Screening auf Typ-1-Diabetes in den Startlöchern
Bericht:
Reno Barth
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Mit der Zulassung von Teplizumab, der ersten medikamentösen Therapie, die Typ-1-Diabetes (T1D) hinauszögern kann, bekommt Screening einen neuen Stellenwert. Man geht davon aus, dass bei Vorhandensein von mindestens zwei relevanten Antikörpern das langfristige Erkrankungsrisiko bei 100% liegt. Mittels Früherkennung kann auch die Entwicklung einer diabetischen Ketoazidose vor Diagnosestellung vermieden werden.
Ein Screening auf chronische Erkrankungen ist sinnvoll, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind, erklärte Prof. Dr. Michael Haller, University of Florida. Diese sind:
-
Es muss einen signifikanten Nutzen sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft geben.
-
Der Krankheitsprozess muss früh genug erkennbar sein, um eine wirksame Intervention zu ermöglichen.
-
Die Krankheit muss über einen leicht verfügbaren und genauen Screening-Test diagnostizierbar sein – der Screening-Test muss empfindlich genug sein, um sehr wenige echte positive Fälle zu übersehen, und spezifisch genug, um die Anzahl der falsch positiven Ergebnisse zu minimieren.
-
Es muss eine wirksame Intervention verfügbar sein.
Diese Voraussetzungen sind für Typ-1-Diabetes (T1D) mittlerweile erfüllt, erläutert Haller. Wobei der Nutzen nicht nur im Hinauszögern der klinischen Manifestation von T1D, sondern vor allem in einem besseren Management der Erkrankung zum Zeitpunkt der Diagnose liegt. Denn nach wie vor wird T1D in vielen Fällen erst erkannt, wenn sich die Betroffenen im Zustand der diabetischen Ketoazidose (DKA) befinden. DKA liegt in den USA zum Zeitpunkt der Erstdiagnose bei 35–60% der T1D-Patient:innen vor, erläutert Haller. In Europa geht man von 40% aus.1 In gescreenten Populationen sind es dagegen deutlich unter 5%. Damit lässt sich der Start einer unvermeidbaren Insulintherapie besser planen und umsetzen.
2 Autoantikörper: fast 100%iges Erkrankungsrisiko
Die Progression von T1D wird typischerweise durch folgende Sequenz charakterisiert: Ausgehend von einem genetischen Risiko kommt es zu Immunaktivierung und schließlich einer Immunantwort (d.h., ein einzelner Autoantikörper wird nachgewiesen). Stadium 1 des T1D ist erreicht, wenn bei normalem Blutzucker mindestens zwei Antikörper nachweisbar sind. Betroffene haben ein annähernd 100%iges Risiko, irgendwann im Leben einen manifesten Diabetes zu entwickeln. Im Stadium 2 kommt Dysglykämie hinzu und Stadium 3 ist schließlich durch Hyperglykämie und mindestens zwei Antikörper charakterisiert. Haller: „Daher ist der Nachweis von Autoantikörpern ein wesentliches diagnostisches Werkzeug, das spezifisch für T1D ist und die Autoimmunität bestätigt.“
Bis vor Kurzem war die größte Hürde für die Einführung weitverbreiteter T1D-Screening-Programme das Fehlen einer wirksamen Intervention. Das hat sich mit der Zulassung des Anti-CD3-Antikörpers Teplizumab geändert, die auf der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie TN-10 mit 76 Patient:innen im Alter von 8 bis 49 Jahren mit T1D im Stadium 2 beruht. Die Teilnehmenden erhielten über 14 Tage entweder Teplizumab oder Placebo als Infusion. Die mediane Dauer bis zur Diagnose des T1D im Stadium 3 betrug 59,6 Monate unter Verum und 27,1 Monate unter Placebo.2 In der Langzeitbeobachtung hatten nach 2,5 Jahren 50% der Patient:innen aus der Gruppe mit Teplizumab und 22% aus der Gruppe unter Placebo noch keinen manifesten Diabetes entwickelt.3 Nach fünf Jahren hatten 36% der Verum-Patient:innen noch keinen Diabetes.4
Haller: „Teplizumab ist das erste Medikament, das gezeigt hat, dass es die Progression von Diabetes im Stadium 2 zu Stadium 3 bei über 50% der Patienten reduzieren kann, und es hat die Zulassung erhalten. Weitere krankheitsmodifizierende Therapien für Stadium 2 sind derzeit in klinischer Entwicklung. Die American Diabetes Association empfiehlt das Screening auf Typ-1-Diabetes im Rahmen von Forschungsstudien sowie bei Verwandten von Patienten oder Personen mit hohem genetischem Risiko. Ein breites öffentliches Screening in der Allgemeinbevölkerung sollte durchgeführt werden, wenn sich die Kosten-Nutzen-Rechnung ändert und sich weitere Interventionen als sicher und wirksam bei der Verlangsamung der Progression von Typ-1-Diabetes erwiesen haben.“
Europäischer Konsensus zur Implementation von Screening des Typ-1-Diabetes
Zur Situation und zur weiteren Vorgehensweise in Europa wurde kürzlich ein Konsensus der International Diabetes Federation (IDF) publiziert, den Dr. Sufyan Hussain vom King’s College, London, im Rahmen des ATTD 2026 vorstellte. Der Konsensus weist auf die Dringlichkeit des Problems hin, da die Inzidenz von T1D in Europa jährlich um 3,4% steigt und 85% der Betroffenen keine positive Familienanamnese haben, was die Treffsicherheit von Screening-Maßnahmen reduziert.
