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Drei Fallvignetten aus der sportpsychiatrischen Praxis im Leistungs- und Freizeitsport

Wenn Sport seine schützende Funktion verliert

Sport zählt zu den wirksamsten Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit und ist sowohl in der Prävention als auch in der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen fest etabliert. Gleichzeitig kann körperliche Aktivität unter bestimmten Bedingungen ihre gesundheitsfördernde Funktion verlieren und zu einem zentralen Mechanismus der Emotionsregulation, Selbstwertstabilisierung oder Identitätsbildung werden. Anhand dreier anonymisierter Fallvignetten aus dem Leistungs- und ambitionierten Freizeitsport zeigt dieser Beitrag, warum für die sportpsychiatrische Beurteilung nicht das Leistungsniveau, sondern die psychologische Funktion des Sports entscheidend ist.

Keypoints

  • Sportpsychiatrische Fragestellungen betreffen sowohl Leistungs- als auch ambitionierte Freizeitsportler:innen.

  • Entscheidend ist nicht das Leistungsniveau, sondern die psychologische Funktion, die Sport für die betroffene Person erfüllt.

  • RED-S, Essstörungen, Depressionen und Angststörungen weisen häufig gemeinsame psychopathologische Mechanismen auf.

  • Eine frühzeitige interdisziplinäre Diagnostik kann psychische und somatische Langzeitfolgen verhindern.

Regelmäßige körperliche Aktivität zählt zu den wichtigsten protektiven Faktoren für die psychische Gesundheit. Zahlreiche Studien belegen positive Effekte auf Stimmung, Schlafqualität, Stressresistenz und Lebensqualität.1 Entsprechend ist Bewegung heute ein fester Bestandteil der Prävention und Behandlung zahlreicher psychiatrischer Erkrankungen.2,3

Weniger im Bewusstsein ist hingegen, dass Sport unter bestimmten Bedingungen seine gesundheitsfördernde Funktion verlieren kann.4 Aus sportpsychiatrischer Sicht entsteht das Problem dabei nicht durch die Intensität des Trainings oder das erreichte Leistungsniveau. Entscheidend ist vielmehr die psychologische Funktion, die körperliche Aktivität für die betroffene Person übernimmt.5

Sport kann zunehmend der Regulation von Stress, Angst oder belastenden Emotionen dienen.6 Diese Entwicklung betrifft keineswegs ausschließlich den Leistungssport. Während dort Wettkampfdruck, Selektion und hohe externe Erwartungen eine wichtige Rolle spielen, entstehen vergleichbare Dynamiken bei ambitionierten Freizeitsportler:innen häufig durch ausgeprägten Perfektionismus, körperbezogene Ideale oder hohe Eigenansprüche.5,7 Die Grenzen zwischen gesundem Engagement und einer psychopathologischen Entwicklung sind dabei fließend. Die folgenden anonymisierten Fallvignetten zeigen exemplarisch drei unterschiedliche sportpsychiatrische Konstellationen. Trotz ihrer diagnostischen Heterogenität verbindet sie ein gemeinsamer Mechanismus: Sport übernimmt schrittweise eine psychologische Funktion, die über seine ursprüngliche Rolle als gesundheitsfördernde Ressource hinausgeht.

Fallvignette 1

Wenn Training zur Zwangsstrategie wird

Ein 28-jähriger ambitionierter Freizeitsportler stellte sich aufgrund einer progredienten depressiven Symptomatik in unserer sportpsychiatrischen Ambulanz vor. Seit mehreren Jahren betrieb er intensiv Ausdauer- und Krafttraining als Ausgleich zu einer stark belastenden beruflichen Tätigkeit. Im Verlauf entwickelte sich aus einem zunächst gesundheitsorientierten Bewegungsverhalten ein zunehmend rigides Trainings- und Ernährungsverhalten mit ausgeprägter Kalorienrestriktion und erheblichem Gewichtsverlust.

Parallel hierzu traten eine ausgeprägte Antriebsminderung, Schlafstörungen, Libidoverlust, Grübelneigung, Hoffnungslosigkeit sowie passive Suizidgedanken auf. Gleichzeitig berichtete der Patient über eine zunehmende Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, obwohl objektiv kein Übergewicht bestand. Ergänzend bestanden ein schädlicher Kokain- und Ketaminkonsum als maladaptive Form der Stressbewältigung, von dem sich der Patient zum Zeitpunkt der Vorstellung bereits erfolgreich distanziert hatte.

