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Innovationsfondsprojekt zur besseren Patient:innenversorgung

MIGRA-MD: ein Projekt zur Verbesserung der Migräneversorgung in Deutschland

Migräne gehört zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen und bedeutet für die Betroffenen oft deutliche Beeinträchtigung. Die prinzipiell guten Therapiemöglichkeiten erreichen viele Patientinnen und Patienten nicht. Der Beitrag zeigt, wie das Projekt MIGRA-MD („Strukturierte fachärztliche Migräneversorgung: multimodal und digital“) mit Elementen aus den Bereichen Digitalisierung, Schulung und Vernetzung die fachärztliche Behandlung von Migränepatientinnen und -patienten verbessern soll.

Keypoints

  • Migräne ist häufig und bleibt oft unterversorgt: Viele Patientinnen und Patienten erhalten keine leitliniengerechte Akut- oder Prophylaxetherapie.

  • Fachärztliche Kapazitäten sind beschränkt: MIGRA-MD soll die fachärztliche Migränebehandlung wirksamer und effizienter machen.

  • Digitalisierung kann sinnvoll unterstützen: Ein digitaler Kopfschmerzkalender und Kopfschmerzfragebogen sowie digitale Schulungsmöglichkeiten ergänzen die fachärztliche Behandlung.

  • Die Wirksamkeit wird aktuell in einer randomisiert-kontrollierten Studie untersucht.

Migräne betrifft ca. 10% der Bevölkerung und tritt besonders häufig im mittleren, beruflich aktiven Lebensalter auf.1,2 Unter den neurologischen Erkrankungen in Westeuropa ist sie die führende Ursache für den Verlust an gesunden Lebensjahren.3 Die damit verbundenen direkten und indirekten Kosten – insbesondere durch Produktivitätsverlust und Fehlzeiten – sind auch aus volkswirtschaftlicher Sicht erheblich.4 Es stehen wirksame Therapieoptionen zur Verfügung, die z. B. in der aktuellen deutschen Leitlinie zusammengefasst sind.5 Allerdings ist die Anamnese bei schwer Betroffenen oft aufwendig und lässt wenig Zeit für die individuelle Beratung mit sorgfältiger Auswahl einer leitliniengerechten Akuttherapie und Migräneprophylaxe.6 Dabei existiert inzwischen ein breites Spektrum effektiver Therapiemöglichkeiten, einschließlich migränespezifischer Ansätze wie CGRP-Antikörper und Gepante.5 Auch die gut wirksamen nichtmedikamentösen Maßnahmen zur Prophylaxe, wie Edukation, Entspannungstraining und Ausdauersport, werden häufig zu wenig genutzt.7

Eine niederfrequente Migräne kann in der Regel gut hausärztlich betreut werden. Bei höherfrequenter Migräne mit Indikation zur Prophylaxe – insbesondere nach bereits erfolglosen Therapieversuchen – ist hingegen eine fachärztliche Mitbehandlung sinnvoll.5 Gerade bei häufigen und deutlich beeinträchtigenden Verläufen sollten zudem psychosoziale Faktoren berücksichtigt werden,5,8 da bei Patientinnen und Patienten mit psychischen Begleiterkrankungen und Belastungsfaktoren ein Risiko für eine Progression der Migräne besteht.9

Der Erfolg einer fachärztlichen Behandlung lässt sich wesentlich verbessern, wenn Patientinnen und Patienten gut vorbereitet zum Termin erscheinen. Dazu gehören ein aktueller Kopfschmerzkalender, relevante patientenberichtete Endpunkte (PROMs; z. B. zur Beeinträchtigung, zu Depression, Angst und Lebensqualität) sowie eine vollständige Dokumentation von Medikation, bisherigen Therapieversuchen und Begleiterkrankungen. Hierfür können moderne digitale Anwendungen unterstützen, etwa das seit 2020 verfügbare DMKG-Kopfschmerzregister mit zugehöriger App.10,11

Zur Verbesserung der Migräneversorgung wurde die neue Versorgungsform MIGRA-MD (Strukturierte fachärztliche Migräneversorgung – multimodal und digital) vom LMU Klinikum München und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) entwickelt und vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gefördert.12 In einem Konsortium aus 10 Partnern wird seit Juni 2025 die neue Versorgungsform konzipiert und die entsprechenden digitalen und anderen Tools werden entwickelt. Seit März 2026 läuft die Erprobung in einer offenen, randomisiert kontrollierten Studie.

