«Künstliche Intelligenz kann keine Schmerzen lindern»
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Sara Rubinelli, Professorin für Gesundheitswissenschaften mit Schwerpunkt Gesundheitskommunikation an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin der Universität Luzern, im Interview.
Sie forschen zu Gesundheitskommunikation und waren von 2017 bis 2022 Präsidentin der International Association for Communication in Healthcare (EACH) – wie stark beeinflusst das Internet die Gesundheitskompetenz der Menschen?
Es gibt eine Demokratisierung der Gesundheitsinformationen, aber wir müssen die Menschen in ihrer Gesundheitskompetenz und ihrer wissenschaftlichen Kompetenz unterstützen und stärken. Wenn ich an die Covid-Pandemie denke, mussten die Menschen wissenschaftliche Studien verstehen und nachvollziehen können, was passierte. Allerdings sind das Dinge für deren Erlernen Studierende in unserem Masterstudiengang und in den entsprechenden Fachgebieten normalerweise Jahre brauchen. Wir stehen also für die Zukunft vor der Herausforderung, eine Unterstützung für kritisches Denken zu schaffen, damit Patient:innen Gesundheitsinformationen autonom beurteilen können und tatsächlich entscheiden können, was gute und was schlechte Informationen sind. Es gibt heute im Gesundheitswesen viele technische Informationen, und es ist nicht einfach zu beurteilen, was gute Informationen sind. Manchmal ist es sogar für die Expert:innen schwierig.
Wie soll das funktionieren?
Ich kann den Menschen nicht sagen, was sie tun sollen, aber wir können Ratschläge geben und zeigen, wie sie gegen irreführende Informationen vorgehen. Aus diesem Grund müssen wir die kritische und wissenschaftliche Kompetenz stärken. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Leute verstehen, was wir sagen, wenn wir evidenzbasiert sagen. Die Menschen müssen verstehen, dass, wenn es starke Evidenz gibt, dahinter eine starke Methodik steckt und dies im Vergleich zu einer Behauptung steht, die oft ohne jegliche Beweise auskommt. Manchmal haben Menschen, die keine entsprechend fachliche Ausbildung hatten, während der Pandemie Behauptungen aufgestellt. Sie waren überzeugend, weil diese Leute wissen, wie man redet. Aber es ist nicht evidenzbasiert, weil es auf einer Sichtweise basiert, die beispielsweise nicht mit einer grossen quantitativen Studie verglichen wird. Wenn ich über den gesamten Bereich der Impfstoffe nachdenke, gab es enorm viele Desinformationen. Die grosse Herausforderung der Zukunft ist, dass Institutionen die Menschen informieren, schulen und befähigen müssen, um autonom entscheiden zu können. Ich bin mir bewusst, dass manche Menschen die Idee, von Institutionen unterrichtet zu werden, nicht mögen. Aber um eine gute Autonomie bei der Entscheidungsfindung im Gesundheitsbereich zu entwickeln, müssen wir eine Menge lernen.
Wie war das während der Pandemie genau?
Während der Pandemie gab es nicht nur wissenschaftliche Standpunkte, sondern eine Mischung aus wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Standpunkten. Zu Beginn wusste niemand etwas über Covid. Was war es? Wie behandelt man es? Wir verliessen uns also auf die Vergangenheit und das Wissen über den Umgang mit Pandemien, aber wir brauchten Wissenschaftler:innen, die Zeit brauchten, um das Virus und die Erkrankung zu verstehen. In dieser Zeit herrschte aber ein Informationsvakuum, das die Menschen nur schwer akzeptieren können, weil sie sofort Antworten haben wollen. Wenn es eine Pandemie gibt, ist das problematisch, weil Menschen sterben, aber man hat keine unmittelbare Lösung, was zu tun ist, weil man das Virus studieren muss, studieren muss, was zu tun ist, die Reaktion studieren muss, und das braucht Zeit. Den Menschen fehlt aber das Wissen über den wissenschaftlichen Prozess. Die Folge war, dass viele Menschen während der Covid-Krise das Vertrauen in Gesundheitseinrichtungen verloren haben, weil sie sagten: «Oh, das ist verwirrend.» Fortschritte werden aber durch die Interaktion von Wissenschaftler:innen erzielt.
Sollen dann Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen, wie es manche getan haben, soziale Medien nutzen? Und wie sollen sie künftig damit umgehen?
Erstens glaube ich nicht, dass das jeder tun sollte, aber alle sollten sich darüber im Klaren sein, dass dies ein wichtiger Kommunikationskanal ist. Um soziale Medien zu nutzen, muss man lernen, wie man es macht, und man muss irgendwann einen anderen Kommunikationsstil erlernen und der ist anders als in der persönlichen Beratung. Das gilt auch für WhatsApp, weil viele Dinge nicht über WhatsApp kommuniziert werden können. Für mich unterstützen diese Tools, aber sie können nicht alles ersetzen – die persönliche Beziehung zum physischen Menschen ist absolut wichtig. Ich denke, Krankenhäuser sollten solche Kanäle nutzen, sie müssen aber Ressourcen bereitstellen, weil sie Menschen brauchen, die antworten.
Welche Rolle kann hier künstliche Intelligenz spielen?
Theoretisch kann sie selbst antworten, aber ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass künstliche Intelligenz keinen Ersatz bieten kann. Der menschliche Aspekt, der persönliche Eindruck und die Empathie, die seit jeher die Beziehung zwischen Arzt und Patient prägen, sind gerade in Gesundheitsfragen enorm wichtig. Es gibt viel zu lernen, um zu verstehen, wie wir künstliche Intelligenz nutzen können, damit sie wirklich Unterstützung leisten kann. Empathie war eines der ersten Themen, die auf diesem Gebiet untersucht wurden. Wir sind Menschen und wir haben Menschen mit Gesundheitsproblemen, die viele Fragen, Ängste und Unsicherheiten haben. Schmerzen zu lindern, ist aber etwas, was künstliche Intelligenz derzeit nicht kann.
Allerdings setzen etwa Krankenversicherungen KI zunehmend ein. Wie beurteilen Sie das?
Ich sehe, dass sie sie immer häufiger nutzen, aber im Moment liegt die Grenze darin, dass die Informationen nicht vollständig vertrauenswürdig sind. Sie kann für eine ganz einfache Sache hilfreich sein, wenn Sie fragen: «Wie viele Kalorien haben 100 Gramm Nudeln?» Ich könnte mir vorstellen, mit ausgewählten Datenbanken künstliche Intelligenz aufzubauen. Dann wären die Antworten auf eine spezielle Sache gerichtet. Ich denke, dass es noch viel zu tun gibt, um zu verstehen, wie künstliche Intelligenz optimal eingesetzt werden kann. Jetzt sehe ich die Möglichkeit, dass das bei meinen kleineren Fragen behilflich sein kann. Wir sehen aber, dass viele medizinische Ratschläge der KI nicht überall zu 100 Prozent einheitlich sind. Es hängt auch sehr stark von Land zu Land ab. Wenn aber künstliche Intelligenz mittlerweile zum Vergleich der Diagnosen von Patient:innen eingesetzt wird, um Millionen von Fällen zu untersuchen, macht es Sinn. Für Ärzt:innen kann es ein sehr wichtiges Diagnoseinstrument sein. Ich bin also eine grosse Befürworterin von künstlicher Intelligenz in allen Bereichen, in denen sie unterstützend eingesetzt wird. Aber nicht als Ersatz für menschliche, empathische Kommunikation. (Das Interview führte Martin Rümmele)
Prof. Sara Rubinelli, PhD
Universität Luzern
Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin
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