Forschungspreise für praxisnahe und innovative Projekte
Im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie (ÖGPÄRC) in Kitzbühel wurden in Kooperation mit der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien Forschungspreise verliehen, die eindrucksvoll das wissenschaftliche Potenzial wie auch die Relevanz von Forschungsarbeit widerspiegeln.
Der Forschungspreis der Sigmund Freud PrivatUniversität (SFU) in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie (ÖGPRÄC) besteht nun seit fünf Jahren. Er wurde mit dem Ziel ins Leben gerufen, insbesondere niederschwellige Unterstützung für praxisnahe und innovative Forschungsprojekte im Bereich der plastischen Chirurgie zu ermöglichen. Von Beginn an richtete sich der Preis bewusst auch an junge Wissenschaftler:innen sowie an klinisch tätige Kolleg:innen, die Forschungsfragen aus dem Versorgungsalltag heraus entwickeln und wissenschaftlich bearbeiten möchten.
In den ersten Jahren stieß der Forschungspreis auf reges Interesse und konnte eine Reihe qualitativ hochwertiger Projekte fördern. Leider ist in den vergangenen Jahren jedoch ein kontinuierlicher Rückgang der Zahl der Einreichungen zu verzeichnen. Diese Entwicklung gibt Anlass zur Sorge und erfordert eine offene und selbstkritische Auseinandersetzung mit dieser Thematik.
Ein Forschungspreis kann seine intendierte Wirkung nur dann entfalten, wenn er von der wissenschaftlichen und klinischen Community aktiv angenommen und als relevante Fördermöglichkeit wahrgenommen wird.
Der Forschungspreis versteht sich nicht nur als finanzielle Unterstützung, sondern auch als ideelle Anerkennung wissenschaftlicher Arbeit sowie als Plattform zur Sichtbarmachung innovativer Projekte innerhalb der Fachgesellschaft. Sinkende Einreichzahlen stellen daher nicht nur die Zukunft des Preises, sondern auch seine Funktion als Impulsgeber für Forschung und Nachwuchsförderung infrage. Sollte sich diese Entwicklung im kommenden Jahr nicht umkehren, wird ernsthaft zu prüfen sein, ob es sinnvoll ist, den Forschungspreis in seiner bisherigen Form weiterzuführen.
Gleichzeitig besteht die Hoffnung, dass das Bewusstsein für die Bedeutung von Forschung in unserer Fachgesellschaft wieder stärker wächst und sich dies in einer wieder erhöhten Anzahl an Einreichungen widerspiegelt. Forschung ist ein zentraler Bestandteil der Weiterentwicklung unseres Fachgebiets und lebt vom Engagement, von der Neugier und vom Mut, neue Fragestellungen zu verfolgen. Der Forschungspreis der SFU – ÖGPRÄC soll auch weiterhin einen niederschwelligen Rahmen bieten, um genau dieses Engagement zu fördern.
In den folgenden Abschnitten stellen wir Ihnen die Preisträger:innen des Jahres 2025 vor. Sie haben ihre Projekte im Rahmen der letzten Jahrestagung in Kitzbühel präsentiert und eindrucksvoll gezeigt, welches wissenschaftliche Potenzial und welche Relevanz in diesem Forschungsbereich vorhanden sind. Diese Arbeiten stehen exemplarisch für den Anspruch und die Zielsetzung des Forschungspreises und sollen zugleich als Motivation dienen, den Preis künftig wieder stärker als Chance zur Unterstützung eigener Forschungsprojekte wahrzunehmen.
