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Das Antibiotika-Paradoxon
Jatros
30
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12.06.2018
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<p class="article-intro">In den letzten Jahrzehnten haben Antibiotika viele Leben gerettet und viele Krankheiten geheilt, die zuvor unheilbar waren. Diese Medaille hat jedoch eine Kehrseite. Es gibt mehr und mehr Beweise dafür, dass wir durch unseren modernen Lebensstil die Vielfalt unseres Mikrobioms einbüßen. Und nicht nur das: Dieser Verlust wird an die nächsten Generationen weitergegeben. Das bedeutet, dass es dramatische Veränderungen in der Medizin geben wird müssen, wie Prof. Martin J. Blaser am 12. Österreichischen Infektionskongress erklärte.</p>
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<p class="article-content"><p>Die steigende Inzidenz bestimmter Erkrankungen scheint mit unserem modernen Lebensstil einherzugehen“, sagte Prof. Dr. Martin J. Blaser, Mikrobiologe und Leiter des Human Microbiome Program, Langone Medical Center, New York University, USA. „Nehmen wir das Beispiel der Adipositas. Im Jahr 1989 gab es keinen US-Bundesstaat mit einer Adipositasrate über 14 % . 2010 gab es keinen Bundesstaat mit weniger als 20 % (Abb. 1). Diese Veränderung geschah in nur 21 Jahren. Hier geht etwas Gewaltiges vor sich“, kommentierte Blaser.<br /> Adipositas beginnt früh im Leben und ihre Zunahme ist ein weltweiter Trend. In Entwicklungsländern steigt die Adipositas bei Kindern steil an. Im Jahr 2015 lebten 80 % der weltweit 50 Millionen adipösen Kinder zwischen zwei und fünf Jahren in Entwicklungsländern. In wenigen Jahren wird die globale Anzahl adipöser Kinder auf 100 Millionen angestiegen sein. „Das ist eine wirkliche Pandemie“, fügte Blaser hinzu. Und es gibt auch andere Krankheiten, wie z.B. entzündliche Darmerkrankungen, deren Zahl mit dem modernen Lebensstil ebenfalls stetig ansteigt.</p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2018_Jatros_Infekt_1802_Weblinks_jatros_infekt_1802_s6_abb1.jpg" alt="" width="1416" height="919" /></p> <h2>Veränderungen im modernen Leben</h2> <p>„Es gibt drei grundlegende Vorstellungen über die menschliche Mikrobiota und ihre Interaktion mit ihrem Wirt – also uns“, erläuterte Blaser.<br /> Erstens gibt es starke Beweise für die Koevolution der Mikrobiota mit ihren Wirten und für die vertikale Transmission der Mikrobiota über zahllose Jahrmillionen. Zweitens wurde durch die Evolution ein Gleichgewicht erreicht. Es gibt Interaktionen zwischen kolonisierenden Mikroorganismen und dem Wirt; Signale gehen in beide Richtungen. Dieses Gleichgewicht ist robust und widerstandsfähig.<br /> Drittens gibt es ein Altersfenster. Das menschliche Mikrobiom sieht am Anfang des Lebens völlig anders aus als beim Erwachsenen. Im Alter von drei Jahren sieht es jedoch dem Mikrobiom des Erwachsenen schon sehr ähnlich. Während der ersten drei Jahre entwickelt sich das Mikrobiom parallel zum Wirt, das ist die Phase mit der meisten Dynamik.<br /> Was bei Menschen ebenso wie bei Säugetieren über viele Jahrmillionen geschah, war Folgendes: Wir wachsen in einer weitgehend sterilen Gebärmutter auf. Der erste substanzielle Kontakt mit Bakterien ereignet sich nach dem Blasensprung. Das Kind wird dann mit den Mikroben der Mutter bedeckt und verschluckt sie. Das sind die „Gründer“ des Mikrobioms der nächsten Generation.<br /> Säugetiermütter, auch Menschen, küssen und stillen ihre Kinder, kauen ihnen Nahrung vor u. Ä. Das geschieht bei Säugetieren seit ca. 100 Millionen Jahren.