Die weiterführende Diagnostik ergab neben einer mittelgradigen depressiven Episode Hinweise auf eine ausgeprägte Störung des Essverhaltens mit orthorektischen Anteilen, körperdysmorphe Symptome, eine Sportabhängigkeit sowie ein relatives Energiedefizit (RED-S)8 mit sekundärem hypogonadotropem Hypogonadismus infolge hypothalamischer Suppression. Laborchemisch zeigten sich deutlich erniedrigte Testosteron- und LH-Spiegel als Ausdruck einer chronisch verminderten Energieverfügbarkeit.

Der Fall verdeutlicht, dass RED-S keineswegs ausschließlich Leistungssportle-r:innen betrifft.9 Auch ambitionierte Freizeitsportler:innen können durch hohe Eigenansprüche, restriktives Essverhalten und exzessives Training in einen Zustand chronisch verminderter Energieverfügbarkeit geraten, der weit reichende endokrinologische, psychische und leistungsphysiologische Folgen nach sich zieht.

Im Mittelpunkt der Behandlung standen daher nicht nur die leitliniengerechte Therapie der depressiven Symptomatik, sondern insbesondere die Wiederherstellung einer ausreichenden Energieverfügbarkeit, eine sport- und ernährungstherapeutische Begleitung sowie die enge Zusammenarbeit mit Endokrinologie, Andrologie und Psychotherapie. Ziel war nicht die Aufgabe körperlicher Aktivität, sondern die schrittweise Entwicklung eines flexibleren und gesundheitsorientierten Umgangs mit Training und Ernährung.

Fallvignette 2

Wenn Sport hilft, Gefühle zu kontrollieren

Eine ehemalige Leistungssportlerin stellte sich nach dem vorzeitigen Ende ihrer sportlichen Karriere aufgrund einer komplexen psychischen Symptomatik in unserer sportpsychiatrischen Ambulanz vor. Bereits während ihrer aktiven Laufbahn bestanden eine restriktive Energiezufuhr und eine Anorexia nervosa, die schließlich zum Entzug der Wettkampffreigabe führten.10–12 Trotz einer Neuorientierung in einer anderen Sportart musste auch diese sportliche Laufbahn aufgrund wiederholter Stressfrakturen und einer verminderten Knochendichte beendet werden.8

Im Rahmen der interdisziplinären Abklärung zeigte sich das Bild einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung mit ausgeprägten Störungen der Affektregulation, dissoziativen Symptomen und funktionellen neurologischen Anfällen.13 Die Essstörung bestand bereits seit der frühen Adoleszenz und entwickelte sich über viele Jahre zu einer zentralen Strategie der Emotionsregulation und diente offensichtlich auch der Regulation von Intrusionen.14 Körperliche Aktivität erfüllte zunehmend eine ähnliche Funktion: Sie diente nicht mehr primär der Leistungsentwicklung oder der Freude an Bewegung, sondern der Kontrolle innerer Anspannung, belastender Affekte sowie der Intrusionen.6,7

Besonders auffällig war eine ausgeprägte athletische Identität.5 Über viele Jahre waren Selbstwert, soziale Anerkennung und Zukunftsperspektiven nahezu ausschließlich mit der sportlichen Leistungsfähigkeit verknüpft. Das krankheitsbedingte Karriereende bedeutete deshalb nicht nur den Verlust des Leistungssports, sondern auch eine tiefgreifende Identitätskrise mit erheblicher psychischer Belastung.15

Die Behandlung erforderte ein enges interdisziplinäres Vorgehen mit Sportpsychiatrie, Psychotherapie, Ernährungsmedizin und Traumatologie. Neben der Stabilisierung der posttraumatischen Symptomatik standen die Behandlung der Anorexia nervosa sowie die schrittweise Entwicklung alternativer Strategien der Emotionsregulation im Vordergrund. Gleichzeitig wurde die Patientin dabei unterstützt, ihr Selbstbild zunehmend unabhängig von sportlicher Leistung zu entwickeln und neue persönliche Perspektiven außerhalb des Leistungssports aufzubauen.

