Impfen schützt nicht nur vor Infektionen
Bericht:
Dr. Corina Ringsell
Redaktorin
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Eine Session an der Gemeinsamen Jahrestagung 2026 der SSC/SSCS – SSP/SSTS hob die Bedeutung von Impfungen gerade für Patienten mit chronischen Lungen- sowie mit Herz-Kreislauf-Krankheiten hervor. Die Referenten informierten über die derzeit in der Schweiz für diese Patienten empfohlenen Impfungen und deren Vorteile.
Keypoints
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Es gibt keine kosteneffizientere Präventionsmassnahme als Impfen.
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Die Integration der Grippeimpfung in die Routineversorgung und die stationäre Nachsorge sind eine kostengünstige Strategie mit grossem Potenzial zur Verbesserung der klinischen Ergebnisse.
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Ärzte müssen kommunizieren, zuhören und den Patienten sowie den Angehörigen helfen, damit sie informierte Entscheidungen treffen können.
Impfungen von Erwachsenen mit pulmonalen Krankheiten
Prof. Dr. med. Christoph Berger, Leiter des Universitären Zentrums für Immunologie am Universitätsspital Basel, erläuterte, warum es wichtig ist, Patienten mit pulmonalen Krankheiten zu impfen. Offensichtlich sei, dass respiratorische Infektionen bei einer vorgeschädigten Lunge schwerwiegender seien, ebenso komme es zu Exazerbationen der vorbestehenden Krankheiten. Zudem sei das Risiko für Pneumonien und (Super-)Infektionen aufgrund der meist stärkeren Schleimbildung in den Bronchien höher. Viele Patienten mit Lungenkrankheiten erhielten auch immunsuppressive Medikamente, und Immunsuppression sei ebenfalls ein Risikofaktor für Atemwegsinfektionen, sagte der Immunologe.
Ein weiterer, bislang unterschätzter Aspekt sei das Alter der Patienten, da es mit zunehmendem Alter zur Immunseneszenz, also zu einer schwächeren Immunantwort, komme. Gleichzeitig komme es vermehrt zu Entzündungsreaktionen mit der Ausschüttung von Zytokinen. Ausserdem seien viele ältere Patienten multimorbid: Neben einer COPD litten sie oft auch an einer koronaren Herzkrankheit (KHK), Bluthochdruck, Diabetes etc. Laut einer Studie lägen bei etwa der Hälfte der über 75-Jährigen drei oder mehr Komorbiditäten vor.1 Für diese Personen seien die wichtigsten Impfungen jene gegen Influenza, Covid-19, RSV, Pneumokokken und Varizella Zoster. Zu beachten sei dabei aber, dass ältere Menschen mit Immunseneszenz oder immunsupprimierte Patienten weniger stark auf eine Impfung ansprechen als junge und gesunde Personen, so Berger.2
Impfung gegen Pneumokokken
Diese Impfung hat zwei Ziele: ambulant erworbene Pneumonien verhindern und invasive Pneumokokkeninfektionen mit Septikämie vermeiden. In der Schweiz stehen für Erwachsene drei Konjugatimpfstoffe zur Verfügung: PCV15 (15-valent), PCV20 (20-valent) und PCV21 (21-valent).3 PCV21 sei speziell für Erwachsene entwickelt worden, indem einige Serotypen entfernt wurden, die bereits mit der Impfung für Kinder abgedeckt seien. Stattdessen wurden Serotypen integriert, die häufiger bei älteren Personen auftreten.
Der Schweizerische Impfplan 20263 empfiehlt für alle Risikopersonen ab 18 und jeden über 65 die Impfung mit PCV20 oder -21. PCV20 wird ab 65 vergütet. Bei unter 65-Jährigen ist er off-label! Wer zuvor bereits mit PCV13 oder -15 geimpft wurde, sollte im Alter eine Dosis PCV20 oder -21 erhalten, um die Serotypabdeckung zu erweitern. Wer bereits mit PCV20 geimpft wurde, benötigt keine weitere Impfung.3
Respiratorische Viren
Vor allem im Winter, in der Erkältungssaison seien Menschen mit hohem Risiko gefährdet. Wenn sie sich mit Husten, Fieber und Exazerbationen ihrer Grundkrankheit vorstellten, sei die Frage, um was es sich genau handelt: eine Infektion mit dem respiratorischen Synzytialvirus (RSV) oder mit Influenzaviren. Beide könnten zur Hospitalisation und zur kardialen Dekompensation führen, erklärte Berger. Daher sollten Menschen über 75 Jahre und solche über 65 mit Risikofaktoren statt mit dem Standardimpfstoff mit einer Hochdosisvakzine gegen Influenza geimpft werden. Diese biete einen um 20% bis 30% höheren Schutz als die Standardimpfung.4 Das sei deshalb von Vorteil, weil die Standardvakzine ohnehin nur einen etwa 50%igen Schutz biete, sagte er.
