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Studie erhebt Therapieangebote für Adipositas in Österreich
<p class="article-intro">Das vorsorgemedizinische Institut SIPCAN führte eine wissenschaftliche Erhebung der Angebote zur Adipositastherapie in Österreich durch. Zu sehen ist eine Entwicklung hin zur Privatmedizin. Die Österreichische Adipositas Gesellschaft (ÖAG) fordert anlässlich ihrer Jahrestagung, dass keine Betroffenen auf der Strecke bleiben dürfen. Neue, kostenlose Broschüren bieten Betroffenen und Angehörigen einen aktuellen Überblick über regionale Therapieangebote und erleichtern die Suche nach geeigneten Einrichtungen.</p>
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<p class="article-content"><p>In Österreich ist jede dritte Frau und jeder zweite Mann übergewichtig – jede zehnte Frau und jeder siebente Mann sogar adipös, also krankhaft übergewichtig. Besonders bedenklich ist der beträchtliche Anstieg von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Aufgrund der zunehmenden Verbreitung und ihrer Relevanz für zahlreiche Folgeerkrankungen muss die Bekämpfung von Adipositas ein vorrangiges Ziel der Gesundheitspolitik sein“, betont Prim. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Hoppichler. Der Internist ist Präsident der Österreichischen Adipositas Gesellschaft (ÖAG), Vorstand des vorsorgemedizinischen Instituts SIPCAN sowie ärztlicher Direktor des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Salzburg.</p> <h2>Das Problem: die individuell geeignete Therapieeinrichtung</h2> <p>Hoppichler weist auf eine besondere Problematik hin: „Die Suche nach einer Therapieeinrichtung stellt Betroffene oft vor Probleme. Wer sich in Österreich nach einer passenden Behandlungsmöglichkeit für Adipositas umschaut, wird schnell feststellen, dass die Angebote in ihrer Struktur und Finanzierung sehr unterschiedlich und nur schwer zu überschauen sind. Das erhöht die Zugangsschwelle und schwächt die Motivation, eine Therapie zu beginnen.“ Um für alle Hilfesuchenden mehr Transparenz zu schaffen und die Qualität der Angebote zu ergründen, analysiert SIPCAN regelmäßig das Adipositastherapieangebot in Österreich. Aufbauend auf der zuletzt im Jahr 2015 durchgeführten Erhebung wurden 2018 die Behandlungsangebote neuerlich durchleuchtet. Diese Erhebung wurde von der ÖAG unterstützt.<br /> Insgesamt konnten 202 Institutionen in ganz Österreich mittels Online-Befragung zu quantitativen Eckpunkten und qualitativen Aspekten befragt werden. Wer ein Therapieangebot in Anspruch nehmen möchte, findet auf www.sipcan. at zwei kostenlose Broschüren mit einer Übersicht zu den aktuellen Therapieangeboten in ganz Österreich. Eine Broschüre informiert speziell über die Adipositas- Therapieangebote für Kinder und Jugendliche, die andere über entsprechende Angebote für Erwachsene.</p> <h2>Mehr Therapieplätze, aber private Medizin auf dem Vormarsch</h2> <p>Die SIPCAN-Untersuchung zeigt, dass das Angebot an Adipositas-Therapieplätzen im Steigen begriffen ist. Dies spiegelt sich auch darin, dass ein Drittel (32,3 % ) aller Einrichtungen erst innerhalb der letzten fünf Jahre begonnen hat, Therapien bei Adipositas anzubieten. 31 % aller Einrichtungen bieten Therapien für Kinder, 56,9 % für Jugendliche und 82,4 % für Erwachsene an. Angebote zur Adipositastherapie sind in Österreich am häufigsten in privaten Praxen (42,9 % ) zu finden, gefolgt von ambulanten Angeboten in Kliniken (25,9 % ) und bei niedergelassenen Diätologen (24,9 % ). Angebote von Gemeinden (6,8 % ), Reha-Zentren (4,4 % ) oder Kuranstalten (3,9 % ) spielen nur eine untergeordnete Rolle.<br /> Bei der Finanzierung konnte eine Tendenz zu einer steigenden privaten Kostenübernahme beobachtet werden. 