Psychische Belastung von Bergführern
Autoren:
Dr. med. Christian Mikutta1,2
Rita Christen3
1 Universitätsklinik für Psychiatrie, Bern
2Privatklinik Meiringen, Meiringen
3Schweizer Bergführerverband
Korrespondierender Autor:
Dr. med. Christian Mikutta
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Bergführer*in ist in der Schweiz ein Beruf mit langer Tradition und ein wichtiger Faktor des Tourismus. Das Führen von Gästen in alpiner Umgebung bringt eine hohe Verantwortung mit sich. Zusätzlich erleben Bergführerinnen und Bergführer selbst oder als Zeugen eine deutlich erhöhte Anzahl traumatischer Ereignisse in ihrer Karriere. Der Artikel gibt eine Übersicht über die psychische Belastung des Berufs Bergführer und stellt das Peer-Konzept des Schweizer Bergführerverbandes vor.
Keypoints
-
Traumatische Ereignisse im Beruf Bergführer sind häufig.
-
Die PTBS ist bei Bergführern selten.
-
Bergführer sind eine Population mit hoher Resilienz.
-
Eine Peer-Ausbildung soll die Schwelle zur Beratung bei psychischer Belastung senken.
Alpinsport ist ein immer stärker wachsender Bereich der Freizeitgestaltung in den Alpenländern. Dies inkludiert Wandern, Bergsteigen, Klettern, Eisklettern, Hochtouren und Skitouren. Zusätzlich ist Alpinsport ein immer wichtigerer Faktor in der Tourismusindustrie.
Alpine Aktivitäten bergen jedoch ein Risiko. Bei guten Kenntnissen der Alpintechnik, sorgfältiger Planung, passender Ausrüstung und mit gegebenen physischen und psychischen Voraussetzungen ist dieses Risiko indessen vertretbar klein. So kam es 2020 bei 3471 Personen zu einer Notlage oder einem Unfall in den Bergen. 1246 Personen mussten nach der Rettung hospitalisiert werden. 180 Personen verloren ihr Leben. Nach wie vor die höchsten Unfallzahlen gibt es beim Bergwandern, gefolgt von Ski- und Hochtouren.1
Bergführer im Dienst von Rettungsorganisationen
Die Erstversorgung bei Notfällen von Alpinisten wird in der Schweiz hauptsächlich durch Rettungsorganisationen geleistet (Rega, Alpine Rettung Schweiz [ARS]/Air-Glaciers/Air Zermatt/Kantonale Walliser Rettungsorganisation [KWRO]). Viele Bergführer sind im Dienst einer der erwähnten Rettungsorganisationen.
Der Beruf Bergführer bezeichnet speziell ausgebildete und staatlich geprüfte Bergprofis, die gegen Bezahlung Personen bei sämtlichen Bergsportaktivitäten führen. Bergführer sind ein wichtiger Faktor im Sommer- wie auch im Wintertourismus. In der Schweiz sind Bergführer im Schweizer Bergführerverband (SBV) organisiert. Derzeit sind ca. 1500 Bergführer in der Schweiz aktiv.2
Traumatische Ereignisse im Alpinismus
Im deutschsprachigen Raum haben in der Allgemeinbevölkerung 28% der Frauen und 21% der Männer in ihrem Leben mindestens ein traumatisches Ereignis erlebt.3 Generell ist das Risiko eines solchen Ereignisses bei exponierten Berufsgruppen wie z.B. Einsatzkräften (Polizei, Rettung, Feuerwehr) deutlich höher (bis über 80%).4
Eine Studie von Sommer et al. konnte zeigen, dass 65% der Schweizer Bergführer mehr als ein traumatisches Ereignis erlebt hatten oder Zeuge davon gewesen waren.5 Dieses Resultat konnte in einer noch unveröffentlichten Studie zu traumatischen Ereignissen bei Einsätzen der Alpinen Rettung Schweiz reproduziert werden (71% der Retter mit traumatischem Ereignis).
