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Regional

Spitalszwillinge spielen Patienten-Pingpong

<p class="article-intro">Die neuen Krankenhausbauten südlich von Wien, der Stolz der niederösterreichischen Politik.</p> <hr /> <p class="article-content"><p>Es vergeht kein Interview mit Frau Mag. Rabmer-Koller, in welchem die ober&ouml;sterreichische &Ouml;VP-Politikerin in ihrer derzeitigen Funktion als Chefin des Hauptverbandes nicht die Reduktion von Krankenhausbetten fordert. Im Rahmen der Gespr&auml;che zum n&auml;chsten Finanzausgleich mit den L&auml;ndern solle gekl&auml;rt werden, so die Hauptverbands&shy;chefin, wie viele Spit&auml;ler &bdquo;zur&uuml;ckgefahren werden&ldquo;. Im Kernland der &Ouml;VP, in Nieder&ouml;sterreich hingegen, liefern die verantwortlichen Politiker seit Jahren ein Kontrastprogramm. Im Reich von Dr. Erwin Pr&ouml;ll fr&ouml;nt man dem nahezu grenzenlosen Neu- und Zubau von Spit&auml;lern. Mit den insgesamt 27 Standorten der N&Ouml; Landeskliniken-Holding wird permanent Wahlwerbung betrieben: Arbeitsplatzsicherung durch Verherrlichung der Spitalswelt. Bei jeder m&ouml;glichen und unm&ouml;glichen Gelegenheit wird betont, die Holding sei mit ihren rund 22.000 Arbeitspl&auml;tzen der gr&ouml;&szlig;te Gesundheitsdienstleister &Ouml;sterreichs. Auch der hohen Wertsch&ouml;pfung f&uuml;r die regionale Wirtschaft werden st&auml;ndig neue Lobges&auml;nge gewidmet.</p> <h2>Nieder&ouml;sterreichische Landespolitiker auf der Gegenspur</h2> <p>W&auml;hrend zahlreiche Verantwortungstr&auml;ger bereits z&auml;hneknirschend erkennen, dass in den verflossenen Jahrzehnten bei Neu- und Ausbauten von heimischen Krankenh&auml;usern ma&szlig;los &uuml;bertrieben wurde, verweilt der zust&auml;ndige Landesrat Nieder&ouml;sterreichs, Mag. Karl Wilfing, noch auf der gesundheitspolitischen Gegenspur. An Carlo, wie ihn seine Fans liebevoll nennen, prallen die Argumente der Gesundheits&ouml;konomen ab. Er will nicht erkennen, dass &Ouml;sterreich im Europavergleich bereits die h&ouml;chste Dichte an Spitalsbetten erreicht hat. Er negiert, dass heimische Krankenanstalten schon heute als die teuersten Europas gelten. Eine Steigerung auf diesem Gebiet ist nicht notwendig.</p> <h2>Schwelgen in Superlativen</h2> <p>Sechs Jahre nach dem Spatenstich ist es so weit, der Neubau des Badener Krankenhauses wird er&ouml;ffnet. Ein Hochamt f&uuml;r die Landespolitik. Am 30. September str&ouml;mten die ersten Patienten in die Behandlungsr&auml;ume. Doch schon Monate davor, im Juni, wurde Journalisten ein Einblick in den Badener Baukomplex gew&auml;hrt. Der kaufm&auml;nnische Direktor der N&Ouml; Landeskliniken-Holding, Dipl. KH-BW Helmut Krenn, stellt anl&auml;sslich dieser F&uuml;hrung fest: &bdquo;Es ist europaweit das modernste Klinikum!&ldquo; Wie bei bisherigen Er&ouml;ffnungen dieser Art traut sich auch bei Baden kein Gesundheits&ouml;konom hinter der Deckung hervor, um dieser Prahlerei Grenzen zu setzen.</p> <h2>Krankenhaus Baden mit 2.325 R&auml;umen</h2> <p>Der entsprechende Bericht im &bdquo;Kurier&ldquo; vom 24. Juni spiegelt die Jubelstimmung der Krankenhaus-Betonierer gut wider. Redakteur Mag. Markus Foschum greift f&uuml;r die Beschreibung des Neubaus in Baden zu Ausdr&uuml;cken der Superlative. Der Badener B&uuml;rgermeister und besagter Carlo m&uuml;ssen die Journalisten mit ihrer F&uuml;hrung gewaltig beeindruckt haben. Die neue Chefin des Hauptverbandes d&uuml;rfte am Rundgang nicht teilgenommen haben. Sie konnte daher in gutem Glauben bleiben, dass irgendwo Spit&auml;ler &bdquo;zur&uuml;ckgefahren werden&ldquo;. Im Kernland der &Ouml;VP, in Nieder&ouml;sterreich, ist