Neue Impulse für die Behandlung primärer Kopfschmerzerkrankungen
Bericht:
Dipl.-Ing. Dr. techn. Manuel Spalt-Zoidl
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Für die Therapie primärer Kopfschmerzerkrankungen gibt es zunehmende Evidenz für Alternativen zu monoklonalen Antikörpern zum «calcitonin gene-related peptide» (CGRP). Die wichtigsten Daten wurden am sechsten Kongress der Swiss Federation of Clinical Neuro-Societies (SFCNS) zusammengefasst.
Keypoints
-
Gepante stellen wirksame Arzneimittel für die akute und prophylaktische Behandlung der Migräne, auch bei vorbehandelten Patient:innen, dar.
-
Invasive und nichtinvasive Neuromodulation zeigt evidenzbasierte Wirksamkeit bei der Behandlung von Migräne und Clusterkopfschmerz.
-
Frühe Fallserien und prospektive Studien liefern positive Signale für die Anwendung von Infiltrationstechniken bei Clusterkopfschmerzen.
Chronische Kopfschmerzerkrankungen sind eine der Krankheitsgruppen mit der höchsten Krankheitslast. Sie führen zu 641,9 «years lived with disability» (YLD) pro 100000.1 Frauen sind dabei stärker (altersstandardisierte Prävalenz von 37,5% vs. 31,8%) betroffen als Männer. Schätzungsweise 2,9 Milliarden Menschen haben auf der Welt eine Kopfschmerzerkrankung. Dementsprechend hoch ist auch der Bedarf an neuen Therapien. Erfreulicherweise gab es dazu am SFCNS-Kongress einige Ergebnisse.
Wirksamkeit von Rimegepant in der Akuttherapie der Migräne
Der orale CGRP-Rezeptorantagonist Rimegepant zeigte in Zulassungsstudien zur Akuttherapie der Migräne eine signifikante Überlegenheit zwei Stunden nach Einnahme bei Schmerzfreiheit gegenüber Placebo (21% vs. 11%; p<0,0001).2 Die Wirksamkeit des Gepants lag laut einer Netzwerk-Metaanalyse, so Prof.in Dr.in med. Chiara Zecca, Ospedale Regionale di Lugano, mit einer Odds-Ratio von 1,79 (95% CI: 1,37–2,33) etwas hinter Triptanen.3 Allerdings weist diese Arzneimittelklasse keine vasokonstriktiven Effekte auf. Rimegepant könnte daher bei Patient:innen mit unzureichendem Ansprechen, Unverträglichkeit oder Kontraindikationen gegenüber mindestens zwei Triptantherapien eine mögliche Behandlungsoption darstellen. Ashina et al. fanden bei Betroffenen, die nicht für eine Triptananwendung geeignet sind, eine 23,2% höhere Rate an Schmerzfreiheit zwei Stunden nach Rimegepant-Einnahme als unter Placebo (95% CI: 15,3–31,1; p<0,0001; Abb. 1).4
Abb. 1: Anteil an Patient:innen, die nicht für eine Triptananwendung geeignet sind und unter Rimegepant oder Placebo Schmerzfreiheit zwei Stunden nach Einnahme erreichten (modifiziert nach Ashina M et al.)3
Wirksamkeit von Gepanten in der Migräneprophylaxe
Atogepant und Rimegepant stellen ausserdem wirksame Migräneprophylaktika dar, fuhr die Vortragende fort. Beide Arzneimittel reduzierten bei Patient:innen mit episodischer oder chronischer Migräne die monatlichen Migränetage über 12 Wochen hinweg signifikant gegenüber Placebo.5–7
Eine wesentliche Voraussetzung für die Kostenerstattung der Gepante stellt das Versagen von mindestens zwei präventiven Therapielinien dar, betonte Zecca. Atogepant führte in Studien zu 2,35-fach (95% CI: 3,19–1,52; p<0,0001) weniger Migränetagen bei 309 Patient:innen, bei denen zuvor mit zwischen zwei und vier vorangegangenen Migräneprophylaxen kein Ansprechen erzielt werden konnte bzw. diese nicht vertragen wurden.8 Auch Rimegepant war in einer randomisierten Phase-IV-Studie bei insgesamt 652 Patient:innen mit episodischer Migräne und dokumentiertem Therapieversagen von zwei bis vier vorangegangenen oralen Migräneprophylaxen mit einem Unterschied von 1,6 Tagen (95% CI: 2,1–1,2; p<0,0001) einem Placebo signifikant überlegen.9
