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DGPPN-Kongress 2018

Wo führt der Weg hin?

<p class="article-intro">Forschungsergebnisse und neueste Verfahren zur Entschlüsselung psychischer Erkrankungen standen im Zentrum des vergangenen DGPPN-Kongresses und waren Ausgangspunkt für eine grundlegende Diskussion über die Zukunft der Psychiatrieforschung. Ebenso intensiv behandelt wurde das Thema „Zwang“, welches die DGPPN wegen seiner Aktualität ganz oben auf die Agenda gesetzt hatte.</p> <hr /> <p class="article-content"><p>Deutschland war 2018 gepr&auml;gt von zahlreichen Aktivit&auml;ten und wegweisenden Entscheidungen einzelner Landesregierungen zur Neuregelung der Psychisch- Kranken-Gesetze. Nicht zuletzt mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts wurden verbindliche Rechtsnormen f&uuml;r die Anwendung von Zwangsma&szlig;nahmen festgelegt. Aus aktuellem Anlass hatte die DGPPN das Thema zu einem der Hauptpunkte auf ihrem Jahreskongress 2018 erkl&auml;rt. Rund 20 Sessions gaben Einblick in den komplexen Sachverhalt des Themas und beleuchteten es von unterschiedlichen Seiten.<br /> Grunds&auml;tzlich gilt: Psychisch erkrankte Menschen haben in unserer Gesellschaft Anspruch auf gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Freiheit und Teilhabe. &bdquo;Die richtige Ma&szlig;nahme zu ergreifen, um eine drohende, krankheitsbedingte Gefahr f&uuml;r sich oder andere auszuschlie&szlig;en, ist immer und in allen Bereichen eine besondere Herausforderung in der medizinischen Versorgung. Besonders die Psychiatrie r&uuml;ckt bei diesen Fragen h&auml;ufig in den Blickpunkt&ldquo;, stellt Professor Arno Deister, Pr&auml;sident der DGPPN, fest und betont: &bdquo;Dieses Thema ist aber gesamtgesellschaftlich zu diskutieren. Politik und Gesetzgeber sind hier zuallererst aufgefordert, angemessene Rahmenbedingungen zu schaffen.&ldquo;</p> <h2>Kernbotschaften der S3-Leitlinie der DGPPN</h2> <p>Das Bundesverfassungsgericht hat im Juli 2018 in einem viel beachteten Grundsatzurteil festgestellt, dass Fixierungen die eingreifendste Ma&szlig;nahme seien und auch bei aggressivem Verhalten nur als &bdquo;letztes Mittel&ldquo; infrage kommen. W&auml;hrend das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber damit die Linie vorgibt, beschreibt die S3-Leitlinie der DGPPN Ma&szlig;nahmen zur praktischen Umsetzung. Die DGPPN-Leitlinie &bdquo;Vermeidung von Zwang: Pr&auml;vention und Therapie aggressiven Verhaltens bei Erwachsenen&ldquo; basiert auf einer Konsensbildung mit 22 Verb&auml;nden und Fachgesellschaften.<br /> Prof. Dr. Tilman Steinert, Ravensburg, Koordinator der DGPPN-S3-Leitlinie &bdquo;Verhinderung von Zwang&ldquo;, fasst die wichtigsten Punkte zusammen: &bdquo;Die empfohlenen Ma&szlig;nahmen reichen von der Diagnostik bei aggressivem Verhalten und der Pr&uuml;fung der psychiatrischen Zust&auml;ndigkeit &uuml;ber die angemessene Umgebungsgestaltung in psychiatrischen Kliniken und die therapeutische Beziehungsgestaltung bis hin zu Deeskalationstrainings, Behandlungsvereinbarungen, Patientenverf&uuml;gungen und speziellen Schulungen ganzer psychiatrischer Teams.&ldquo; Auch f&uuml;r eine vertr&auml;gliche und wirksame Behandlung mit Medikamenten werden zahlreiche Empfehlungen gegeben. Eine solche Behandlung ben&ouml;tigt aber, abgesehen von Notf&auml;llen, die Zustimmung des Patienten oder eine richterliche Entscheidung. Wenn sich Zwangsma&szlig;nahmen nicht mehr vermeiden lassen, empfiehlt die Leitlinie, wie sie unter Wahrung der Menschenw&uuml;rde durchgef&uuml;hrt werden sollten.