Wie bekämpfte man die Syphilis vor 100 Jahren?
Autor:
Prof. Alexandre Charles Wenger
Faculté de médecine
Centre interfacultaire de bioéthique et sciences humaines en médecine
Université de Genève
E-Mail: alexandre.wenger@unige.ch
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Im vergangenen Mai fanden in Montreux die «Rencontres Romandes de Derma-tologie et Vénérologie» (RRDV) statt. Wie hätte die Traktandenliste ausgesehen, wenn dieser Kongress vor 100 Jahren am selben Ort stattgefunden hätte? Welche Herausforderungen stellte die Syphilis insbesondere für die Gesundheitsbehörden in der Westschweiz der 1920er-Jahre dar und wie wurde sie bekämpft?
Keypoints
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In den 1920er-Jahren galt die Syphilis als schlimme Geissel der Gesellschaft, die die Gesundheit, die Geburtenrate und die künftigen Generationen bedrohte.
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Die Prävention stützte sich auf Theaterstücke, Vorträge, Broschüren, Ausstellungen und Aufklärungsfilme.
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Vor der Einführung des Penicillins waren Behandlungen auf der Basis von Bismut oder Arsen langwierig, beschwerlich und von ungewisser Wirksamkeit.
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Der Kampf gegen Geschlechts-krankheiten wurde durch Dispensarien, epidemiologische Untersuchungen und eine strengere Regulierung der Prostitution verstärkt.
Die Lokalzeitungen liefern interessante Informationen zu diesem Thema. So erschien beispielsweise am 19. August 1924 in der Lausanner Tageszeitung La Revue eine Kleinanzeige für ein Theaterstück mit dem Titel Le Mortel Baiser, das «unter der Schirmherrschaft der französischen Nationalliga gegen die venerische Gefahr» aufgeführt wurde. Zwischen 1924 und 1926 wurde dieses Stück regelmässig im gesamten Genferseebogen aufgeführt. In einem Bericht vom 15. Oktober 1926 würdigt die Feuille d’Avis de Montreux den «erzieherischen Wert» des Stücks und die Tatsache, dass es «unsere Jugend» über die venerische Gefahr aufklärt. Es ist bekannt, dass die Aufführung von einem medizinischen Vortrag begleitet wurde und dem Publikum Informationsbroschüren ausgehändigt wurden. Das Ganze wurde von der Waadtländer Sektion der Schweizerischen Gesellschaft zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten finanziert, die sich damals Sorgen um das «grosse Loch» machte, das dadurch in ihre Finanzen gerissen wurde.1
Die venerische Gefahr
Heute erscheint der Rückgriff auf das Theater zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten erstaunlich. Um ihn zu verstehen, muss man sich den besonderen Status der Syphilis zu jener Zeit vergegenwärtigen. Da sie als Erbkrankheit galt, wurde sie tatsächlich als Geissel der Gesellschaft wahrgenommen. Die These der venerischen Gefahr vereinte die beiden wichtigsten kollektiven Ängste, die mit der Krankheit verbunden waren. Erstens die Angst vor einer Entvölkerung: Die Syphilis würde zu einem Rückgang der Bevölkerung in den westlichen Ländern führen (Abb. 1).2 Zweitens die Angst vor einer «Rassenentartung»: Von Generation zu Generation würde die Syphilis das Humankapital verschlechtern. Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts wurden von der Figur des erbsyphilitischen Babys «mit dem Gesicht eines kleinen Alten», des von Tabes Betroffenen mit seinem ungelenken Gang und des Dementen im Tertiärstadium von Syphilis heimgesucht. Diese Schreckensgestalten machten die Bedrohung durch die heimliche und beschämende Krankheit Syphilis sichtbar. Bis in die 1950er-Jahre waren lange Aufenthalte in der Psychiatrie aufgrund von allgemeiner Paralyse keine Seltenheit, wie der Fall einer Frau aus dem Archiv der psychiatrischen Klinik Bel-Air in Genf zeigt, die 31 Jahre lang interniert war (Abb. 2).