Neuromodulation für die Behandlung der Migräne
Im Gegensatz zu Gepanten und monoklonalen Anti-CGRP-Antikörpern wird der Neuromodulation laut Prof. Dr. med. Franz Riederer, Inselspital Bern, wenig Beachtung geschenkt. Allerdings liegen zunehmend relevante Daten für deren Anwendung bei der Akut- und Prophylaxetherapie der Migräne vor (Tab 1).10
Tab. 1: Effektgrössen verschiedener Neuromodulationstechniken bei der Akut- und prophylakti- schen Therapie der Migräne (modifiziert nach Moisset X et al.)9
Eine randomisierte Studie zur prophylaktischen Anwendung einer «external trigeminal nerve stimulation» (eTNS) verfehlte zwar knapp den primären Endpunkt einer signifikanten Reduktion der monatlichen Migränetage (p=0,054), zeigte aber eine signifikante 50-prozentige Ansprechrate gegenüber der Sham-Gruppe (38,1% vs. 12,1%; p=0,023).11 Trotz des formal negativen Ergebnisses liegen zunehmend Real-World-Daten vor, die auf klinische Wirksamkeit der Methode hinweisen, betonte Riederer. Neuere Studien zeigen zudem eine Wirksamkeit von eTNS in der Akuttherapie.12
Die nichtinvasive Vagusnervstimulation (nVNS) stellt, so der Experte, eine weitere interessante Methode der Neuromodulation dar. In einer doppelblinden, randomisierten Studie wurden statistisch signifikant höhere Raten an Schmerzfreiheit nach 30 und 60 Minuten (12,7% vs. 4,2%; p=0,012, beziehungsweise 21,0% vs. 10,0%; p=0,023) im Vergleich zu einem Sham erreicht.13 Im Rahmen der Migräneprophylaxe erreichte der Vagusnervstimulator den primären Endpunkt jedoch nicht.14
Clusterkopfschmerzbehandlungmit Neurostimulation?
Auch für die Behandlung des episodischen Clusterkopfschmerzes könnte die nVNS eine wertvolle Behandlungsoption in der Zukunft darstellen, betonte Riederer. Silberstein et al. konnten bei 34,2% von 60 behandelten Patient:innen Schmerzfreiheit nach 15 Minuten beobachten, während dies nur bei 10,6% der Sham-Gruppe der Fall war (p=0,008).15 Im Rahmen der prophylaktischen Anwendung bei Clusterkopfschmerzen liefern unverblindete Studien zwar positive Daten, nach Erfahrung des Vortragenden sind diese in der Population jedoch nicht wirksam.16
Anschliessend stellte Riederer die okzipitale Nervenstimulation (ONS) als Behandlungsoption für chronische Clusterkopfschmerzen vor. Die Wirksamkeit der Neuromodulation wurde in einer randomisierten Studie bei 130 Patient:innen untersucht. Diese wurden in einem 1:1-Verhältnis randomisiert, um eine ONS mit 100% oder 30% Intensität zu erhalten. Beide Behandlungsgruppen erfuhren nach 12–24 Wochen eine mediane Reduktion ihrer Attackenfrequenz von 4,08 beziehungsweise 6,75 gegenüber Baseline. Trotz der formal negativen Studie würden 90% der Patient:innen die Studie weiterempfehlen, betonte der Vortragende.17
Infiltrationstechniken fürdie Behandlung von Kopfschmerzerkrankungen
Pathophysiologisch beruht die Wirkung der ONS auf ähnlichen Mechanismen wie Infiltrationstechniken bei der Behandlung von Kopfschmerzerkrankungen, eröffnete Prof. Dr. med. Andreas Gantenbein, niedergelassener Neurologe in der Neurologie am Untertor, Bülach, seinen Vortrag.18 In einer frühen Fallserie mit 19 Patient:innen mit Clusterkopfschmerzen konnte bei 10 Patient:innen durch die Infiltration des Nervus occipitalis major in Kombination mit Lokalanästhetika und Kortikosteroiden ein vollständiges Ansprechen erzielt werden.19 Randomisierte kontrollierte Studien liegen in diesem Setting allerdings nur begrenzt vor.
