Klimawandel im Siedlungsraum: auf dem Weg zu klimaresilienten Gemeinden
Bericht:
Dr. med. Sabina Ludin
Chefredaktorin
Der Raumplanung kommt im Umgang mit den sich verändernden klimatischen Verhältnissen eine Schlüsselrolle zu, wie Loïc Zbinden, Stadtgeograph unil fsu und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesamt für Raumentwicklung ARE, Bereich Siedlung und Landschaft, Ittigen, an einer Tagung der Ärztinnen und Ärzte für den Umweltschutz aufzeigte. Um die Lebensqualität zu sichern und klimabedingte gesundheitliche Risiken zu reduzieren, müssen die Gemeinden das Thema Klima bereits bei der Planung in bebauten Umgebungen aktiv mitdenken. Etliche Gemeinden in der Schweiz tun dies bereits, es bleibt aber noch sehr viel zu tun.
Die klimatischen Veränderungen haben bereits heute spürbare Auswirkungen auf unsere Lebensqualität und unsere Gesundheit – und Klimaszenarien zeigen, dass sich das Klima weiter verändern wird. Daran müssen wir uns anpassen. «Für die Anpassungen an den Klimawandel und für den Klimaschutz ist die Raumplanung ein starker Hebel», so Zbinden.
Bei Planungen in bebauten Umgebungen gewinnen der Klimaschutz und die Anpassung an die Folgen des Klimawandels deshalb immer mehr an Bedeutung.
Raumplanung als Hebel
Um die Thematik konkret in die Raumplanung zu integrieren, sind für die Gemeinden vier übergreifende Handlungsansätze zentral, wie Zbinden in seinem Referat aufzeigte.
Die Klimafrage als Grundanforderung einbeziehen
«Eine erfolgreiche Klimastrategie muss die Anpassung an den Klimawandel optimal in die Planungsinstrumente und -prozesse integrieren», forderte Zbinden. Das Klima dürfe nicht länger ein Faktor unter vielen sein, sondern müsse ab der ersten Phase des Planungsprozesses einer der wichtigsten Parameter sein (Abb. 1).1 Dies erfordert eine Weiterentwicklung der vorhandenen Planungsinstrumente auf kommunaler, kantonaler und Bundesebene. Als Beispiel nannte Zbinden die Gesetzesrevision «Klimaangepasste Siedlungsentwicklung» im Kanton Zürich, die beispielsweise vorsieht, dass Hitzeinseleffekten entgegengewirkt und der Gestaltung von öffentlichen und privaten Aussenräumen besondere Beachtung geschenkt werden muss.2
Abb. 1: Zu einer hochwertigen Siedlungsentwicklung nach innen gehören verschiedene Themen, die miteinander verbunden sind und ganzheitlich angegangen werden sollten (adaptiert nach ART 2025)6
Ein anderes Beispiel ist die Gemeinde Porrentruy im Kanton Jura, die den Richtplan «Nature en ville» («Natur in der Stadt») verabschiedet hat, um eine Strategie zum Schutz der Biodiversität und zur Bekämpfung von Wärmeinseln in städtischen Gebieten zu entwickeln.3 Nach dem Erstellen einer ökologischen Bilanz aller Grundstücke in öffentlichem Besitz wurden konkrete Massnahmen definiert und in technischen Datenblättern zusammengefasst, um Fachleuten und politischen Entscheidungsträgern als Leitfaden zu dienen. Auch Privatpersonen können die Informationen nutzen, wie beispielsweise die ausführliche Liste der einheimischen Bäume, Sträucher und Kletterpflanzen, die für bebaute Gebiete empfohlen werden.
Den Verdichtungsprozess aufwerten und nutzen
«Verdichtung ist heute oft negativ konnotiert, sie trägt eingebunden in eine verantwortungsvolle Siedlungsplanung jedoch wesentlich zur Bekämpfung der negativen Auswirkungen des Klimawandels bei», so Zbinden. Ein wichtiges Instrument ist dabei die Planung nach dem Konzept «Schwammstadt» («sponge city»), um durch Entsiegelung und Begrünung der Böden, Regenrückhaltebecken etc. möglichst viel Regen- und Oberflächenwasser vor Ort aufzunehmen und zu speichern (Abb. 2).4 Dazu gehören auch die Begrünung von Dächern, Fassaden etc., die energetische Verbesserung der Wohnbauten, ein nachhaltiges Bodenmanagement oder der Erhalt von Kaltluftkorridoren (Abb. 3).