Der Fall verdeutlicht eindrucksvoll, dass Sport grundsätzlich eine wichtige Ressource für die psychische Gesundheit darstellen kann. Übernimmt körperliche Aktivität jedoch überwiegend die Funktion der Affektregulation oder der Identitätsstabilisierung, kann sie Teil der Psychopathologie werden und bestehende Erkrankungen aufrechterhalten. Gerade nach einem verletzungs- oder krankheitsbedingten Karriereende gewinnt deshalb eine frühzeitige sportpsychiatrische Begleitung besondere Bedeutung.15,16

Fallvignette 3

Wenn der Selbstwert von der Leistung abhängt

Eine junge Leistungssportlerin stellte sich aufgrund einer mittelgradigen depressiven Episode mit Antriebsminderung, Interessenverlust sowie generalisierten Angst- und Paniksymptomen in unserer sportpsychiatrischen Ambulanz vor. Parallel bestanden gastroenterologische Beschwerden, die eine interdisziplinäre Mitbetreuung erforderlich machten. Hinweise auf eine klassische Essstörung oder eine chronisch verminderte Energieverfügbarkeit ergaben sich nicht.

Eine psychodynamische Diagnostik zeigte vor allem ausgeprägte Schwierigkeiten in der Selbstwertregulation sowie Defizite in der Affektwahrnehmung und Affektdifferenzierung. Sportliche Leistung war im Verlauf zunehmend zum zentralen Maßstab des eigenen Selbstwertes geworden.5 Erfolg führte zu einer kurzfristigen Stabilisierung des Selbstbildes, während Leistungseinbußen oder ausbleibende sportliche Fortschritte unmittelbar Selbstzweifel, Scham und einen deutlichen Rückgang des psychischen Wohlbefindens auslösten.

Besonders auffällig war die enge Verknüpfung zwischen sportlicher Identität und persönlichem Selbstverständnis. Die Patientin beschrieb sich nahezu ausschließlich über ihre Rolle als Leistungssportlerin. Andere Lebensbereiche, die unabhängig vom sportlichen Erfolg Identität und Selbstwert hätten vermitteln können, waren demgegenüber deutlich weniger entwickelt.

Die Behandlung umfasste neben einer leitliniengerechten antidepressiven Pharmakotherapie eine psychodynamisch orientierte Psychotherapie sowie die Fortführung der sportpsychologischen Betreuung. Im Mittelpunkt standen die Förderung einer differenzierteren Selbstwahrnehmung, die Stabilisierung des Selbstwertes unabhängig von sportlicher Leistung sowie die Entwicklung alternativer Ressourcen außerhalb des Wettkampfsports.

Der Fall verdeutlicht, dass depressive Erkrankungen im Leistungssport nicht ausschließlich als Folge von Wettkampfdruck oder Überlastung verstanden werden können. Entscheidend ist vielmehr die individuelle Bedeutung, welche sportliche Leistung für Identität und Selbstwert einnimmt. Wird sportlicher Erfolg zum alleinigen Maßstab des eigenen Wertes, können bereits vorübergehende Leistungseinbußen erhebliche psychische Folgen nach sich ziehen.

Diskussion

Die drei dargestellten Fallvignetten unterscheiden sich hinsichtlich Diagnosen, sportlicher Biografie und klinischer Präsentation. Gemeinsam ist ihnen jedoch ein zentraler psychopathologischer Mechanismus: Sport verliert schrittweise seine ursprüngliche gesundheitsfördernde Funktion und entwickelt sich zunehmend zu einer Strategie der Stressbewältigung, Emotionsregulation oder Selbstwertstabilisierung.7

Aus sportpsychiatrischer Sicht ist daher weder die Sportart noch das Leistungsniveau der entscheidende Faktor. Maßgeblich ist vielmehr die psychologische Funktion, die körperliche Aktivität für die betroffene Person erfüllt.6,7,9,17 Während im Leistungssport externe Faktoren wie Wettkampfdruck, Selektion und hohe Erwartungen häufig eine wesentliche Rolle spielen, entstehen vergleichbare Dynamiken bei ambitionierten Freizeitsportler:innen oftmals durch Perfektionismus, körperbezogene Ideale oder überhöhte Eigenansprüche.7 Die Übergänge zwischen gesundem Engagement und einer psychopathologischen Entwicklung sind dabei fließend.

