Klarer Auftrag: ÖGU möchte HPV-Impfung für Männer vorantreiben
Autor:
Prim. Univ.-Prof. Dr. Shahrokh F. Shariat
Universitätsklinik für Urologie
Medizinische Universität Wien
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Als klare Krebspräventionsmaßnahme unterstützt der Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Urologie gemeinsam mit anderen Fachgesellschaften und Partnern die Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) für Männer. Wenngleich bis dato eine Evidenzlücke für die Reduktion HPV-assoziierter Karzinome durch die Impfung beim männlichen Geschlecht vorlag, analysierte nun eine retrospektive Kohortenstudie auf Basis von rund 190 Millionen Patientendatensätzen diese Fragestellung.
Die krebspräventive Wirkung der HPV-Impfung ist bei Frauen seit Jahren gut belegt. Für Männer fehlten jedoch bislang robuste Daten aus direkten Vergleichen zwischen geimpften und ungeimpften Kohorten. Diese Evidenzlücke ist klinisch und versorgungspolitisch relevant, da der 9-valente HPV-Impfstoff seit 2016 zunehmend eingesetzt wird, während geschlechtsneutrale Impfstrategien in vielen Ländern noch immer nicht konsequent umgesetzt sind. Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Arbeit von Kitano und Yoshida besonders wichtig. Sie untersucht in einer sehr großen Real-World-Kohorte, ob die 9-valente HPV-Impfung auch bei Jungen und jungen Männern mit einer Reduktion HPV-assoziierter Karzinome assoziiert ist.
Methodik
Es handelt sich um eine retrospektive Kohortenstudie auf Basis der globalen Real-World-Datenbank TriNetX, die rund 190 Millionen Patientendatensätze umfasst. Eingeschlossen wurden Jungen/Männer im Alter von 9 bis 26 Jahren, die entweder ungeimpft waren oder zwischen Jänner 2016 und Dezember 2024 mindestens eine Dosis des 9-valenten HPV-Impfstoffs erhalten hatten. Der primäre Endpunkt war ein kombinierter Endpunkt aus HPV-assoziierten Karzinomen, darunter Kopf-Hals-, Ösophagus-, Anal- und Peniskarzinome. Zur Kontrolle potenzieller Störfaktoren („confounder“) wurde ein 1:1-„propensity score matching“ (PSM) durchgeführt, u.a. für Alter, Ethnie und Vorerkrankungen. Aufgrund geringer Fallzahlen außerhalb der USA beschränkte sich die finale Analyse auf die US-Kohorte.
Ergebnisse
Nach dem PSM wurden jeweils 510260 geimpfte und ungeimpfte Männer verglichen. Die HPV-geimpften Männer zeigten ein signifikant niedrigeres Risiko für den primären kombinierten Endpunkt HPV-assoziierter Karzinome (HR: 0,54; entspricht einer relativen Risikoreduktion von ca. 46%; 95%CI: 0,37–0,81; p=0,002).
Dieser Effekt zeigte sich sowohl bei Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren (HR: 0,58; 95%CI: 0,34–0,97) als auch bei Jugendlichen und jungen Männern im Alter von 15 bis 26 Jahren (HR: 0,50; 95%CI: 0,27–0,93). Sensitivitätsanalysen mit einem verzögerten Follow-up-Beginn nach einem beziehungsweise nach zwei Jahren bestätigten die Ergebnisse. Die beobachteten Ereignisse entfielen nahezu ausschließlich auf Kopf-Hals-Karzinome. Anal-, Ösophagus- und Peniskarzinome waren zu selten, um in den einzelnen Entitäten valide ausgewertet werden zu können. Interessanterweise zeigten auch die 2- und 4-valenten HPV-Impfstoffe eine vergleichbare Risikoreduktion (HR: 0,57).
Limitationen
Wie bei allen Real-World-Datenbankanalysen müssen die Ergebnisse im Kontext methodischer Einschränkungen interpretiert werden. Die Diagnosen wurden ausschließlich über ICD-10-Codes erfasst, was das Risiko von Fehl- oder Unterklassifikationen mit sich bringt. Insbesondere für Kopf-Hals-Karzinome wurde nur ein positiver prädiktiver Wert von etwa 62% berichtet.
Darüber hinaus fehlten wichtige Informationen zum individuellen HPV-Infektionsstatus, zur genauen Anzahl der erhaltenen Impfdosen sowie zu Impfungen, die außerhalb der erfassten Zentren erfolgt sein könnten. Auch sexuelles Risikoverhalten und andere relevante Lebensstilfaktoren konnten nur unzureichend abgebildet werden, sodass Selektions- und Restconfounding-Effekte nicht ausgeschlossen werden können. Die Generalisierbarkeit ist zudem eingeschränkt, da die finale Analyse auf die USA beschränkt war. Schließlich ließ die fixe Analyseumgebung der TriNetX-Plattform keine komplexeren geclusterten oder stratifizierten Modelle zu.
Fazit
Diese bislang größte Vergleichskohorte liefert einen wichtigen und klinisch hochrelevanten Hinweis, dass die 9-valente HPV-Impfung auch bei Jungen und jungen Männern mit einer deutlichen Reduktion HPV-assoziierter Karzinome verbunden ist. In der vorliegenden Analyse betrifft dieser Effekt vor allem Kopf-Hals-Karzinome. Aus urologischer Sicht ist die Studie dennoch unmittelbar relevant, da HPV auch bei Anal- und Peniskarzinomen sowie bei prämalignen Läsionen eine wesentliche Rolle spielt.
Die Daten stärken damit die wissenschaftliche Grundlage für eine konsequent geschlechtsneutrale HPV-Impfstrategie. Die HPV-Prävention darf nicht länger primär als Frauengesundheitsthema verstanden werden. Sie ist eine zentrale Krebspräventionsmaßnahme für Mädchen und Jungen sowie für Frauen und Männer – besonders Jungen und junge Männer müssen aktiver erreicht, informiert und geimpft werden: ein klarer Auftrag für die ÖGU, die HPV-Impfung gemeinsam mit anderen Fachgesellschaften und Partnerorganisationen weiter voranzutreiben.
Neben der etablierten Prävention HPV-assoziierter Erkrankungen bei Frauen muss die männliche Perspektive stärker sichtbar gemacht werden: Männer profitieren direkt von der Impfung, und eine hohe Impfquote bei beiden Geschlechtern ist entscheidend für den bevölkerungsweiten Schutz. Aus gesundheitspolitischer Sicht ist diese Studie ein weiteres starkes Argument für eine niederschwellige, flächendeckende und geschlechtsneutrale Impfstrategie in Österreich. Eine wirksame Krebsprävention darf nicht vom Geschlecht, vom Informationsstand der Eltern oder vom Zufall des Arztkontakts abhängen. Sie muss strukturiert, gerecht und proaktiv umgesetzt werden.
Dafür braucht es eine breite, sichtbare und politisch unterstützte Impfinitiative, die Jungen ebenso selbstverständlich erreicht wie Mädchen. Die Impfung muss aktiv empfohlen, niederschwellig angeboten und strukturell in Schulen, bei Kinder- und Jugendärzt:innen, in der Allgemeinmedizin und in allen relevanten Fachdisziplinen verankert werden. Krebsprävention darf nicht vom Zufall abhängen. Sie braucht klare Verantwortung, politische Unterstützung und gemeinsame Umsetzung.
Literatur:
beim Verfasser
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