Diabetes trifft Schilddrüse: Ernährung als Schlüssel im Stoffwechsel-Duo
Autorin:
Jasmin Klammer-Martin, BSc
Ernährungswissenschaftlerin, Diätologin & Personaltrainerin
Enns
E-Mail: office@klammers.at
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Diabetes mellitus und Schilddrüsenerkrankungen treten häufig gemeinsam auf und beeinflussen sich auf mehreren metabolischen Ebenen. Schilddrüsenhormone wirken auf Glukosestoffwechsel, Energieumsatz und Insulinwirkung, während Stoffwechselentgleisungen wiederum Schilddrüsenparameter verändern können. Ernährung nimmt eine wichtige Schnittstellenfunktion ein: Sie unterstützt die glykämische Kontrolle, eine bedarfsgerechte Mikronährstoffversorgung und die zuverlässige Resorption von Schilddrüsenmedikamenten.
Keypoints
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Schilddrüsenfunktionsstörungen können Glukosekontrolle, Insulinbedarf, Körpergewicht und Lipidstoffwechsel beeinflussen.
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Bei unerklärlichen Hypo- oder Hyperglykämien, verändertem Insulinbedarf oder auffälliger Dyslipidämie sollte die Schilddrüse mitgedacht werden.
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Ernährung unterstützt das integrierte Management durch eine entsprechende Kohlenhydratqualität, bedarfsgerechte Energie- und Nährstoffzufuhr sowie korrektes Medikamenten-Timing.
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Mikronährstoffe sollten gezielt überprüft und nicht pauschal supplementiert werden.
Eng verknüpfte endokrine Systeme
Diabetes mellitus und Schilddrüsenerkrankungen werden in der Praxis häufig getrennt betrachtet. Tatsächlich interagieren beide endokrinen Systeme eng miteinander. Je nach Diabetesform, Alter, Geschlecht und untersuchter Population weisen etwa 10–30% der Menschen mit Diabetes zusätzlich eine Schilddrüsenfunktionsstörung oder autoimmune Schilddrüsenerkrankung auf.1–3
Besonders ausgeprägt ist diese Assoziation bei Typ-1-Diabetes, bei dem gemeinsame autoimmune Mechanismen eine zentrale Rolle spielen. Die häufigste begleitende Schilddrüsenerkrankung ist die autoimmune Thyreoiditis. Auch bei Typ-2-Diabetes besteht eine relevante Überschneidung, insbesondere im Zusammenhang mit Alter, Körpergewicht, Insulinresistenz und kardiometabolischem Risiko.1–4
Schilddrüsenhormone beeinflussen unter anderem die hepatische Glukoseproduktion, die intestinale Glukoseaufnahme, die Glukoseverwertung in der Muskulatur, die Lipolyse, die Insulinsekretion und die Insulin-Clearance. Veränderungen der Schilddrüsenfunktion können sich daher direkt auf Blutzuckerverläufe und Insulinbedarf auswirken.4,5
Bei einer Hyperthyreose steigen typischerweise die hepatische Glukoseproduktion, die intestinale Glukoseaufnahme und die Insulin-Clearance. Gleichzeitig können hepatische und periphere Insulinresistenz auftreten. Klinisch kann dies zu höheren Glukosewerten, einer stärkeren glykämischen Variabilität und einem erhöhten Insulinbedarf führen.4,5
Bei einer Hypothyreose können die hepatische Glukoseproduktion und die Insulin-Clearance reduziert sein. Insbesondere bei insulinbehandelten Patient:innen kann dadurch der Insulinbedarf sinken und das Hypoglykämierisiko steigen. Gleichzeitig können Insulinresistenz, Gewichtszunahme und Dyslipidämie auftreten.4,6
Auch schwere Stoffwechselentgleisungen und Begleiterkrankungen können Schilddrüsenparameter verändern. Im Rahmen eines Non-Thyroidal-Illness-Syndroms können insbesondere niedrigere T3-Werte auftreten, ohne dass eine primäre Schilddrüsenerkrankung vorliegt. Laborwerte sollten daher stets im klinischen Kontext interpretiert werden.4,5
Metformin und Schilddrüsenwerte
Metformin kann insbesondere bei Patient:innen mit behandelter Hypothyreose zu niedrigeren TSH-Werten führen, ohne dass sich fT4 typischerweise entsprechend verändert oder klinische Zeichen einer Hyperthyreose auftreten. Eine populationsbasierte Kohortenstudie mit mehr als 70000 Patient:innen zeigte diesen Effekt vor allem bei Personen mit behandelter Hypothyreose.7,8
Ein erniedrigter TSH-Wert unter Metformin sollte daher gemeinsam mit fT4, klinischen Symptomen, Einnahmeroutine und Verlauf beurteilt werden. Zusätzlich ist bei längerfristiger Metformintherapie der Vitamin-B12-Status zu berücksichtigen.9
Ernährung als therapeutische Schnittstelle
Im ernährungstherapeutischen Alltag geht es weder um eine allgemeingültige „Schilddrüsendiät“ noch um eine starre „Diabetesdiät“. Entscheidend ist ein individualisiertes Ernährungsmuster, das Stoffwechselsituation, Begleiterkrankungen, Medikation, Körperzusammensetzung und Lebensrealität berücksichtigt.
