Frauen suchen häufig Rat – besonders für Angehörige
Bericht:
Dr. rer. nat. Doris Maugg
Review des Artikels durch:
Dr. med. Sophia Achab, PhD
Abteilung für Psychiatrie, Universität Genf
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Frauen sind häufig selbst von einer problematischen Internetnutzung betroffen und spielen zudem eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von suchterkrankten Angehörigen, wie Daten aus der Schweiz zeigen. Daraus ergeben sich geschlechtsspezifische Anforderungen an eine Therapie.
Keypoints
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Frauen spielen eine wichtige Rolle bei einer Internetsucht von Angehörigen. Frauen, die selbst betroffen sind, suchen jedoch selten Hilfe auf.
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Ein strukturiertes Assessment ist wichtig, um mögliche Komorbiditäten zu identifizieren und die Therapie zu optimieren.
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Der klinische Fall einer 36-Jährigen mit problematischer Nutzung sozialer Medien am Mobiltelefon zeigt, wie wichtig es ist, das weibliche Profil und die zugrunde liegenden psychosozialen Eigenschaften zu verstehen, um die betroffenen Frauen personalisiert behandeln zu können.
Eine grosse Herausforderung bei internetassoziierten Suchterkrankungen ist das mangelnde Angebot an spezialisierten Behandlungsmassnahmen, sagte Dr. Sophia Achab, Universität Genf, einleitend zu ihrem Vortrag auf dem European Congress of Psychiatry 2024. Dr. Achab ist Psychiaterin und Mitglied des Advisory Boards für Internetsucht, das 2013 vom Schweizer Bundesamt für Gesundheit gegründet wurde. Sie forscht zu geschlechtsspezifischen Aspekten der Prävention und Therapie einer problematischen Internetnutzung. In ihrem Vortrag stellte sie die wissenschaftliche Evidenz zu geschlechtsspezifischen Anforderungen für Frauen in der Schweiz dar, die von einer Internetsucht betroffen sind oder aufgrund von erkrankten Angehörigen Hilfe suchen.
Frauen zeigen starkes tägliches Nutzungsmuster
In der Schweiz leiden etwa 3.8% der Bevölkerung über 15 Jahren an schwerer Internetsucht, wobei Männer (4.3%) etwas häufiger betroffen sind als Frauen (3.3%). Frauen, die selbst an einer problematischen Internetnutzung leiden, suchen selten eine Beratung auf, jedoch sind sie die häufigste hilfesuchende Quelle für Angehörige mit Suchtverhalten.1
In einer europäischen Studie aus 2017 mit insgesamt 2775 jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren aus verschiedenen europäischen Ländern, darunter 142 Schweizer:innen (65% weiblich), wurde die selbstberichtete Mobiltelefonabhängigkeit bewertet.2 Die Abhängigkeit lag in der Schweizer Gruppe bei 1.4%, wobei Frauen mit 90% die höchste Abhängigkeit von Mobiltelefonen zeigten. In dieser Studie war «das weibliche Geschlecht prädiktiv für eine Mobiltelefonabhängigkeit», sagte Achab. Frauen hätten dabei ein starkes tägliches Nutzungsmuster, das mit bestimmten Onlineaktivitäten, wie Kommunikation, Einkäufen, Videospielen und Videoschauen verbunden ist.
Warum suchen Frauen Hilfe?
An dem Schweizer Pionierzentrum ReConnecte der Universität Genf, das sich auf nicht-substanzbezogenes Suchtverhalten spezialisiert hat, wurden Daten von Patienti:nnen über einen Zeitraum von 2007 bis 2016 ausgewertet. Achab, die das Zentrum leitet, stellte die Daten vor: In den neun Jahren gab es über 500 neue Anfragen zu Suchtverhalten, 90% davon resultierten in einer Psychotherapie. Der Anteil der aufsuchenden Frauen stieg in dem Zeitraum von 2% auf 27% an. Die Frauen waren zwischen 12 und 73 Jahre alt und suchten Hilfe für sich selbst (31%), wurden von einer Gesundheitsfachkraft überwiesen (46%) oder kamen durch Angehörige an das Zentrum (17%). Die Mehrheit der Personen, die aufgrund der Internetsucht eines Angehörigen Hilfe suchten, waren Frauen (75%), darunter 91.4% Mütter.
Bei betroffenen Frauen umfassten die problematischen Onlineaktivitäten Sucht nach sozialen Netzwerken, Sexsucht sowie Sucht nach Videospielen, Videokonsum, Onlineshopping und Glückspielen oder eine unspezifische generelle Onlinenutzung. Bei 24% der Fälle verbarg sich hinter dem initialen Motiv, das Zentrum aufzusuchen, die Folgediagnose Sexsucht sowie bei 9% der Fälle eine Videospiel- und Videokonsumsucht.
Achab bezeichnete die problematische Internetnutzung als primäre Erkrankung, bei nur 4% bis 8% der Fälle lagen psychiatrische Komorbiditäten oder Alkoholabhängigkeit vor. «Bei einer problematischen Internetnutzung handelt es sich nicht um ein Symptom einer Gemüts- oder Angststörung», sagte sie. Die Daten zeigten, dass Frauen im Laufe der vergangenen Jahre vermehrt Hilfe suchten, weshalb es Behandlungsstrategien spezifisch für das weibliche Suchtmuster bedürfe.
Komorbiditäten erkennen
Mithilfe eines strukturierten Prozessmodells wird am Zentrum ReConnecte der Therapieverlauf bestimmt und geplant.4 Anhand eines Fallbeispiels einer 36-jährigen Frau, die aufgrund einer problematischen Nutzung des Smartphones an dem Zentrum Hilfe suchte, stellte Achab dar, wie die Ärzt:innen durch das Assessment traumatische sexuelle Erfahrungen in der Vergangenheit der Patientin feststellten. Im Therapieverlauf konnten diese Traumata gezielt behandelt werden, die Patientin habe es geschafft, den Missbrauch anzuerkennen und zu einem gesunden Selbstvertrauen zurückzufinden, was letztlich ihre problematische und unkontrollierte Smartphone- und Social-Media-Nutzung reduzierte. Dieser klinische Fall zeige die Notwendigkeit, so Achab, sich nicht nur auf eine reduzierte Bildschirmzeit zu fokussieren, sondern auch zugrundeliegende Faktoren und psychosoziale Eigenschaften der Patientinnen zu verstehen, um angemessene Massnahmen einleiten zu können.
Quelle:
32. European Congress of Psychiatry 2024, 6.–9. April 2024, Budapest, Ungarn
Literatur:
1 Achab S: Gender-specific personalized care delivery for problematic use of internet in Switzerland. In: Prever F et al. (Hrsg.): Abingdon: Routledge, 2023. 138-44 2 Achab S: Rev Med Suisse 2021; 17(742): 1118-21 3 Hermann M et al.: Synthesebericht 2020. Online unter: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/gesund-leben/sucht-und-gesundheit/verhaltenssuechte/suchtartiges-onlineverhalten.html 4 Lopez-Fernandez O et al.: J Behav Addict 2017; 6(2): 168-77 5 Achab S: Le Courrier des Addictions 2019; 4. Online unter: https://www.edimark.fr/revues/le-courrier-des-addictions/n-4-decembre-2019-copy/reperes-pour-les-praticiens-concernant-les-troubles-daddiction-aux-jeux-video-enligne
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