Impfung gegen RSV
Infektionen mit RSV galten lange als Kinderkrankheiten. Inzwischen sind sich vor allem Pneumologen bewusst, dass auch Erwachsene betroffen sein können und die Infektion vor allem bei älteren Menschen heftiger verlaufen kann. Seit auf das Virus getestet werde, sei klar, dass es bei Erwachsenen eine Dunkelziffer gebe, so Berger. Fortgeschrittenes Alter, Gebrechlichkeit und das Leben in einer Langzeit-Pflegeeinrichtung seien Risikofaktoren für Hospitalisationen aufgrund von RSV, doch der stärkste Faktor sei eine pulmonale Grundkrankheit, sagte er. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF) empfehlen daher die Impfung gegen RSV als ergänzende Impfung für alle Personen ab 75 Jahren und als Risikogruppenimpfung für Personen zwischen 60 und 74 Jahren mit einem erhöhten Risiko für eine schwere RSV-Erkrankung. Geimpft werden sollte mit einer Dosis eines der in der Schweiz zugelassenen Impfstoffe.6–8 Die Kosten werden allerdings derzeit nicht von der Krankenversicherung übernommen.5
Impfung gegen Varizella Zoster
Das Varizella-Zoster-Virus (VZV) verursacht bei Erstinfektion (meist im Kindesalter) Windpocken. Anschliessend persistiert es im Körper und kann durch bestimmte Faktoren wie Immunseneszenz oder -suppression reaktiviert werden und Herpes zoster (Gürtelrose) auslösen.9 Um vor der Infektion geschützt zu werden, brauche man daher Antikörper, aber um vor der Reaktivierung geschützt zu werden, seien T-Zellen nötig, erklärte der Immunologe. Deshalb hätten Patienten mit T-Zell-Suppression, zum Beispiel nach einer Transplantation oder durch Gabe von Medikamenten wie JAK-Inhibitoren, ein höheres Risiko, an einer Gürtelrose zu erkranken. Doch auch ohne solche Faktoren würde etwa ein Drittel der Menschen, die als Kind Windpocken hatten, eine Reaktivierung erleben. Die Wahrscheinlichkeit steige mit zunehmendem Alter. Die Gürtelrose könne sehr schmerzhaft und langwierig (Post-Zoster-Neuralgie) sein, aber auch gefährlich werden, zum Beispiel, wenn die Augen betroffen seien (Zoster ophthalmicus), warnte der Referent. Ein Warnzeichen dafür seien Bläschen an der Nasenspitze (Hutchinson-Zeichen), da dies auf einen Befall des Nervus nasociliaris hinweise, eines Astes des Nervus ophthalmicus. Der Schweizer Impfplan empfiehlt die Impfung mit der rekombinanten Zostervakzine für alle ab 65 Jahren, ab 50 Jahren für Menschen mit einem gering erhöhten Risiko und für Personen mit hohem Risiko, zum Beispiel nach Transplantationen, ab 18 Jahren. Diese Empfehlung gilt unabhängig davon, ob man bereits an Herpes zoster erkrankt war oder früher dagegen geimpft wurde.10
In Real-World-Studien bot der rekombinante Impfstoff einen 70%igen Schutz vor dem Ausbruch einer Gürtelrose, selbst bei Personen über 80 Jahre und Menschen mit Autoimmunkrankheiten. Voraussetzung: die vollständige Immunisierung mit zwei Dosen des Impfstoffs im Abstand von zwei bis sechs Monaten.11,12 Berger wies auf einen Nebeneffekt der Impfung hin: In grossen retrospektiven Studien habe dieser Impfstoff, aber auch die Lebendvakzine die Wahrscheinlichkeit, eine Demenz zu entwickeln, gesenkt, sagte er.13
Impfungen von Erwachsenen mit kardiovaskulären Krankheiten
Dr. med. Michele Vittorio Martinelli, Leiter des Herzinsuffizienz-Ambulatoriums an der Universitätsklinik für Kardiologie, Inselspital Bern, beleuchtete die Impfung von Patienten mit kardiovaskulären Krankheiten. Da er Patienten nach einer Herztransplantation betreue, sei klar, dass diese aufgrund der Immunsuppression vor dem Eingriff geimpft sein müssten und einen Plan für nachfolgende Impfungen benötigten.14 Auch Kardiologen sollten sich über Impfungen informieren und daran denken, ihre Patienten darauf hinzuweisen, betonte er. Für Patienten mit Herz- und Gefässkrankheiten ab 65 Jahren gelten die gleichen Empfehlungen wie für Patienten mit Lungenkrankheiten: Impfungen gegen Influenza, RSV, Covid-19 und Herpes zoster.10
Impfung als Form der kardiovaskulären Prävention