Eine blutzuckerfreundliche Ernährung bedeutet nicht automatisch eine strikte Kohlenhydratreduktion. Relevanter sind Kohlenhydratqualität, Ballaststoffgehalt, Portionsgröße, Mahlzeitenzusammensetzung und die individuelle postprandiale Glukoseantwort. Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst und andere möglichst wenig verarbeitete Kohlenhydratquellen sollen Teil einer ausgewogenen Ernährung sein.9,10
Sehr restriktives Ernährungsverhalten kann die Nährstoffversorgung, den Erhalt der fettfreien Masse und die langfristige Adhärenz beeinträchtigen. Eine ausreichende Proteinzufuhr unterstützt Sättigung sowie den Erhalt und Aufbau von Muskelmasse. Ballaststoffreiche Lebensmittel können die postprandiale Glukoseantwort verbessern und zur kardiometabolischen Risikoreduktion beitragen, außerdem sind sie für den Darm besonders wertvoll.9,10
Für eine spezifische „Hashimoto-Diät“ oder den generellen Ausschluss einzelner Lebensmittelgruppen besteht derzeit keine ausreichende Evidenz.
Mikronährstoffe gezielt überprüfen
Für die Schilddrüsenfunktion sind insbesondere Jod, Eisen und Selen relevant. Dabei können sowohl ein Mangel als auch eine übermäßige Zufuhr problematisch sein. Eine Supplementierung sollte deshalb nicht pauschal, sondern auf Basis der Ernährungsanamnese, individueller Risikofaktoren und der Labordiagnostik erfolgen.11,12
Niedrigere Vitamin-D-Spiegel werden bei autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen häufiger beobachtet. Metaanalysen weisen darauf hin, dass eine Vitamin-D-Supplementierung bei Hashimoto-Thyreoiditis TPO- und teilweise Tg-Antikörper reduzieren kann. Ob dies mit klinisch relevanten Verbesserungen einhergeht, ist jedoch nicht ausreichend belegt. VitaminD ist daher keine spezifische Therapie der Hashimoto-Thyreoiditis; ein nachgewiesener Mangel sollte dennoch leitliniengerecht ausgeglichen werden.13,15
Eisenmangel ist aus zwei Gründen relevant: Eine Eisenmangelanämie kann den HbA1c-Wert unabhängig von der tatsächlichen mittleren Glukosekonzentration beeinflussen und zu einer falsch hohen Einschätzung beitragen. Bei Diskrepanzen zwischen HbA1c, CGM-Daten und kapillären Glukosewerten sollten daher Blutbild und Eisenstatus mitbeurteilt werden. Zudem kann Eisenmangel die Aktivität der eisenabhängigen Thyreoperoxidase beeinträchtigen. Müdigkeit und Leistungsminderung können sowohl bei Eisenmangel als auch bei einer Hypothyreose auftreten.12,16,17
Wann sollte die Schilddrüse mitgedacht werden?
Eine Schilddrüsendiagnostik sollte insbesondere erwogen werden, wenn unerklärliche Hypo- oder Hyperglykämien auftreten, sich der Insulinbedarf deutlich verändert, eine unerwartete Gewichtsentwicklung besteht oder eine Dyslipidämie trotz adäquater Therapie auffällt. Auch Symptome wie Müdigkeit, Kälteintoleranz, Obstipation, Tachykardie, Wärmeintoleranz oder Tremor sollten berücksichtigt werden.
Bei Typ-1-Diabetes ist aufgrund der erhöhten Prävalenz autoimmuner Schilddrüsenerkrankungen ein regelmäßiges Screening vorgesehen. Bei Typ-2-Diabetes sollte die Diagnostik symptom- und risikoorientiert erfolgen.3,9
Praxistipp: Levothyroxin richtig einnehmen
Bei instabilen Schilddrüsenwerten sollte nicht nur die Levothyroxindosis, sondern auch die Einnahmeroutine überprüft werden. Levothyroxin sollte möglichst unter konstanten Bedingungen eingenommen werden, üblicherweise nüchtern mit Wasser mindestens 30 Minuten vor dem Frühstück. Alternativ ist eine abendliche Einnahme mit ausreichendem Abstand zur letzten Mahlzeit möglich. (Dies unbedingt mittels Blutbefund kontrollieren lassen.)
