«Wesentlich sind die Auswirkungen auf die Muskulatur»
Leading Opinions
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16.05.2019
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<p class="article-content"><p><strong>Gibt uns die Metaanalyse<sup>1</sup> neue Hinweise, wie man bei einer Achillessehnenruptur vorgehen soll?</strong><br /> <strong>N. Espinosa:</strong> Obwohl sie gut gemacht ist, kann auch diese Studie keine klare Aussage geben, ob man operieren oder konservativ behandeln soll. Bei den operierten Patienten finden sich zwar geringere Rerupturraten. Aber auch wenn diese Unterschiede – im Vergleich zu den nicht operierten Patienten – statistisch signifikant ausfallen, zeigen die effektiven Werte kaum grosse Unterschiede zwischen beiden Gruppen. Andererseits traten bei den operierten Patienten häufiger Komplikationen auf. Das wundert nicht, wenn man die klassischen grossen Zugänge betrachtet. Bei minimal invasiven Techniken sind die Komplikationsraten sehr gering und können das Ergebnis teilweise wieder relativieren. Dies wurde aber nicht explizit untersucht.</p> <p><strong>Welchem Patienten raten Sie zur Operation, welchem zum konservativen Vorgehen?</strong><br /> <strong>N. Espinosa:</strong> Ich neige dazu, fast alle Patienten operativ zu behandeln, um eine adäquate Spannung der Sehne zu erzielen. Ich bin der Meinung, dass dies das wichtigste Element bei der Behandlung von Achillessehnen darstellt. Es muss alles unternommen werden, um die Muskulatur, also den Triceps surae, zu schützen beziehungsweise zu erhalten. Die Erfahrungen aus der Rotatorenmanschetten- Forschung und die wenigen Arbeiten unserer Gruppe stützen diese Sichtweise, es bedarf aber weiterer Untersuchungen. Es kann sein, dass in Zukunft diese Annahme weiter bestätigt oder vielleicht wieder verworfen wird.</p> <p><strong>Welche Patienten operieren Sie nicht?</strong><br /> <strong>N. Espinosa:</strong> Nur die, die sich nicht operieren lassen wollen, oder Patienten mit erhöhtem Risiko für Wundheilungsstörungen, also etwa diejenigen mit Durchblutungsstörungen durch eine periphere arterielle Verschlusskrankheit. Mithilfe minimal invasiver Verfahren kann die Rate der Komplikationen auf fast null Prozent gesenkt werden. Ausserdem erlaubt die operative Behandlung eine sofortige Belastbarkeit in einem Gipsstiefel, während man bei der konservativen Therapie für ein gutes Ergebnis engmaschig kontrollieren muss, um sicherzustellen, dass die Stumpfenden der Sehne in korrekter Position abheilen.</p> <p><strong>Nicola Maffulli und Giuseppe Peretti schreiben in einem begleitenden Editorial,<sup>2</sup> dass das konservative Vorgehen häufiger zu einer verlängerten Achillessehne führt. Spricht das nicht per se gegen eine konservative Therapie?</strong><br /><strong>N. Espinosa:</strong> Die Kollegen sprechen ein wesentliches Problem an. Bei chronischen Sehnenrupturen kann die Ultrastruktur im Muskel gestört werden. Der Verlust der Sehnenspannung mit damit verbundener Retraktion der Sehne führt zur Änderung des sogenannten Pennationwinkels im Muskelbauch. Die dadurch entstehenden vergrösserten Räume zwischen den Muskelfasern werden mit Fett gefüllt und verhindern im Endeffekt eine Rückführung in die physiologische Ausrichtung. Dies kann auch bei Achillessehnenrupturen und dem Triceps surae geschehen. Wird die Sehne bei der konservativen Behandlung nicht ordentlich gespannt, könnte es zu den erwähnten Effekten kommen und der Muskel auf Dauer irreversibel geschädigt werden. Diese Annahmen stützen sich vor allem auf Studien im Schultergürtel, wo die muskulären Alterationen bei chronischen Rotatorenmanschettenrupturen untersucht wurden. Bei Achillessehnenrupturen haben wir noch nicht so viele Daten, sodass letztendlich meine Aussagen spekulativ bleiben, bis wir mehr Studien haben. Die Studien unserer Arbeitsgruppe geben aber Hinweise darauf, dass es auch bei der Achillessehne so sein könnte wie an der Schulter.</p> <p><strong>Was haben Sie herausgefunden?</strong><br /> <strong>N. Espinosa:</strong> Dass bei chronischen Achillessehnenrupturen beim Menschen eine fettige Infiltration der Muskulatur eintreten kann, die ihrerseits zur irreversiblen Schädigung des Muskels führt. Dies wiederum könnte eine funktionelle Behinderung zur Folge haben.<sup>3</sup> Die Arbeitsgruppe um Booth et al. zeigte bei Hasen, denen die Achillessehne verlängert worden war, dass es ebenfalls zu einer fettigen Infiltration in der Muskulatur kommt.<sup>4</sup> Auch unsere weiteren Untersuchungen am Menschen bestätigten das.<sup>5</sup> Aber nochmals: Diese Studien alleine reichen keinesfalls aus, um zu beweisen, dass eine konservative Therapie in jedem Fall zu einer funktionellen Einbusse infolge fettiger Infiltration führt.</p> <p><strong>Ihr Fazit?</strong><br /> <strong>N. Espinosa:</strong> Die Debatte, ob operativ oder konservativ, wird kein Ende finden, bis wir eine klare Aussage über die Auswirkungen der einzelnen Therapieformen auf die Muskulatur machen können. Dies ist in meinen Augen der wesentliche Teil der ganzen Diskussion, wird aber oft vergessen. Der Fuss funktioniert, weil die Muskulatur ihn kontrolliert und steuert. Die Sehne ist das zwischengeschaltete funktionelle Element.</p> <p><br /><em>Lesen Sie auch:</em> <a href="https://at.universimed.com/fachthemen/1000001616">Achillessehnenruptur: Operation oder konservativ?</a></p></p>
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<p><strong>1</strong> Ochen Y et al.: BMJ 2019; 364: k5120 <strong>2</strong> Maffulli N, Peretti GM: BMJ 2019; 364: k5344 <strong>3</strong> Hoffmann A et al.: Eur Radiol 2011; 21: 1996-2003 <strong>4</strong> Booth BA et al.: Foot Ankle Int 2009; 30: 778-82 <strong>5</strong> Rahm S et al.: Foot Ankle Int 2013; 34: 1100-10</p>
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