der Ruf von Mag. Ulrike Rabmer-Koller noch nicht angekommen. Ganz im Gegenteil! Es kommt zwar zur Erw&auml;hnung, dass jahrelang &uuml;ber die Sinnhaftigkeit von zwei getrennten Standorten diskutiert wurde, nicht aber &uuml;ber die eindeutige Ansicht der Experten. Es gab keinen einzigen Gesundheits&ouml;konomen, der dem Neubau der Spitalszwillinge M&ouml;dling/Baden zustimmend gegen&uuml;berstand. Einhellig wurde f&uuml;r den Fall notwendiger Neuerrichtung die Zusammenlegung dieser beiden Standorte (Luftlinie 10km) gefordert. Im Klartext: Ein erweitertes M&ouml;dling sollte Baden ersetzen. Leider haben sich nicht die Experten, sondern die Lokal- und Landespolitiker durchgesetzt. Ein ausgewogener Zeitungsbericht h&auml;tte auch die Gegenseite zu beleuchten. Der vollzogene Bau von Baden &auml;ndert nichts am Umstand, dass diese Form von Geldverschwendung angesichts der prek&auml;ren Finanzsituation des Landes unverantwortlich ist. Stattdessen werden die &bdquo;Kurier&ldquo;-Leser erstmals mit neuen Werteinheiten f&uuml;r Glanz und Gloria von Spitalsneubauten konfrontiert. Es sind dies die Anzahl der R&auml;ume und das Ausma&szlig; der verbauten Grundfl&auml;che in Quadratmetern. Redakteur Foschum berichtet: &bdquo;Noch herrscht Leere und Stille in den insgesamt 2.325 R&auml;umen.&ldquo; F&uuml;r Umweltbewusste muss der Umstand, dass die drei Pavillons des Geb&auml;udekomplexes insgesamt fast 62.000m2 Grundfl&auml;che bedecken, schmerzhaft sein. Bodenversiegelung in Reinkultur! W&auml;re es nach dem Hausverstand gegangen, dann k&ouml;nnte die jetzt verbaute Fl&auml;che der Kurstadt Baden als zus&auml;tzliche Gr&uuml;nfl&auml;che zur Verf&uuml;gung stehen.</p> <h2>Schuldenkaiser Nieder&ouml;sterreich</h2> <p>Beim Thema &bdquo;Verschuldung des Landes&ldquo; hingegen geben sich die Krankenhaus-Betonierer eher verschlossen. Eigentlich ungew&ouml;hnlich, denn auch f&uuml;r die 7,9 Mrd. Euro Schulden g&auml;be es einen Spitzenplatz, der im Kreise von Journalisten gefeiert werden k&ouml;nnte. In absoluten Zahlen gerechnet ist das blaugelbe Bundesland unter den Schuldenmachern &Ouml;sterreichs die Nummer eins. Besonders erheiternd ist daher der Umstand, dass Politiker der Wiener &Ouml;VP permanent das finanzielle Desaster der rotgr&uuml;n regierten Bundeshauptstadt (Schuldenstand aktuell: 6,2 Mrd.) ins Visier nehmen. Wien (1,8 Mio. Einwohner) und Nieder&ouml;sterreich (1,7 Mio. Einwohner) sind die Einwohnerzahl betreffend fast gleich. Das unbeirrbare Bestreben der nieder&ouml;sterreichischen Landespolitiker, alle 27 Klinikstandorte entweder neu zu errichten oder gro&szlig;z&uuml;gig auszubauen, hat das Bundesland mit dem ehemals geordneten Budget zu einem finanziellen &bdquo;K&auml;rnten Nord&ldquo; werden lassen.</p> <h2>Patienten werden zu Pendlern</h2> <p>W&auml;hrend die Pforten des neuen Spitals in Baden bereits offen stehen, dauert es mit der Fertigstellung des Zwillingshauses in M&ouml;dling noch ein Jahr. Bisher war den Lokal- und Landespolitikern nur wichtig, die Arbeitspl&auml;tze in der eigenen Kommune gesichert zu sehen. Doch sch&ouml;n langsam d&auml;mmert es jedem Einwohner der Region, dass mit dem Begriff &bdquo;Landesklinikum Baden-M&ouml;dling&ldquo; auch Schattenseiten verbunden sind. W&auml;hrend der Weg von Krankenhaus-Bediensteten zu ihrer Arbeitsst&auml;tte unver&auml;ndert bleibt, werden die Patienten zu Pendlern. Je nach Erkrankungsform hei&szlig;t es, von M&ouml;dling nach Baden oder umgekehrt zu fahren. Die Kompetenz- und Schwerpunktverteilung macht dies notwendig. In der Bev&ouml;lkerung rumort es bereits. Herausgenommen sei wahllos nur ein Beispiel: