Wonnemonat Mai: auch für Patienten mit einer Gräserallergie?
Autoren:
Dr. Markus Berger
Medizinischer Leiter
Österreichischer Pollenwarndienst
und
Abteilung für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten
Krankenhaus Hietzing, Wien
Wiener Gesundheitsverbund
E-Mail: markus.berger@meduniwien.ac.at
Mag. Maximilian Bastl, PhD
Aerobiologe
Österreichischer Pollenwarndienst
und
Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten
Medizinische Universität Wien
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Die Gräserpollenallergie ist die häufigste Pollenallergie in Österreich. Es gibt über 10000 Süßgräserarten, zu ihnen zählen auch Weizen, Mais und Reis. Aufgrund der zahlreichen Arten können Belastungen von Ende April bis September auftreten. Neben der bekannten symptomatisch-medikamentösen und kausalen Therapie gibt es zahlreiche nichtmedikamentöse Ansätze, die Symptome lindern können.
Keypoints
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Gräser sind das wichtigste Aeroallergen.
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Es gibt weltweit Hunderte für Allergiker relevante Gräserarten.
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Getreide belastet meist nur im direkten Umfeld der Felder.
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Die Schilfblüte kann im Osten Österreichs Gräserallergiker noch im September belasten.
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Richtige Urlaubsplanung ist auch Allergenkarenz.
Die Süßgräser im globalen Kontext
Mit über 10000 Arten gelten die Süßgräser (Poaceae) weltweit als die fünftgrößte Pflanzenfamilie1 und tragen etwa 40% zur Vegetation der Erde bei.2 Zur Pflanzenfamilie der Süßgräser gehören außerdem die drei bedeutendsten Getreidesorten der Welt:der Weizen (Triticum aestivum), der Mais (Zea mays) und der Reis (Oryza sativa).3 Weltweit gelten die Süßgräser mit einer Sensibilisierungsrate von 30% als das bedeutendste Aeroallergen im Bereich der Pollenallergie.4, 5 Im Unterschied zu anderen allergieauslösenden Pflanzen, wo es pro Gattung meist nur wenige Arten gibt, die für Allergiker und Allergikerinnnen von Bedeutung sind, umfasst die Familie der Gräser Hunderte Arten, die sowohl in ihrer Pollenform als auch in ihrer Allergenität sehr ähnlich aufgebaut sind.6–8 Diese Besonderheit ist der Grund, warum die Gräserpollensaison so lange dauert und meist auch mehr als eine Spitzenbelastung bringt, da mehrere Arten zur Dauer der Saison beitragen, weilsie nacheinander ihren Pollen freisetzen.9
Die Süßgräser in Österreich
In Österreich ist fast jeder zweite Pollenallergiker von einer Gräserpollenallergie betroffen.10 Die Gräserpollenallergie steht daher unangefochten auf Platz 1 bei Pollenallergikern. Die Gräserblüte beginnt im Flachland und den Beckenlagen üblicherweise Anfang Mai und verläuft im Schnitt von Ende April/Anfang Mai bis Ende Juli/Mitte August. In den höheren Lagen ist die Vegetationsperiode aufgrund der veränderten klimatischen Verhältnisse verschoben und reicht meist von Mitte/Ende Mai bis Ende August. Zusätzlich gibt es noch spätblühende Gräserarten, die an speziellen Standorten auch noch bis in den September blühen und bei Betroffenen Belastungen verursachen können.
Die bedeutendsten Gräserarten in Österreich im urbanen Bereich sind das Wiesenrispengras (Poa pratensis), das Knäuelgras (Dactylis glomerata), der Glatthafer (Arrhenaterum elatius), die Schwingel (Festuca sp.) und das Weidelgras (Lolium perenne).9 Die Blüte des Wiesenrispengrasesals eines eher frühblühenden Grases leitet die Pollensaison für die meisten Allergiker und Allergikerinnen ein (Abb. 1). Es folgt die Hauptsaison, die durch Pollen des Glatthafers, des Knäuelgrases und der Schwingel bestimmt wird. Das Weidelgras bildet meist den Abschluss der Gräserhauptblüte in den Tieflagen Österreichs.