Mit herzlichen Grüßen
Ass. Prof. Dr. Dirk Hellekes, MA
Univ.-Prof. Dr. Michael Smola
Sigmund Freud PrivatUniversität Wien
Prof. Dr. Hellekes (2.v.l.) mit den Preisträger:innen Dr. Maximilian Moshammer und Dr. Marie-Luise Wagner (Mitte) sowie Vertreter:innen der Industrie
Allgemeine Preise
Platz 1: Die Auswirkungen von Verbrennungsverletzungen auf den Knochenstoffwechsel
Einleitung
Schwere Verbrennungsverletzungen führen über den akuten Gewebeschaden hinaus zu ausgeprägten systemischen Lang-zeitfolgen. Die posttraumatische Stress- und Entzündungsreaktion ist mit einem anhaltenden Hypermetabolismus, hormonellen Dysregulationen sowie tiefgreifenden Veränderungen des Knochenstoffwechsels assoziiert. Während der systemische Knochenverlust nach Verbrennungen gut beschrieben ist, ist bislang unzureichend geklärt, ob auch der Knochen direkt unterhalb einer Verbrennungsverletzung lokal beeinträchtigt wird. Ziel meiner Forschung ist es, systemische und lokale Veränderungen der Knochenqualität nach Verbrennungsverletzungen zu untersuchen und zu klären, in welchem Ausmaß lokale Effekte über den systemischen Einfluss hinaus bestehen.
Methodik
Zur Untersuchung dieser Fragestellung wurde eine klinische Studie mittels hochauflösender peripherer quantitativer Computertomografie (HR-pQCT) durchgeführt. Neun Patient:innen mit Handverbrennungen wurden intraindividuell untersucht, wobei der Bereich der tiefsten Verbrennung mit der entsprechenden Region der kontralateralen, unverbrannten Hand verglichen wurde. Zusätzlich wurde der Radius beider Hände als nicht direkt betroffene Referenzregion analysiert. Dabei zeigte sich im Vergleich zur gesunden Hand eine signifikante Reduktion der totalen volumetrischen Knochendichte direkt unterhalb der Verbrennungsstelle (p=0,035) mit einer großen Effektstärke von −0,81 (95%CI: −1,52 bis −0,06). Am Radius konnte hingegen kein signifikanter Unterschied festgestellt werden (p=0,764), was gegen eine handbedingte Inaktivität als primäre Ursache der verminderten Knochendichte spricht. Diese Interpretation wird zusätzlich dadurch gestützt, dass die mittlere Handkraft der verbrannten Hände mit 42,6±10,5kg nicht vermindert war und sogar leicht über jener der Kontrollhand lag (40,7±9,7).
Diese Arbeit wird derzeit zur Publikation vorbereitet und erfolgt im Rahmen meiner Dissertation unter der Supervision von Univ.-Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz, Assoz. Prof. Petra Kotzbeck, PhD, und Ines Fößl, PhD.
Ausblick
Als Ausblick ist eine präklinische Untersuchung in einem etablierten Ratten-Verbrennungsmodell geplant, die an die klinischen HR-pQCT-Befunde anknüpft. Ziel ist es, die zugrunde liegenden Mechanismen, welche eine Veränderung der Knochenqualität bewirken, näher zu charakterisieren und besser zu verstehen. Dabei sollen insbesondere unterschiedliche Behandlungsstrategien, vor allem frühes versus spätes Débridement, hinsichtlich ihres Einflusses auf die lokale Entzündungsreaktion, systemische Inflammationsmarker und nachfolgende Veränderungen der Knochenqualität untersucht werden. Hierfür werden Knochenproben entnommen und mittels Mikro-CT, quantitativer Genexpressionsanalysen sowie histologischer Verfahren analysiert, um die klinisch beobachteten Veränderungen mechanistisch einzuordnen und mögliche therapeutische Ansatzpunkte für die Nachsorge von Verbrennungspatient:innen abzuleiten.
Preisträger/Autor:
Dr. Maximilian Moshammer1, 2
1Research Unit Tissue Regeneration,
Repair and Reconstruction
Klinische Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie
Universitätsklinik für Chirurgie
Medizinische Universität Graz
2COREMED – Zentrum für Regenerative Medizin und Präzisionsmedizin, JOANNEUM RESEARCH Forschungsgesellschaft mbH, Graz
E-Mail:
maximilian.moshammer@medunigraz.at
Platz 2: Beobachtungsstudie: Lebensqualität nach sekundärer autologer Brustrekonstruktion mit sensibler Reinnervation
Keypoints
-
6 Monate nach einer sekundären, sensiblen autologen Mammarekonstruktion ist das physische Wohlbefinden signifikant höher als nach einer Mastektomie.