Abb. 2: Prinzip der Schwammstadt: Regenwasser wird als wertvolle Ressource betrachtet. Um es vor Ort aufzunehmen und zu speichern, werden die Böden so weit wie möglich entsiegelt und begrünt und es werden Teiche, Wasserläufe und Rückhaltebecken angelegt
Abb. 3: Begrünte Fassaden, Dächer und Mauern spenden in urbanen Umgebungen Abkühlung und werten sie auf
In der Schweiz nimmt Fribourg durch die Umsetzung des Schwammstadt-Konzepts auf dem blueFACTORY-Areal am ehemaligen Standort der Brauerei Cardinal die Rolle einer Pionierstadt ein.5 Ein kleineres Projekt, das 2022 mit dem Binding Innovationspreis für Biodiversität ausgezeichnet wurde, ist der Parco Casarico in der Gemeinde Sorengo bei Lugano. Die Neubausiedlung wurde mit zahlreichen Elementen der Schwammstadt geplant, wobei die Begrünung und ein umfassendes Regenwassermanagement zentrale Elemente sind.6
Raumplanungsprozesse beschleunigen oder optimieren
Raumplanungsverfahren sind meist träge und dauern sehr lange. Angesichts der Folgen des Klimawandels gilt es jedoch, schnell zu handeln. «Durch die Förderung einer Vielzahl kleinerer lokaler Initiativen kann die Diskrepanz zwischen der Schwerfälligkeit der Planungsprozesse und der Notwendigkeit, zu handeln, zum Teil beseitigt werden. Dieses Vorgehen ermöglicht es auch, die Bevölkerung zu sensibilisieren, die Wiederaneignung der Orte durch die Bewohner:innen zu stärken und die Akzeptanz zu beschleunigen», erklärte Zbinden.
Als Beispiel nannte er Burgdorf, wo die Behörden einerseits eine langfristige umfassende Klimastrategie erarbeitet haben, andererseits aber als schnelle und wirksame Massnahme in Zusammenarbeit mit engagierten Einwohner:innen auch direkt einen Teil des Postplatzes entsiegelt und dort eine kühlende Pflanzeninsel geschaffen haben. Dies zeigt exemplarisch, wie mit der Umsetzung kleiner Projekte rasch sichtbare Veränderungen erreicht werden können.
Synergien nutzen und Gelegenheiten in Chancen verwandeln
Der vierte wesentliche Handlungsansatz fordert eine vermehrte Zusammenarbeit und einen intensiveren Informationsaustausch aller Akteur:innen, die einen Einfluss auf die Gestaltung von Siedlungen haben. «Mit einer integralen Planung können Wege gefunden werden, neue Komplementaritäten zu schaffen, damit ehrgeizigere und resilientere Ergebnisse erreicht werden», ist Zbinden überzeugt. So nutze man in Sion die Verlegung von Fernwärmeleitungen in der Rue des Aubépines als Chance für eine umweltgerechtere Gestaltung der Strasse. Anstatt wie gewohnt die Strasse nach der Verlegung der Leitungen wieder neu zu asphaltieren, wurden bepflanzte Inseln, ein Fussgängerweg und ein kleiner Bach angelegt.
Fazit
Die Raumplanung ist ein wichtiges Instrument, um unsere Lebensräume an die sich verändernden klimatischen Bedingungen anzupassen und die mit dem Klimawandel einhergehenden gesundheitlichen Risiken zu reduzieren. «Die genannten Beispiele zeigen, dass bereits viele Akteur:innen der Planung vor Ort auf Gemeindeebene konkrete Lösungen entwickeln. Diese Bemühungen sollen fortgesetzt und intensiviert werden, um die klimabedingten Risiken, insbesondere für die Gesundheit, zu verringern», so das abschliessende Fazit von Zbinden.
Quelle:
31. Forum Medizin & Umwelt. Anpassung ans Klima: Leben mit der Krise? Tagung der Ärztinnen und Ärzte für den Umweltschutz, 15. Mai 2025, Solothurn
Literatur:
1 Bundesamt für Raumentwicklung ARE: Für eine hochwertige Siedlungsentwicklung nach innen. 2025. https://www.are.admin.ch/dam/de/sd-web/ZGPteAEe9vpA/Leitfaden-SenI_de.pdf 2 Kanton Zürich: Umsetzungshilfe «Klimaangepasste Siedlungsentwicklung». https://www.zh.ch/de/planen-bauen/raumplanung/raumplanung-flexdata/arbeitshilfe-musterbestimmung/umsetzungshilfe-klimaangepasste-siedlungsentwicklung.html ; letzter Zugriff 23.3.2026 3 Ville de Porrentruy: Nature en ville. https://www.porrentruy.ch/projets-envergure/69031 ; letzter Zugriff 23.3.2026 4 Infoplattform Schwammstadt: https://sponge-city.info/ ; letzter Zugriff 23.3.2026 5 Songe City Fribourg: https://www.spongecity.ch/de/ ; letzter Zugriff 23.3.2026 6 Sorengo: Parco Casarico. https://sponge-city.info/projekte/parco-casarico-sorengo-ti/ ; letzter Zugriff 23.3.2026
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