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Austausch über medizinische, politische und gesellschaftliche Entwicklungen
Jatros
30
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07.03.2019
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<p class="article-intro">Im November 2018 tagten die Gesellschaft für Neuropädiatrie, die Deutsche Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie unter einem Dach. Beim größten interdisziplinären deutschsprachigen Neurologiekongress für die generationenübergreifende Erforschung, Diagnose und Therapie von Erkrankungen des Gehirns, des Rückenmarks, der Nerven und der Muskeln trafen sich über 7000 Experten, um über die verschiedenen Ebenen der Neuromedizin zu diskutieren.</p>
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<p class="article-content"><h2>Zeit für eine neue Wertediskussion</h2> <p>Neurologen müssen täglich Entscheidungen treffen, bei denen sie zwischen medizinischen und ökonomischen Argumenten abwägen müssen. Der technische Fortschritt und die Digitalisierung der Medizin haben die Neurologie erheblich verändert. Auf der einen Seite stehen technischer Fortschritt, innovative Diagnostik und neue Therapieoptionen, auf der anderen Seite entwickelt sich das Gesundheitswesen zunehmend zu einem profitorientierten System, in dem Gesundheit zur Ware und der Patient zum Kunden oder zum Kostenfaktor wird. „In diesem Spannungsfeld müssen wir die Führungsrolle von uns Neurologen neu definieren“, sagt Prof. Dr. Christine Klein, Direktorin des Instituts für Neurogenetik an der Universität Lübeck und seit 2019 Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Auf der Neurowoche startete die Fachgesellschaft nun REimagine MEDICINE. Das Projekt wurde von Prof. Peter P. Pramstaller aus Bozen und Priv.-Doz. Dr. Gerhard J. Jungehülsing aus Berlin mit Unterstützung durch den DGN-Vorstand ins Leben gerufen. „Es geht darum, unsere Rolle als Neurologen im Medizin- und Gesundheitssystem neu zu gestalten“, beschreibt Klein die Ziele des mehrstufigen Projekts. Erste Ergebnisse standen bereits im Rahmen der Neurowoche fest.<br /> Die Neurologie ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass neben Ökonomisierung auch die Komplexität und die Wissensbeschleunigung die Dynamik des Fachs erhöhen und sich damit für die Patienten vielfältige neue Therapieoptionen bieten. Doch wie und wohin wird sich die Neurologie in den nächsten Jahren entwickeln? Wird es zu einer weiteren Ökonomisierung des Fachs kommen? Werden wirtschaftliche Zwänge ärztliches Handeln maßgeblich bestimmen? Die Wertediskussion in der Medizin ist in vollem Gange. Unbestreitbar ist, dass wirtschaftliche Überlegungen in diese Diskussionen einbezogen werden müssen. Die Ressourcen sind begrenzt.</p> <p><strong>Das System von innen heraus verändern</strong><br /> „Bisher spielen wir Ärzte in dieser wichtigen Debatte keine oder nur eine untergeordnete Rolle“, konstatiert Christine Klein. „Dabei sind Patientenwohl und Patientennutzen unabdingbar mit unserem Rollenbild als Neurologen verbunden“, so Klein weiter. Die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen rufen geradezu nach einer neuen Führungsrolle des Arztes in der Medizin. „Wir Neurologen dürfen uns nicht als Opfer des Systems sehen. Es liegt an uns, Veränderungen des Medizinbetriebs von innen heraus nachhaltig mitzugestalten“, appelliert Klein an die Kolleginnen und Kollegen in der Neurologie. „Wir Ärzte haben eine Führungsrolle als Gestalter und Vermittler zwischen Patienten und Gesundheitssystem, im Schulterschluss mit Pflege und Management“, ist Klein überzeugt.</p> <p><strong>Die Zukunft der Neurologie aktiv gestalten</strong><br /> Während der Neurowoche fiel der offizielle Startschuss für das DGN-Projekt REimagine MEDICINE. In der interaktiven Forumsveranstaltung „REimagine MEDICINE. Wie wir Neurologen die Medizin verändern wollen!“ stellte die Kongresspräsidentin zunächst das Projekt und die crossmediale Kommunikationsplattform www.re-imagine-medicine.de vor. In einer interaktiven Live-Abstimmung erörterten Neurologen anschließend richtungsweisende Themen des Berufsbildes, die ihnen Orientierung im Berufsalltag geben und für ihr Rollenbild maßgeblich sind. In der zweiten Phase dienen diese Ergebnisse des kreativen Ideenaustauschs dazu, konkrete Veränderungsprojekte unter Ärzten zu planen.</p> <h2>Gehirnforschung: die große Rolle der kleinen Zellen</h2> <p>Die Funktion von Mikrogliazellen wurde lange unterschätzt. Die kleinen Nachbarn der Nervenzellen galten bisher als Immunzellen des zentralen Nervensystems, die in erster Linie Krankheitserreger, insbesondere Bakterien, aufspüren. Doch jüngste Forschungsergebnisse zeigen: Sie sind noch weit wichtiger für die Gesundheit des Gehirns. „Mikrogliazellen übernehmen eine zentrale Rolle bei der Gehirnentwicklung und der Vernetzung von Nervenzellen während der Gehirnreifung bei jungen Erwachsenen. Sie sind außerdem von großer Bedeutung für die Entfernung von Abbauprodukten des Gehirnstoffwechsels. Die Hinweise verdichten sich, dass Fehl- oder Überaktivierungen der Mikroglia zur Entstehung einer Reihe neuropsychiatrischer Erkrankungen beitragen“, sagt Prof. Jochen Herms bei der Neurowoche in Berlin. Der Direktor des Zentrums für Neuropathologie und Prionforschung der LMU erklärt, welche Erkenntnisse die Neuropathologie in jüngster Zeit bei der Erforschung von Schizophrenie und Alzheimerdemenz gewinnen konnte.