Weitere Infiltrationstechniken betreffen das Ganglion sphenopalatinum mit beispielsweise Onabotulinumtoxin A, schloss der Experte. Simmonds et al. führten eine prospektive Auswertung von 31 Patient:innen mit refraktären chronischen Clusterkopfschmerzen durch, die einmal im Monat eine entsprechende Infiltration erhielten. Die Technik führte zu statistisch signifikanten Reduktionen der wöchentlichen Attackenhäufigkeit von bis zu 13,92 in einem Monat (p=0,006) gegenüber Baseline und 50-prozentigen Ansprechraten von 78%.20
Quelle:
6. Kongress der Swiss Federation of Clinical Neuro-Societies (SFCNS), 29.–31. Oktober 2025, Lausanne
Literatur:
1 Husoy AK et al.: Global, regional, and national burden of headache disorders, 1990–2023: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2023. Lancet Neurol 2025; 24(12): 1005-15 2 Croop R et al.: Efficacy, safety, and tolerability of rimegepant orally disintegrating tablet for the acute treatment of migraine: a randomised, phase 3, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet 2019; 394(10200): 737-45 3 Yang C et al.: Comparison of new pharmacologic agents with triptans for treatment of migraine: a systematic review and meta-analysis. JAMA Netw Open 2021; 4(10): e2128544 4 Ashina M et al.: Rimegepant for acute treatment of migraine in triptan-unsuitable adults: a randomized, double-blind, placebo-controlled phase 4 trial. Cephalalgia 2025; 45(11): 3331024251395298 5 Ailani J et al.: Atogepant for the preventive treatment of migraine. N Engl J Med 2021; 385(8): 695-706 6 Pozo-Rosich P et al.: Atogepant for the preventive treatment of chronic migraine (PROGRESS): a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3 trial. Lancet 2023; 402(10404): 775-85 7 Croop R et al.: Oral rimegepant for preventive treatment of migraine: a phase 2/3, randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet 2021; 397(10268): 51-60 8 Tassorelli C et al.: Safety and efficacy of atogepant for the preventive treatment of episodic migraine in adults for whom conventional oral preventive treatments have failed (ELEVATE): a randomised, placebo-controlled, phase 3b trial. Lancet Neurol 2024; 23(4): 382-92 9 Pozo-Rosich P et al.: A phase 4, randomized, double-blind, placebo-controlled trial evaluating the efficacy and tolerability of rimegepant for the prevention of episodic migraine in adults with a history of inadequate response to traditional oral preventive medications. Cephalalgia 2025; 45(11): 3331024251391378 10 Moisset X et al.: Neuromodulation techniques for acute and preventive migraine treatment: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. J Headache Pain 2020; 21(1): 142 11 Schoenen J et al.: Migraine prevention with a supraorbital transcutaneous stimulator: a randomized controlled trial. Neurology 2013; 80(8): 697-704 12 Chou DE et al.: Acute migraine therapy with external trigeminal neurostimulation (ACME): a randomized controlled trial. Cephalalgia 2019; 39(1): 3-14 13 Tassorelli C et al.: Noninvasive vagus nerve stimulation as acute therapy for migraine: the randomized PRESTO study. Neurology 2018; 91(4): e364-73 14 Diener HC et al.: Non-invasive vagus nerve stimulation (nVNS) for the preventive treatment of episodic migraine: the multicentre, double-blind, randomised, sham-controlled PREMIUM trial. Cephalalgia 2019; 39(12): 1475-87 15 Silberstein SD et al.: Non-invasive vagus nerve stimulation for the acute treatment of cluster headache: findings from the randomized, double-blind, sham-controlled ACT1 study. Headache 2016; 56(8): 1317-32 16 Gaul C et al.: Non-invasive vagus nerve stimulation for PREVention and acute treatment of chronic cluster headache (PREVA): a randomised controlled study. Cephalalgia 2016; 36(6): 534-46 17 Wilbrink LA et al.: Safety and efficacy of occipital nerve stimulation for attack prevention in medically intractable chronic cluster headache (ICON): a randomised, double-blind, multicentre, phase 3, electrical dose-controlled trial. Lancet Neurol 2021; 20(7): 515-25 18 Kollenburg L et al.: Four decades of occipital nerve stimulation for headache disorders: a systematic review. Curr Pain Headache Rep 2024; 28(10): 1015-34 19 Afridi SK et al.: Greater occipital nerve injection in primary headache syndromes—prolonged effects from a single injection. Pain 2006; 122(1-2): 126-9 20 Simmonds L et al.: Open label experience of repeated onabotulinumtoxinA injections towards the sphenopalatine ganglion in patients with chronic cluster headache and chronic migraine. Cephalalgia 2024; 44(8): 3331024241273967
Das könnte Sie auch interessieren:
Therapie von Clusterkopfschmerz mit den serotonergen Indolamin-Psychedelika Psilocybin und LSD sowie mit Ketamin
Der Clusterkopfschmerz ist eine qualvolle Erkrankung, bei der Standardbehandlungen meist unzureichend sind. Es haben sich Hinweise angesammelt, dass serotonerge psychedelische Indolamine ...
Neues in der Therapie der intrazerebralen Blutung
Intrazerebrale Blutungen (ICB) machen etwa 10–15% aller Schlaganfälle aus, sind aber für 25% der schweren Schlaganfälle verantwortlich. Dies spiegelt die schlechte Prognose dieser ...
Migränetherapie in der Schwangerschaft: aktuelle Optionen
CGRP-Antikörper und Gepante haben die Migränetherapie revolutioniert, sind in der Schwangerschaft jedoch kontraindiziert. Da unbeabsichtigte Schwangerschaften unter laufender Therapie ...