Eine charakteristische Gräserpollensaison im Vergleich mit „crowd-sourced“ Symptomdaten und den Blütezeiten der bedeutendsten Gräserarten in Wien ist in Abbildung 2 dargestellt. In unterschiedlichen Regionen kann die Artzusammensetzung jedoch stark variieren, andere Arten können dominieren und das Pollenspektrum dementsprechend verändern.11 Eine besondere Bedeutung in der pharmazeutischen Industrie hatdas Wiesenlieschgras als Referenzgras für diverse Allergenextrakte. Auch diese Art ist in Österreich heimisch, bevorzugt allerdings eher naturbelassene Standorte und verliert daher im urbanen Bereich zunehmend an Bedeutung.
Abb. 2: Vergleich von täglichen Pollenkonzentrationen pro Kubikmeter Luft (linke y-Achse; graue Linie), täglich gemittelten „crowd-sourced“ Symptomdaten von Wien im Bereich 0–7 (rechte y-Achse; schwarze Linie) und den Blütezeiten der 12 bedeutendsten Gräserarten in Wien (graue horizontale Linien entsprechen der Vor- und Nachblüte; schwarze horizontale Linien entsprechen den Hauptblütezeiten) während der Gräserblüte 2014 (modifiziert nach Kmenta M et al. 2016)9
Getreide und spätblühende Gräserarten
Sämtliche Getreidearten (inklusive Weizen, Roggen, Hafer, Mais und Reis) gehören zur Familie der Süßgräser und sorgen während der Gräserblüte für zusätzliche Belastungen bei Betroffenen in Anbaugebieten ebendieser Pflanzen. Aufgrund der größeren und schwereren Pollenkörner sind Belastungen durch Getreidearten jedoch meist nur im direkten Umfeld der Anbaugebiete spürbar, da sie nicht so weit vertragen werden wie andere Gräserpollen. Spätblühende Gräser (nach August) gibt es in Österreich derzeit nur wenige, diese sind aber aufgrund des Klimawandels und der Urbanisierung auf dem Vormarsch. Vor allem Ziergräser und wärmeliebende Arten kommen im städtischen Bereich häufiger vor und verlängern die Saison für Betroffene meist bis in den September hinein. Insbesondere sind hier die Biomassegräser zu erwähnen, deren Blüte ebenfalls sehr spät einsetzt (meist im August oder September) und damit bei großflächigem Anbau die Leidenszeit von Betroffenen ebenfalls verlängern kann.
Eine österreichische Besonderheit ist das Gemeine Schilf (Phragmites australis), das ebenfalls zu den Süßgräsern gehört. Schilf hat vor allem im Osten Österreichs durch den zweitgrößten Schilfgürtel Europas im Neusiedlersee einen großen Einfluss. Je nach Windkonstellation können Belastungen im Burgenland, in Niederösterreich und Wien auftreten, und das zu einer Zeit, in der die meisten Gräser bereits abgeblüht sind und niemand mehr mit hohen Belastungen rechnet.12
Einfluss von Ozon auf Symptomstärke
Besonders bei Gräserallergiker*innen sollte der Einfluss von Luftverschmutzung auf die Symptomstärke der Pollenallergie berücksichtigt werden. Vor allem erhöhte Ozonkonzentrationen können die Symptomlast verstärken.13 Das Treibhausgas wird in Großstädten bei einer Reaktion zwischen Stickstoffoxiden von Autoabgasen und UV-Strahlung produziert. Aus diesem Grund sind die Ozonkonzentrationen während der Sommermonate besonders hoch – zurHauptblütezeit der Gräser.
Allergenität und Allergenvermeidung
Allergologisch sind Gräser schon gut erforscht und die Allergene sind meist auch bekannt. Derzeit werden wissenschaftlich elf unterschiedliche Allergengruppen bei Gräsern unterschieden. Die Hauptallergengruppen stellen die Allergene 1 und 5 (PhlP 1 und PhlP 5), auf die mehr als 50% der Gräserpollenallergiker sensibilisiert sind. Aber auch andere Allergengruppen sind von Bedeutung und treten meist in der Kombination mit den beiden Hauptgruppen auf.4
So wie bei allen Pollenallergien sollten Betroffene über den aktuellen und zukünftigen Pollenflug informiert sein, um eine bestmögliche Allergenkarenz zu erreichen. Aufgrund der unterschiedlichen Gräserarten sollte eine „Flucht“ in die Berge, ans Meer oder in andere Bereiche Europas mit Bedacht geplant werden, damit man nicht von einer Hauptbelastungsperiode in die nächste läuft. Um die Planung zu vereinfachen, bietet der Österreichische Pollenwarndienst Belastungslandkarten für Europa an.
