Frailty und Lungentransplantation – Reversibilität, Risiko und Perspektiven
Autoren:
Priv.-Doz. Dr. Peter Jaksch
Dr. Ecevit Uzunkaya
Universitätsklinik für Thoraxchirurgie
Medizinische Universität Wien
E-Mail: peter.jaksch@meduniwien.ac.at
E-Mail: ecevit.uzunkaya@meduniwien.ac.at
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Patient:innen mit terminalen Lungenerkrankungen – etwa COPD, idiopathischer Lungenfibrose oder zystischer Fibrose – präsentieren sich zum einen oft mit reduzierten Reserven und Ressourcen, zum anderen mit erhöhter Vulnerabilität gegenüber physischen und psychischen Stressoren. Diese klinische Konstellation kann im medizinischen Alltag mithilfe des Begriffs „Frailty“ sowohl als Status-quo-Marker als auch ein Prädiktor in der Evaluation von Patient:innen dienen.
Keypoints
-
Frailty ist bei LuTX-Kandidat:innen prävalent wie auch prognostisch relevant und in vielen Fällen reversibel.
-
Strukturierte Rehabilitationsprogramme ermöglichen eine physisch-funktionelle und psychische Erholung.
-
Hohe Frailty-Scores und Komorbiditäten bleiben jedoch Risikofaktoren und bedürfen individueller Strategien.
-
Zukünftig sollte Frailty als integraler Bestandteil der prä- und posttransplantären Versorgung, als Messgröße biologischer Belastbarkeit und als Therapieziel zur Verbesserung des Langzeit-Outcomes nach Lungentransplantation verstanden werden.1,2, 5–27
Einleitung
Frailty ist häufig mit erhöhter Mortalität, Hospitalisationsdauer und Komplikationsrate assoziiert. In der Lungentransplantation (LuTX) stellt sich die Frage, ob Frailty adäquat quantifizierbar ist, um – in Form von allgemein anwendbaren Kriterien – eine qualitative Aussage treffen zu können über Inklusion oder Exklusion betreffend eine Therapie oder über dadurch einschätzbare und modifizierbare Risikofaktoren. Aktuelle Evidenz deutet darauf hin, dass Frailty nicht eindimensional und unidirektional betrachtet werden sollte – im Sinne einer irreversiblen Progredienz –, sondern reversibel ist: Hierbei sind eine strukturierte präoperative Evaluation, eine gezielte „Prähabilitation“ wie auch eine konsequente postoperative Rehabilitation von Bedeutung.
Konzepte, Messmethoden und Studien
Frailty kann über zwei Hauptmodelle beschrieben werden: einerseits ein phänotypisches Modell („fried frailty phenotype“; FFP), definiert durch Gewichtsverlust, Fatigue, reduzierte Aktivität, langsame Gehgeschwindigkeit und verminderte Griffstärke, andererseits durch ein kumulatives Defizitmodell – wie den Cumulative Deficits Frailty Index (FI) nach Varughese 2021,1 der bis zu 40 Variablen (Komorbiditäten, Laborwerte und funktionelle Parameter) integriert. Ergänzend wurde der Lung Transplant Frailty Score (LT-FS) entwickelt, der Körperzusammensetzung, Muskelkraft und Laborwerte kombiniert.
In der klinischen Praxis werden vor allem Short Physical Performance Battery (SPPB), Edmonton Frail Scale (EFS) und Frailty Risk Score (FRS) eingesetzt: Niedrige SPPB-Scores (<9 Punkte) oder EFS-Werte >7 kennzeichnen eine hohe Frailty und korrelieren mit erhöhter Mortalität und Rehospitalisierung.
Studiendaten
Wie klinisch relevant und multidimensional die Diskussion um die Frailty ist, wird am besten durch die verschiedensten diesbezüglichen Studien-Approaches anschaulich gemacht:
-
Fuller et al. (Melbourne, 2024)2 hatten in einer prospektiven Kohorte (n=106) die Entwicklung der Frailty im Verlauf des ersten Jahres nach LuTX untersucht. Die Patient:innen nahmen hierfür an einem 12-wöchigen, dreimal wöchentlich durchgeführten Rehabilitationsprogrammteil: Die 6-Minuten-Gehstrecke (6MWD) verbesserte sich signifikant von 326m prä LuTX auf 523m nach der Reha und lag nach einem Jahr noch immer bei 512m. Der Anteil frailer Patient:innen sank in diesem Zeitraum von 23% auf 3%. Auch Griffstärke, Angst- und Depressions-Scores sowie EFS-Kategorien verbesserten sich signifikant. Damit konnte erstmals prospektiv gezeigt werden, dass Frailty nach Transplantation reversibel ist, sofern ein strukturiertes Rehabilitationskonzept umgesetzt wird.