Konzepte zur Verbesserung der Migräneversorgung

In MIGRA-MD werden verschiedene Ansätze genutzt, um die fachärztliche Versorgung effizienter und wirksamer zu gestalten. Die neue Versorgungsform (nVF) kombiniert dafür Elemente aus den Bereichen Digitalisierung, Schulung und Vernetzung (Abb. 1).

Abb. 1: Prinzipien der neuen Versorgungsform MIGRA-MD

Teilnehmende Fachärztinnen und Fachärzte werden durch die DMKG zu aktuellen, leitliniengerechten Therapieoptionen für Migräne geschult. Patientinnen und Patienten bereiten sich mithilfe der DMKG-App, die einen digitalen Kopfschmerzkalender mit täglicher Erfassung von Kopfschmerzen und Akutmedikation beinhaltet, sowie eines digitalen Kopfschmerzfragebogens im Kopfschmerzregister auf ihren Termin vor. Damit liegen zum Zeitpunkt des Arzttermins bereits alle für die Behandlung relevanten Daten vor. Die erhobenen Daten werden im Arztportal übersichtlich dargestellt und können als Grundlage für eine strukturierte Anamnese genutzt werden. Ergänzend werden dort Veränderungs-Scores zur Verlaufsbeurteilung dargestellt und relevante Inhalte der deutschen Migräneleitlinie5 in Form von Checklisten aufbereitet. Dadurch wird der Arzttermin effektiver gestaltet und eine gezielte Behandlung erleichtert.

Die nichtmedikamentöse Prophylaxe (v. a. Stressmanagement, Ausdauersport, Entspannungsverfahren) ist erwiesenermaßen wirksam zur Migränetherapie, wird aber oft zu wenig eingesetzt. Die Zeit in der Sprechstunde ist häufig zu knapp, um die Patientinnen und Patienten zu diesem Thema ausführlich zu beraten und zu motivieren. In multimodalen Kopfschmerzprogrammen über mehrere Tage oder Wochen gelingt das naturgemäß besser, die Plätze dafür sind aber begrenzt und außerhalb größerer Städte wenig verfügbar. Digitale Medien bieten die Möglichkeit, die notwendigen Inhalte auch größeren Patient:innenkollektiven zur Verfügung zu stellen. Ein besonderer Fokus von MIGRA-MD liegt daher auf der Patient:innenedukation über das Online-Portal „MIGRA-MD Wissen“. Es bietet 5- bis 15-minütige Videos und Audios zur medizinischen, physiotherapeutischen und psychologischen Kopfschmerzedukation sowie Anleitungen zu nichtmedikamentösen Prophylaxemaßnahmen. Das Angebot ist in einen Basis- und einen Fortgeschrittenenkurs von jeweils etwa vier Stunden gegliedert. Zusätzlich können Patientinnen und Patienten an Videokonferenzen mit Expertinnen und Experten („Meet-the-Expert“) zu bestimmten Themen teilnehmen und im Anschluss Fragen stellen.

Die Vernetzung zwischen den Versorgungsebenen wird durch strukturierte Arztbriefe an die Hausärztinnen und Hausärzte unterstützt. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, bei diagnostisch oder therapeutisch komplexen Fällen Expertinnen und Experten der DMKG konsiliarisch einzubinden.

Erprobung in einer randomisiert-kontrollierten Studie

Die Evaluation der neuen Versorgungsform erfolgt in einer multizentrischen, randomisiert-kontrollierten, offenen Studie (RCT) bei erwachsenen Migränepatientinnen und -patienten mit 4 bis 25 Kopfschmerztagen pro Monat (Abb. 2). Es werden Patientinnen und Patienten mit maximal 2 gescheiterten Vortherapien zur Migräneprophylaxe eingeschlossen, die noch nicht an einer multimodalen Schmerz- oder Kopfschmerztherapie teilgenommen haben.