Eine Studie konnte zeigen, dass das Risiko, innerhalb von sieben Tagen nach einer bestätigten Influenzainfektion einen Herzinfarkt zu erleiden, sieben- bis zehnfach erhöht ist.15 Umgekehrt senkte in einer anderen Studie eine Influenzaimpfung kurz nach einem Herzinfarkt oder bei einer Hochrisiko-KHK das Risiko unter anderem für einen Infarkt, eine Stentthrombose und kardiovaskulären Tod.16
Der Referent zeigte zwei Studien, die ein positives Ergebnis der Influenzaimpfung bei Patienten mit Herzinsuffizienz nachwiesen. Eine internationale Studie mit insgesamt mehr als 5000 Teilnehmern hatte zwei gleichrangige zusammengesetzte primäre Endpunkte: Der erste für das erste Ereignis bestand aus kardiovaskulärem Tod, nicht tödlichem Herzinfarkt und nicht tödlichem Schlaganfall; der zweite umfasste wiederkehrende Ereignisse, bestehend aus kardiovaskulärem Tod, nicht tödlichem Herzinfarkt, nicht tödlichem Schlaganfall und Hospitalisationen aufgrund von Herzinsuffizienz. Zwar war das Ergebnis statistisch nicht signifikant, doch es gab Hinweise auf einen klinischen Benefit.17
Die zweite Studie, PANDA II aus China, wertete die Daten von fast 8000 Herzinsuffizienzpatienten aus, von denen rund 3500 eine Influenzaimpfung erhielten. Der zusammengesetzte primäre Endpunkt bestand aus Tod jeglicher Ursache und Rehospitalisierung aufgrund jeglicher Ursache innerhalb von zwölf Monaten nach der Klinikentlassung. Die Wahrscheinlichkeit dafür war in der geimpften Kohorte um 18% niedriger als in der nicht geimpften.18
Hochdosis- vs. Standarddosisimpfung
Mehrere Studien zeigten bei älteren Patienten mit kardiovaskulären Krankheiten einen Vorteil der Hochdosisimpfung gegen Influenza im Vergleich zur Standarddosisimpfung.19–21 Oft äusserten Patienten Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Impfungen, sagte Martinelli. Ein Sicherheitsmonitoring bei Menschen ab 65 Jahren in der Impfsaison 2023/2024 aus den USA fand bei mehr als 20 Millionen Geimpften keine statistisch signifikante Steigerung der Inzidenz von Anaphylaxien, Enzephalitis/Enzephalomyelitis, Guillain-Barré-Syndrom (GBS), hämorrhagischen und nichthämorrhagischen Schlaganfällen, transienten ischämischen Attacken (TIA) etc.22 Das Risiko einer Anaphylaxie bestehe immer, die anderen Bedenken hätten sich nicht bestätigt, betonte der Referent. Er riet allen Ärzten dazu, sich gut über das Impfen zu informieren, die Patienten daran zu erinnern, unter anderem mit Informationsmaterial und Postern im Wartezimmer, und wann immer möglich zu impfen. Es gebe keine kosteneffizientere Präventionsmassnahme als Impfen, aber man sei sich oft nicht bewusst, wie viele Krankheiten durch Impfungen verhindert werden können, sagte er.
Quelle:
Gemeinsame Jahrestagung SSC/SSCS – SSP/SSTS, 10. bis 12. Juni 2026, Basel
Literatur:
1 Barnett K et al.: Lancet 2012; 380: 37-43 2 Doherty TM et al.: Ann Med 2025; 57(1): 2477300 3 www.bag.admin.ch/de/schweizerischer-impfplan#Neue-Empfehlungen-2025-/-2026 4 Diaz Granados CA et al.: N Engl J Med 2014; 371(7): 635-45 5 www.bag.admin.ch/dam/de/sd-web/ROjGfpexE5Pp/de_BAG_Bulletin_36-25_RSV_bf.pdf 6Papi A et al.: N Engl J Med 2023; 388(7): 595-608 7Walsh EE et al.: N Engl J Med 2023; 388(16): 1465-77 8Wilson E et al.: N Engl J Med 2023; 389(24): 2233-44 9Zerboni L et al.: Nat Rev Microbiol 2014; 12(3): 197-210 10 www.bag.admin.ch/dam/de/sd-web/Oj0BSN-w-Ggs/Schweizerischer%20Impfplan_2026_DE_Web_final%20(3).pdf 11 Izurieta HS et al.: Clin Infect Dis 2021; 73(6): 941-8 12 Zerbo O et al.: JAMA Netw Open 2025; 8(6): e2514615 13 Polisky V et al.: Nat Med 2025; 31(12): 4172-9 14 Walti LN et al.: JAMA Netw Open 2023; 6(4): e2310687 15 Kwong JC et al.: N Engl J Med 2018; 378(4): 345-53 16Fröbert O et al.: Circulation 2021; 144(18): 1476-84 17Loeb M et al.: Lancet Glob Health 2022; 10(12): e1835-44 18 Anderson CS et al.: Lancet 2025; 406(10507): 1020-31 19 Johansen ND et al.: Am Heart J 2026; 291: 186-98 20 Pardo-Seco J et al.: N Engl J Med 2025; 393: 2303-23 21 Johansen ND et al.: Circulation 2026; 153(11): 798-806 22 Lloyd PC et al.: Vaccine 2025; 53: 127069
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