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Ebola und MERS: Expertenberichte aus erster Hand
Jatros
Autor:
Reno Barth
Quelle: International Meeting on Emerging Diseases and Surveillance (IMED), 31. Oktober bis 3. November 2014, Wien
30
Min. Lesezeit
11.12.2014
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<p class="article-intro">Krankheiten auf dem Vormarsch waren das Thema der IMED-Konferenz in Wien. Erwartungsgemäß bildeten Ebola und das „Middle East respiratory syndrome“ (MERS) zwei der Schwerpunkte dieses international renommierten Kongresses.</p>
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<p class="article-content"><p>Alle zwei Jahre treffen einander in Wien Experten aus aller Welt zum Erfahrungsaustausch über möglicherweise bedrohliche Erreger. Dieses International Meeting on Emerging Diseases (IMED) fand bislang weitgehend unter Ausschluss bzw. unter eher bescheidenem Interesse der Öffentlichkeit statt. Das war in diesem Jahr anders. Der Grund: die bisher größte Ebola-Epidemie, die in Westafrika zum Zeitpunkt der IMED-Konferenz bereits mehr Todesopfer gefordert hatte als alle früheren Ausbrüche zusammen. Einer der mit Spannung erwarteten Gäste war Dr. Oyewale Tomori, Präsident der Nigerian Academy of Science. Gefragt war seine Expertise nicht nur als scharfzüngiger Kritiker afrikanischer (Gesundheits-)Politik, sondern auch aus einem ganz anderen Grund. Seinem Land war es als bislang einzigem gelungen, den Ausbruch zu stoppen. Nach zwanzig Erkrankungen und acht Todesfällen konnte in Nigeria vorsichtige Entwarnung gegeben werden. Für Dr. Tomori war die Hauptursache für den relativ glimpflichen Ausgang des Ausbruchs jedoch eine gehörige Portion Glück.</p> <h2>Koordinierter Einsatz der Behörden zeigte Wirkung</h2> <p>Am 20. Juli 2014 kam ein akut erkrankter Patient aus Liberia auf dem internationalen Flughafen von Lagos, Nigeria, an. Dr. Tomori: „Allerdings hatten wir zu diesem Zeitpunkt einen Ärztestreik. Daher wurde der Patient nicht in ein öffentliches Krankenhaus gebracht, sondern in eine Privatklinik – ein relativ kleines Haus. Dadurch war es in der Folge leichter, seine Kontakte einzugrenzen. Wäre er in eines der großen Krankenhäuser von Lagos gekommen, hätte das unsere Arbeit deutlich schwieriger gemacht und die Chancen auf Erfolg reduziert.“</p> <p>Die Diagnose einer Ebola-Erkrankung wurde nach Aufnahme im Krankenhaus bestätigt. Dieser Indexpatient hatte 72 Personen am Flughafen und im Krankenhaus potenziell exponiert. Das Ministerium für Gesundheit rief in Rücksprache mit dem nigerianischen Zentrum für Krankheitsbekämpfung (Nigeria Center for Disease Control, NCDC) einen Ebola-Notfall aus.</p> <p>„Lagos, mit 21 Millionen Einwohnern, gilt als regionale Drehscheibe für Wirtschaft, Industrie und Reiseaktivitäten und bietet ein Umfeld, in dem sich übertragbare Krankheiten sehr leicht ausbreiten können. Bereits am 23. Juli installierte das nigerianische Gesundheitsministerium gemeinsam mit der Regierung des Staates Lagos und internationalen Partnern ein Ebola-Kriseninterventionszentrum als Vorläufer des aktuell bestehenden Katastrophenschutzzentrums, Emergency Operations Center – EOC“, erzählt Dr. Tomori.</p> <h2>Nigeria: keine Opfer beim medizinischen Personal</h2> <p>Der Indexpatient verstarb am 25. Juli. In der Folge traten 20 weitere Ebola-Infektionen in Nigeria auf. Alle Infektionen konnten bis zum Indexpatienten zurückverfolgt werden. Knapp 900 identifizierte Kontaktpersonen standen in diesem Zeitraum unter Beobachtung. Acht Patienten verstarben (sieben mit bestätigter, einer mit wahrscheinlicher Ebola-Erkrankung). Am 20. Oktober 2014 erklärte die WHO Nigeria offiziell für Ebola-frei. „Diese rasche Bekämpfung des Ebola-Ausbruches ist in hohem Maße dem frühzeitig eingerichteten Kriseninterventionszentrum (EOC) zu verdanken, das mithilfe eines ,Incident Management‘-Systems (IMS) die Koordination der Maßnahmen sowie konsolidierte Entscheidungen ermöglichte“, sagt Dr. Tomori, der seit Jahren die afrikanischen Staaten zum Aufbau leistungsfähigerer Systeme zur Krisenintervention mahnt. Wie professionell und gründlich vorgegangen wurde, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass kein medizinisches Personal, das mit Patienten in Kontakt war, infiziert wurde.