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Spitalslastigkeit und Zweiklassenmedizin

Sachbücher folgen ÖHV-Themen

<p class="article-intro">Seit März dieses Jahres bereichern zwei Neuerscheinungen die Palette der gesundheitspolitischen Sachbücher.</p> <hr /> <p class="article-content"><p>Den Anfang macht der fr&uuml;here Rektor der MedUni Wien, Prof. Dr. Wolfgang Sch&uuml;tz. Eintritt nur nach Aufruf ist als Taschenbuch im Manz Verlag erschienen. Der Pharmakologe listet darin die Gr&uuml;nde f&uuml;r den kommenden &Auml;rztemangel auf: elf &Uuml;bel &ndash; elf Fakten. Das neue Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz (KA-AZG) erachtet der Autor als Haupt&uuml;bel. Die Verk&uuml;rzung der Arbeitszeit f&uuml;r Spitals&auml;rzte auf 48 Stunden bringe die Krankenhaustr&auml;ger an den Rand der Unfinanzierbarkeit. Den &Auml;rztevertretern sei eine noch nie da gewesene Gehaltserh&ouml;hung f&uuml;r die Spitalskollegen gelungen. Teilweise, so der Ex-Rektor, erg&auml;ben sich Erh&ouml;hungen der Grundgeh&auml;lter um 40 % . &Uuml;ber viele Passagen hinweg erfasste mich der Eindruck, Sch&uuml;tz sei heimlicher Zuh&ouml;rer bei den regelm&auml;&szlig;igen &Ouml;HV-Podiumsdiskussionen im ORF KulturCafe gewesen, um, zu Hause angekommen, die Themen des Haus&auml;rzteverbandes durch die Brille eines penibel recherchierenden Wissenschaftlers mit exaktem Zahlenmaterial zu belegen. Er thematisiert die k&uuml;nstliche Aufbl&auml;hung der heimischen Spit&auml;ler, die Flucht der Medizinabsolventen ins Ausland und die &Uuml;berproduktion von Fach&auml;rzten. Auch das Reizthema &bdquo;Zwangsjacke Kassenvertrag&ldquo; findet im Buch, wenn auch nur indirekt, seinen Niederschlag. Die Wandlung vieler Kollegen von Kassen- zu Wahl&auml;rzten war bis vor einem Jahr noch ein Tabuthema. Jetzt ist es f&uuml;r jeden Medizinjournalisten und Fachautor geradezu ein Muss, das Thema aufzugreifen. Sch&uuml;tz listet akribisch genau seine Quellen auf, schlussendlich sind es knapp 300 an der Zahl. Beim Thema Haus&auml;rztemangel f&auml;llt dem Pharmakologen leider nur der allseits bekannte Ruf nach Prim&auml;rversorgungszentren ein. Sie sollten, wie von Sch&uuml;tz in einem Zeitungsinterview gefordert, &ouml;sterreichweit und patientennah etabliert werden. Eine Leier, die Kassen-Allgemeinmedizinern, die tagt&auml;glich in ihren Einzelpraxen H&ouml;chstleistungen erbringen, schon zum Hals heraush&auml;ngen mag. Selbst ernannte Experten und Gesundheitsreformer haben mit der PHC-Verherrlichung begonnen. Die Zahl derer, welche die angeblichen Vorteile dieser Zentren in den Himmel heben, wird immer gr&ouml;&szlig;er. Dass das Schriftwerk des Ex-Rektors das Zeug zum Bestseller hat, m&ouml;chte ich eher bezweifeln. F&uuml;r Laien ist der Text schwer verdaulich, auch wenn aus heutiger Sicht fast allen Sch&uuml;tz-Schlussfolgerungen zugestimmt werden muss. Sehr nahe am Patienten sehe ich die zweite Neuerscheinung: Kampf der Klassenmedizin, Untertitel: Warum wir ein gerechtes Gesundheitssystem brauchen, von Dr. Gernot Rainer. Der durch seinen spektakul&auml;ren Rausschmiss aus dem Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) allseits bekannte Kollege hat den-Verlag Brandst&auml;tter gew&auml;hlt, um sein Schriftwerk unter die Leute zu bringen. Das Buch kommt ohne Grafiken, Tabellen und Statistiken aus. Es ist eine Aufkl&auml;rung f&uuml;r Patienten, die sich vom Umbruch des Systems betroffen sehen, und solche, die es noch werden. Hat man einmal mit der Lekt&uuml;re der Ausf&uuml;hrungen begonnen, gibt es kein Halten mehr, bis das Buch zu Ende gelesen ist. &Uuml;ber weite Passagen &uuml;berkam mich das Gef&uuml;hl, der Ex-Pr&auml;sident des &Ouml;sterreichischen Haus&auml;rzteverbandes (&Ouml;HV), Dr. Christian Euler, habe auf die Buch-Linie Einfluss genommen. Viele Jahre hindurch hat Euler beherzt gegen die Entsolidarisierung unserer Krankenversorgung angek&auml;mpft. Vergeblich! Beim Buch von Gernot Rainer schwingt das Herz eines engagierten Arztes mit, der um das Wohl seiner Patienten bem&uuml;ht ist. Es tut nichts zur Sache, dass ich einzelne seiner Aussagen nicht teilen kann. Das brachte ich auch in meinem Statement anl&auml;sslich der Buchpr&auml;sentation zum Ausdruck: Rainer ist f&uuml;r mich wie ein katholischer Pfarrer, der &uuml;ber die H&ouml;hen und Tiefen des Ehelebens referiert. (Raunen im Publikum). Wie ein Ferrari-Fahrer, der f&uuml;r Geschwindigkeitsbeschr&auml;nkungen eintritt. Dr. Rainer steht im Ranking der niedergelassenen Lungenfach&auml;rzte ganz oben. Sein Auftreten gegen gesundheitspolitische Missst&auml;nde in diversen Medien hat ihm in bildungsnahen Schichten gro&szlig;e Anerkennung verschafft. So konnte er den Patientenstock in seiner Wahlarztordination ausbauen. Obdachlose oder sozial Unterprivilegierte werden im Warteraum Rainers eher die Minderheit darstellen. Ein Wahlarzt mit durchschnittlich 15 Patienten pro Tag spricht &uuml;ber die Notwendigkeit der Zuwendungsmedizin, &uuml;ber ausf&uuml;hrliche Therapiegespr&auml;che und so weiter. Es darf nicht wundern, dass in der Diskussion nach der Buchvorstellung ein Vertragsarzt der Kinderheilkunde die Niederungen der Kassenmedizin zum Ausdruck gebracht hat. Meine Ansicht ist bekannt: Die Zweiklassenmedizin ist l&auml;ngst Tatsache und leider unumkehrbar. Rainers Aufruf, gegen diese Form der Entsolidarisierung anzuk&auml;mpfen, kommt zu sp&auml;t. Bei &uuml;ber 10 000 Wahl&auml;rzten gegen&uuml;ber 7000 Kassenkollegen scheint die Sache gelaufen zu sein. Ich halte Rainers Buch f&uuml;r eine Pflichtlekt&uuml;re f&uuml;r &Auml;rzte und Patienten. Souver&auml;n formuliert von der ersten bis zur letzten Zeile. Speziell den Jungkollegen, die sich um einen Kassenvertrag bem&uuml;hen, m&ouml;chte ich diese Ausf&uuml;hrungen ans Herz legen.</p></p>
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