Rückenschmerz: Die entscheidenden Fälle nicht übersehen
Unser Gesprächspartner:
Priv.-Doz. Dr. Florian Sevelda, MSc
Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie, Orthopädie und Traumatologie, Sportorthopädie, Rheumaorthopädie
Präsident des BVdOT – Berufsverband Österreichischer Fachärzte für Orthopädie und Traumatologie
E-Mail: sevelda@ortho1150.at
Das Interview führte Dr. Marianne Imhof
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Die Wirbelsäule steht im Mittelpunkt der BVdOT-Jahrestagung 2026 am 5. Dezember. Warum gerade Rückenschmerzen für die niedergelassene Orthopädie ein zentrales Thema bleiben, wann bildgestützte Interventionen sinnvoll sind und wo die Grenze zwischen konservativerund operativer Therapie verläuft, erläutert Priv.-Doz. Dr. Florian Sevelda im Gespräch mit JATROS. Weitere Schwerpunkte sind Osteoporose, chronischer Schmerz und Skoliose. Auch berufspolitisch verspricht die Tagung Diskussionsstoff: Im Fokus stehen die künftige Patientenlenkung und die Rolle der fachärztlichen Versorgung.
Herr Sevelda, warum haben Sie die Wirbelsäule als Schwerpunkt der BVdOT-Jahrestagung 2026 gewählt?
F. Sevelda: Kreuzschmerzen sind ein Volksleiden und gehören in der orthopädischen Ordination zum Alltag. Der überwiegende Teil der Beschwerden ist unspezifisch und nicht gefährlich. Gleichzeitig gibt es aber eine kleine Gruppe von Patientinnen und Patienten, bei denen sie ernsthafte Ursachen haben, die man rasch erkennen und einer entsprechenden Therapie zuführen muss. Genau diese Differenzierung macht das Thema für die niedergelassene Orthopädie so relevant.
Haben Wirbelsäulenbeschwerden in den vergangenen Jahren zugenommen?
F. Sevelda: Das würde ich so nicht sagen. Natürlich gibt es neue Phänomene wie den sogenannten «Handynacken», und bei Kindern beobachten wir immer wieder Haltungsschwächen. Auf der anderen Seite sehen wir aber auch einen deutlichen Fitness- und Trainingsboom. Viele Menschen übernehmen heute mehr Eigenverantwortung, bewegen sich gezielt und wissen besser darüber Bescheid, was sie selbst für ihren Bewegungsapparat tun können. Insgesamt habe ich daher nicht den Eindruck, dass Kreuzschmerzen wesentlich häufiger geworden sind.
Wo liegt die größte Herausforderung bei der Abklärung von Rückenschmerzen?
F. Sevelda: Die Herausforderung besteht darin, aus der großen Zahl von Patientinnen und Patienten mit unspezifischen Beschwerden diejenigen herauszufiltern, bei denen tatsächlich eine relevante oder sogar gefährliche Ursache vorliegt. Dafür braucht es fachliche Expertise und klinische Erfahrung.
Orthopädinnen und Orthopäden können die klinische Untersuchung, die Interpretation der Bildgebung und die daraus resultierende Therapieentscheidung zusammenführen. Natürlich muss nicht jeder Mensch mit Rückenschmerzen zwingend zuerst zum Orthopäden. Hausärzte und Primärversorgung haben hier ebenfalls eine wichtige Funktion. Entscheidend ist aber, dass Red Flags erkannt und Patientinnen und Patienten bei Bedarf rechtzeitig fachärztlich abgeklärt werden.
Interventionelle Verfahren spielen ebenfalls eine wichtige Rolle im Tagungsprogramm. Welche Patientinnen und Patienten profitieren davon?
F. Sevelda: Entscheidend ist die Zusammenschau von Klinik und Bildgebung. Ein MRT-Befund allein ist noch keine Indikation für eine Intervention. Wenn beispielsweise eine bestimmte Nervenwurzel durch einen Bandscheibenvorfall oder degenerative Veränderungen eingeengt ist und dies zu den klinischen Beschwerden passt, können gezielte Interventionen durchaus sinnvoll sein.
Diese können je nach Situation unter Bildwandler-, CT- oder auch Ultraschallkontrolle erfolgen. Ob eine solche Intervention angezeigt ist, muss individuell anhand der Beschwerden und der bildgebenden Befunde entschieden werden.
Ein weiterer Programmpunkt ist die Osteoporose. Welche Rolle spielt sie in der orthopädischen Praxis?
F. Sevelda: Eine sehr große. Gerade bei älteren Patientinnen und Patienten mit Wirbelsäulenbeschwerden muss man immer auch an osteoporotische Wirbelkörperfrakturen denken. Wichtig ist, diese zu erkennen, eine entsprechende Diagnostik einzuleiten und die weitere Behandlung zu organisieren.