Unfallchirurgie. Auf keine Stadt &Ouml;sterreichs trifft der Begriff &bdquo;Schulstadt&ldquo; besser zu als auf M&ouml;dling. Die Bezirkshauptstadt des gleichnamigen Bezirkes weist bei 20.800 Einwohnern insgesamt 15 Schulen auf. Die H&ouml;here Technische Bundeslehr- und Versuchsanstalt (HTL) M&ouml;dling ist mit ihren 3.500 Sch&uuml;lern die gr&ouml;&szlig;te Schule &Ouml;sterreichs. Bei einer derartigen Konzentration an Jugendlichen stehen Verletzungen an der Tagesordnung. Verst&auml;ndlicherweise waren die Lehrer in M&ouml;dling von der Meldung beunruhigt, der Schwerpunkt Unfallchirurgie werde nach Baden verlegt. Die Begleitung eines verletzten Z&ouml;glings in die Kurstadt und wieder zur&uuml;ck nach M&ouml;dling verursacht eine weit l&auml;ngere Schulabwesenheit der begleitenden Lehrperson als bisher. Schnell kam &uuml;ber Medien die Beruhigung der Krankenhausleitung: Die Schulstadt behalte auch zuk&uuml;nftig die Kinder-Unfallchirurgie.</p> <h2>Patientensteuerung als Schildb&uuml;rgerstreich</h2> <p>Damit wird den B&uuml;hnenst&uuml;ckautoren des Stadttheaters M&ouml;dling Satirestoff f&uuml;r mehrere Saisonen geliefert. So oft kommt es in einer Bezirksstadt nicht vor, dass unter anderem das Alter des Verletzten dar&uuml;ber entscheidet, welches von zwei Krankenh&auml;usern f&uuml;r ihn zust&auml;ndig ist. Aber es geht noch komplizierter. Spannend wird es f&uuml;r alle Hobbyhandwerker M&ouml;dlings, die dem jugendlichen Alter entwachsen sind und aufgrund ihrer geringen Routine permanenter Verletzungsgefahr ausgesetzt sind. K&ouml;nnen sie sich bei Verwundung mit eigener Kraft ins hypermoderne und neu errichtete Haus der Stadt retten, so ersparen sie sich den Weg nach Baden. Sie werden dort trotz ihres &bdquo;hohen Alters&ldquo; angenommen. Gnadenhalber! Ganz anders, wenn sie die Rettung rufen. In diesem Fall geht es in die Kurstadt. S&auml;mtliche Rettungsorganisationen bekamen die Anweisung, Frischverletzte dorthin zu bringen. Die Patienten aus M&ouml;dling wird es sicher interessieren, ob sie zuk&uuml;nftig nach Erstversorgung in Baden das Spital im eigenen Ort f&uuml;r die Nachbehandlungen in Anspruch nehmen k&ouml;nnen. Bei Redaktionsschluss konnte diese Frage weder von den Mitarbeitern des Sekretariats der Unfallabteilung in Baden noch von denen in M&ouml;dling beantwortet werden.</p> <h2>Vier Neubauten auf einer Luftlinie von 50 Kilometern</h2> <p>Die erw&auml;hnten Spitalszwillinge sind kein Einzelfall, auch f&uuml;r die St&auml;dte Wiener Neustadt und Neunkirchen leistet sich das Land Nieder&ouml;sterreich zwei getrennte Krankenhausneubauten. Ganz so, als sei die Finanzsituation des Bundeslandes rosig. Derzeit betr&auml;gt der Abstand dieser Spit&auml;ler 16km. Auch hier w&auml;re es gesundheitspolitisch sinnvoll gewesen, beide Spit&auml;ler auf einen Neubau in Wiener Neustadt zu reduzieren. Diese Beispiele lassen gut erkennen, dass Gemeinde- und Landespolitiker bei gesundheitspolitischen Entscheidungen dieser Art weit &uuml;berfordert sind. Es geht ihnen nicht um die beste medizinische Versorgung, sondern nur um das Halten von Arbeitspl&auml;tzen in der eigenen Kommune. Das Industrieviertel s&uuml;dlich von Wien liefert eine Sondernummer an Geldvernichtung. In keinem anderen Teil &Ouml;sterreichs werden auf einer Luftlinie von 50 Kilometern vier neue Spitalsbauten aus dem Boden gestampft. Proteste von Gesundheits&ouml;konomen und der &Auml;rzteschaft blieben ohne Wirkung. Auch der Autor dieser Zeilen hat in diversen Gremien gegen diese gesundheitspolitische Geisterfahrt beherzt angek&auml;mpft. Vergeblich!</p></p>
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