</p> <p><strong>Vermeidung von Zwangsma&szlig;nahmen in der Praxis</strong><br /> &bdquo;Da Zwangsma&szlig;nahmen und Fixierung immer auch einen Eingriff in das Grundrecht auf die Freiheit einer Person darstellen, muss der oberste Grundsatz in der Versorgungspraxis sein, alle M&ouml;glichkeiten zur Vermeidung von Zwang auszusch&ouml;pfen&ldquo;, betont Prof. Dr. Thomas Pollm&auml;cher, Vorstand der DGPPN, Leiter der DGPPN-Task-Force &bdquo;Patientenautonomie&ldquo;.<br /> Eine gemeinsame Haltung aller psychiatrischen Fachleute und die Schaffung von Rahmenbedingungen, die eine zeitgem&auml;&szlig;e, patientenorientierte und menschenw&uuml;rdige Behandlung erst erm&ouml;glichen, seien daf&uuml;r essenziell. Dies betreffe vor allem eine ad&auml;quate personelle, bauliche und finanzielle Ausstattung. Hinsichtlich pr&auml;ventiver deeskalierender Ma&szlig;nahmen im direkten Umgang mit schwer psychisch Erkrankten gibt die von der DGPPN federf&uuml;hrend herausgegebene S3-Leitlinie zur &bdquo;Verhinderung von Zwang&ldquo; Orientierungshilfe.<br /> Allen Empfehlungen liegt die &Uuml;berzeugung zugrunde, dass Entscheidungen soweit m&ouml;glich gemeinsam mit dem Patienten getroffen werden. D. h., alle Ma&szlig;nahmen, die geeignet sind, das Vertrauen und die Zusammenarbeit zwischen psychisch erkrankten Menschen, Angeh&ouml;rigen und Professionisten zu verbessern, wirken generalpr&auml;ventiv gegen aggressives und gewaltt&auml;tiges Verhalten. Beispiele hierf&uuml;r sind: teambezogene Schulungsma&szlig;nahmen, Behandlungsvereinbarungen, die regelhafte Einbeziehung von Angeh&ouml;rigen, aber auch &Ouml;ffentlichkeitsarbeit, Entstigmatisierung und eine enge und vertrauensvolle Kooperation. Ebenso gewaltpr&auml;ventiv wirken sich ein bez&uuml;glich Deeskalationstechniken ausreichend qualifiziertes Personal und ein zeitgem&auml;&szlig;es, auf aktueller wissenschaftlicher Basis ausgerichtetes therapeutisches Angebot aus. Tr&auml;ger psychiatrischer Einrichtungen sollten daf&uuml;r Sorge tragen, diese Ma&szlig;nahmen bzw. Verfahren umzusetzen und in den Versorgungsalltag zu integrieren.</p> <h2>Forschung und digitale Welt</h2> <p>Kein anderer Bereich l&auml;sst Zukunft greifbarer werden wie das Gebiet der Psychiatrieforschung. Big Data, Deep Learning, Biomarker und K&uuml;nstliche Intelligenz zeigen auf, wie nah die Forschung bereits an der Entschl&uuml;sselung psychischer Erkrankungen herangekommen ist. Was bis vor Kurzem noch wie Science Fiction klang, hat l&auml;ngst die n&auml;chste Daseinsstufe erreicht. &bdquo;Die K&uuml;nstliche Intelligenz hat enorme Fortschritte gemacht. In Verbindung mit gro&szlig;en Datens&auml;tzen sind Leistungen m&ouml;glich, die fr&uuml;her allein dem menschlichen Gehirn vorbehalten waren. Nicht mehr lange und wir haben die M&ouml;glichkeit, Gehirnfunktionen naturnah zu simulieren.<br /> Das jedoch bedeutet f&uuml;r die Forschung Chance und Risiko zugleich. Bei allem positivem Nutzen, den K&uuml;nstliche Intelligenz f&uuml;r diverse Anwendungen in der Praxis der Psychiatrie mit sich bringt, m&uuml;ssen wir uns ihrer Konsequenzen im Zusammenhang mit Datenschutz und Privatsph&auml;re bewusst sein. Ethische Grundsatzfragen sind in Hinblick auf den wissenschaftlichen Fortschritt zuallererst zu kl&auml;ren. Hier tragen wir in der Forschung T&auml;tigen eine gro&szlig;e gesellschaftliche Verantwortung&ldquo;, so Professor Meyer-Lindenberg, Vorstandsmitglied der DGPPN.