71,7 % der befragten Institutionen gaben an, dass die Patienten zumindest einen Teil der Therapiekosten privat zahlen. Eine gänzliche Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen wurde von 39,1 % der Einrichtungen genannt. Beide Werte liegen dabei klar über (private Kostenübernahme) beziehungsweise unter (Kostenübernahme durch Krankenkassen) den Ergebnissen der vergangenen Jahre.</p> <h2>Übergewicht und Adipositas sozial ungleich verteilt</h2> <p>Aus verschiedenen Studien ist bekannt, dass die Verbreitung von Adipositas stark mit sozioökonomischen Faktoren korreliert. In Ländern mit westlichem Lebensstil sind Männer, Frauen und Kinder aus den niedrigen Bildungs-, Berufsstatusund Einkommensgruppen weitaus häufiger adipös als diejenigen aus den sozial bessergestellten Gruppen. „Vor dem Hintergrund, dass ein niedriger Sozialstatus mit einem erhöhten Adipositasrisiko einhergeht, ist der Anstieg von privat finanzierten Behandlungsangeboten mit Sorge zu beobachten“, warnt Hoppichler. „Der ÖAG ist wichtig, dass niemand auf der Strecke bleibt und jeder unabhängig von seinem Einkommen ein therapeutisches Angebot finden kann, das zu seiner persönlichen Problemstellung passt.“<br /> Hoppichler führt aus: „Es ist relevant, dass allen Betroffenen individuell geeignete und leistbare Therapieangebote offenstehen. Die möglichen Folgen von Übergewicht und Adipositas müssen dabei bedacht werden. Begleiterkrankungen wie z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, Gelenksbeschwerden oder Depressionen stellen mit ihren hohen Kosten eine weit größere Belastung für das Gesundheitswesen dar. Wer also seine Adipositas behandeln lässt und behandeln lassen kann, hilft auch dem System zu sparen.“</p> <h2>Individuelle Therapie mit breitem Spektrum</h2> <p>Ein Ergebnis der Studie von SIPCAN ist, dass vor allem die Einzeltherapie (an 89,5 % der Einrichtungen) im Trend liegt. Gleichzeitig wird die klassische Gruppentherapie nur mehr an 45 % der Einrichtungen angeboten. Auch hinsichtlich der Flexibilität richten sich immer mehr Einrichtungen nach den Kundenwünschen. So ist es aktuell an 89 % der Einrichtungen möglich, jederzeit in das Therapieprogramm einzusteigen.<br /> Die Untersuchung zeigte auch, dass die Ernährungstherapie nach wie vor die Hauptrolle in der Adipositastherapie spielt. 73,7 % der untersuchten Institutionen bieten diese derzeit an. „Es ist bedenklich, dass neben der Ernährungstherapie die Bewegungstherapie nur in 30,7 % aller befragten Einrichtungen und die Verhaltenstherapie nur in 31,2 % angeboten wird“, erklärt Hoppichler. Dies spiegelt sich auch in der unterrepräsentierten Beteiligung von Psychologen (47,8 % ) und Psychotherapeuten (20 % ) wider. „Dennoch ist es erfreulich, dass bereits an 74,6 % der Institutionen interdisziplinär gearbeitet wird und an 44,4 % der teilnehmenden Einrichtungen auch zusätzlich Präventionsmaßnahmen angeboten werden“, so Hoppichler weiter.</p> <h2>Evidenzbasierte Therapie als Qualitätskriterium</h2> <p>Die Tatsache, dass nur zwei von drei Therapieeinrichtungen (68,8 % ) nach evidenzbasierten Leitlinien arbeiten, sollte nachdenklich stimmen. Bei genauer Nachfrage wurde die S3-Leitlinie (Evidenzbasierte Leitlinie Prävention und Therapie der Adipositas) mit 84,8 % am häufigsten genannt. „Die Arbeit nach evidenzbasierten Vorgaben ist für eine bestmögliche Behandlung unumgänglich. Diese stehen für die Qualität der Behandlung. Jeder Hilfesuchende sollte als Erstes danach fragen, ob nach evidenzbasierten Leitlinien gearbeitet wird, um nicht irgendeinen Therapieversuch angeboten zu bekommen“, betont Hoppichler.</p></p>
<p class="article-quelle">Quelle: Presseaussendung SIPCAN und Österreichische Adipositas
Gesellschaft, 17. Oktober 2018
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