In der niedergelassenen Orthopädie reicht das Spektrum von der Erstdiagnose über die medikamentöse Osteoporosetherapie bis zur längerfristigen Verlaufskontrolle. In bestimmten Situationen kann bei einer frischen Wirbelkörperfraktur auch eine operative Versorgung erforderlich werden. Osteoporose ist zwar ein interdisziplinäres Thema, sie gehört aber ganz wesentlich auch zur Orthopädie.
Wann ist bei Wirbelsäulenerkrankungen der richtige Zeitpunkt für eine Operation?
F. Sevelda: Grundsätzlich sollte man an der Wirbelsäule nur dann operieren, wenn es dafür eine klare Indikation gibt. Bei chronisch degenerativen Veränderungen ohne neurologische Ausfälle steht zunächst meist die konservative Therapie im Vordergrund – etwa mit Schmerztherapie, Infiltrationen und Physiotherapie.
Wenn der Leidensdruck jedoch sehr hoch ist, sich die Beschwerden klar auf ein bestimmtes stark geschädigtes Segment zurückführen lassen und konservative Maßnahmen nicht ausreichen, kann eine Operation sinnvoll werden.
Anders ist die Situation bei akuten neurologischen Ausfällen. Bei einem Bandscheibenvorfall mit ausgeprägten Lähmungserscheinungen kann eine rasche Operation notwendig sein. Bei leichteren neurologischen Defiziten ist die Entscheidung differenzierter. Hier kann unter bestimmten Voraussetzungen zunächst konservativ behandelt werden – allerdings nur mit einer guten Aufklärung und engmaschiger Beobachtung. Bei einer Verschlechterung muss unmittelbar reagiert werden.
Chronische Wirbelsäulenschmerzen erfordern oft mehr als eine rein orthopädische Behandlung. Wie wichtig ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit?
F. Sevelda: Sie ist sehr wichtig. Chronische Schmerzen können die Betroffenen psychisch enorm belasten. Zudem gibt es Patientinnen und Patienten, bei denen unterschiedliche biologische, funktionelle und psychosoziale Faktoren zusammenspielen.
In solchen Situationen können interdisziplinäre Angebote mit Orthopädie, physikalischer Medizin, Schmerzmedizin und gegebenenfalls Psychiatrie oder Psychotherapie einen großen Vorteil bieten. Neue schmerzmedizinische Einrichtungen sollten daher nicht als Konkurrenz zur Orthopädie verstanden werden. Im Gegenteil: Eine gute Zusammenarbeit kann für die Patientinnen und Patienten einen echten synergistischen Effekt haben.
Auch die Skoliose wird bei der Tagung behandelt. Wo liegen hier die Herausforderungen?
F. Sevelda: Viele Skoliosen sind zunächst unproblematisch. Gerade bei Kindern und Jugendlichen muss man aber berücksichtigen, dass sich eine Skoliose während eines Wachstumsschubs innerhalb relativ kurzer Zeit deutlich verschlechtern kann.
Deshalb ist eine strukturierte Verlaufskontrolle entscheidend. Bei gering ausgeprägten Befunden kann beispielsweise eine jährliche Kontrolle ausreichen. Bei grenzwertigen oder stärker ausgeprägten Veränderungen müssen die Intervalle entsprechend kürzer gewählt werden, damit bei Bedarf rechtzeitig eine Miederversorgung eingeleitet werden kann. Ziel ist, eine relevante Progression während des Wachstums nicht zu übersehen.
Neben den medizinischen Themen nimmt auch die Standespolitik Raum ein. Was beschäftigt die niedergelassenen Orthopädinnen und Orthopäden derzeit besonders?
F. Sevelda: Ein wichtiges Thema ist die Frage, wie sich Primärversorgung, Patientenlenkung und fachärztliche Versorgung künftig entwickeln. Eine gut erreichbare Primärversorgung ist selbstverständlich wichtig. Gleichzeitig halten wir es für wesentlich, dass Patientinnen und Patienten bei entsprechenden Beschwerden weiterhin einen niederschwelligen Zugang zu Fachärztinnen und Fachärzten haben.
Aus fachärztlicher Sicht darf eine stärkere Patientenlenkung nicht dazu führen, dass notwendige Spezialdiagnostik oder Therapie verzögert wird. Telemedizin und Primärversorgung können in bestimmten Situationen sehr sinnvoll sein – sie sollten aber bestehende fachärztliche Strukturen sinnvoll ergänzen und nicht ersetzen. Diese Fragen wollen wir bei der Tagung gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Ärztekammer und Politik diskutieren.
Vielen Dank für das Gespräch!
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