</p> <p><strong>Onlinetherapien und E-Mental-Health</strong><br /> Onlinetherapien und E-Mental-Health sind bereits in der psychiatrischen Versorgungspraxis angekommen. &bdquo;W&auml;hrend Onlinetherapien f&uuml;r Menschen, die bislang keinen Kontakt zum Versorgungssystem haben oder wollen, eine erste Hilfe und Unterst&uuml;tzung sein k&ouml;nnen, ersetzen sie jedoch keineswegs eine Behandlung durch Fach&auml;rzte und psychologische Psychotherapeuten&ldquo;, gibt Dr. Iris Hauth, Past President der DGPPN, zu bedenken. Sie bieten aus Sicht der DGPPN Chancen, aber auch Risiken. Kliniker und Forscher untersuchen deshalb seit L&auml;ngerem die Wirksamkeit internetbasierter Interventionen. Bei dem gro&szlig;en und un&uuml;bersichtlichen Angebot sind zahlreiche Produkte auf dem Markt verf&uuml;gbar, deren Evidenz und Wirksamkeit nicht gesichert sind. Schlimmstenfalls sind diese Interventionen sogar in der Lage, Schaden anzurichten. Daher werden ma&szlig;gebliche Qualit&auml;tskriterien ben&ouml;tigt, um Betroffenen und Behandlern bei der Auswahl sicherer und wirksamer Interventionen Orientierung zu bieten.</p> <p><strong>Risiken der digitalen Ph&auml;notypisierung</strong><br /> Der DGPPN-Kongress machte an vielen Stellen Potenzial und Grenzen der digitalen Welt und Psychiatrieforschung deutlich. Es geht nicht nur um die Auswertung von Daten und das Verstehen der Gehirnfunktionen, auch die reale Lebenswelt, das soziale Umfeld und die Wirkung &auml;u&szlig;erer Einfl&uuml;sse auf die Emotionalit&auml;t der Betroffenen werden als Teilaspekte in die Forschung miteinbezogen. Das Nutzen von Smartphones, Onlineinterventionen und Gesundheits-Apps spielt dabei eine gro&szlig;e Rolle, genauso wie die soziale Kompetenz der Betroffenen. Auf Basis all dieser Daten wird versucht, psychische Erkrankungen zu objektivieren und vorhersehbar zu machen.<br /> Aber wie weit ist menschliches Verhalten wirklich objektivierbar? Psychisches Erleben sei prinzipiell nicht objektivierbar, zeigt sich Prof. Dr. Gerhard Gr&uuml;nder, Zentralinstitut f&uuml;r Seelische Gesundheit, &uuml;berzeugt. Deshalb seien bisher alle Versuche gescheitert, eindeutige &bdquo;Biomarker&ldquo; f&uuml;r irgendeine psychische Erkrankung zu identifizieren. &bdquo;W&uuml;rde ein Computer anhand digitaler oder anderer Daten eines Menschen Hinweise liefern, dass sich zuk&uuml;nftig eine psychische Erkrankung bei diesem entwickeln k&ouml;nnte, h&auml;tte das weitreichende Folgen&ldquo;, gibt Gr&uuml;nder zu bedenken. Wer z&ouml;ge die Grenze zwischen &bdquo;gesund&ldquo; und &bdquo;krank&ldquo;? Die Maschine? Auf der Basis von Wahrscheinlichkeitsaussagen? Ab welcher Wahrscheinlichkeit w&uuml;rde (zwingend?) interveniert werden? &bdquo;Behandelt&ldquo; der Arzt dann das Biomarkerprofil oder den Menschen, der (noch) gar nicht leidet?</p> <p><strong>Wenn Datensammeln krank macht</strong><br /> Big-Data-Ans&auml;tze wie die digitale Ph&auml;notypisierung w&uuml;rden au&szlig;erdem ignorieren, dass sich im hierarchisch organisierten, menschlichen System komplexe Strukturen (&bdquo;Psyche&ldquo;) nicht zwingend durch die Gesetze untergeordneter Organisationsstufen (Gene, Neuronen) erkl&auml;ren lassen. Demgegen&uuml;ber wirken diese komplexen Strukturen auch auf untergeordnete Systeme. Somit beeinflusse der Mensch seine Biologie durch Ver&auml;nderung seiner selbst und seiner sozialen Strukturen.<br /> &bdquo;So macht ,Datensammeln&lsquo; m&ouml;glicherweise tats&auml;chlich krank, indem es den Menschen auf eine Biomaschine, die durch ihre Gene, Molek&uuml;le und dann letztendlich sogar durch ihre digitalen Signale determiniert ist, reduziert und ihm damit den Freiraum zur Gestaltung seiner Zukunft nimmt&ldquo;, warnt Gr&uuml;nder.</p></p> <p class="article-quelle">Quelle: Medienmitteilung der DGPPN, 29. November 2019 </p>
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