Highlights vom ADA-Kongress 2026
Bericht:
Dipl.-Ing. Dr. Manuel Spalt-Zoidl
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Der diesjährige Kongress der American Diabetes Association (ADA) fand vom 5.–8. Juni in New Orleans statt. Führende internationale Expert:innen der Endokrinologie versammelten sich, um die neuesten Erkenntnisse zu pharmakologischen Behandlungen und technischen Lösungen für Menschen mit Diabetes mellitus zu diskutieren.
Keypoints
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Das Kombinationspräparat aus dem modifizierten Amylinanalogon Cagrilintid und Semaglutid (CagriSema) zeigte im REIMAGINE-Studienprogramm signifikante Reduktionen des HbA1c-Werts im Vergleich zu Placebo und den jeweiligen Einzelkomponenten.
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Die korrekte Diagnose, eine individualisierte glykämische Kontrolle und die Vermeidung von Hypoglykämien haben für Senior:innen mit Typ-1-Diabetes, insbesondere in Pflegeeinrichtungen, Priorität. Das praxisnahe 4S-Modell nach Munshi et al. kann hier eine wertvolle Unterstützung für Kliniker:innen bieten.
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Der Einsatz von kontinuierlicher Glukosemessung (CGM) und Hybrid-Closed-Loop-Systemen (HCL-Systemen) senkt das Risiko für schwerwiegende Hypoglykämien bei älteren Menschen deutlich.
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KI-gestützte Fully-Closed-Loop-Systeme (FCL wie AIDANET) zeigten in einer Cross-over-Studie signifikante Verbesserungen der glykämischen Kontrolle gegenüber hybriden Systemen und haben das Potenzial, Letztere in der Typ-1-Diabetes-Versorgung abzulösen.
Pankreatische β-Zellen sezernieren neben Insulin auch Amylin, eröffnete Prof. Dr. Timothy Garvey, University of Alabama at Birmingham, Alabama, seinen Vortrag. Die Bindung des Peptidhormons an Calcitonin-Rezeptoren im zentralen Nervensystem löst Effekte aus, die denen des Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1) ähneln, jedoch teilweise komplementär sind. Dazu zählen insbesondere die Auslösung des Sättigungsgefühls sowie eine verzögerte Magenentleerung.1
Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes kommt es allerdings vermehrt zu pathologischen Faltungen und Ablagerungen des Amylin-Peptids in den Langerhans-Inseln. Das Ausmaß der entstehenden Plaques korreliert mit einer Abnahme der β-Zell-Sekretion und trägt möglicherweise zu einer reduzierten glykämischen Kontrolle und Adipositas bei.2
Wirkung von CagriSema auf die glykämische Kontrolle
Die komplementären Effekte von Amylin und GLP-1 legen den Verdacht auf einen additiven Effekt auf die glykämische Kontrolle nahe, so Garvey. Aus diesem Grund wurde das Arzneimittel CagriSema, ein Kombinationspräparat aus synthetisch modifiziertem Amylin (Cagrilintid) und dem GLP-1-Rezeptor-Agonisten Semaglutid im Verhältnis 1:1, entwickelt und im Studienprogramm REIMAGINE beurteilt.3,4
REIMAGINE 1 umfasste 189 Erwachsene mit Typ-2-Diabetes (HbA1c zwischen 7,0 und 9,5%) und einem Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 23kg/m2. Im Gegensatz zu ähnlichen Studienprogrammen wies die Population eine mediane Diabetesdauer von nur 1,4 Jahren auf, präsentierte Dr. Vanita Aroda, Harvard Medical School, Boston. Die Teilnehmenden wurden randomisiert und erhielten CagriSema 2,4mg (n=62), 1,0mg (n=63) oder Placebo (n=64). Der primäre Endpunkt war die prozentuale Veränderung des HbA1c-Werts gegenüber dem Ausgangswert in Woche 40. Zudem nahmen die Patient:innen nach der pharmakologischen Behandlung an einer 12-wöchigen Nachbeobachtungsphase teil.4