Abb. 2: Studiendesign der MIGRA-MD-Studie

Nach einer einmonatigen Baselinephase werden die Patientinnen und Patienten im Verhältnis 1:1 in Behandlungs- und Kontrollgruppe randomisiert. Die Behandlungsgruppe startet innerhalb von 4 Wochen mit der fachärztlichen Behandlung (3 Termine im Abstand von je 3 Monaten) und erhält Zugang zu der Plattform MIGRA-MD Wissen und zu den Meet-the-Expert-Veranstaltungen. Die DMKG-App und der digitale Kopfschmerzfragebogen werden laufend geführt bzw. jeweils vor der anstehenden Visite ausgefüllt. Die Kontrollgruppe führt zunächst für 3 Monate ihre übliche Behandlung fort und erhält danach ebenfalls die Studienbehandlung. Es schließt sich eine Nachbeobachtungsphase von 3–6 Monaten an.

Geplant ist der Einschluss von insgesamt 1000 Patientinnen und Patienten. Diese werden an 50 fachärztlichen Praxen und Zentren deutschlandweit behandelt. Die Rekrutierung hat im März 2026 begonnen.

Endpunkte und Projektziele

Primäre Endpunkte sind die Reduktion der monatlichen Kopfschmerztage sowie die Abnahme der kopfschmerzbedingten Beeinträchtigung, gemessen mit dem Migraine Disability Assessment (MIDAS) nach drei Monaten. Zusätzlich erfolgt die longitudinale Evaluation der Wirksamkeit der Intervention über 12 Monate.

Ziel von MIGRA-MD ist es, die Versorgungsqualität nachhaltig zu verbessern, die Lebensqualität und Produktivität der Betroffenen zu steigern und krankheitsbedingte Kosten langfristig zu senken. Im Falle eines positiven Studienergebnisses könnte die Empfehlung einer Übernahme in die Regelversorgung der gesetzlichen Krankenversorgung in Deutschland ausgesprochen werden.

1 GBD 2016 Headache Collaborators (2018) Global, regional, and national burden of migraine and tension-type headache, 1990-2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. Lancet Neurol 2018; 17(11):954-76 2 Sorgenfrei V et al.: High achievement motivation is not related to increased use of acute headache medication in migraine: a cross-sectional observational cohort study. Headache 2018; 58(10): 1629-38 3 GBD 2016 Neurology Collaborators (2019) Global, regional, and national burden of neurological disorders, 1990-2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. Lancet Neurol 2019; 18(5): 459-80 4 Linde M et al.: The cost of headache disorders in Europe: the Eurolight project. Eur J Neurol 2012; 19(5): 703-11 5 Diener H-C et al.: Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne, S1-Leitlinie, 2025, DGN und DMKG, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie 6 Katsarava Z et al.: Poor medical care for people with migraine in Europe - evidence from the Eurolight study. J Headache Pain 2018; 19(1): 10 7 Kropp P et al.: Relaxation techniques and behavioural therapy for the treatment of migraine: Guidelines from the German Migraine and Headache Society. Schmerz 2017; 31(5): 1-14 8 Dresler T et al.: Understanding the nature of psychiatric comorbidity in migraine: a systematic review focused on interactions and treatment implications. J Headache Pain 2019; 20(1): 51 9 Buse DC et al.: Migraine progression: a systematic review. Headache 2019; 59(3): 306-38 10 Ruscheweyh R et al.: The headache registry of the German Migraine and Headache Society (DMKG): baseline data of the first 1,351 patients. J Headache Pain 2022; 23(1): 74 11 Ruscheweyh R et al.: What do patients’ efficacy and tolerability ratings of acute migraine medication tell us? Cross-sectional data from the DMKG Headache Registry. Cephalalgia 2023; 43(5): 3331024231174855 12 Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): MIGRA-MD – Strukturierte fachärztliche Migräneversorgung – multimodal und digital, in: Innovationsfonds, https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/migra-md.708 (Zugriff am 07.05.2026)

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