</p> <p><strong>Programmierung im Mutterleib mit lebenslangen Folgen</strong><br /> Mikrogliazellen bevölkern sehr früh das sich entwickelnde Gehirn im Mutterleib. Sie nehmen aktiv an der Einwanderung, Selektion und Ausdifferenzierung von Nervenzellen und anderen Zellen des Gehirns teil. Doch damit sind ihre Aufgaben nicht abgeschlossen. „Mikrogliazellen lernen während der Gehirnentwicklung körperfremde Produkte aus dem mütterlichen Blutkreislauf kennen, etwa Virusbestandteile oder Bestandteile von Bakterien aus dem mütterlichen Darm. Diese Programmierung, man spricht auch von einer epigenetischen Prägung, kann fehlerhaft ablaufen, wenn die Mutter während der Schwangerschaft zum Beispiel an einer Infektionserkrankung leidet“, sagt Jochen Herms, Tagungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie (DGNN).<br /> Diese fehlerhafte Prägung kann möglicherweise lebenslange Konsequenzen haben, denn Mikrogliazellen, das zeigen neueste Untersuchungen im Tiermodell, leben sehr lange. „Neue Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung legen nahe, dass bei einigen Erkrankungen des Gehirns die normalen Funktionen der Mikroglia fehl- bzw. überaktiviert sind“, sagt Herms. „Am konkretesten sind die Hinweise, dass falsch geprägte Mikrogliazellen eine Ursache für die Entwicklung der Schizophrenie sind.“ Diese Erkrankung manifestiert sich typischerweise bei jungen Erwachsenen zu einem Zeitpunkt, zu dem die Mikroglia sehr aktiv ist und überschüssige synaptische Verbindungen zwischen Nervenzellen abbaut.</p> <p><strong>Risiko für Demenz und neurologische Erkrankungen</strong><br /> Aktuelle neuropathologische Studien deuten darauf hin, dass die Funktion der Mikroglia bei zahlreichen neurologischen Erkrankungen eine Rolle spielt, darunter Multiple Sklerose, amyotrophe Lateralsklerose sowie die Parkinsonerkrankung. Besonders gut untersucht ist der Zusammenhang bei Erkrankungen des alternden Gehirns, insbesondere bei der Demenz vom Alzheimertyp. „Fehlfunktionen der Mikroglia erhöhen die Wahrscheinlichkeit, eine Alzheimerdemenz zu entwickeln“, sagt Herms. Abbauprodukte des Stoffwechsels werden schlechter abgeräumt, was zu Ablagerungen von körpereigenen Eiweißen im Gehirn führt, zum Beispiel in Form von Amyloidplaques, und damit die Entwicklung und den Verlauf von neurodegenerativen Erkrankungen vorantreibt. „Die Mikrogliaaktivität kann entweder durch genetische Faktoren, aber wahrscheinlich auch durch chronisch-entzündliche Prozesse gestört werden“, berichtet Herms. „Ein Drittel der Genveränderungen, die das Risiko für neuropsychiatrische Erkrankungen erhöhen, beeinflusst auch die Funktion von Mikrogliazellen.“</p> <p><strong>Neuropathologie: Diagnose und Erforschung neurologischer Erkrankungen</strong><br /> Eine wichtige Aufgabe der Neuropathologie ist die histologische und molekulare Diagnostik anhand von Gewebeproben, insbesondere aus Gehirntumoren. Neuropathologinnen und Neuropathologen entschlüsseln des Weiteren Mechanismen der Entstehung neurologischer Erkrankungen, vor allem auf Basis der Untersuchung des menschlichen Gehirns, aber auch in Tiermodellen, und ebnen so den Weg zu besseren Therapien. Die deutschsprachige Neuropathologie erbringt Spitzenforschung im internationalen Maßstab, insbesondere auf dem Gebiet der Hirntumoren, der neurodegenerativen Erkrankungen wie der Alzheimerkrankheit und anderer Demenzen, der Multiplen Sklerose, der Epilepsie, der Hirngefäßkrankheiten wie Schlaganfall oder der Muskelkrankheiten.</p></p>
<p class="article-quelle">Quelle: Medienmitteilung der DGN zur Neurowoche 2018, 30. Oktober
bis 3. November 2018, Berlin
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<a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a>
<div class="collapse" id="collapseLiteratur">
<p>• Thion MS et al.: Microglia and early brain development: an intimate journey. Science 2018; 362: 185-9 • Wendeln AC et al.: Innate immune memory in the brain shapes neurological disease hallmarks. Nature 2018; 556: 332-8 • Datta M et al.: Histone deacetylases 1 and 2 regulate microglia function during development, homeostasis, and neurodegeneration in a context-dependent manner. Immunity 2018; 48: 514-29 • Füger P et al.: Microglia turnover with aging and in an Alzheimer's model via long-term in vivo single-cell imaging. Nature Neuroscience 2017; 20: 1371-76 • Butovsky O, Weiner HL: Microglial signatures and their role in health and disease. Nature Reviews Neuroscience 2018; 19: 622-35</p>
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