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Neurowoche 2019

Austausch über medizinische, politische und gesellschaftliche Entwicklungen

<p class="article-intro">Im November 2018 tagten die Gesellschaft für Neuropädiatrie, die Deutsche Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie unter einem Dach. Beim größten interdisziplinären deutschsprachigen Neurologiekongress für die generationenübergreifende Erforschung, Diagnose und Therapie von Erkrankungen des Gehirns, des Rückenmarks, der Nerven und der Muskeln trafen sich über 7000 Experten, um über die verschiedenen Ebenen der Neuromedizin zu diskutieren.</p> <hr /> <p class="article-content"><h2>Zeit f&uuml;r eine neue Wertediskussion</h2> <p>Neurologen m&uuml;ssen t&auml;glich Entscheidungen treffen, bei denen sie zwischen medizinischen und &ouml;konomischen Argumenten abw&auml;gen m&uuml;ssen. Der technische Fortschritt und die Digitalisierung der Medizin haben die Neurologie erheblich ver&auml;ndert. Auf der einen Seite stehen technischer Fortschritt, innovative Diagnostik und neue Therapieoptionen, auf der anderen Seite entwickelt sich das Gesundheitswesen zunehmend zu einem profitorientierten System, in dem Gesundheit zur Ware und der Patient zum Kunden oder zum Kostenfaktor wird. &bdquo;In diesem Spannungsfeld m&uuml;ssen wir die F&uuml;hrungsrolle von uns Neurologen neu definieren&ldquo;, sagt Prof. Dr. Christine Klein, Direktorin des Instituts f&uuml;r Neurogenetik an der Universit&auml;t L&uuml;beck und seit 2019 Pr&auml;sidentin der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Neurologie (DGN). Auf der Neurowoche startete die Fachgesellschaft nun REimagine MEDICINE. Das Projekt wurde von Prof. Peter P. Pramstaller aus Bozen und Priv.-Doz. Dr. Gerhard J. Jungeh&uuml;lsing aus Berlin mit Unterst&uuml;tzung durch den DGN-Vorstand ins Leben gerufen. &bdquo;Es geht darum, unsere Rolle als Neurologen im Medizin- und Gesundheitssystem neu zu gestalten&ldquo;, beschreibt Klein die Ziele des mehrstufigen Projekts. Erste Ergebnisse standen bereits im Rahmen der Neurowoche fest.<br /> Die Neurologie ist ein eindrucksvolles Beispiel daf&uuml;r, dass neben &Ouml;konomisierung auch die Komplexit&auml;t und die Wissensbeschleunigung die Dynamik des Fachs erh&ouml;hen und sich damit f&uuml;r die Patienten vielf&auml;ltige neue Therapieoptionen bieten. Doch wie und wohin wird sich die Neurologie in den n&auml;chsten Jahren entwickeln? Wird es zu einer weiteren &Ouml;konomisierung des Fachs kommen? Werden wirtschaftliche Zw&auml;nge &auml;rztliches Handeln ma&szlig;geblich bestimmen? Die Wertediskussion in der Medizin ist in vollem Gange. Unbestreitbar ist, dass wirtschaftliche &Uuml;berlegungen in diese Diskussionen einbezogen werden m&uuml;ssen. Die Ressourcen sind begrenzt.</p> <p><strong>Das System von innen heraus ver&auml;ndern</strong><br /> &bdquo;Bisher spielen wir &Auml;rzte in dieser wichtigen Debatte keine oder nur eine untergeordnete Rolle&ldquo;, konstatiert Christine Klein. &bdquo;Dabei sind Patientenwohl und Patientennutzen unabdingbar mit unserem Rollenbild als Neurologen verbunden&ldquo;, so Klein weiter. Die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen rufen geradezu nach einer neuen F&uuml;hrungsrolle des Arztes in der Medizin. &bdquo;Wir Neurologen d&uuml;rfen uns nicht als Opfer des Systems sehen. Es liegt an uns, Ver&auml;nderungen des Medizinbetriebs von innen heraus nachhaltig mitzugestalten&ldquo;, appelliert Klein an die Kolleginnen und Kollegen in der Neurologie. &bdquo;Wir &Auml;rzte haben eine F&uuml;hrungsrolle als Gestalter und Vermittler zwischen Patienten und Gesundheitssystem, im Schulterschluss mit Pflege und Management&ldquo;, ist Klein &uuml;berzeugt.