<br /> Doch diese Dinge haben sich geändert. Mütter sind heute mit Antiseptika, Antibiotika und antibakteriellen Substanzen in der Nahrung konfrontiert. Kinder werden ausgiebig und oft gebadet, mit Fläschchen ernährt, mit Antibiotika behandelt und mit Kaiserschnitt geboren. Ein Kaiserschnitt verhindert den initialen Kontakt des Neugeborenen mit dem vaginalen Mikrobiom. In den USA wird jedes dritte Kind per Kaiserschnitt geboren, in manchen Ländern wie Brasilien oder dem Iran sind es 50 % , in manchen Städten wie Rio de Janeiro oder Rom sogar bir zu 80 % .</p> <h2>Verschwinden der Mikrobiota</h2> <p>All das führt zu einem Phänomen, das Blaser „die Theorie der verschwindenden Mikrobiota“ nennt. Diese Theorie hat zwei wesentliche Hypothesen:</p> <ol> <li>Die veränderte menschliche Ökologie hat die Übertragung und Aufrechterhaltung angestammter Mikroben verändert, was die Zusammensetzung der Mikrobiota beeinflusst.</li> <li>Besonders wichtig sind Mikroben, die zumeist früh im Leben akquiriert werden, weil sie ein kritisches Entwicklungsstadium beeinflussen.</li> </ol> <p>Der wahrscheinlich beunruhigendste Aspekt in diesem Zusammenhang ist jedoch: Wir beginnen unser Leben nicht mehr mit einem gesunden Mikrobiom, sondern der Verlust an Diversität des Mikrobioms wird von Generation zu Generation weitergegeben. Verglichen mit eingeborenen Völkern (wie in Afrika oder Südamerika) haben wir bereits 50 % der mikrobiellen Vielfalt verloren. Abbildung 2 zeigt die gegenwärtige Entwicklung: Die USA leben seit ca. sieben Generationen in der Modernisierung, andere Länder (wie z.B. China oder Indien) vielleicht seit vier Generationen, manche Völker (die bisher z.B. im Amazonas-Dschungel lebten) erst seit einer Generation.</p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2018_Jatros_Infekt_1802_Weblinks_jatros_infekt_1802_s7_abb2.jpg" alt="" width="1416" height="922" /></p> <h2>Antibiotika als wichtigste Einzelursache</h2> <p>Es gibt viele Gründe für den Mikrobiotaverlust, aber Antibiotika sind wahrscheinlich der wichtigste Einzelfaktor. Geschätzte 73 Milliarden Antibiotikadosen (zehn für jeden Menschen auf der Erde) werden pro Jahr direkt verschrieben. Es gibt zudem eine Antibiotikaexposition unbekannter Größe durch die Viehzucht. Die Beweise mehren sich, dass Antibiotika dann dem Mikrobiom am meisten schaden, wenn sie sehr früh im Leben verabreicht werden. Es gibt Daten, die zeigen, dass diese Schadwirkungen (wie erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Infektionen, erhöhte Raten an entzündlichen Darmerkrankungen etc.) durch das Mikrobiom selbst entstehen und durch Mikrobiomtransplantation auf Tiere übertragen werden können, die selbst nie Antibiotika erhalten haben. Und sie sind erblich und werden z.B. bei Nachkommen von Mäusen gesehen, die nie ein Antibiotikum verabreicht bekommen haben.</p> <p>„Wir glauben, dass sich diese hereditären Effekte eines veränderten Mikrobioms auf verschiedene menschliche Gewebe auswirken, z.B. durch den Pfortaderkreislauf auf die Leber und das Fettgewebe, durch die intestinale Lamina propria auf lymphoide Organe und das Knochenmark und durch den Nervus vagus auf das Gehirn, wo die Ausschüttung von Hormonen und Neurotransmittern beeinflusst wird“, sagte Blaser.</p> <h2>Und in Zukunft?</h2> <p>„In Zukunft werden wir – wenn wir nicht wollen, dass dieser Mikrobiotaverlust weitergeht – etwas tun müssen“, fuhr Blaser fort. „Wahrscheinlich müssen wir lernen, wie wir die Vielfalt unseres Mikrobioms wiederherstellen können. Kinderärzte werden in Zukunft vielleicht das Mikrobiom eines Säuglings analysieren und imstande sein, jene Bakterien zu supplementieren, die dem Kind fehlen.“</p></p>
<p class="article-quelle">Quelle: „Antibiotic use in childhood and its consequences on
health and the microbiome“, Eröffnungsvortrag des
12. ÖIK, 11. April 2018, Saalfelden
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