</p> <h2>Auf der Suche nach der besseren Therapie</h2> <p>Keine guten Nachrichten gibt es indes aus Westafrika. Laut WHO waren mit Stand 25. Oktober 10.141 Menschen in acht betroffenen Ländern an Ebola erkrankt und 4.922 gestorben. Das Ebola-Virus hält sich hartnäckig und breitet sich weiterhin in Guinea, Liberia und Sierra Leone aus. Außerdem gab oder gibt es bisher vereinzelte Fälle in Mali, Nigeria, dem Senegal, in Spanien und den USA. Die Teams von „Ärzte ohne Grenzen“ bemühen sich verzweifelt um eine Eindämmung der Seuche und haben dabei häufig auch mit dem Misstrauen der örtlichen Bevölkerung zu kämpfen. Gleichzeitig wird intensiv an einer Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten gearbeitet. Das bezieht sich keineswegs nur auf experimentelle Therapien gegen das Virus, sondern zunächst auf die bessere unterstützende Therapie der Erkrankten. Die Erfahrung habe nämlich gezeigt, dass Ebola-Patienten keineswegs „innerlich verbluten“, sondern Hämorrhagien lediglich ein untergeordnetes Problem darstellen. Schlimmer sind Flüssigkeitsverlust durch Durchfälle, ein „Zytokin-Sturm“ sowie möglicherweise eine Enzephalitis. Auch Komorbiditäten wie Hepatitis B dürften die Prognose ungünstig beeinflussen. „Ärzte ohne Grenzen“ bemüht sich gegenwärtig, die vor Ort gesammelten Daten auszuwerten, um zu besseren Behandlungsprotokollen zu kommen, wie Dr. Hilde De Clerck ausführt. Völlig unklar ist auch, wie es zu den erheblichen Unterschieden in der Mortalität kommt, die zwischen den einzelnen Zentren beobachtet werden, obwohl Patienten in allen Zentren von „Ärzte ohne Grenzen“ weitgehend die gleiche Behandlung bekommen. Diskutiert werden unter anderem genetische Unterschiede zwischen den verschiedenen in der Region lebenden Ethnien.</p> <h2>Wieder ein Virus aus der Fledermaus</h2> <p>Im Gegensatz zu Ebola ist MERS kein gefährlicher alter Bekannter, sondern eine neue Unbekannte für die Gesundheitsbehörden. Der Erreger des „Middle East respiratory syndrome“ ist ein Coronavirus, das im Jahr 2012 erstmals beim Menschen auffällig wurde. MERS-CoV ist ein Verwandter des SARS-Virus und für den Menschen ernsthaft gefährlich. Von den bisher dokumentierten symptomatischen MERS-Infektionen verliefen rund 40 % tödlich, wie Dr. Ziad Memish, Infektiologe und bis vor Kurzem stellvertretender Gesundheitsminister von Saudi-Arabien, im Rahmen der IMED-Tagung in Wien berichtete. Dabei zeigt MERS ein bemerkenswertes Muster: Es taucht in kleinen Outbreaks auf, in deren Verlauf es an Letalität verliert. Für den Indexpatienten verläuft die Krankheit in der Regel tödlich. Bei in der Folge Infizierten nimmt die Schwere der Erkrankung sukzessive ab und schließlich erlischt der Ausbruch wieder. Wie sich die Indexpersonen anstecken, ist nicht vollständig geklärt. MERS-CoV dürfte ein Fledermausvirus sein, an dem auch Dromedare erkranken. Zu den bisherigen MERS-Ausbrüchen kam es daher auch in Ländern auf oder nahe der arabischen Halbinsel, nämlich in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Qatar, Oman, Jordanien, Kuwait, dem Jemen, im Libanon und Iran. War man Anfang des Jahres noch von der Gefahr einer möglicherweise unkontrollierbaren Ausbreitung der Erkrankung ausgegangen, steht das Barometer gegenwärtig auf vorsichtiger Entwarnung. MERS-CoV scheint nicht das Potenzial zu haben, sich nachhaltig in der humanen Population festzusetzen oder auszubreiten. Dr. Memish und sein Team führten in Saudi-Arabien – wo es bislang die meisten Fälle von MERS gab – serologische Untersuchungen in der Bevölkerung durch und fanden eine sehr geringe Seroprävalenz von 0,1 % . Bei Angehörigen von Berufsgruppen, die regelmäßig mit Tieren zu tun haben, sind Antikörper gegen MERS-CoV häufiger. Mit rund 3 % ist die Rate an seropositiven Personen unter Schlachthofarbeitern am höchsten. Ausbrüche in dieser Berufsgruppe sind nicht bekannt, die Infektionen verliefen also offenbar asymptomatisch oder mit leichter, einer Erkältung ähnlicher Symptomatik. Experten befürchten daher in absehbarer Zeit keinen weltweiten MERS-Ausbruch mehr, weil das Virus, im Gegensatz zu seinem offenbar leichter übertragbaren Verwandten SARS, im Wesentlichen eine Zoonose geblieben ist. Dr. Memish warnt jedoch davor, MERS nicht ernst zu nehmen: „Wir hatten im Grunde genommen mit Ebola eine ähnliche Situation. Jahrzehntelang hatte man es mit einem Virus aus dem Tierreich zu tun, das gelegentlich auf den Menschen überspringt und kleine Ausbrüche mit hoher Mortalität verursacht. Jetzt, nach 40 Jahren, steht man plötzlich vor einer völlig neuen Situation mit einer unkontrollierten Epidemie. So weit sollten wir MERS nicht kommen lassen.“</p></p>
<p class="article-quelle">Quelle:
International Meeting on
Emerging Diseases and Surveillance (IMED),
31. Oktober bis 3. November 2014, Wien
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