Darüber hinaus gibt es zahlreiche nichtmedikamentöse Empfehlungen, die nachgewiesen Symptome lindern und/oder die Medikation reduzieren können.14
Empfehlungen für zu Hause
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Moderne Luftreiniger können nicht nur Pollenkörner, sondern auch Luftschadstoffe filtern.
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Vor allem in Kombination mit Pollenschutzgittern können Betroffene die Allergenkonzentration zu Hause reduzieren. Fenster sollten dennoch möglichst kurzzeitig geöffnet werden (Stoßlüften).
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Außerdem kann Pollen an Kleidungsstücken und Tierhaaren haften und so in die Wohnung gelangen. Kleidung sollte daher im Vorzimmer bereits gewechselt werden und Haustiere solltenabgebürstet werden.
Symptomreduktion im Freien
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Die Allergenvermeidung im Freien ist sehr schwierig, präzise Pollenvorhersagen und personalisierte Symptomvorhersagen unterstützen hierbei.
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Der Kontakt mit Allergenen kann außerdem durch das Tragen von FFP-2-Maske, Sonnenbrille und Sonnenhut reduziert werden.
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Konjunktivale und nasale Symptome können zudem durch das Verwenden von künstlichen Tränen, Augenkompressen und Meersalz-Nasenspray vermindert werden.
Literatur:
1 The Angiosperm Phylogeny Group. An update of the Angiosperm Phylogeny Group classification for the orders and families of flowering plants: APG III. Bot J Linn Soc 2009; 161(2): 105-21 2 Gibson DJ: Grasses and Grassland Ecology. New York: Oxford Univ. Press, 2009 3 Grass Phylogeny Working Group II: New grass phylogeny resolves deep evolutionary relationships and discovers C4 origins. New Phytologist 2012; 193: 304-12 4 Andersson K, Lidholm J: Characteristics and immunobiology of grass pollen allergens. Int Arch Allergy Immunol 2003; 130(2): 87-107 5 Kleine-Tebbe J, Davies JM: Grass pollen allergens. In: Akdis, CA and Agache, I. editoris. Global Atlas of Allergy. Zurich: European Academy of Allergy and Clinical Immunology (EAACI), 2014: 22-6 6 Perveen A: A contribution to the pollen morphology of family Gramineae. World Appl Sci J 2006; 1: 60-5 7 Johansen N et al.: Extensive IgE cross-reactivity towards the Pooideae grasses substantiated for a large number of grass-pollen-sesitized subjects. Int Arch Allergy Immunol 2009; 150: 325-34 8 Bullimore A et al.: Cross-reactivity in grasses: biochemical attributes define exemplar relevance. WAO Journal 2012; 5: 111-9 9 Kmenta M et al.: The grass pollen season 2014 in Vienna: A pilot study combining phenology, aerobiology and symptom data. Sci Total Environ 2016; 566-7: 1614-20 10 Hemmer W et al.: Endbericht 2009 zur Studie: Prävalenz der Ragweedpollen-Allergie in Ostösterreich. St. Pölten: Amt der NÖ. Landesregierung, Landesamtsdirektion, Abteilung Gebäudeverwaltung, Amtsdruckerei, 2010 11 Kmenta M et al.: The grass pollen season 2015: a proof of concept multi-approach study in three different European cities. WAO Journal 2017; 10: 31 12Bastl M et al.: Late exposure to grass pollen in September: the case of phragmites in Burgenland. Grana 2020; 59(1): 25-32 13 Berger M et al.: Impact of air pollution on symptom severity during the birch, grass and ragweed pollen period in Vienna, Austria: Importance of O3 in 2010–2018. Environ Pollut 2020; 263: 114526 14 Bergmann KC et al.: Nonpharmacological measures to prevent allergic symptoms in pollen allergy: A critical review. Atemwegs- und Lungenkrankheiten 2022; 48(2): 77-90
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