Die häufigsten Ereignisse waren hierbei Lawinenunfälle gefolgt von Sturz bzw. Steinschlag. Viele dieser Ereignisse erfüllen das A-Kriterium (Tab.1) der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gemäss ICD-10. Bei einer Totalverschüttung durch eine Lawine zeigten 40% der Opfer Symptome einer PTBS, bei einer Teilverschüttung immerhin noch 20%.6 Auch die Zeugen eines Lawinenunfalls haben ein deutlich erhöhtes Risiko für eine PTBS. So entwickelten 23% der Zeugen eines Lawinenunfalls in Norwegen PTBS-Symptome.7
Abb. 1: Tiefschneefahren ist eine der schönsten Erfahrungen beim Skitourengehen. Dabei ist eine gute Kenntnis der Schneeverhältnisse und des Geländes nötig, um Gefahren wie einen Lawinenabgang zu vermeiden
Psychische Reaktionen nach dramatischen Ereignissen im alpinen Umfeld
Zur Epidemiologie der akuten Belastungsreaktion (ABR) nach Alpinunfällen gibt es weder für Bergführer noch für Rettungspersonal gesicherte Daten. Eine einzige retrospektive Studie zeigte, dass 28% nach einer Teilverschüttung durch eine Lawine Symptome einer ABR zeigten.6 Diese sollte auch nicht als pathologisches Phänomen, sondern als normale Reaktion auf ein aussergewöhnliches Ereignis betrachtet werden. Wichtig erscheint hier, im Falle eines stattgehabten traumatischen Ereignisses ein geeignetes Monitoring zu etablieren.
Bezüglich Symptomen der PTBS nach ICD-10 (Tab. 1) zeigt sich ein gemischtes Bild. In der Studie von Sommer et al. war die Prävalenz der PTBS – trotz hoher Anzahl traumatischer Ereignisse – mit 2,7% sehr niedrig.5 Demgegenüber zeigte sich in einer englischen Studie (an englischen Bergführern, welche in Chamonix tätig sind), dass ca. 25% der Bergführer schon einmal Symptome einer posttraumatischen Belastungsreaktion wie z.B. Intrusionen, Vermeidungsverhalten, emotionale Taubheit, Schlafstörungen oder körperliche Unruhe zeigten.8 Auch bei Bergrettern der ARS zeigte sich eine sehr geringe Prävalenz der PTBS (0,9%).
Hingegen beträgt die Lebenszeitprävalenz in der Allgemeinbevölkerung im deutschsprachigen Raum zwischen 4 und 8%, ist jedoch stark schwankend.3 Die Prävalenz bei Einsatzkräften hingegen ist in vielen Untersuchungen deutlich erhöht (z.B. 8–22% in Soravia et al.4). In einer retrospektiven Studie zu Lawinenopfern (zwischen 1952 und 1999) zeigten 7% der Verunfallten das Vollbild einer PTBS. Auch bei Unfällen im alpinen Sportklettern oder Eisklettern zeigten sich bei ca. 50% der Verunfallten eine depressive Symptomatik sowie bei 14–31% Symptome einer PTBS.9
Zusammenfassend sind Bergführer häufiger traumatischen Situationen ausgesetzt, zeigen jedoch eine geringere Prävalenz von PTBS-Symptomen als die Allgemeinbevölkerung und auch als Alpinsportler.
Tab. 1: Diagnose-Kriterien nach ICD-10
Gründe für die niedrige Prävalenz von PTBS bei Bergführern
Als Erklärung für die eher niedrige Prävalenz der PTBS bei Bergführern könnte einerseits die eher geringe Anzahl unterschiedlicher Traumata eine Rolle spielen, andererseits die sehr geringe Anzahl von Bergführern, welche eine ausgeprägte subjektive emotionale Antwort auf das Trauma aufwiesen.3 Folglich scheint es sich bei Bergführern um eine Population mit sehr hoher Toleranz von potenziell gefährlichen Situationen zu handeln. Dies könnte auf eine Population mit einer sehr hohen Resilienz hinweisen. Zusätzlich geben 98% aller Bergführer ihre Lebensqualität mit gut oder sehr gut an,6 was ebenfalls als produktiver Faktor gewertet werden kann.
Abb. 2: In ausgesetztem Gelände müssen Bergführer durch konstantes professionelles Risikomanagement ihre eigene und die Sicherheit des Gastes gewähren (Foto: Rita Christen in der Westwand des Gross Bielenhorns)
Psychische Gefahren für Bergführer
Trotz dieser hohen Resilienz und der hohen subjektiven Lebensqualität bestehen bei dieser Personengruppe objektive Gefahren. Bergführer haben in ihrer Berufsausübung eine hohe Verantwortung gegenüber ihrem Gast. So scheint es nachvollziehbar, dass die Verletzung oder der Tod eines Gastes unter der Obhut des Bergführers für diesen ein Ereignis mit deutlich erhöhtem Risiko für die Entwicklung einer PTBS darstellt. Zusätzlich scheint auch innerhalb der Berufsgruppe bzw. der Subkultur des Alpinismus die Schwelle, sich psychische Hilfe zu holen, eher hoch. Auch konnte mit bisher unveröffentlichten Daten gezeigt werden, dass sich Personen mit subsyndromaler PTBS bereits deutlich von den Gesunden unterscheiden. Hier konnte insbesondere Schlaf, aber auch generelle psychische Gesundheit sowie Resilienz als Faktor ausgemacht werden.