Abb. 1: Die als erbliche Geissel betrachtete Syphilis wurde beschuldigt, die demografische Zukunft der Nationen zu gefährden (Viborel 1930)2
Abb. 2: Anonymisierte Krankenakte (1935–1966), Clinique de Bel-Air, Staatsarchiv Genf
Einer der Gründe für diese zurückgezogenen Existenzen in der psychiatrischen Anstalt war der damalige Stand der Therapie. Vor der Einführung des Penicillins bestand die Behandlung aus der Verabreichung von Bismut- oder Arsenderivaten. Diese stellten zwar im Vergleich zur früheren Quecksilbertherapie einen klaren Fortschritt dar, doch ihre Ergebnisse blieben dennoch ungewiss und ihre Nebenwirkungen schwerwiegend. Vor allem dauerten die Behandlungen zwischen drei und vier Jahren, in denen die Patienten sexuell abstinent bleiben mussten. Die darauf zurückzuführende mangelnde Therapietreue stellte die Ärzte vor grosse Probleme.
Syphilis und Krieg
In den 1920er-Jahren stellten Venerologen einen Zusammenhang zwischen bewaffneten Konflikten und dem Auftreten von Geschlechtskrankheiten fest.3 Während des Ersten Weltkriegs hatten die Fronturlauber ein besonderes gesundheitliches Problem dargestellt. Die Erholung des Soldaten, wie sie auf Postkarten jener Zeit dargestellt wurde, zeigte tatsächlich, wie durchlässig die Grenze zwischen Front und Hinterland war. Der Fronturlauber sorgte für einen Austausch zwischen den Militärbordellen und den zivilen Frauen, die im Hinterland geblieben waren. Das ist ein interessanter Aspekt in der Geschichte der Syphilis, die schon immer eine Krankheit der Durchgangsorte war: Häfen, Grenzen, die Trennung zwischen Privatwohnung und öffentlichem Raum. Die Syphilis offenbart eine skandalöse Verbindung zwischen ehelicher Sexualität und bezahlten sexuellen Beziehungen, zwischen dem Adligen und der Dienstmagd, zwischen der Gastmutter und dem Studenten. Daher entzieht sie sich den klaren Kategorien wie derjenigen der Prostituierten gegenüber der ehrbaren Ehefrau.
Eine weitere Bevölkerungsgruppe, die im Krieg eine Rolle spielte und die Venerologen beschäftigte, waren die sogenannten Munitionnettes. Es handelte sich um – oft junge – Frauen, die in der Munitionsproduktion tätig waren, einer gefährlichen und in der Regel gut bezahlten Tätigkeit. In Genf beispielsweise wurden die Produktionslinien der Automobilwerke Pic-Pic im Jahr 1917 auf Rüstungsproduktion umgestellt. Frauen aus der ganzen Region wurden eingestellt. Die Ärzte fürchteten den lockeren Lebenswandel dieser finanziell unabhängigen Arbeiterinnen, die den Verlockungen der Städte ausgesetzt waren und sich der Kontrolle ihrer auf dem Land zurückgebliebenen Familien entzogen. Diese Befürchtung, die auf der Utopie einer traditionellen Gesellschaft beruht, in der die Infektion nicht zirkulieren würde, zeigt auch die enge Verflechtung zwischen medizinischen, moralischen und geschlechtsspezifischen Betrachtungen.
Aktivismus gegen die venerische Gefahr in den 1920er-Jahren
Die 1920er-Jahre sind daher eine Zeit des verstärkten Kampfs gegen die venerische Gefahr. Eine Schweizer Gesellschaft wird ins Leben gerufen, der sich immer mehr kantonale Sektionen anschliessen. Eine beeindruckende epidemiologische Untersuchung zur Syphilis wird auf nationaler Ebene durchgeführt, die eine noch nie da gewesene Kartierung der Krankheit ergibt (Abb. 3).4 Die Kantone der Romandie erlassen immer strengere Gesetze zur Regulierung der Prostitution. In Neuchâtel, Lausanne und Genf werden Dispensarien für Bedürftige zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten eingerichtet. Diese Einrichtungen setzen Gemeindeschwestern mit Fachkompetenzen, insbesondere im Bereich der sexuellen Anamnese, ein, um Syphiliker in der gesamten Region aufzuspüren und an die Dispensarien zu überweisen (Abb. 4).
Abb. 3: Karte auf Basis der ersten grossen epidemiologischen Untersuchung zur Syphilis, die in der Schweiz landesweit durchgeführt wurde und es ermöglichte, die Verteilung der Krankheit nach Kantonen zu kartografieren (Jaeger 1923)4
In den grössten Städten der Westschweiz finden umfangreiche Ausstellungen zur Aufklärung über Geschlechtskrankheiten statt. Die Ausstellung des Roten Kreuzes in Genf vom 10. Februar bis zum 5. März 1922 bietet Vorträge an, ergänzt durch Informationsposter und Moulagen, das heisst Nachbildungen von Syphilisläsionen aus Wachs. Einige Halbtagesveranstaltungen sind den «Herren» vorbehalten, andere den «Damen», und Minderjährigen unter 17 Jahren ist der Zutritt in der Regel untersagt. Das Ziel ist so patriotisch wie hygienisch, denn in dieser Nachkriegszeit gilt es, eine gesunde und zahlreiche Jugend im Dienste des Landes zu erhalten.