CagriSema 2,4mg und 1,0mg waren Placebo hinsichtlich der durchschnittlichen Veränderung des HbA1c-Werts gegenüber Baseline mit einem Unterschied von –1,36% (95% CI: –1,71 bis –1,01; p< 0,0001) beziehungsweise –1,10% (95% CI: –1,49 bis –0,72; p<0,0001) statistisch signifikant überlegen. Patient:innen unter Verum konnten außerdem signifikant häufiger Normoglykämie (HbA1c <5,7%) im Vergleich zu Placebo verzeichnen (43,2% vs. 25,5% vs. 2,9%; p<0,0001). Erfreulich ist, so Aroda, dass die 12-wöchige Nachbeobachtungsphase Hinweise auf eine potenzielle Krankheitsremission gemäß den ADA-Konsensus-Kriterien lieferte.5 53% beziehungsweise 42% der jeweiligen CagriSema-Arme behielten ohne pharmakologische Intervention einen HbA1c-Wert von unter 6,5% bei.4
Wirksamkeit der Kombinationstherapie gegenüber den Einzelkomponenten
Dr. Akshay Jain, University of British Columbia, Vancouver, präsentierte anschließend die multizentrische, randomisierte Phase-III-Studie REIMAGINE 2. Diese verglich die Wirksamkeit und Sicherheit von CagriSema mit seinen jeweiligen Einzelkomponenten bei Personen mit Typ-2-Diabetes. Alle Teilnehmenden erhielten eine stabile Hintergrundtherapie mit Metformin. Die insgesamt 2713 Erwachsenen hatten einen durchschnittlichen BMI von 35,1kg/m2, HbA1c-Werte von 8,2% und seit 8,5 Jahren Diabetes. Etwa 40% erhielten zudem einen SGLT2-Inhibitor.6
Die Patient:innen wurden randomisiert, um über 68 Wochen hinweg CagriSema 2,4 oder 1,0mg (n=603 bzw. 595), Semaglutid 2,4 oder 1,0mg (n=605 bzw. 609), Cagrilintid 2,4mg (n=152) oder Placebo (n=149) zu erhalten. Hoch dosiertes CagriSema war mit einer durchschnittlichen Veränderung des HbA1c-Werts um –1,91% gegenüber Baseline assoziiert und damit seinen Einzelkomponenten Semaglutid und Cagrilintid in allen Dosierungen signifikant überlegen (Abb. 1).6
Abb.1: Prozentuale Veränderung des HbA1c gegenüber dem Ausgangswert in der Gesamtpopulation unter CagriSema, seinen Einzelkomponenten und Placebo (modifiziert nach Buse JB et al.)6, ** p<0,01; *** p<0,0001
Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten über alle Behandlungsgruppen hinweg mit ähnlicher Häufigkeit auf. Etwa 9% der CagriSema-2,4-mg- und 4% der -1,0-mg-Gruppe brachen die Studie aufgrund unerwünschter Ereignisse ab, während dies bei 7% der Semaglutid-2,4-mg-Gruppe der Fall war. Insgesamt zeigte CagriSema ein Verträglichkeitsprofil, welches dem von Semaglutid in vergleichbarer Dosierung entsprach, schloss Jain.6
Herausforderungen bei älteren Menschen mit Typ-1-Diabetes
Die Inzidenz von Typ-1-Diabetes ist einem dramatischen Anstieg unterworfen, erläuterte Dr. Richard Pratley, Johns Hopkins School of Medicine, Baltimore Schätzungen zufolge wird sich die Zahl der Patient:innen über 70 Jahre bis zum Jahr 2040 verdoppeln.7 Die Diagnose und Behandlung dieser Bevölkerungsgruppe stellt Kliniker:innen vor besondere Herausforderungen. Oft werden auftretende Symptome fälschlicherweise Typ-2-Diabetes zugeordnet. Zudem weisen ältere Betroffene häufiger GAD65-Positivität und messbares C-Peptid auf als Kinder mit Typ-1-Diabetes, was ebenfalls zu jahrelangen Fehldiagnosen beiträgt.8
