Die Krise verschärft bestehende soziale Ungleichheiten
Autorinnen:
Anne Lévy
Direktorin
Bundesamt für Gesundheit (BAG), Bern
Dr. Lea Pucci-Meier
Projektleiterin psychische Gesundheit
Bundesamt für Gesundheit (BAG), Bern
Korrespondierende Autorin:
Dr. Lea Pucci-Meier
E-Mail: lea.pucci@bag.admin.ch
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Die Covid-19-Pandemie und die Massnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit beschäftigen uns nun seit gut zwei Jahren. Die damit verbundenen Veränderungen im Alltag und im gesellschaftlichen Zusammenleben haben auch Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Allerdings zeigt eine Übersichtsstudie im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG), dass nicht alle Menschen gleich betroffen sind.
Keypoints
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Der Schweizer Bevölkerung geht es hinsichtlich ihrer psychischen Gesundheit mehrheitlich gut. Aber die erhöhte Belastungs- und Stresssituation hat sich bei einer bedeutsamen Minderheit negativ ausgewirkt. Dies vor allem, weil sich bestehende Probleme und Belastungen verstärkten.
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Jugendliche und junge Erwachsene leiden am meisten und es besteht auch in dieser Altersgruppe eine erhöhte Nachfrage nach Beratungs- und Informa- tionsangeboten.
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Die bereits vor der Pandemie bestehenden Defizite im Bereich der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen haben sich im Verlauf der Krise noch einmal deutlich akzentuiert.
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Die hier berichteten Ergebnisse sind nicht abschliessend zu verstehen. Noch ist die Pandemie nicht vorbei. Mittel- und längerfristige Folgen sind aktuell noch schwierig abzuschätzen. Da auch nach Abklingen der Pandemie evtl. mit verzögerten Effekten gerechnet werden muss, ist eine erhöhte Aufmerksamkeit für die psychische Gesundheit sehr wichtig.
Die anhaltende Belastung durch die Covid-19-Pandemie ist für unsere psychische Gesundheit eine Herausforderung. Die Auswirkungen der Krise sind aber sehr heterogen und fallen je nach persönlicher Situation unterschiedlich aus. Eine umfassende Aussage über die Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung in der Schweiz ist daher nicht ganz einfach. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat zu dieser Thematik eine Übersichtsstudie erstellen lassen.1 In den nachfolgenden Abschnitten werden die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst.
Die Übersichtsstudie zeigt auf, dass es der Bevölkerung in der Schweiz auch in der Pandemie mehrheitlich gut geht. Die Lebenszufriedenheit ist weiterhin hoch. Die Tatsache, dass die Pandemie eine gewisse Unsicherheit auslöst und eine zusätzliche Belastung darstellt, ist angesichts der Krise eine normale Reaktion, welche für die Mehrheit der Bevölkerung keine klinisch relevanten Auswirkungen hat. Jedoch verursacht die anhaltende Belastung bei einer bedeutsamen Minderheit Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit. Studien weisen darauf hin, dass die Krise zu einer Verstärkung von bereits vorbestehenden Problemen führt (beispielsweise psychische Vorerkrankungen oder Einsamkeit und soziale Isolation). Personen mit niedrigem Einkommen und sozial vulnerable Gruppen sind von den sozialen, wirtschaftlichen und psychischen Folgen der Krise besonders stark betroffen. Auch für Menschen, die durch die Pandemie in existenzielle Nöte geraten sind, besteht ein erhöhtes Risiko für eine psychische Belastung. Die Pandemie verstärkt somit bereits bestehende soziale Ungleichheiten.
Die jungen Generationen sind besonders betroffen
Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind durch die Pandemie deutlich stärker psychisch belastet als andere Altersgruppen. Junge Menschen haben ein starkes Bedürfnis, Gleichaltrige zu treffen und sich auszutauschen. Schulabschlüsse werden gefeiert, Reisen unternommen. Diese Lebensphase und Aktivitäten sind für die Persönlichkeitsbildung wichtig. Auch befinden sich junge Erwachsene inmitten parallel stattfindender lebensprägender Veränderungsprozesse wie Berufseinstieg, Ausbildung oder Studium. Dazu kommen die Abnabelung von der Kernfamilie und der häufig darauf folgende Wohnortwechsel. All diese Bereiche wurden und werden noch immer stark tangiert von den Massnahmen zur Pandemiebekämpfung. Bei jüngeren Kindern zeigt sich die erhöhte Stressbelastung eher in Verhaltensauffälligkeiten, bei älteren Kindern ab dem Jugendalter sind Depressivität und Angstsymptome häufiger. Die Übersichtsstudie zeigt, dass in dieser Altersgruppe seit der Pandemie eine erhöhte Nachfrage nach Beratungs- und Informationsangeboten besteht.