Zusammenfassend scheinen spezifische Traumata (Tod von Gästen) ein höheres Gefahrenpotenzial für Bergführer darzustellen. Zusätzlich sollten prätraumatische Risikofaktoren wie Schlafqualität und psychische Gesundheit beachtet werden.
Geplante Massnahmen
In Zusammenarbeit mit dem SBV wird eine Peer-Ausbildung für Bergführer organisiert. Ziel der Peer-Ausbildung ist, Strategien für die notfallpsychologische Betreuung von Bergführern nach belastenden Ereignissen zu vermitteln. Es sollen Stress-assoziierte Symptome erkannt und eingeordnet werden können. Insbesondere werden Strategien zur Normalisierung von Symptomen direkt nach dem Trauma vermittelt. Es werden Techniken zu (telefonischen) Follow-up-Kontrollen erlernt. Zusätzlich werden häufige Folgeerkrankungen (z.B. Depression) besprochen. Auch sollen die eigenen Grenzen erkannt und Möglichkeiten zur Vermittlung von weiterer fachpsychiatrischer Hilfe erlernt werden. Letztlich erfolgt ein Einblick in die Therapiemöglichkeiten einer PTBS. Die Ausbildung wird von der Privatklinik Meiringen organisiert. Es werden spezifische Erfahrungen des Peer-Programms der österreichischen Bergrettung genutzt.10,11 Die Peers erhalten zusätzlich regelmässige fachpsychiatrische Supervision. Zusätzlich wird das Programm wissenschaftlich begleitet.
Hiermit soll (A) die Schwelle für Beratung und kollegialen Austausch bei psychischer Belastung deutlich gesenkt werden, (B) eine Möglichkeit der Verlaufskontrolle nach Trauma und ABR geschaffen werden und (C) der Zugang zu fachpsychiatrischer Behandlung erleichtert werden.
Literatur:
1 SAC im Auftrag der Fachgruppe Sicherheit im Bergsport. Bergnotfall-Statistik 2020 2 Schweizer Bergführerverband. Der SBV in Zahlen 2021 3 Ingo Schäfer UG et al.: S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung. Berlin, Heidelberg: Springer, 2019 4 Soravia LM et al.:. Rescuers at risk: posttraumatic stress symptoms among police officers, fire fighters, ambulance personnel, and emergency and psychiatric nurses. Front Psychiatry 2020; 11: 602064 5 Sommer I, Ehlert U: Adjustment to trauma exposure: prevalence and predictors of posttraumatic stress disorder symptoms in mountain guides. J Psychosom Res 2004; 57(4): 329-35 6 Brugger H et al.: Möglichkeiten der Selbstrettung und posttraumatische Belastungsstörungen beim Lawinenunfall. Der Notarzt 2002; 18: 1-4 7 Johnsen BH et al.: Posttraumatic stress symptoms in nonexposed, victims, and spontaneous rescuers after an avalanche. J Trauma Stress 1997; 10(1): 133-40 8 Harkensee C, Hillebrandt D: An occupational health survey of British mountain guides operating internationally. Wilderness Environ Med 2019; 30(3): 236-43 9 Peck DF et al.: Psychological sequelae of mountain accidents: a preliminary study. J Psychosom Res 1996; 41(1): 55-63 10 Kirschner H: Wege aus der Krise. BergundSteigen 2014; 1/14: 60: 9 11 Mikutta C et al.: Trauma im alpinen Umfeld. BergundSteigen 2020; 1/20: 86: 90
Das könnte Sie auch interessieren:
Real-World-Daten zu Daridorexantbei chronischer Insomnie
Chronische Insomnie ist eine häufige und klinisch relevante Erkrankung mit erheblicher individueller und gesellschaftlicher Belastung. Innovative Therapieansätze wie duale Orexin- ...
Posttraumatische Belastungsstörung
Die posttraumatische Belastungsstörung kann vielschichtig verlaufen und stellt Betroffene wie Behandelnde vor Herausforderungen. Komorbiditäten sind häufig. Welche therapeutischen ...
Neurodiversität und Neurodivergenz: Perspektiven auf die Vielfalt des menschlichen Denkens
Neurodiversität und Neurodivergenz sind keine medizinischen Diagnosen und keine psychologischen Kategorien, trotzdem sind sie in der aktuellen Diskussion um Themen der psychischen ...