</p> <p><strong>Die Zukunft der Neurologie aktiv gestalten</strong><br /> W&auml;hrend der Neurowoche fiel der offizielle Startschuss f&uuml;r das DGN-Projekt REimagine MEDICINE. In der interaktiven Forumsveranstaltung &bdquo;REimagine MEDICINE. Wie wir Neurologen die Medizin ver&auml;ndern wollen!&ldquo; stellte die Kongresspr&auml;sidentin zun&auml;chst das Projekt und die crossmediale Kommunikationsplattform www.re-imagine-medicine.de vor. In einer interaktiven Live-Abstimmung er&ouml;rterten Neurologen anschlie&szlig;end richtungsweisende Themen des Berufsbildes, die ihnen Orientierung im Berufsalltag geben und f&uuml;r ihr Rollenbild ma&szlig;geblich sind. In der zweiten Phase dienen diese Ergebnisse des kreativen Ideenaustauschs dazu, konkrete Ver&auml;nderungsprojekte unter &Auml;rzten zu planen.</p> <h2>Gehirnforschung: die gro&szlig;e Rolle der kleinen Zellen</h2> <p>Die Funktion von Mikrogliazellen wurde lange untersch&auml;tzt. Die kleinen Nachbarn der Nervenzellen galten bisher als Immunzellen des zentralen Nervensystems, die in erster Linie Krankheitserreger, insbesondere Bakterien, aufsp&uuml;ren. Doch j&uuml;ngste Forschungsergebnisse zeigen: Sie sind noch weit wichtiger f&uuml;r die Gesundheit des Gehirns. &bdquo;Mikrogliazellen &uuml;bernehmen eine zentrale Rolle bei der Gehirnentwicklung und der Vernetzung von Nervenzellen w&auml;hrend der Gehirnreifung bei jungen Erwachsenen. Sie sind au&szlig;erdem von gro&szlig;er Bedeutung f&uuml;r die Entfernung von Abbauprodukten des Gehirnstoffwechsels. Die Hinweise verdichten sich, dass Fehl- oder &Uuml;beraktivierungen der Mikroglia zur Entstehung einer Reihe neuropsychiatrischer Erkrankungen beitragen&ldquo;, sagt Prof. Jochen Herms bei der Neurowoche in Berlin. Der Direktor des Zentrums f&uuml;r Neuropathologie und Prionforschung der LMU erkl&auml;rt, welche Erkenntnisse die Neuropathologie in j&uuml;ngster Zeit bei der Erforschung von Schizophrenie und Alzheimerdemenz gewinnen konnte.</p> <p><strong>Programmierung im Mutterleib mit lebenslangen Folgen</strong><br /> Mikrogliazellen bev&ouml;lkern sehr fr&uuml;h das sich entwickelnde Gehirn im Mutterleib. Sie nehmen aktiv an der Einwanderung, Selektion und Ausdifferenzierung von Nervenzellen und anderen Zellen des Gehirns teil. Doch damit sind ihre Aufgaben nicht abgeschlossen. &bdquo;Mikrogliazellen lernen w&auml;hrend der Gehirnentwicklung k&ouml;rperfremde Produkte aus dem m&uuml;tterlichen Blutkreislauf kennen, etwa Virusbestandteile oder Bestandteile von Bakterien aus dem m&uuml;tterlichen Darm. Diese Programmierung, man spricht auch von einer epigenetischen Pr&auml;gung, kann fehlerhaft ablaufen, wenn die Mutter w&auml;hrend der Schwangerschaft zum Beispiel an einer Infektionserkrankung leidet&ldquo;, sagt Jochen Herms, Tagungspr&auml;sident der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Neuropathologie und Neuroanatomie (DGNN).<br /> Diese fehlerhafte Pr&auml;gung kann m&ouml;glicherweise lebenslange Konsequenzen haben, denn Mikrogliazellen, das zeigen neueste Untersuchungen im Tiermodell, leben sehr lange. &bdquo;Neue Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung legen nahe, dass bei einigen Erkrankungen des Gehirns die normalen Funktionen der Mikroglia fehl- bzw. &uuml;beraktiviert sind&ldquo;, sagt Herms. &bdquo;Am konkretesten sind die Hinweise, dass falsch gepr&auml;gte Mikrogliazellen eine Ursache f&uuml;r die Entwicklung der Schizophrenie sind.