Eisen- und Kalziumpräparate sollten in der Regel mit einem Abstand von etwa zwei bis vier Stunden eingenommen werden. Auch Kaffee, Nahrung, Sojaprodukte, sehr ballaststoffreiche Kost, Antazida und Protonenpumpenhemmer können die Bioverfügbarkeit beeinflussen. Instabile Schilddrüsenwerte sind daher nicht immer ein Dosisproblem – manchmal sind sie ein Timing-Problem.18,19
Fazit
Diabetes und Schilddrüsenerkrankungen bilden ein metabolisches Duo, das in der Praxis gemeinsam betrachtet werden sollte. Schilddrüsenfunktionsstörungen können Glukoseverläufe, Insulinbedarf, Körpergewicht und Lipidstoffwechsel beeinflussen. Ernährung unterstützt die glykämische Kontrolle, eine bedarfsgerechte Nährstoffversorgung und die zuverlässige Wirkung von Levothyroxin. Entscheidend ist keine starre Spezialdiät, sondern eine individualisierte, evidenzbasierte und langfristig umsetzbare Ernährungstherapie.
Literatur:
1 Azad ARAJ, Zohara Z: The interplay between thyroid disorders and diabetes and their impact on cardiovascular outcomes: a systematic review. Cureus 2025; 17(10): e93945 2 Frommer L, Kahaly GJ: Autoimmune polyendocrinopathy. J Clin Endocrinol Metab 2019; 104(10): 4769-82 3 Prinz N et al.: Characteristics of patients with type 1 diabetes and additional autoimmune disease in the DPV registry. J Clin Endocrinol Metab 2021; 106(9): e3381-e3389 4 Biondi B et al.: Thyroid dysfunction and diabetes mellitus: two closely associated disorders. Endocr Rev 2019; 40(3): 789-824 5 Eom YS et al.: Links between thyroid disorders and glucose homeostasis. Diabetes Metab J 2022; 46(2): 239-56 6 Elhussein AB et al.: The clinical implications of the interaction between hypothyroidism and diabetes mellitus. Sci Rep 2025; 15(1): 40838 7 Fournier JP et al.: Metformin and low levels of thyroid-stimulating hormone in patients with type 2 diabetes mellitus. CMAJ 2014; 186(15): 1138-45 8 Amirabadizadeh A et al.: The effect of metformin therapy on serum thyrotropin and free thyroxine concentrations in patients with type 2 diabetes: a meta-analysis. Sci Rep 2023; 13(1): 18757 9 American Diabetes Association Professional Practice Committee: Standards of care in diabetes—2026. Diabetes Care 2026; 49(Suppl 1) 10 Klammer C et al.: Ernährungsempfehlungen für Menschen mit Diabetes. Update 2026. Wien Klin Wochenschr 2026; 138(Suppl 4): S122-S141 11 Zimmermann MB, Boelaert K: Iodine deficiency and thyroid disorders. Lancet Diabetes Endocrinol 2015; 3(4): 286-95 12 Szklarz M, Gontarz-Nowak K, Matuszewski W, Bandurska-Stankiewicz E: Iron: not just a passive bystander in AITD. Nutrients 2022; 14(21): 4682 13 Taheriniya S et al.: Vitamin D and thyroid disorders: a systematic review and meta-analysis of observational studies. BMC Endocr Disord 2021; 21: 171 14 Zhang J et al.: Effects of vitamin D on thyroid autoimmunity markers in Hashimoto’s thyroiditis. J Int Med Res 2021; 49(12): 3000605211060675 15 Jiang H et al.: Effects of vitamin D treatment on thyroid function and autoimmunity markers in patients with Hashimoto’s thyroiditis. J Clin Pharm Ther 2022; 47(6): 767-75 16 Guo W et al.: Increased levels of glycated hemoglobin A1c and iron deficiency anemia: a review. Med Sci Monit 2019; 25: 8371-8 17 AlQarni AM et al.: The effect of iron replacement therapy on HbA1c levels in diabetic and nondiabetic patients. J Clin Med 2023; 12(23): 7287 18 Jonklaas J et al.: Guidelines for the treatment of hypothyroidism. Thyroid 2014; 24(12): 1670-751 19 Wiesner A et al.: Levothyroxine interactions with food and dietary supplements. Pharmaceuticals (Basel) 2021; 14(3): 206
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