-
Die Sensibilität der Brust und die Brustzufriedenheit korrelieren positiv mit dem sexuellen und psychischem Wohlbefinden.
-
Sensibilität ist kein Detail, sondern ein Outcome-Treiber: Nach 30 Monaten weisen Patientinnen mit guter Sensibilität eine signifikant höhere Lebensqualität auf.
Einleitung
Die autologe Rekonstruktion und die sensible Reinnervation der Brust nach einer Mastektomie sind ein bedeutender Schritt in der Wiederherstellung der physischen, psychischen und sexuellen Gesundheit von Frauen, die von Brustkrebs betroffen sind. Neben der Wiederherstellung der äußeren Erscheinung spielt die Verbesserung der Lebensqualität eine entscheidende Rolle bei der ganzheitlichen Genesung dieser Patientinnen.
Hintergrund
Das Hauptziel dieser Studie besteht darin, ein umfassendes Verständnis dafür zu entwickeln, wie sich die sekundäre autologe Brustrekonstruktion auf die Lebensqualität der betroffenen Frauen auswirkt. Untersuchungen dieser Art sind in der Forschung dünn gesät, denn bisher beschäftigten sich Studien hauptsächlich mit dem Einfluss primärer autologer Rekonstruktion auf die Lebensqualität. Besonderes Augenmerk gilt der sensiblen Reinnervation, welche aufgrund des zusätzlichen chirurgischen Aufwands und der erforderlichen Expertise oft stiefmütterlich behandelt wird.
Fragestellungen im Mittelpunkt
„Führt die sekundäre Brustrekonstruktion nach Mastektomie bei Brustkrebspatientinnen zu einer signifikanten Verbesserung der Lebensqualität im Vergleich zur Mastektomie allein?“ und „Welchen Einfluss hat die sensible Reinnervation der Brust auf die Lebensqualiät?“
Design
Diese prospektive, monozentrische Beobachtungsstudie wurde am Department für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie im Krankenhaus Göttlicher Heiland in Wien im Zeitraum von Jänner 2020 bis März 2025 durchgeführt. Die Einteilung der Probandinnen erfolgte in zwei Gruppen: die Kontrollgruppe, in welcher die Patieninnen eine Mastektomie erhalten hatten (n=5), und die Interventionsgruppe (n=11), jene Patientinnen mit sekundärer autologer Rekonstruktion und sensibler Reinervation mittels Interponat. Die Datenerhebung erfolgt anhand des BREAST-Q.
Ergebnisse
Signifikante Unterschiede konnten in Bezug auf das physische Wohlbefinden nach 6 Monaten zugunsten der Rekonstruktionsgruppe (p=0,007) beobachtet werden. Außerdem bestehen statistisch signifikante positive Korrelationen zwischen der Sensibilität bzw. der Brustzufriedenheit und dem psychischen und sexuellen Wohlbefinden. 30 Monate nach der Rekonstruktion weisen die Patientinnen mit guter Sensibilität eine signifikant höhere Lebensqualität auf.
Fazit
Die vorliegende Studie zeigt, dass eine sekundäre autologe Brustrekonstruktion nach Mastektomie signifikante Vorteile in Bezug auf die Lebensqualität von Brustkrebspatientinnen bietet. Besonders in den Bereichen Brustzufriedenheit, Sexualität, psychisches und physisches Wohlbefinden wurden in der Rekonstruktionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe positive Effekte festgestellt, die insbesondere in den ersten Monaten postoperativ ausgeprägter sind. Diese Ergebnisse werden durch eine sensible Reinnervation unterstützt und unterstreichen die Bedeutung der Brustrekonstruktion nicht nur als ästhetische Maßnahme, sondern auch als Unterstützung für die psychosoziale Stabilisierung und Rückgewinnung der sexuellen Funktion.