Diese Entwicklung verläuft häufig schleichend und bleibt sowohl von den Betroffenen als auch vom sozialen Umfeld lange unbemerkt. Disziplin, hoher Trainingsumfang und eine konsequente Ernährungsweise werden gesellschaftlich meist positiv bewertet, wodurch frühe Warnsignale überdeckt werden können.9 Aus diesem Grund sollte sportliches Verhalten nicht isoliert anhand des Trainingsumfangs beurteilt werden, sondern stets im Zusammenhang mit seiner psychologischen Funktion.

Zu den wichtigsten Warnsignalen zählen ein zunehmender Verlust an Flexibilität im Trainingsverhalten, ausgeprägte Schuldgefühle bei Trainingsausfällen, körperliche Aktivität trotz Verletzung oder Erkrankung, eine übermäßige Abhängigkeit des Selbstwertes von sportlicher Leistung sowie restriktive Ernährungsstrategien.7,18 Entscheidend ist dabei weniger das einzelne Symptom als vielmehr das Zusammenspiel dieser Faktoren im individuellen psychopathologischen Kontext.18

Besonders eindrücklich zeigt sich diese Wechselwirkung am Beispiel des bereits erwähnten RED-S.8 Eine chronisch verminderte Energieverfügbarkeit führt nicht nur zu endokrinologischen, metabolischen und muskuloskelettalen Veränderungen, sondern kann auch depressive Symptome, Angst, kognitive Einschränkungen und eine verminderte Belastbarkeit verstärken.8 Umgekehrt können psychische Erkrankungen wesentlich zur Entstehung und Aufrechterhaltung einer niedrigen Energieverfügbarkeit beitragen. Psychische und somatische Faktoren beeinflussen sich dabei wechselseitig und machen eine interdisziplinäre Diagnostik und Behandlung unverzichtbar.8,11

Die dargestellten Fallvignetten verdeutlichen darüber hinaus, dass sportpsychiatrische Fragestellungen keineswegs auf den Spitzensport beschränkt sind. Auch ambitionierte Freizeitsportler:innen können vergleichbare psychopathologische Mechanismen entwickeln.5 Gerade in dieser Gruppe besteht jedoch die Gefahr einer verzögerten Diagnosestellung, da intensives Training und diszipliniertes Ernährungsverhalten häufig als Ausdruck besonderer Motivation oder eines gesunden Lebensstils interpretiert werden. Entscheidend ist deshalb, nicht vorschnell sportliches Engagement zu pathologisieren, sondern frühzeitig zu erkennen, wann Sport seine gesundheitsfördernde Funktion verliert und überwiegend der psychischen Regulation dient. Die Übergänge sind fließend.

Schlussfolgerung

Sport zählt zu den wirksamsten Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit und bleibt ein unverzichtbarer Bestandteil der Prävention sowie der Behandlung zahlreicher psychiatrischer Erkrankungen.1,2,17 Sportliches Training kann Affekte regulieren.6 Übertriebene Sportausübung kann jedoch auch Hinweise auf zugrunde liegende Hauptformen psychiatrischer Störungen geben.5,13,14

Die drei vorgestellten Fallvignetten zeigen exemplarisch, dass vergleichbare psychopathologische Mechanismen sowohl im Leistungs- als auch im ambitionierten Freizeitsport auftreten können.5,7,9,20 Nicht die Sportart, das Leistungsniveau oder der Trainingsumfang sind dabei ausschlaggebend, sondern die individuelle psychologische Bedeutung, die körperliche Aktivität für die betroffene Person einnimmt.5,6,7,9,19

Erst wenn körperliche Aktivität wieder Ausdruck von Gesundheit, Lebensqualität und Freude an Bewegung ist – und nicht primär der Regulation psychischer Störungen dient –, kann sie ihre gesundheitsfördernde und protektive Wirkung voll entfalten. Im Leistungssport dient das Training dem systematischen Erreichen von sportlicher Höchstleistung. Das biologische und methodische Prinzip des Trainings (Reiz, Anpassung, Leistungssteigerung) wird jedoch durch unregulierte subklinische Pathologien und unbehandelte psychische Störungen systematisch untergraben und unbrauchbar gemacht. Daher ist es von erheblicher Bedeutung, dass im Leistungssport kontinuierliche sportpsychiatrische Begleitung angeboten wird.4,5,16,20–22

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