-
Hage et al. (Zürich, 2024)3 hatten in einer retrospektiven Analyse (n=68) Komorbiditäten und FI nach Varughese erfasst. Ein Jahr nach Transplantation betrug hierbei die Mortalität 16,2%. Patient:innen mit ≥6 Komorbiditäten hatten eine Sterblichkeit von 38%. Ein FI ≥0,20 war mit signifikant längeren Aufenthalten auf Intensiv- und Normalstation sowie mit erhöhter Gesamtmortalität assoziiert. Ein FI ≥0,20 kann demnach als Schwellenwert für Hoch-risikopatient:innen dienen und ist von großer klinischer Relevanz. Komorbidität und Frailty wirken also additiv und müssen gemeinsam bewertet werden.
-
Varughese et al. (Toronto, 2021)4 entwickelten einen 40-Variablen-Frailty-Index und ergänzten ihn um den Social Vulnerability Index (SVI). In einer Kohorte von 815 Transplantationskandidat:innen (darunter 258 LuTX) zeigte sich: Pro FI-Anstieg um den Faktor 0,01 stieg das Risiko für Delisting oder Tod um 3%. Cut-off-Werte von 0,27–0,36 identifizierten die Hochrisikopatient:innen. Der FI erwies sich daher als stärkerer Prädiktor für das Outcome als das chronologische Alter. Somit kann Frailty bereits aus Routinedaten berechnet werden – ein entscheidender Fortschritt für standardisierte Evaluationsverfahren.
Pathophysiologie und Mechanismen
Frailty ist Ausdruck biologischer Alterungsprozesse und komplexer Wechselwirkungen zwischen Muskelfunktion, Immunsystem und Stoffwechsel: eine altersbedingte Dysfunktion von T- und B-Zellen, verminderte Impfantwort und erhöhte Infektanfälligkeit (Immunoseneszenz), eine chronisch niedriggradige Entzündung mit erhöhten IL-6, TNFα und CRP (Inflammaging), Energieverlust, oxidativer Stress, Muskelschwäche (mitochondriale Dysfunktion) sowie Marker für biologische Alterung (Abb.1) – assoziiert mit Fibrose, Anämie und Knochenmarksinsuffizienz (Telomerverkürzung).
Abb. 1: Konzept der Frailty als Manifestation des Alterns und der damit assoziierten Dysfunktion bei Lungentransplantationskandidat:innen. Zu den altersabhängigen biologischen Faktoren, die sich mit der Frailty überlappen, wie Multimorbidität, Sarkopenie und Dysfunktion des Immunsystems, kommen noch weitere Aspekte der allgemeinen Gesundheit hinzu (modifiziert nach Schaenman JM et al. 2021)28
Diese Mechanismen überschneiden sich mit jenen, die für chronische Lungenallograft-Dysfunktion (CLAD) und posttransplantatorische Immundysregulation verantwortlich sind. Damit könnte Frailty nicht nur Marker, sondern Schlüsselakteur in der Pathogenese sein (Abb. 2,3).