Preisträgerin/Autorin:
Dr. Marie-Luise Wagner
Allgemein- und Viszeralchirurgie,
Spital Grabs, Schweiz
E-Mail:
Marie-Luise.wagner@h-och.ch
Platz 3: Emotionale Intelligenz und Entscheidungsfindung im chirurgischen Alltag
Einleitung
Der klinische Alltag in chirurgischen Abteilungen ist durch hohe Arbeitsdichte, parallele Prozesse und kontinuierliche Entscheidungsanforderungen geprägt. Medizinisches Handeln erfolgt dabei selten isoliert, sondern eingebettet in Teamstrukturen, Hierarchien und organisatorische Rahmenbedingungen. Neben fachlicher Qualifikation beeinflussen daher auch zwischenmenschliche und strukturelle Faktoren die Qualität von Entscheidungen und Abläufen.
Fragestellung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle emotionaler Intelligenz im klinischen Kontext. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die individuelle Persönlichkeit, sondern die Frage, ob und in welchem Ausmaß sich emotionale und soziale Kompetenzen im medizinischen Arbeitsumfeld gezielt beeinflussen lassen.
Methodik
Als methodischer Rahmen wurde Crew Resource Management (CRM) herangezogen. CRM stammt aus der Luftfahrt und adressiert menschliche Einflussfaktoren in komplexen Arbeitsumgebungen, insbesondere Kommunikation, Situationsbewusstsein und Entscheidungsfindung. Viele dieser Aspekte sind im Klinikbetrieb bekannt, werden jedoch meist vorausgesetzt und selten strukturiert reflektiert. Im Rahmen eines CRM-basierten Trainings wurden Mitarbeitende einer chirurgischen Abteilung begleitet und hinsichtlich ausgewählter emotionaler Kompetenzen untersucht. Dabei zeigten sich Veränderungen in mehreren relevanten Bereichen, darunter Selbstwahrnehmung, Emotionsregulation und soziale Interaktion. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Kompetenzen im klinischen Umfeld veränderbar sind.
Im klinischen Alltag entfalten solche Fähigkeiten ihre Bedeutung insbesondere in Situationen, in denen Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen. Emotionale und kommunikative Kompetenzen beeinflussen dabei, welche Informationen wahrgenommen werden, wie Alternativen bewertet werden und wie Entscheidungen innerhalb des Teams zustande kommen. Damit wirken sie nicht isoliert auf das Ergebnis, prägen jedoch den Entscheidungsprozess selbst.
Ergebnis
Die Arbeit ordnet emotionale Intelligenz folglich nicht als Ersatz fachlicher Expertise ein, sondern als Faktor, der deren Anwendung im Alltag mitstrukturiert. Sie beeinflusst, wie medizinisches Wissen unter realen Bedingungen genutzt wird – insbesondere dort, wo Zeitdruck, Komplexität und Teaminteraktion zusammentreffen. CRM bietet hierfür einen pragmatischen Rahmen, um diese Zusammenhänge im klinischen Alltag sichtbar zu machen und gemeinsame Reflexion zu ermöglichen, ohne bestehende Strukturen zu überfrachten.
Fazit
Insgesamt zeigt sich, dass die bewusste Auseinandersetzung mit nichttechnischen Kompetenzen einen relevanten Beitrag zur Qualität klinischer Entscheidungsprozesse leisten kann, ohne deren fachliche Grundlage infrage zu stellen.
Preisträger/Autor:
Priv.-Doz. Dr. Dr. Sebastian P. Nischwitz, MSc, FEBOPRAS
Research Unit for Responsible Aesthetics Abteilung für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie
Universitätsklinik für Chirurgie
Medizinische Universität Graz
E-Mail:
sebastian.nischwitz@medunigraz.at
Das könnte Sie auch interessieren:
„Ich habe den schönsten Beruf der Welt“
Mit dem diesjährigen Jahreskongress der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie (ÖGPÄRC) in Salzburg hat Prim. Univ.-Doz. Dr. Rupert Koller ...
Drei seltene Nervenkompressionen an der oberen Extremität
Die Nervenkompressionen der oberen Extremität stellen immer noch eine diagnostische Herausforderung dar. Da der überwiegende Teil davon auf das Karpaltunnelsyndrom entfällt sowie in ...
Versorgung peripherer Nervenverletzungen
Periphere Nervenverletzungen können mit erheblichen funktionellen Einschränkungen und chronischen Schmerzen einhergehen. Eine zeitgerechte und zielgerichtete Diagnostik ist entscheidend ...