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„Kommt das beim Patienten überhaupt an?“
Jatros
30
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09.03.2017
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<p class="article-intro">Die Revision der S3-Leitlinie bzw. der Nationalen Versorgungsleitlinie Schizophrenie durch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ist ein langer und aufwendiger Prozess, in dem nach Angaben von Prof. Wolfgang Gaebel, Düsseldorf, „300.000 bis 400.000 Euro schnell ausgegeben sind“. Dass die Leitlinienmacher erst 2017 mit der Revision der 2010 ausgelaufenen Version (Wissensstand von 2005) fertig werden, ist nicht zuletzt das Ergebnis des langwierigen formalen Konsensverfahrens zwischen den an der Versorgung beteiligten Gruppen.</p>
<hr />
<p class="article-content"><p>Besonderen Wert legt man bei den neuen Leitlinien darauf, dass die neuen Empfehlungen auch in der Praxis implementiert werden und das Outcome der Patienten verbessert wird. Jede der geplanten 170 Empfehlungen müsse sich daher die Frage gefallen lassen: „Kommt das beim Patienten überhaupt an?“, unterstrich Gaebel. Beispielsweise in der Schnittstellenproblematik soll die neue Leitlinie eine sektorenübergreifende Qualitätssicherung erleichtern.</p> <h2>Von der Response zur Recovery</h2> <p>Vieles deutet darauf hin, dass integrative Therapiekonzepte deutlich stärker gewichtet werden. Damit soll das Behandlungsziel einer Recovery (symptomatische und funktionelle Remission) bei einem höheren Prozentsatz der Patienten erreicht werden, so Prof. Peter Falkai, München. Wünschenswert wären für ihn auch mehr Studien, die die Lebensqualität der Patienten als primären Studienendpunkt haben. Zur optimalen Symptomkontrolle verwies der Psychiater auf die NICE-Guidelines 2014 und aktuelle Metaanalysen. Dort bewertet man die Unterschiede in der Wirksamkeit von Antipsychotika als viel kleiner als die Unterschiede in ihrer Verträglichkeit.<br /> Höheren Stellenwert soll auch die Behandlung relevanter Komorbiditäten wie etwa die Alkohol-, Cannabis- und Tabakabhängigkeit erhalten. Desgleichen sollen auch Diagnose und Therapie somatischer Komorbiditäten wie Diabetes, kardialer Probleme und Adipositas künftig in der Weiterbildung stärker thematisiert werden, kündigte Falkai an. Verbessert werden soll auch die Therapie von Patienten mit relativer und absoluter Therapieresistenz. Hier ist Clozapin zwar weiterhin ohne echte Alternative. Allerdings könnte die Kombination von Clozapin plus Elektrokrampftherapie (EKT) eine neue Option darstellen. Etwa 30 % der Patienten mit einer Schizophrenie weisen ein frühkindliches Trauma in der Anamnese auf. Dies verursacht gestörte Methylierungsmuster in ihrer DNA, welche die Entwicklung einer Schizophrenie begünstigen. Hier könnten die Identifikation und Add-on- Behandlung mit einem HDAC-Inhibitor eine zukünftige Behandlungsform sein.</p> <h2>Pharmako- vs. Psychotherapie</h2> <p>Auch bei der Erstellung der neuen S3- Leitlinie gab (und gibt) es offenbar intensive Diskussionen zur Gewichtung der Effektstärken pharmakotherapeutischer und psychotherapeutischer Interventionen. Insbesondere die Vertreter nicht medikamentöser Interventionen traten auf dem DGPPN-Symposium sehr selbstbewusst auf. Falkai verwies auf eine Metaanalyse direkter Vergleichsstudien, in der Antipsychotikatherapien eine deutlich höhere Effektstärke (standardisierte Mittelwertdifferenz [SMD]: –0,56; 95 % CI: –0,98 bis –0,14) erzielten. Die Effektstärke der Kombination einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) mit Antipsychotikatherapie war höher als diejenige einer Antipsychotikatherapie allein (SMD: 0,33; 95 % CI: 0,21–0,45).<sup>1</sup></p> <h2>Pro kognitive Remediation, kontra Kunsttherapie</h2> <p>Prof. Dr. Stefan Klingberg, Tübingen, Vorstand im Dachverband Deutschsprachiger Psychosenpsychotherapie (DDPP), bemängelte an der alten S3- Leitlinie, dass der Text von vielen Psychotherapeuten als Ausdruck großer Zurückhaltung gegenüber der Psychotherapie verstanden wurde. Er beklagte, dass es auch heute noch Probleme bei der Implementierung von Psychotherapien in ein Pharmakotherapie-orientiertes Kliniksetting gibt. Heute attestiert Klingberg der Psychotherapie bei schizophrenen Patienten eine größere Zahl von randomisierten, kontrollierten Wirksamkeitsstudien (RCT) sowie wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren. Dazu gehören für ihn neben der KVT insbesondere das metakognitive Training als Optimierung innerhalb des KVT-Modells und die kognitive Remediation. Die KVT und Familieninterventionen sollten allen Betroffenen angeboten werden. Dagegen gibt es zur psychodynamischen Psychotherapie keine neuen RCT.<br /> Prof. Thomas Becker, Günzburg, beschäftigte sich mit der Implementierung soziotherapeutischer und rehabilitativer Verfahren. Hier zeigen gemeindepsychiatrische Interventionen wie „home treatment“ und nachgehende gemeindepsychiatrische Teams („assertive community treatment“) gute Wirksamkeit. Die aktuelle Evidenz zu Kunsttherapie ist eher negativ. Möglicherweise, so Becker, ist die Kunsttherapie geeignet für spezielle Patientenpopulationen, beispielsweise Patienten mit geäußerter Präferenz für kognitive Therapie sowie Patienten mit schwerer Negativsymptomatik. Angebote des „supported employment“ haben sich als effektiv bei der Integration psychisch kranker Menschen im Arbeitsleben erwiesen, desgleichen Interventionen nach dem Modell des „pre-vocational training“.</p></p>
<p class="article-quelle">Quelle: Symposium „Die Aktualisierung der S3-Leitlinie Schizophrenie
– aktueller Stand“ im Rahmen der Jahrestagung
der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie,
Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN),
25. November 2016, Berlin
</p>
<p class="article-footer">
<a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a>
<div class="collapse" id="collapseLiteratur">
<p><strong>1</strong> Huhn M et al: JAMA Psychiatry 2014; 71(6): 706-15</p>
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