslast auftraten – unabhängig von Tumorentität, Therapieschema oder klassischen systemischen Entzündungsparametern.8 Ein Trend zu höheren Baseline-TTV-Spiegeln bei Therapieansprechen deutete darauf hin, dass TTV-Dynamiken die immunvermittelte Tumorkontrolle widerspiegeln können. Vergleichbare Assoziationen zwischen TTV-Last, Immunstatus und Therapieansprechen wurden auch konkret bei Lungenkarzinomen und Melanomen beschrieben.9–11

TTV bei gynäkologischen Malignomen: Prognose und Therapieansprechen

In der gynäkologischen Onkologie ist die Datenlage noch begrenzt. In einer Arbeit von Bartl et al.12 wurden prätherapeutische TTV-Spiegel in einer Kohorte von 80 Patientinnen mit Ovarialkarzinom analysiert. Es zeigte sich kein Zusammenhang zwischen dem TTV-Ausgangswert und klinischen Basischarakteristika, jedoch waren höhere TTV-Werte signifikant mit einem verkürzten progressionsfreien Überleben (PFS; HR:1,18; p=0,015) sowie einem reduzierten „disease-specific survival“ (DSS; HR:1,27; p=0,004) assoziiert (ROC-AUC: 0,754). Dieser prognostische Effekt blieb auch nach Adjustierung für klinisch relevante Kovariablen bestehen, was TTV als unabhängigen Prognosemarker ausweist. Die Befunde wurden in einer externen deutschen Validierungskohorte (n=47) mit vergleichbaren Basischarakteristika bestätigt, in der höhere prätherapeutische TTV-Werte ebenfalls mit einem signifikant verkürzten PFS assoziiert waren (p=0,036).

TTV als prädiktiver Marker bei Immuncheckpoint-Inhibitor-Therapie

Immuncheckpoint-Inhibitoren (CPI) haben die Behandlung zahlreicher Tumorerkrankungen grundlegend verändert, wirken jedoch nur bei einem Teil der Patientinnen. Die Identifikation prädiktiver Biomarker, die helfen, ein Ansprechen vor Therapiebeginn abzuschätzen, ist daher von hoher klinischer Relevanz.

Eine laufende monozentrische Beobachtungsstudie von Pan et al.13 untersucht Patientinnen mit gynäkologischen Malignomen unter CPI-Therapie, mit oder ohne begleitende Chemotherapie. Die präliminäre Zwischenauswertung zeigt, dass prätherapeutische TTV-Spiegel das radiologische Therapieansprechen gut diskriminieren. In der longitudinalen Betrachtung zeigte sich zwar keine Dynamik der Viruslast unter Therapie, jedoch wiesen Patientinnen ohne Therapieansprechen konsistent höhere Viruslasten über den gesamten Behandlungsverlauf auf (ROC-AUC: 0,821). Dies legt nahe, dass vor allem der prätherapeutische TTV-Spiegel als Ausdruck der basalen Immunkompetenz entscheidend ist.

Als plausibler pathophysiologischer Erklärungsansatz spiegeln hohe TTV-Spiegel eine reduzierte Immunkompetenz wider. Umgekehrt könnten niedrige TTV-Werte ein funktionell aktiveres Immunsystem anzeigen, das durch CPI-Therapie effizienter stimulierbar ist.

Die vorliegenden Daten sind vielversprechend, aber mit Einschränkungen zu bewerten. Viele Studien basieren auf vergleichsweise kleinen Kohorten, und eine vollständige Standardisierung der Messmethoden sowie klinisch valider Cut-off-Werte steht noch aus.

Fazit

Frühe klinische Daten zeigen, dass das Torque-Teno-Virus in Zukunft als nichtinvasiver, tumorunabhängiger Biomarker für Immunkompetenz, Prognose und Therapieansprechen in Patientinnen mit gynäkologischen Malignomen an Relevanz gewinnen könnte. Die Integration von TTV-Messungen in die klinische Praxis könnte künftig dazu beitragen, Therapieentscheidungen zu individualisieren und Patientinnen für Immuntherapien besser zu stratifizieren. Bis weitere prospektive Daten und externe Validierungen vorliegen, sollten TTV-Messungen auf klinische Studien beschränkt bleiben.

1 Tang JY et al.: Anelloviruses and cancer. J Infect Dis 2025; 231(2): 298-306 2 De Vlaminck I et al.: Temporal response of the human virome to immunosuppression and antiviral therapy. Cell 2013; 155(5): 1178-87 3 Geense EJ et al.: Torquetenovirus serum load and long-term outcomes in renal transplant recipients. J Clin Med 2020; 9: 2123 4 Kuczaj A et al.: Torque teno virus (TTV) – a potential marker of immunocompetence in solid organ recipients. Viruses 2024; 16: 17 5 Benzaquén L et al.: Torque teno virus dynamics in hematopoietic stem cell transplant recipients. Bone Marrow Transplant 2024; 59: 1110-8 6 Doberer K et al.: Torque teno virus for risk stratification of graft rejection and infection in kidney transplant recipients – a prospective observational trial. Am J Transplant 2020; 20: 1460-72 7 Studenic P et al.: Torque teno virus quantification for monitoring of immunomodulation with biologic compounds in the treatment of rheumatoid arthritis. Rheumatol (Oxford) 2022; 61: 2815-25 8 Starzer AM et al.: Exploration of torque teno virus (TTV) levels as marker for immune suppression during systemic therapy in advanced solid cancer patients. Ann Oncol 2026; 1774P[Kongressabstract] 9 Sawata T et al.: Torque teno virus in lung cancer: correlation with immunosuppression. Respir Investig 2018; 56: 150-8 10 Pescarmona R et al.: Torque teno virus load as a biomarker in melanoma patients. PLoS One 2021; 16: e0251234 11 Muntinghe-Wagenaar MB et al.: Torque teno virus DNA load as biomarker for tumor response to mono immune checkpoint inhibition in non-small cell lung cancer. 2024 [unpublished manuscript] 12 Bartl T et al.: Pretherapeutic Torque teno virus (TTV) counts assessed by liquid biopsy as an independent prognostic biomarker in ovarian cancer patients. Int J Gynecol Cancer 2025; 35(2): 101463 13 Pan TL et al.: Torque-Teno-Virus (TTV) als Biomarker in der Checkpointinhibitor-Therapie gynäkologischer Malignome: Präliminäre Ergebnisse einer prospektiven Beobachtungsstudie. AGO-Poster 2026 [unpublished]

Back to top