Abb. 2: Das Frailty-Konzept. Simplifizierte Gegenüberstellung der klinischen Trajektorien von einem Frail- und einem Nonfrail-Phänotyp. Ein klinisches Event wie eine Erkrankung (Zeitpunkt der klinischen Schädigung) kann zwar das Allgemeinzustandsbild beider Patient:innen verschlechtern: Der/die fraile Patient:in braucht aber lediglich einen kleinen „Hit“, um schnell unterhalb des Levels der intrinsisch-physiologischen Reserve zu dekompensieren und kritisch krank zu werden (violette Linie). Der/die non-fraile Patient:in hingegen hat mehr Zeit, auf die Therapie zu antworten, wie auch mehr Chancen der Rekonvaleszenz (grüne Linie) im Vergleich zum Frail-Phänotyp (mod. nach Bottiger BA et al. 2019)29
Abb. 3: Krankheitsbedingte Frailty versus altersbedingte Frailty. Beobachten wir den Frailty-Phänotyp im zeitlichen und klinisch-trajektoriellen Verlauf, so kann sich die krankheitsbedingteFrailty klinisch verbessern (blaue Linie) – nach einer Organtransplantation oder einer Implementierung einer überbrückenden Therapie wie einer LVAD-Implantation (linksventrikuläres Herzunterstützungssystem) oder ECMO-Anwendung. Die Zieltherapie LVAD-Implantation selbst kann eine ähnliche Verbesserung des klinischen Verlaufs zeigen. Im Gegensatz dazu wird ein/eine Patient:in mit einer altersbedingten Frailty eine geringere Chance auf Besserung durch Organtransplantation oder überbrückende Therapie haben und so kann eine rasche Dekompensation in eine stärkere Reduktion der Überlebenswahrscheinlichkeit münden (rote Linie; modifiziert nach Bottiger BA et al. 2019)29
Rehabilitation und Prehabilitation
Rehabilitation stellt die derzeit einzige evidenzbasierte Maßnahme zur Verringerung der Frailty dar. Multimodale Programme mit Kraft- und Ausdauertraining, Atem- und Gleichgewichtsübungen, kombiniert mit Ernährungsberatung und psychosozialer Betreuung, zeigen die besten Effekte. Telerehabilitation bietet neue Perspektiven, insbesondere für Patient:innen mit eingeschränkter Mobilität, die Adhärenzraten liegen zwischen 60 und 90%.Studien zeigen signifikante Verbesserungen in SPPB, Gehgeschwindigkeit, Muskelkraft und Lebensqualität. Nebenwirkungen wurden keine berichtet.
Klinische Implikationen
Frailty-Assessment sollte fester Bestandteil der LuTX-Evaluation sein (SPPB, EFS, FI, LT-FS). Frailty stellt kein Ausschlusskriterium dar – sie ist vielmehr ein modifizierbarer Risikofaktor. Prähabilitation (vor LuTX) und strukturierte Nachsorge (nach LuTX) verbessern die funktionelle Erholung und Prognose. In Kombination mit Biomarkern (TTV-DNA oder cfDNA) könnte die Quantifizierung der Frailty eine objektive Immun- und Stressüberwachung ermöglichen.
Ausblick
Die derzeitige Evidenz ist überzeugend, aber methodisch sehr uneinheitlich und heterogen. Es fehlen große, multizentrische RCT, welche Rehabilitationsstrategien, Biomarker-Monitoring und Outcome-Parameter systematisch verbinden. Künftig sollten Frailty-Scores zur holistischen Erfassung der klinischen Realität mit biologischen und digitalen Parametern (Wearables, AI-gestützte Bewegungs- und Vitalanalysen) kombiniert werden.
Langfristig ist die Integration in multizentrische Register (z.B. RDA-Austria oder ISHLT-Datenbanken) erforderlich, um standardisierte Benchmarks für Prävalenz, Reversibilität und Outcome zu schaffen.