Festliche Anlässe werden von Venerologen mit Argwohn unter die Lupe genommen, einschliesslich Sportveranstaltungen, was Dr. med. Cornaz aus Lausanne schreiben lässt: «Ich behaupte, dass der Sport sogar für sehr viele Geschlechtskrankheiten verantwortlich ist. Man denke nur, was in der heutigen Zeit aus einem Fussballmatch geworden ist: Neben den Spielern, die vielleicht echten Sportsgeist besitzen und sich im Allgemeinen gut benehmen, gibt es all diese Pseudosportler unter den Zuschauern, die gerne die Puppen tanzen lassen, um den Sieg ihres Lieblingsvereins zu feiern. Wer unlängst beobachten konnte, wie ein Zug einige hundert junge Eidgenossen zu einem Länderspiel nach Genf brachte, konnte sich seinen Teil denken. Und die Rückreise sollte noch aufschlussreicher werden. Ich hätte diese Leute gerne drei Tage später untersucht. Niemand weiss, wie viele Gonokokken an jenem Tag von Genf in die Deutschschweiz gelangt sind, aber es waren welche, denn ich kann Ihnen versichern, dass es in Lausanne keinen Sportwettbewerb und kein Turnfest gibt, ohne dass die Folgen im Dispensarium spürbar wären.»5
Die Massnahmen zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten in den 1920er-Jahren gingen mit hitzigen Debatten einher, insbesondere rund um die gesundheitliche Aufklärung im Kino – einem modernen Medium, das dazu geeignet war, auf die Jugend einzuwirken, von dem man aber auch schädliche Auswirkungen befürchtete. In Sion riss im Januar 1928 ein Kapuzinerbruder, unterstützt von den Frauen des Dritten Ordens des heiligen Franziskus, im Namen des «Kampfes gegen unmoralische Werbung» die Plakate des Aufklärungsfilms Le Baiser qui tue (F, 1928) ab. Filme wie Falsche Scham (DE, 1926) wurden manchmal in Arbeiter- oder Volksbildungsstätten wie dem Maison du Peuple in Lausanne gezeigt. Nach und nach verbesserte sich jedoch die interkantonale Koordination ebenso wie die Kostenübernahme durch die Krankenversicherungen bei Geschlechtskrankheiten.
Auf dem Weg zur Banalisierung der Syphilis
Mit der industriellen Herstellung von Penicillin Anfang der 1950er-Jahre verlor die Syphilis ihren Charakter als Geissel der Gesellschaft. Obwohl sie schon bald nur als eine von mehreren sexuell übertragbaren Krankheiten galt, jagte sie einem noch in der Sommerpresse der 1970er-Jahre als Nachwirkung der sexuellen Befreiung nach wie vor Angstschauer über den Rücken mit Überschriften wie «Ferien. Vorsicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten» (Tribune de Lausanne, 11. Juli 1976). Das war, bevor Aids sie für lange Zeit in den Hintergrund drängte.
Literatur:
1 Mitteilungen der Schweizerischen Gesellschaft gegen Geschlechtskrankheiten. Jahreshauptversammlung vom 6. Mai 1926 im Burgerhaus in Bern, 1926. 1927; 1: 5 2 Viborel L: La technique moderne de la propagande d’hygiène sociale. Paris: Édition de «La vie saine», 1930. 169 3 Bloch B: La guerre et les maladies vénériennes. Int Rev Red Cross 1920; 2(15): 259-75 4 Jaeger H: Les maladies vénériennes en Suisse d’après les résultats de l’enquête (1er oct. 1920 au 30 sept. 1921) entreprise par l’Association suisse pour la lutte contre les maladies vénériennes. Berne: Impr. Büchler, 1923. n.p. 5 Mitteilungen der Schweizerischen Gesellschaft gegen Geschlechtskrankheiten. Jahreshauptversammlung vom 6. Mai 1926 im Burgerhaus in Bern, 1926. 1927; 1: 15
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