Besonders im Rahmen der Langzeitpflege potenzieren sich diese Herausforderungen, bestätigte Prof.Dr.Naushira Pandya, Nova Southeastern University. Tatsächlich wird vor allem in Pflegeheimen das Vorliegen der Erkrankung häufig nicht erkannt. In einer selbst durchgeführten Umfrage konnte die Expertin zeigen, dass 22% der amerikanischen Pflegefachkräfte den Unterschied zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes nicht und 72% nur teilweise erkennen. Dies kann mit verheerenden Folgen für Betroffene einhergehen. Beispielsweise werden bei reduzierter Nahrungsaufnahme Basalinsuline vorschnell abgesetzt. Unerkannte diabetische Ketoazidosen, die fälschlicherweise als Sepsis interpretiert werden, sind die Folge. Außerdem stellen Diskrepanzen zwischen verordneten Therapieschemata und den Ressourcen der Pflegeeinrichtung sowie Dosierungsfehler der Insulintherapie ein gravierendes Sicherheitsrisiko dar, betonte Pandya. Die Festlegung individueller glykämischer Ziele sowie die Vermeidung schwerwiegender Hypoglykämien haben für ältere Menschen mit Typ-1-Diabetes oberste Priorität, waren sich die Expert:innen einig. Als praxisnaher Leitfaden für die Optimierung der Typ-1-Diabetes-Behandlung kann das sogenannte 4S-System von Munshi et al. herangezogen werden (Tab. 1).9
Tab. 1: Das praxisnahe 4S-Modell für die Optimierung der Typ-1-Diabetes-Therapie bei älteren Menschen9
Kontinuierliche Glukosemesssysteme und automatische Insulindosierung
Heute können, so Pratley, kontinuierliche Glukosemesssysteme („continuous glucose monitoring“, CGM) und die automatische Insulindosierung („automated insulin delivery“, AID) eine wertvolle Unterstützung bei der Vereinfachung der glykämischen Kontrolle und der Verhinderung von Hypoglykämien bieten.
So wurden im Rahmen der WISDOM-Studie 203 Menschen mit Typ-1-Diabetes über 60 Jahre in einem 1:1-Verhältnis randomisiert, um ihre Glukosespiegel mittels CGM oder anhand der klassischen Blutzuckermessung über eine Kapillare („blood glucose monitoring“, BGM) zu überwachen. Nach sechs Monaten war die Anwendung von CGM mit statistisch signifikanten Verbesserungen der Zeit, in der die Glukosespiegel <70mg/dl betrugen, im Vergleich zu BGM assoziiert (Unterschied: –1,9% [95% CI: –2,8 bis –1,1; p<0,001]). Besonders beeindruckend ist, so Pratley, dass im BGM-Arm 10 schwerwiegende Hypoglykämien auftraten, während dies unter CGM nur einmal der Fall war.10 Ergänzend zeigte die AIDE-Verlängerungsstudie bei 65 Senior:innen, dass eine automatische Insulinabgabe durch Hybrid-Closed-Loop-Systeme (HCL-Systeme) über drei Monate hinweg nicht zu einer erhöhten Hypoglykämierate führte.11
KI-Unterstützung bei vollautomatisierten Systemen
Trotz automatisierter Insulindosierung erfordern HCL-Systeme eine manuelle Intervention, um Glukoseentgleisungen nach Mahlzeiten oder körperlicher Aktivität auszugleichen. Vollständig automatisierte Systeme („fully closed loop“; FCL-Systeme) versuchen, dies zu umgehen. Ziel sei, die glykämische Kontrolle ohne manuelle Interaktionen, bei gleich bleibendem Hypoglykämierisiko, zu erhalten, so Dr. Boris Kovatchev, University of Virginia.12
Das Hauptproblem stellt hierbei die resorptionsbedingte Verzögerung der subkutanen Insulinwirkung von etwa 45 Minuten dar, welche bei einer späten Injektion durch FCL-Systeme zu ausgeprägten postprandialen Hyperglykämien führt.13 Selbst ultraschnell wirkende Insuline stoßen dabei an ihre Grenzen, betonte der Vortragende.