Hussain weist besonders auf die Möglichkeit hin, durch frühe Diagnose DKA zu vermeiden. Gelingt dies nicht, schafft die Situation zum Zeitpunkt der Erstdiagnose zusätzliche psychologische und klinische Probleme. DKA erfordert Hospitalisierung, die für die Betroffenen traumatisierend sein kann und die Einstellung auf eine Insulintherapie erschwert. DKA kann zu akuten Schädigungen der Nieren und des Gehirns führen und ist auch langfristig mit schlechterer glykämischer Kontrolle und erhöhtem DKA-Risiko assoziiert.
Im Rahmen des Konsensus wurde ein Neun-Punkte-Programm zur Implementierung von T1D-Screening erarbeitet. Dieses sieht nicht nur Informationskampagnen und das eigentliche Screening vor, sondern auch die psychologische Unterstützung Betroffener sowie das Anlegen von Registern zur wissenschaftlichen Auswertung der Ergebnisse sowie das längerfristige Follow-up. Hinsichtlich der Screening-Methode zeigten befragte Personen eine eindeutige Präferenz für einen Trockenbluttest, der zu Hause mit Blut aus der Fingerbeere durchgeführt und an ein Labor geschickt wird. Entsprechende Aus- und Fortbildung des Gesundheitspersonals im Bereich Diabetes müssen gegeben sein.
Die Ergebnisse des Programms müssen regelmäßig evaluiert und bei Bedarf verbessert werden. Auch gesundheitsökonomische Bewertungen von Screening-Programmen sind geplant. Nicht zuletzt wird auch der gerechte Zugang zum T1D-Screening betont, der unabhängig vom jeweiligen Land, von der Ethnizität und vom soziökonomischen Status der Betroffenen gegeben sein muss.1
Quelle:
ATTD 2026, Barcelona; Scientific Parallel Session 01: Screening and treatment options for delaying onset of type 1 diabetes, Scientific Parallel Session 15: IDF Europe Symposium - from diabetes detection to cure: turning vision into reality
Literatur:
1 Hussain S et al.: An international consensus on screening and monitoring early-stage type 1 diabetes: A roadmap to European implementation. Diabetes Obes Metab 2026; oOnline ahead of prnt 2 Herold KC et al.: An anti-CD3 antibody, teplizumab, in relatives at risk for type 1 diabetes. N Engl J Med 2019; 381(7): 603-13 3 Sims EK et al.: Teplizumab improves and stabilizes beta cell function in antibody-positive high-risk individuals. Sci Transl Med 2021; 13(583): eabc8980 4 Lledó-Delgado A et al.: Teplizumab induces persistent changes in the antigen-specific repertoire in individuals at risk for type 1 diabetes. Randomized controlled trial J Clin Invest 2024; 134(18): e177492
Das könnte Sie auch interessieren:
Diabetes erhöht das Sturzrisiko deutlich
Eine dänische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sowohl Patienten mit Typ-1- als auch Patienten mit Typ-2-Diabetes öfter stürzen und häufiger Frakturen erleiden als Menschen aus einer ...
Neue Studiendaten zu Typ-2-Diabetes und Lebensstil
Dass gesunde Ernährung und Bewegung das Diabetesrisiko sowie verschiedene Risiken von Patienten mit Diabetes senken, ist seit Langem bekannt. Und das Detailwissen zur Bedeutung von ...
Wie oft wird Diabetes nicht oder spät erkannt?
Im Allgemeinen wird von einer hohen Dunkelziffer an Personen mit undiagnostiziertem Typ-2-Diabetes ausgegangen. Ein Teil davon sind von Ärzten „übersehene“ Fälle. Eine von der University ...