&ldquo; Diese Erkrankung manifestiert sich typischerweise bei jungen Erwachsenen zu einem Zeitpunkt, zu dem die Mikroglia sehr aktiv ist und &uuml;bersch&uuml;ssige synaptische Verbindungen zwischen Nervenzellen abbaut.</p> <p><strong>Risiko f&uuml;r Demenz und neurologische Erkrankungen</strong><br /> Aktuelle neuropathologische Studien deuten darauf hin, dass die Funktion der Mikroglia bei zahlreichen neurologischen Erkrankungen eine Rolle spielt, darunter Multiple Sklerose, amyotrophe Lateralsklerose sowie die Parkinsonerkrankung. Besonders gut untersucht ist der Zusammenhang bei Erkrankungen des alternden Gehirns, insbesondere bei der Demenz vom Alzheimertyp. &bdquo;Fehlfunktionen der Mikroglia erh&ouml;hen die Wahrscheinlichkeit, eine Alzheimerdemenz zu entwickeln&ldquo;, sagt Herms. Abbauprodukte des Stoffwechsels werden schlechter abger&auml;umt, was zu Ablagerungen von k&ouml;rpereigenen Eiwei&szlig;en im Gehirn f&uuml;hrt, zum Beispiel in Form von Amyloidplaques, und damit die Entwicklung und den Verlauf von neurodegenerativen Erkrankungen vorantreibt. &bdquo;Die Mikrogliaaktivit&auml;t kann entweder durch genetische Faktoren, aber wahrscheinlich auch durch chronisch-entz&uuml;ndliche Prozesse gest&ouml;rt werden&ldquo;, berichtet Herms. &bdquo;Ein Drittel der Genver&auml;nderungen, die das Risiko f&uuml;r neuropsychiatrische Erkrankungen erh&ouml;hen, beeinflusst auch die Funktion von Mikrogliazellen.&ldquo;</p> <p><strong>Neuropathologie: Diagnose und Erforschung neurologischer Erkrankungen</strong><br /> Eine wichtige Aufgabe der Neuropathologie ist die histologische und molekulare Diagnostik anhand von Gewebeproben, insbesondere aus Gehirntumoren. Neuropathologinnen und Neuropathologen entschl&uuml;sseln des Weiteren Mechanismen der Entstehung neurologischer Erkrankungen, vor allem auf Basis der Untersuchung des menschlichen Gehirns, aber auch in Tiermodellen, und ebnen so den Weg zu besseren Therapien. Die deutschsprachige Neuropathologie erbringt Spitzenforschung im internationalen Ma&szlig;stab, insbesondere auf dem Gebiet der Hirntumoren, der neurodegenerativen Erkrankungen wie der Alzheimerkrankheit und anderer Demenzen, der Multiplen Sklerose, der Epilepsie, der Hirngef&auml;&szlig;krankheiten wie Schlaganfall oder der Muskelkrankheiten.</p></p> <p class="article-quelle">Quelle: Medienmitteilung der DGN zur Neurowoche 2018, 30. Oktober bis 3. November 2018, Berlin </p> <p class="article-footer"> <a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a> <div class="collapse" id="collapseLiteratur"> <p>&bull; Thion MS et al.: Microglia and early brain development: an intimate journey. Science 2018; 362: 185-9 &bull; Wendeln AC et al.: Innate immune memory in the brain shapes neurological disease hallmarks. Nature 2018; 556: 332-8 &bull; Datta M et al.: Histone deacetylases 1 and 2 regulate microglia function during development, homeostasis, and neurodegeneration in a context-dependent manner. Immunity 2018; 48: 514-29 &bull; F&uuml;ger P et al.: Microglia turnover with aging and in an Alzheimer's model via long-term in vivo single-cell imaging. Nature Neuroscience 2017; 20: 1371-76 &bull; Butovsky O, Weiner HL: Microglial signatures and their role in health and disease. Nature Reviews Neuroscience 2018; 19: 622-35</p> </div> </p>
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