Wie sich die Pandemie auf die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgungssituation auswirkt, ist aufgrund der verzögerten Verfügbarkeit der nationalen Routinedaten der Register und Spitäler noch nicht abschliessend zu beantworten. Die Übersichtsstudie konnte sich daher nicht auf quantitative Daten stützen. Anhand qualitativer Gespräche mit Fachpersonen sowie erster verfügbarer kantonaler Daten wurden Trendanalysen errechnet. Sie zeigen, dass die Situation in der Erwachsenenpsychiatrie heterogen ist. Das Therapieangebot scheint aber weitgehend flexibel genug, um temporäre Zunahmen (z.B. rund um die zweite Welle der Pandemie) zu bewältigen. Dazu beigetragen hat gemäss der Übersichtsstudie unter anderem auch die Sonderregelung zur Vergütung fernmündlicher Konsultationen. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie hat sich die bereits vor der Pandemie bestehende Unterversorgung noch einmal deutlich akzentuiert. Der Handlungsbedarf in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung der durch die Pandemie besonders stark belasteten jungen Generationen ist unter Expertinnen und Experten unbestritten.
Die mittel- und längerfristigen Folgen der Pandemie für die psychische Gesundheit sind zum jetzigen Zeitpunkt schwierig abzuschätzen. Klar ist, dass chronische Belastungszustände das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen. Da auch nach Abklingen der Pandemie allenfalls mit verzögerten Effekten gerechnet werden muss, ist weiterhin eine erhöhte Aufmerksamkeit bezüglich der psychischen Gesundheit angezeigt. Ebenfalls zu beobachten ist die Entwicklung des psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungsbedarfs im Zusammenhang mit den Langzeitfolgen von Covid-19 («Long/Post Covid»).
Handlungsbedarf auf verschiedenen Ebenen
Auch wenn es für eine abschliessende Bilanz zu früh ist, zeigen die oben dargestellten Erkenntnisse, in welchen Bereichen für die psychische Gesundheit Handlungsbedarf besteht. Das BAG setzt sich im Rahmen der gesundheitspolitischen Strategie des Bundesrates «Gesundheit2030» für die psychische Gesundheit ein, beispielsweise im Bereich der Datengrundlagen und bei den Herausforderungen der Finanzierung intermediärer Versorgungsangebote. Zudem ist der Bundesrat durch verschiedene politische Vorstösse beauftragt, die Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit aufzuarbeiten (Postulate Hurni 213234 und WBK-N 213457). Die Aufarbeitung hat mit der erwähnten Übersichtsstudie begonnen und wird mit einer Aktualisierung der Studie und weiteren Publikationen fortgesetzt. Als Massnahme der Nationalen Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD-Strategie) setzt die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz im Rahmen der Kantonalen Aktionsprogramme ab 2022 Projekte mit einem Schwerpunkt «Covid-19-Folgen bei den Jugendlichen» um.
Die Pandemie hat deutlich gemacht, dass neben psychosozialen Determinanten eine Vielzahl an Faktoren einen erheblichen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung hat. Folglich ist hier nicht nur der Gesundheitssektor, sondern auch die Sektoren Bildung, Soziales und Wirtschaft gefordert. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist für künftige Fortschritte in diesem Bereich zentral. Neben der Bundesebene spielen bei der Umsetzung auch Kantone und Gemeinden, zahlreiche Akteure im Gesundheitswesen, Organisationen und Fachverbände eine wichtige Rolle. Nur gemeinsam wird es möglich sein, bezüglich bestehender Versorgungslücken im Kinder- und Jugendbereich und bei intermediären Versorgungsangeboten eine Verbesserung zu erreichen und die negativen Folgen der Pandemie für die psychische Gesundheit abzufedern.
Literatur:
1 Stocker D et al.: Der Einfluss der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit der Schweizer Bevölkerung und die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in der Schweiz. Schlussbericht. 2021. Bern: Bundesamt für Gesundheit
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