Dank enormer Datenmengen von Millionen Diabetiker:innen können neuronale Netzwerke heute die täglichen Glukoseverläufe umfassend abbilden. Daraus entstehen KI-gestützte, adaptive Prädiktionsmodelle, welche eine rechtzeitige Abschätzung des Insulinbedarfs in FCL-Systemen ermöglichen.14
So wurde die Wirksamkeit des KI-gestützten FCL-Systems AIDANET anhand einer multizentrischen randomisierten Cross-over-Studie bei 32 Menschen mit Typ-1-Diabetes ausgewertet. Diese wurden randomisiert und verwendeten jeweils eine Woche lang entweder ihr übliches HCL, gefolgt von AIDANET, oder umgekehrt. AIDANET zeigte gegenüber dem HCL eine signifikante Verbesserung der durchschnittlichen Glukosespiegel gegenüber Baseline (p=0,0058). Zudem konnten Menschen mit einem Ausgangs-HbA1c von mehr als 8% durch das FCL-System eine signifikant längere Time in Range (70–180mg/dl) gegenüber der Kontrollgruppe verzeichnen (61,9% vs. 48,7%; p<0,01), schloss Kovatchev.14
Quelle:
Kongress der American Diabetes Association, 5.–8. Juni 2026; New Orleans, USA
Literatur:
1 Secher A et al.: The story of amylin: from physiology to therapy. Nat Metab 2026; 8(2): 299-312 2 Jurgens CA et al.: β-Cell loss and β-cell apoptosis in human type 2 diabetes are related to islet amyloid deposition. Am J Pathol 2011; 178(6): 2632-40 3 Kruse T et al.: Development of cagrilintide, a long-acting amylin analogue. J Med Chem 2021; 64(15): 11183-94 4 Aroda VR et al.: Efficacy and safety of once-weekly cagrilintide-semaglutide (CagriSema) in adults with type 2 diabetes inadequately controlled on diet and exercise (REIMAGINE 1): a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3a study. Lancet Diabetes Endocrinol 2026; 14(8): 649-61 5 Riddle MC et al.: Consensus report: definition and interpretation of remission in type 2 diabetes. Diabetes Care 2021; 44(10): 2438-44 6 Buse JB et al.: Cagrilintide-semaglutide (CagriSema) versus semaglutide or cagrilintide in people with type 2 diabetes (REIMAGINE 2): a double-blind, randomised, controlled, phase 3 study. Lancet Diabetes Endocrinol 2026; 14(8): 662-77 7 Gregory GA et al.: Global incidence, prevalence, and mortality of type 1 diabetes in 2021 with projection to 2040: a modelling study. Lancet Diabetes Endocrinol 2022; 10(10): 741-60 8 Cousminer DL et al.: First genome-wide association study of latent autoimmune diabetes in adults reveals novel insights linking immune and metabolic diabetes. Diabetes Care 2018; 41(11): 2396-403 9 Munshi M et al.: Realigning diabetes regimens in older adults: a 4S pathway to guide simplification and deprescribing strategies. Lancet Diabetes Endocrinol 2025; 13(5): 427-37 10 Pratley RE et al.: Effect of continuous glucose monitoring on hypoglycemia in older adults with type 1 diabetes: a randomized clinical trial. JAMA 2020; 323(23): 2397-406 11 Kudva YC et al.: Automated insulin delivery in elderly with type 1 diabetes: a prespecified analysis of the extension phase. Diabetes Technol Ther 2025; 27(7): 572-5 12 Kowalski AJ: Can we really close the loop and how soon? Accelerating the availability of an artificial pancreas: a roadmap to better diabetes outcomes. Diabetes Technol Ther 2009; 11(1_suppl): S11-9 13 Cobry E et al.: Timing of meal insulin boluses to achieve optimal postprandial glycemic control in patients with type 1 diabetes. Diabetes Technol Ther 2010; 12(3): 173-7 14 Moscoso-Vasquez M et al.: Safety and feasibility of a fully automated insulin delivery system: FCL@Home, a multicenter randomized clinical trial in individuals with type 1 diabetes. Diabetes Care 2026; 49(3): 401-9
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