Literatur:
1 Varughese R et al.: An update on frailty in lung transplantation. Curr Opin Organ Transplant 2020; 25(3): 274-9 2 Fuller LM et al.: What happens to frailty in the first year after lung transplantation? Clin Transplant 2024; 38(7): e15393 3 Hage R et al.: Effects of comorbidity and frailty on hospitalization and mortality in lung transplant recipients. Exp Clin Transplant 2024; 22(9): 698-705 4 Varughese RA et al.: Cumulative deficits frailty index predicts outcomes for solid organ transplant candidates. Transplant Direct 2021; 7(3): e677 5 Singer JP et al.: Frailty phenotypes and mortality after lung transplantation: A prospective cohort study. Am J Transplant 2018; 18(8): 1995-2004 6 Singer JP et al.: The association between frailty and chronic lung allograft dysfunction after lung transplantation. Transplant 2023; 107(10): 2255-61 7 McGarrigle L et al.: Rehabilitation interventions to modify physical frailty in adults before lung transplantation: a systematic review protocol. BMJ Open 2024; 14(4): e078561 8 Lee SW et al.: Comparison of the effects of multiple frailty and nutritional indexes on postoperative outcomes in critically ill patients undergoing lung transplantation. Medicina (Kaunas) 2024; 60(7): 1018 9 Swaminathan AC et al.: Evaluation of frailty measures and short-term outcomes after lung transplantation. Chest 2023; 164(1): 159-68 10 Macrae TA et al.: Frailty and genetic risk predict fracture after lung transplantation. Am J Transplant 2023; 23(2): 214-22 11 Denfeld QE et al.: Assessing and managing frailty in advanced heart failure: An International Society for Heart and Lung Transplantation consensus statement. J Heart Lung Transplant 2023; 1053-2498(23)02028-4 12 Montgomery E et al.: Frailty measures in patients listed for lung transplantation. Transplant 2022; 106(5): 1084-92 13 Koutsokera A et al.: Frailty predicts outcomes in cystic fibrosis patients listed for lung transplantation. J Heart Lung Transplant 2022; 41(11): 1617-27 14 Bourgeois N et al.: Relationship of exercise capacity, physical function, and frailty measures with clinical outcomes and healthcare utilization in lung transplantation: A Scoping Review. Transplant Direct 2022; 8(11): e1385 15 Diamond JM et al.: Mobile health technology to improve emergent frailty after lung transplantation. Clin Transplant 2021; 35(4): e14236 16 Agarwal A, Neujahr DC: Frailty in lung transplantation: candidate assessment and optimization. Transplantat 2021; 105(10): 2201-12 17 Venado A et al.: Frailty after lung transplantation is associated with impaired health-related quality of life and mortality. Thorax 2020; 75(8): 669-78 18 Perez AA et al.: Improvements in frailty contribute to substantial improvements in quality of life after lung transplantation in patients with cystic fibrosis. Pediatr Pulmonol 2020; 55(6): 1406-13 19 Montgomery E et al.: Frailty in lung transplantation: a systematic review. Expert Rev Respir Med 2020; 14(2): 219-27 20 Montgomery E et al.: Reversibility of frailty after lung transplantation. J Transplant 2020; 2020: 3239495 21 Montgomery E et al.: Frailty as a predictor of mortality in patients with interstitial lung disease referred for lung transplantation. Transplantat 2020; 104(4): 864-72 22 Halpern AL et al.: A comparison of frailty measures at listing to predict outcomes after lung transplantation. Ann Thorac Surg 2020; 109(1): 233-40 23 Venado A et al.: Frailty trajectories in adult lung transplantation: A cohort study. J Heart Lung Transplant 2019; 38(7): 699-707 24 Stanjek-Cichoracka A et al.: Assessment of cytokines, biochemical markers of malnutrition and frailty syndrome patients considered for lung transplantation. Transplant Proc 2019; 51(6): 2009-13 25 Snyder LD, Singer LG: Beyond the eyeball test: Measures of frailty in lung transplantation. J Heart Lung Transplant 2019; 38(7): 708-9 26 Courtwright AM et al.: Discharge frailty following lung transplantation. Clin Transplant 2019; 33(10): e13694 27 Rozenberg D et al.: Frailty and clinical benefits with lung transplantation. J Heart Lung Transplant 2018; 37(10): 1245-53 28 Schaenman JM et al.: Frailty and aging-associated syndromes in lung transplant candidates and recipients. Am J Transplantat 2021; 21 (6): 2018-24 29 Bottiger BA et al.: Frailty in the end-stage lung disease or heart failure patient: implications for the perioperative transplant clinician. J Cardiothor Vasc Anesth 2019; 33(5): 1382-92
Das könnte Sie auch interessieren:
Remission bei Asthma
Asthmaremission wurde im Biologika-Zeitalter als ehrgeiziges Therapieziel etabliert – der Begriff ist allerdings nach wie vor nicht einheitlich definiert. Offene Fragen bestehen auch im ...
Semaglutid: weniger Exazerbationen bei Asthma und COPD?
Eine große britische Real-World-Analyse deutet darauf hin, dass eine Therapie mit GLP-1-Rezeptor-Agonisten bei Atemwegserkrankungen mit einer Abnahme der Zahl an akuten Exazerbationen ...